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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Dreizehntes Kapitel. Einsam und gemeinsam.

Im Dorfe, wo dich jeder kennt, kannst du nicht still in Gedanken dahin wandeln.

Auf den Bänken vor den Häusern, auf dem Bauholz beim neuen Spritzenhaus saßen die Männer, sie zeigten sich in sonntäglich frischgewaschenen Hemdärmeln und rauchten und plauderten. Reinhard vermutete nicht mit Unrecht, daß er Gegenstand ihres Gespräches war. Man hatte in der Woche, zumal in der Heuet, nicht Zeit, über ihn zu denken, oder gar sich gemeinsam auszusprechen; jetzt am Sonntag war's um so willkommener, über seine Rückkehr zu reden, und da und dort, wo er grüßend vorüberging, verstummte plötzlich das laute Gespräch. Manche standen auf und zogen die Mützen ab, andre blieben sitzen, und im Weitergehen vernahm Reinhard hinter sich drein helles Lachen. Was hatten sie über ihn zu lachen? Wer weiß!

Das erste Zeichen zum Kirchgang läutete, Reinhard ging dem Menschenstrom entgegen. Da waren junge Männer, die eine Kriegsdenkmünze trugen, sie hatten eine selbstbewußte Haltung, und Reinhard empfand wiederholt, wie anders jedes Dorf geworden; ein Regenstrom von Ehre war über alle deutschen Lande ausgegossen, und was im entlegensten Thale lebt, ist erquickt im Selbstgefühl. Das muß auch weiter wirken, denn wer dessen teilhaftig geworden, muß sich über Roheit und Niedrigkeit erhoben halten.

Reinhard grüßte die jungen Männer zuvorkommend, er wollte ihnen kundgeben, daß er ihre Teilnahme an dem Großen erkenne; sie antworteten lässig.

Um so redseliger waren die Frauen, die des Weges kamen, sie umringten ihn, und jede wollte erkannt sein.

»Ich bin des Schmalzjockels Kathrein.«

»Mein Mann ist der Küfer Märte.«

»Ich bin die Bach-Marie.«

»Ich die Schackerlies'!«

»Ich bin die Theres', die beim Wadeleswirt gedient hat.«

»Und ich bin des Rechenmachers Gundel, sie heißen mich das Tänzerle.«

So geht es hin und her. Alte, verschrumpfte, zahnlose Frauen geben sich als Altersgenossinnen Lorles und als ihre Schulkameradinnen zu erkennen und jede hat was besonders Gutes zu erzählen aus ihrer Kindheit, wie aus ihrem spätern Leben, und alle jammern, daß sie vor seiner Heimkehr habe sterben müssen.

Das Tänzerle mit seinen Eidechsenäuglein fand zuerst wieder eine freundliche Wendung, indem es auf dem Kirchgang die gottlose Rede vorbrachte, Reinhard solle sich jetzt nicht das Herz abkränken; man lebe nur einmal.

Reinhard sprach leutselig mit jeder, denn in ihm regte sich der Gedanke: Was ist der Unterschied zwischen diesen Frauen und hochfrisierten Salondamen? Vielleicht nur das, daß diese hier eingestehen, daß sie alt sind und alt aussehen.

»Der Herr Reinhard geht gewiß nicht in die Kirche, weil das Bild nicht mehr da ist,« hieß es zuletzt, und er ließ es dabei. Er machte sich los und ging nach dem Bergwalde.

Im Weitergehen sagten die Frauen zu einander: »Ich mein', er ist noch größer geworden. . . . Und er geht so schön kerzengrad. . . . Und wie fein kommt er daher. . . . Das sind einmal schöne Kleider. . . . Und seine Schönheit macht die Kleider schöner, als sie sind. . . . Der kann wieder heiraten. . . . Du bist ja Witfrau, probier's. . . . Schämt euch!«

Die verschiedenen Glocken läuteten zusammen, nicht minder aber das Gerede der Frauen bis an die Kirchenthür.

Wie ist das Dorf so anders geworden! mußte Reinhard bei jedem Schritte denken. Er kam am Hause des Sängers vorüber, die frischgeharkten Wege im Garten glänzten von zermürbtem Schwerspat; die Thüre war bekränzt. Ein gut gehaltener Weg führte nach dem Waldheiligtum, das der Kollaborator damals zuerst entdeckt zu haben glaubte. Ein Steg aus hellen Birkenstämmchen war über den Bach gebaut und die Tafel daran sagte, daß Ulrich Berger ihn hergerichtet habe.

