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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtzehntes Kapitel. Bist du ein Sohn des Vaterlandes?

»Laß uns nach dem Walde gehen,« sagte der Kollaborator aufstehend.

»Ich war schon bei deinem Waldheiligtum.«

»Will's nicht mehr sehen, der Flohberger hat den Platz geschminkt und frisiert. Ich bin überhaupt ungern ins Dorf gekommen, ich mag den Menschen nicht begegnen, die reichsfeindlich gewählt haben; ich sage ihnen nicht gern guten Tag, weil ich ihnen in Wahrheit keinen guten Tag wünsche.«

»Wohin sollen wir?« lenkte Reinhard ab.

»Nach dem Kapellenwald, so daß wir schließlich zum Hohlmüller kommen.«

Reinhard hatte ein Gefühl, daß er mit einem beleidigten Freunde gehe, mit dem er sich im Walde duellieren müsse, und seltsamerweise sagte jetzt der Kollaborator:

»Ich habe dir's nicht vergessen, daß du dich einmal wegen meiner duelliertest.«

»Ich? Ich erinnere mich nicht.«

»Du mußt viel erlebt haben, daß du das vergessen. Damals, als ich wegen meiner Schrift gegen die Schwarzen abgesetzt wurde, wagtest du dein Leben gegen die Spötter.«

Die Erinnerung tauchte in Reinhard auf, wie Lorle damals voll Verzweiflung war, weil er sein Leben, das ihr gehörte, dem Tode ausgesetzt hatte.

Der Tag war heiß, und der Kollaborator sagte:

»Das Schönste ist doch solch ein gerechter heißer Sommertag. Ein Frühlingstag ist unruhiges Werden, ein Herbsttag gelassenes Sterben.«

Reinhard legte die Hand auf die Schulter des Freundes; der ist noch der alte, Feindseligkeit hat keine Stätte in seiner Seele.

Dort, wo die Freunde vor Jahrzehnten zum erstenmal des Dorfes ansichtig wurden, dort auf der von Lorle gestifteten Bank saßen sie und den Blick zu Boden geheftet, fragte Reinhard in mildem Tone:

»Ich habe noch nicht einmal gefragt, wie du dich fühlst?«

»Ich? Ich habe Jahre verloren in dem edeln Bestreben ein Menschenverächter zu werden. Ich habe die alberne Gewohnheit, das Leben anderer, zumal meiner Freunde, ständig in der Seele zu hegen – ich trug ihnen im Geiste immer und überallhin Mäntel und Ueberzieher nach, sie aber hatten sich's bequem gemacht und lachten, wenn sie mich gewahr wurden, oder sahen mich gar nicht. Da wollte ich denn Egoist, noch besser, ich wollte Menschenkind werden.«

»Dazu hast du kein Talent.«

»Das habe ich endlich auch eingesehen. Vor allem fehlt mir die dazu nötige Gabe, mich für eine eximierte Hoheit zu halten. Ich lasse mich indes nicht mehr so vom einzelnen durchschüttern, ich bin stumpf geworden gegen Tod und Abfall, man erlebt deren so viel, wenn man alt wird. Jetzt hin ich geborgen, mein Atom Kraft steht im Dienste des Universums. Ich bin auch mit meiner Portion unsterblichen Namens zufrieden.«

»Durch deine Schriften?«

»O noch durch ganz anderes. Ich habe eine neue Varietät Nessel bestimmt und sie wird Lamium Reihenmeyerianum heißen. Was will der Mensch mehr? Non omnis moriar kann ich von mir sagen. Dazu war ich im Kriege glorreiches Mitglied des Erfrischungskomitees, habe Freund und Feind manchen Labetrunk gereicht und auch manchen verschüttet, und du weißt ja, bei mir ist alles wirklich und zugleich symbolisch.«

»Ich verstehe. Du wolltest keine höhere Stellung?«

»Wollte? Niemand kann es ernster und besser meinen als ich, und niemand ist mehr lächerlich und sogar auch ungut erschienen als ich. Mir fehlt der Nerv, den die Physiologen nicht bezeichnen können, ich meine den Imponierungsnerv. Menschen, die moralisch und intellektuell weit unter mir stehen, thun sehr gnädig gegen mich. Meine Schwester, die sehr stolz auf meine Hoheit war, hat mir das immer mitgeteilt. Seit ihrem Tode erfahre ich selten mehr davon. Du weißt doch, daß sie infolge der Anstrengungen in den Kriegslazaretten gestorben ist?«

Der Kollaborator wurde inne, daß er nur von sich redete und, plötzlich überspringend, sagte er:

»Aber nun erzähle mir vor allem: wie hast du unsere große Zeit erlebt und bist du nicht auch gekommen, um dich des geeinten starken Vaterlandes zu erfreuen?«

»Muß das unser Erstes sein?« fragte Reinhard.

