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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Siebzehntes Kapitel. Verfahren.

Der erste, der Reinhard zum Hauskauf Glück wünschte, war der Sänger, der etwas phantastisch bäuerlich gekleidet war; in den Kniehosen und Wadenstrümpfen kam sein schönes Bein zur vollen Geltung. Er bot Reinhard einen großen eichenen Schrank mit guten Schnitzereien an, den er bei der Versteigerung nach dem Tode Lorles gekauft hatte; er hatte seinen Vater darauf unterrichtet, ihm gelegentlich allerlei alte Sachen zu erwerben.

Reinhard betrachtete den Mann staunend, denn er hatte noch niemand gesagt, daß er das alte Haus vollkommen im landschaftlichen Stil herstellen und den Hausrat demgemäß halten wolle.

Noch während der Sänger da war, kam ein Telegramm vom Kollaborator an den Lindenwirt, worin er anfragte, ob Herr Professor Ritter von Reinhard noch da sei; wenn nicht verneinende Antwort käme, werde er am andern Mittag eintreffen.

Reinhard begleitete den Sänger in seine Behausung, und unterwegs erklärte der Sänger mit Behagen, daß er es als ein Glück für seine Kinder betrachte, ihnen eine feste Heimat und ländliche Erinnerungen aus der Jugendzeit zu geben.

Zur gesetzten Zeit ging Reinhard im Geleite des Schwagers nach dem Bahnhof, aber wenn etwas mißlich werden soll, so legt auch der Zufall einen Grund dazu. Der Zug hatte sich verspätet, noch war kein Signal da.

»Das muß beim Herr Reihenmeyer so sein,« lachte der Schwager, »wo der auf dem Zug ist, da verfahrt sich die Eisenbahn.«

Nachdem man lange gewartet hatte, kam der Zug und Reinhard hätte in dem hagern Manne mit dem grauen Vollbart, den hinter das Ohr gestrichenen schlichten langen Haaren und der blauen Brille den Kollaborator kaum erkannt. Dieser aber reichte die Hand, wendete sich indes schnell in den Waggon zurück und sagte noch etwas zu einem Reisegefährten; dann fragte er den Stationsmeister, wann heut' abend der letzte Zug landauf gehe.

Zu Reinhard gewendet, sagte er:

»Ich glaubte, du wärest schon wieder fort.«

Reinhard antwortete nicht, der Kollaborator aber setzte hinzu: »Ich bleibe nur bis heut' abend.«

»Ich rede nie jemand zu,« entgegnete Reinhard; es schnürte ihm die Kehle zu. War das ein Wiedersehen nach dreißig Jahren?

Die Freunde betrachteten einander.

»Du siehst stattlich aus,« sagte der Kollaborator, »du hast Aehnlichkeit mit dem Holbeinschen Porträt des Moret, nur ist dein Bart weißer. Nicht wahr, ich habe mich sehr verändert?«

Reinhard nickte stumm.

Unter der Thür stand Stephan und suchte den Fabian fortzuschaffen.

»So seid ihr habsüchtigen Bauern,« schalt der Kollaborator, »warum hast du das arme Geschöpf noch nicht in eine Anstalt gegeben? Heimlich mit dem armen Geschöpf zu einem Pfarrer zu reisen, der Teufel austreiben kann, das war dir nicht zu viel. Und nicht wahr, um das Wohl dieses Unglücklichen hat sich dein Pfarrer hier nicht zu kümmern? Er hat nur dafür zu sorgen, daß keine liberale Zeitung in deiner Wirtsstube aufliegt.«

»Zum Winter geb' ich den Fabian fort,« entgegnete Stephan verlegen und ging, Fabian an der Hand zerrend, nach dem Hinterhause.

Vroni stand unter der Küchenthüre und begrüßte den »Herrn Direktor« herzlich. Der Kollaborator freute sich der Nachricht, daß ihr Vater noch lebe. »Er ist noch wie ein alter Kernstamm im Walde,« sagte er, »sonst ist die Mehrheit des Dorfes so schwarz, nicht wert, daß ihnen die Sonne scheint,« setzte er laut hinzu.

»Bleibst du noch lange hier?« fragte er Reinhard, als sie in die Stube eingetreten waren.

»Hoffentlich nicht mehr lange, aber doch solang ich lebe,« entgegnete Reinhard in schmerzlichem Tone.

Der Kollaborator that die blaue Brille ab und betrachtete den Sprechenden, er wollte offenbar ausführlicher antworten, aber da jetzt das Essen aufgetragen wurde, sagte er: »Nach Tisch reden wir weiter davon. Du erlaubst mir doch noch, meine Meinung gradaus zu sagen?«

»Gewiß. Ich bin dankbar für jedes getreue Wort.«

Ein verwunderter Blick des Kollaborators streifte Reinhard.

Während des Essens wurde wenig gesprochen, die beiden Freunde schienen den rechten Ton nicht finden zu können. Um die peinliche Stille zu unterbrechen, fragte Reinhard nach Jugendgenossen. Der Kollaborator erklärte, daß er ganz einsam lebe; wer nicht gestorben sei, habe höheren Rang erreicht, und zwei Genossen aus der Bierstube, »zur Schachtel« genannt, seien sogar Excellenzen geworden.

»Der Döbele, der Kultusminister geworden,« fügte er hinzu, »hat mir sogar mein Folio im schwarzen Buche gezeigt, zu welchem damals der hiesige Pfarrer den ersten Posten lieferte. Und unser Freund Merkwürdig ist Oberstudienrat. Du weißt doch, wen ich meine? Du erinnerst dich doch des Fritz Fischer, der zu allem, was man ihm vorbrachte, Merkwürdig! ausrief, und das hat ihn beliebt gemacht und wohlgefällig bei Frackmännern und Schleppenweibern. Ich habe unterwegs ein Motiv zu einem Bilde für dich gefunden,« sagte der Kollaborator, wieder abschweifend, »ich sah einen Alten, der die Sense dengelte, und da dachte ich: das solltest du malen, wie über dem Dengelnden der Tod mit geschwungener Sense schwebt, oder auch, du könntest den Tod selber als Sensendengler malen.«

»Ich male nichts mehr, und wenn ich auch noch malte, du solltest wissen, wir Künstler können uns in keiner Weise ein Motiv geben lassen, in keiner Weise; wir müssen unsre Motive selbst finden, wenn ein Gemäßes draus werden soll.«

Der Kollaborator war von dem maßhaltenden und doch entschiedenen Tone des Freundes überrascht.

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