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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Vierzehntes Kapitel. Der neue Bürger.

Tag um Tag, Woche um Woche verging, der einzige Mensch, nach dem Reinhard ein Verlangen trug, ließ nichts von sich hören. Reinhard wollte sich auch gegen den Kollaborator eine Gleichgültigkeit einreden, ja er fragte sich, ob dies Freundschaftsverhältnis nicht auch eine Illusion war; aber gerade in dem Bestreben, zu dieser Stimmung zu gelangen, wurde ihm der Kollaborator immer wichtiger, und er kam zu dem Gefühl, daß er nicht leben könne ohne Ausgleich mit dem Freunde, der von allen noch Lebenden das meiste Recht hatte, ihm Vorwürfe zu machen und ihm zu zürnen über seine Vergangenheit. Vergebens kämpfte Reinhard gegen diese Abhängigkeit und er war ärgerlich auf sich, da er erkannte, daß sein Selbstgefühl nicht ausreichte.

Unruhig wanderte er hin und her und am Sonntag beneidete er die Bauern, die mit den Händen auf dem Rücken da und dort draußen im Felde standen und das wogende reife Getreide betrachteten, das nun andern Tages unter der Sichel fallen sollte.

Wo ist deine Ernte? Er schien ganz zu vergessen, daß er einstmals und oft auch mit ähnlicher Empfindung vor vollendeten Arbeiten gestanden.

Man kann, solange die Seele arbeitet, sich nicht an längst Vollbrachtem genügen, und doch hielt Reinhard an seinem Vorsatze fest, seinem Kunstberufe auf immer zu entsagen. Nur das Haus, das er erworben, sollte ein volles Musterwerk der heimischen ländlichen Baukunst sein. Er hatte Zeichnungen zu dessen Ausbau entworfen, er kaufte alte gebräunte Stämme aus einem verfallenen Holzbau und Wendelin war ihm mit Geschick und Verständnis immer zur Hand.

Beim Abnehmen einiger alten Bretter an der Stirnseite des Hauses gewahrte man, daß hier ehedem ein Gemälde gewesen, wohl ein Heiligenbild, aber es war nichts mehr zu erkennen als einige Farbenkleckse.

Reinhard trug sich mit dem Plane, noch ein einzigmal seine Kunst aufzunehmen und sein eigen Haus mit einem Bilde zu schmücken. Verschiedene Entwürfe schwebten vor seiner Phantasie, und einer haftete am längsten; er wollte Lorle malen, in ganzer Gestalt in ihrer Landestracht, und sie streckte zum Willkomm beide Hände grüßend aus zu den Daherkommenden.

Was wird der Freund dazu sagen? schwirrte ihm durch den Gedanken und er ließ den Plan einstweilen dahingestellt.

Der Schwager und der Sänger, ja auch der alte Hohlmüller, den Reinhard oft besuchte – so schmerzlich es ihm auch war, von dem lebenden Lorle reden zu müssen – sie alle fanden, daß Reinhard immer trauriger und trauriger dreinsah, und sie glaubten, er habe sich doch zu viel zugemutet, wieder im Dorfe und an den Stätten seiner Jugendfreuden zu leben.

Nur Malva sah ihn nicht traurig, denn sein Gesicht erheiterte sich, wenn er ihr begegnete. Sie war ihm voll Dankes, da er dem Vater so guten Verdienst gab und ihn mit dem Baumwirt wieder versöhnt hatte. Sie durfte jetzt auch Vroni wieder besuchen, aber sie hatte nicht Zeit dazu, denn neben der Arbeit im eigenen Hause hatte sie sich eine freiwillige gemacht. Die Zimmer, worin Lorle gewohnt hatte, sollten möglichst im alten Stande verbleiben; und als Reinhard eines Tages in das Haus kam, traf er Malva auf der Treppe knieend, sie hatte das ganze Haus frisch aufgescheuert..

»Das könnte ein andres thun,« sagte Reinhard.