»Gewiß. Wer mein Vaterland nicht liebt, sich nicht an seiner Schönheit und Größe freut, an den verschwende ich keinen Atemzug.«

»Du sagtest ja, daß du dich nicht mehr um den einzelnen kümmerst.«

»Du bist kein einzelner. Ich gestehe dir offen, ich war in der Welt ohne dich, du warst tot, jetzt bist du wieder da und . . .«

Er stockte, und Reinhard fiel ein: »Und da wird es dir schwer, mit mir noch einmal anzufangen? Erinnere dich, daß du mir einmal sagtest, ich als Künstler denke nur in Farben. So erlaß mir anderes, und wir haben ganz anderes zu besprechen.«

»Nein, das muß voraus. Sprich offen.«

»So sage ich dir, die Kunst war mein Vaterland, und mir ist die Kriegsfreude ein Greuel. Du als Menschenfreund, wie kannst du dich für Menschenmord und Herrichtung zum Menschenmord begeistern?«

»Der Krieg hat die Doppelwirkung seines Elementes, des Pulvers,« entgegnete der Kollaborator, »derselbe Stoff, der die Menschen tötet, sprengt auch die Felsen zu neuen Kulturwegen. Und wenn die Straße fertig ist, denkt man nicht mehr des Dynamits und seines Lärms und Rauchs.«

»Sag' ehrlich,« entgegnete Reinhard und ein Lächeln spielte um seine Augen, »sag' ehrlich, hast du diesen dir gewiß lieblich erscheinenden Vergleich nicht schon einmal in einer Rede angewendet?«

»So, also hast du sie doch gelesen? Ja, in meiner Rede beim Pflanzen der Friedenseiche.«

»Ich glaube nicht an den Fortschritt der Menschheit,« warf Reinhard ein. »Sieh dort den Bahnzug. Was habt ihr Volksbeglücker nicht alles von der Eisenbahn erwartet? Und was ist? Sie befördert Kriegsheere und Wallfahrtszüge. In fünfzig Jahren kanonisiert der Papst einen heiligen Vaporius als Schutzpatron der Eisenbahnen.«

»Du hast recht,« rief der Kollaborator, hellauf lachend. »Ja, wenn man an schroffen Bergen gute Fußsteige herrichtet, so wählen die wilden Wasser zuerst diesen Weg als ihr Bett. Aber ich habe dich unterbrochen. Sprich weiter.«

»Ja weiter. Du weißt es ja. Ihr habt das Volk gezwungen, lesen zu lernen und was ist die Folge? Es liest eure Schriften nicht und hört und liest nur, was der Geistliche sagt und schreibt.«

»Und doch ist der Fortschritt zur Freiheit unaufhaltsam,« rief der Kollaborator in andächtigem Tone. »Ich könnte dir's beweisen von den Pfahlbauten bis jetzt. Wir halten fest, Bildung in die weitesten Kreise zu tragen, in die Breite zu bauen; aber wir sind Aristokraten genug, auch in die Höhe zu bauen, und zu wissen, daß Ruhm und Ehre und höheres Leben einer Nation doch nur in ihren Genies der Kunst und Wissenschaft sich aufthut. Breite Bildung macht ein Volk stark, hohe Bildung macht es erst groß. Aber wir verlieren uns zu weit ab. Sag' nur gradaus: warum bist du wieder hierher zurückgekehrt?«

Reinhard atmete tief auf. Der erste Waffengang war ohne Entscheidung abgebrochen worden; wie wird es nun werden? Werden die ehemaligen Freunde sich feindlich trennen und der eine da, der andre dort seines Weges ziehen?

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