Die kleine Tanne, die damals auf dem Felsen gestanden hatte, war zum hohen Baume erwachsen, aber wie vorzeiten rauschten die Wellen über die Felsentrümmer und sammelten sich in dem Becken.

Reinhard streckte sich am Bergabhange auf dem Moose aus; seit Jahrzehnten zum erstenmal empfand er wieder, was es heißt, im deutschen Tannenwald ruhen. Nur noch wenig Vögel sangen, der Fink war bereits verstummt, aber Schwarzamsel und Goldammer pfiffen noch lustig und der Specht hämmerte an den Stämmen.

Das Wasser da drunten rauscht, ob wir leben oder sterben, es ist dieselbe Flut und immer neu die Welle, und das wird fließen und quellen, wenn du drunten im Grabe ruhst! Sterben! Eine grausame, unsichtbare Macht hat den Menschen allein gelehrt, daß er sterben muß. Sieh, dort schwebt ein frühverwelktes Buchenblatt im leisen Winde, es weiß nicht, wohin es fällt. Das ist das Menschenleben, das ist dein Leben. . . .

Reinhard sprang auf. »Der Ort ist verhext mit den Gedanken des Kollaborators!«

Lange wanderte er umher, Mittag war vorüber, als er ins Dorf zurückkehrte. Im Wirtshause waren viele sonntägliche Stadtgäste; Reinhard beschloß, baldmöglichst das Wirtshaus zu verlassen.

»Komm mit auf den Bahnhof,« sagte der in sein Zimmer eintretende Schwager. »Bleib nicht so allein. Komm mit. Der Sänger Ulrich kommt mit dem nächsten Zug. Das ganze Dorf ist drunten.«

Sie kamen gerade, als der Zug anhielt. Im Vaterstolze stand der Bärbel-Martin stramm und grüßte soldatisch. Ein schöner, junger Mann, hochgewachsen und bartlosen Antlitzes stieg aus, ihm nach eine Frau und zwei Kinder.

»Grüß Gott, Ulrich!« rief alles, und drängte sich herzu, und jeder war glücklich, der ihm und den Seinen etwas vom Gepäcke tragen konnte.

»Da bin ich wieder!« sagte Ulrich, seinem Vater die Hand reichend, und so hin und her den Altersgenossen allen, jeden beim Namen nennend. Eine hochschwangere Frau umarmte den Sänger, und dieser sagte lachend und seine schönen Zähne zeigend:

»Schwester! Wenn's ein Sohn ist, dann stehe ich mit meiner Frau zu Gevatter.«

Die stattliche Frau errötete bis in die Stirnhaare hinein.

Der Vater mußte Ulrich etwas gesagt haben, denn dieser ging nun geradeswegs auf Reinhard zu, zog den Hut ab, ihn ehrerbietig in der Hand haltend, und stellte sich als Enkel der Bärbel vor:

»Wissen die hohen Herrschaften bereits, daß Sie hier sind? Der Hof ist bereits nach der Sommerresidenz übergesiedelt. Die Fürstlichkeiten werden sich freuen, den hochberühmten Herrn Professor zu empfangen.«

Reinhard bat den Sänger, den Hut aufzusetzen und ließ sich der Frau vorstellen, die sich sehr zeremoniell verbeugte.

»Singen Sie noch?« fragte Ulrich.

»Nicht mehr.«

»Man hat mir viel erzählt, wie Sie vorzeiten neue Lieder brachten und zur Zither sangen. Das Lied von der Sennerin hab' ich auch gelernt.«

Plötzlich erschrak Reinhard. Fabian, der Blödsinnige, stand vor ihm und drängte sich zu Ulrich. Dieser reichte dem Armen die Hand; und zum Zeichen, daß er wisse, wer Ulrich sei, suchte der Blödsinnige zu singen, aber es klang, wie wenn ein heiserer Hahn kräht.

Der Schwager bemerkte die Betroffenheit Reinhards und schickte Fabian mit einem Knechte heim. Der Blödsinnige wollte nicht gehen, er stemmte sich, offenbar mit nicht geringer Kraft, er mußte gewaltsam geschoben werden, er schaute grimmig gegen Reinhard zurück; man hatte ihm offenbar eingeschärft, daß er sich von Reinhard fern halten müsse. Madlon die Lothringerin, die vielleicht gehofft hatte, auf dem Bahnhof besonders beachtet zu werden und mit Modehut und Sonnenschirm erschienen war, ging verdrossen hinter dem Blödsinnigen drein.