»Nein, das ist für mich,« entgegnete Malva mit wundersamem Blick vom Boden aufschauend. »Ich hab' mit meiner Kameradin, mit des Martins Annelise, in einer Nacht die ganze Kirche aufgewaschen, den Boden und alle Stühle, und mir ist das Haus da auch heilig, ich wasch' es so gern aus wie die Kirche. Und sobald ich kann, richte ich den Garten her, er ist arg verwildert.«

Während sie noch so sprachen, kam ein Kind und rief: »Malva, sollst schnell heimkommen. Dein' Mutter liegt im Sterben.«

Sie eilte davon. Reinhard blieb im Hause und sah hinaus nach dem Nußbaum, in dem ein Häherpaar hin und her huschte.

Horch! Jetzt läutet die Totenglocke! Solch ein Schreck und noch viel mehr ging durchs Dorf, als Lorle im Sterben lag. . . .

Es war Nacht, als Reinhard das Haus verließ, er ging nach dem Hause Wendelins. Malva saß mit dem Vater vor demselben auf der Bank. Er setzte sich still zu ihnen und Malva sagte:

»Ja, wenn eines tot ist, da bereut man's, daß man doch nicht mehr Geduld mit ihm gehabt hat. Du lieber Gott! wer gesund ist, der sollte die Krittlichkeiten eines Kranken still aushalten. So daliegen und auf ein gut Wort, eine gute Handreichung warten und dann Verdrossenheit sehen. Sie hat so schweres Blut gehabt. Wenn die Sonne geschienen oder wenn's geregnet hat, wenn man gelacht hat oder wenn man traurig gewesen ist, aus allem hat sie Unglück prophezeit, sie hat eben schwarzes Blut gehabt. Ich habe an ihr gelernt, daß ich nicht allein eigenwillig bin, andre sind's auch, und haben ebensoviel Recht dazu, und da muß man sich eben miteinander abfinden. Mich tröstet nur, daß sie mir in der letzten Stunde die Hand gegeben, und mir gedankt hat.«

»Dir wird's gut gehen, du hast Gutes an ihr gethan,« tröstete der Vater.

Reinhard war still, er sah auf den Herzensgrund eines redlichen Gemütes, das sich in der Hingebung nicht genugthun konnte.

Reinhard ging mit zum Begräbnis von Wendelins Frau. Er wollte sich damit auch als Angehöriger des Dorfes erweisen, und hatte nicht das ganze Dorf Lorle das Geleit gegeben?

Als das Grabgefolge den Kirchhof verlassen hatte, stand Reinhard am Grabe Lorles.

Wohlthätig und befreiend ist die Macht der Phantasie, sie bringt die Ferne nahe, macht Vergangenheit zur Gegenwart; jetzt aber überwältigte sie Reinhard und ließ ihn in Tod und Verwesung der Geliebten schauen.

Er sank neben dem Hügel auf die Stelle nieder, die ihm zur Ruhe bestimmt war: »Lorle, lieb Lorle, nimm mich zu dir, erlöse mich . . .« rief es in ihm. Da richtete er plötzlich den Kopf in die Höhe, er hörte Stimmen draußen vor dem Kirchhof.

»Wir wollen nichts von ihm!«

»Er soll fort.«

»Den Totschlag verdient er.«

»Aber wir thun ihm nichts,« so rief es durcheinander. Eine beschwichtigende Stimme redete drein, es war die Stimme Stephans.

Reinhard erbebte. Werden sie nun kommen und ihn wegreißen vom Grabe? Wird es hier an dieser Stätte zu wüstem Lärm kommen?

Er erhob sich rasch, sein Mut erwachte, er will den Leuten zeigen, was er doch noch ist.

Noch einmal wendete er den Blick zurück, wo ihr Grab und einst das seine, dann schritt er hoch aufgerichtet durch das Thor des Kirchhofes. Da standen in der That die Männer aus dem Dorfe, unter ihnen Stephan, und der Schultheiß kam auf Reinhard zu und hieß ihn im Namen des Gemeinderats willkommen als neuen Bürger mit dem Hinzufügen, daß man stolz auf ihn sei.

Die Leute ahnten nicht, warum Reinhard so totenbleich aussah und kein Wort des Dankes hervorbringen konnte, sondern still dem Schultheiß die Hand reichend davon ging.

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