Abseits, Arm in Arm mit einer ganzen Reihe Mädchen, stand Malva. Ulrich rief sie an und sagte:

»Malva, singst du noch fleißig und lernst die Noten?«

Bevor sie antworten konnte, sagte er, zu Reinhard gewendet: »Sie hat eine mächtige Altstimme, sie könnte Künstlerin werden, wenn sie wollte.«

Die Freundinnen stießen lachend Malva los und rannten davon, und Malva wußte auch nichts andres zu thun, als ihnen nachzueilen.

Der Sänger wendete sich wieder zu Reinhard und sagte:

»Ich verdanke mein Lebensglück Ihrer . . .,« der redefeste junge Mann stockte und setzte endlich hinzu: »Alles verdanke ich Ihrer Familie.«

»Es freut mich, daß meine Frau Schönes bewirken und Dank ernten konnte.«

»Ich habe ihr oft vorgesungen. Sie liebte die italienischen Lieder; sie sagte, solche hört jetzt auch der Herr Reinhard.«

Im Aerger, daß er eigentlich Unpassendes vorbrachte, rettete er sich mit dem Ausspruch des neuen Gedankens, daß Kunst und Natur zwei große Dinge im Leben seien.

»Erzeigen Sie uns die Ehre Ihres Besuches,« bat er schließlich, »es ist schön, daß Sie nun wieder im Dorf bleiben wollen.«

Reinhard sah gedankenvoll dem Sänger nach, der mit seiner Familie, von ehemaligen Kameraden geleitet, den Berg hinan zu seiner schönen Behausung ging.

»Du solltest doch auch den Pfarrer besuchen,« sagte der Schwager, »es schickt sich. Wenn du ihn nicht treffen willst, geh jetzt, nach der Mittagskirch' geht er allemal nach Weiler.«

Reinhard entgegnete, daß er es müde sei, so umher zu wandeln und sich von jeglichem wegen Lorle verzeihen oder auch nicht verzeihen zu lassen. Dennoch ging er bald nach dem Pfarrhause. Hatte der Schwager sich geirrt oder ihn getäuscht? Der Pfarrer saß im Gartenhaus und las im Brevier. Den Finger zwischen dem Buch haltend, fragte er Reinhard nach den Zuständen in Rom, war aber nicht erbaut davon, daß Reinhard von kirchlichen Dingen gar nichts wußte; er hoffte mehr zu erfahren, wenn in den nächsten Tagen Kaspar, der Wallfahrer, zurückkam.

Reinhard fragte den Pfarrer, wie das Madonnenbild vordem wieder ins Dorf gekommen sei. Der Pfarrer erwiderte, daß sich das unter seinem Vorgänger ereignet hatte: Der Engländer, der in Erfahrung brachte, daß das Bild in die Kirche bestimmt gewesen, habe in Gewissenhaftigkeit seines wiedergewonnenen Glaubens das Bild geschickt mit dem Auftrage, es dem Künstler zur Verfügung für die Kirche zu übergeben. Die Schwester der Gräfin Felseneck, eine wahrhaft gläubige Dame, die jetzt auf der Wallfahrt nach Jerusalem sei, habe im Auftrage des Fürsten das jetzt in der Kirche befindliche Bild gestiftet, und die Madonna, zu welcher »die verstorbene Frau Gemahlin« Modell gesessen, sei nunmehr in der Gemäldegalerie der Hauptstadt.

Auf dem Heimwege traf Reinhard den Wendelin, er wollte ihn mit ins Wirtshaus nehmen, aber Wendelin lehnte ab.

»Nicht wahr, Ihr seid Zimmermann?« fragte Reinhard.

»Freilich. Ich hab' dem Ulrich sein Haus gerichtet. Gelt, das darf sich sehen lassen? Wollet Ihr auch bauen?«

»Nein.«

Er erklärte, daß er die alte Linde kaufen wolle, und Wendelin solle den Bau untersuchen und abschätzen. Sofort wurden die Schlüssel geholt und alles vom Keller bis zum Speicher untersucht. Am Abend noch schloß Reinhard den Kauf ab, und Wendelin mußte mit beim üblichen Trunke, dem sogenannten Weinkauf, sitzen und sich mit dem Schwager aussöhnen. Er konnte es freilich nicht lassen, seinen alten Obstgarten zu betrachten und von Stephan eine Nachzahlung zu wünschen, aber er ließ sich doch beruhigen.

»Du machst alles wieder friedlich und gemeinsam,« sagte Vroni zu Reinhard.

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