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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Neunter Band
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Elftes Kapitel. Die bitterste Leidensstation.

»Nicht wahr, unser Dorf hat sich arg verändert?« nahm der Hohlmüller wieder auf. »Ja, die Eisenbahn! Sie geht da unter unserm Wald durch. Und die Geistlichen! So stark sind sie noch nie gewesen. Ihr müßt Euch ja auch noch an des Jockels Kaspar erinnern, der ist mit einer großen Wallfahrt, die der Pfarrer von Renzlingen anführt, nach Rom und Jerusalem, sie müssen bald wiederkommen.«

Reinhard erzählte, daß er die Wallfahrer in Rom getroffen und die Stimme des Jockelskaspar erkannt habe. Er war nahe daran, zu berichten, daß er da den Tod Lorles erfahren, aber er hielt noch zeitig zurück.

»Es sind auch vornehme Frauen bei der Wallfahrt, eine Schwester von der Gräfin Felseneck, die das Lorle einmal besucht hat. Lasset Euch das von ihr erzählen. Mein Schwiegersohn – er ist Euer Schwager und ich darf frei zu Euch reden – der hält's auch halb und halb mit den Geistlichen und hat auch zu der Wallfahrt beigesteuert, er ist eben ein Wirt und arg vorteilhaft (auf seinen Vorteil bedacht). Seit ich gehört hab', daß Ihr kommen seid, muß ich immer an das Lied denken:

Willewillewitt mein Mann ist kommen,
Willewillewitt hat abgestellt,
Willewillewitt ein Sack voll Geld.

»Herr Reinhard! Habt Ihr die Geschichte vom langen Lukas gehört?«

»Nein.«

»Sie ist fast so wie Eure. Also, der lange Lukas, der Zimmermann und seine Frau, sie ist eine Schwestertochter vom Wendelin, haben auch nicht gut miteinander gehaust und zuletzt ist er gar noch eifersüchtig worden auf den Schlosser Wenzel. Und da ist der lang Lukas fort nach Amerika und hat die Frau allein zurück gelassen. Kinder haben sie auch nicht gehabt, und sieben Jahr ist der lang Lukas fort geblieben und hat nichts von sich hören lassen. Eines Morgens im Hochsommer, kurz vor Tag, klopft jemand an bei der Frau, sie wacht auf und fragt: Wer ist da? und da kriegt sie zur Antwort: Der Wenzel! Mach auf, lieber Schatz. Was, Schatz? sagt die Frau, ich bin eine rechtschaffene, verheiratete Frau. Geh zum Teufel oder besser zu seiner Großmutter, die paßt für dich.«

Reinhard mußte wider Willen lachen und der Hohlmüller fuhr fort: »Ja, die lang Lukassin hat ein scharf Mundstück und das war eigentlich die Hauptursach von dem Unfrieden. Sie hat mir den ganzen Hergang nachmals erzählt, und er auch. Also wie die Frau das gesagt hat, hört sie nichts davon, daß der Mann fortgeht, im Gegenteil, sie hört ein unterdrücktes Lachen. So ist's, denkt sie, halt! das ist nicht der Wenzel; das ist er. Sie bleibt lang still, natürlich, es hat ihr doch den Hals zusammengezogen und endlich sagt sie: Warum scherst dich nicht fort, du Nichtsnutz? Geh fort oder ich schrei zum Fenster hinaus Feuerjo!

Thu's nicht, sagt der draußen, sei nicht dumm, dein Mann hat auch eine andre.

Jetzt hat die Frau seine Stimme ganz deutlich erkannt und sie lobt ihren Mann – sie hat ihn immer gelobt, das muß ich sagen, – sie rühmt ihn und gibt ihm in vielem recht, und da hat er sich zu erkennen gegeben. Das ganze Dorf hat sich verwundert, wie die beiden am Tag miteinander gehen in neuer Liebe und Herzlichkeit, und sie sind miteinander in Friede und Einigkeit in das Amerika. Nicht wahr, das ist gerade wie Eure Geschichte? Aber Eure ist noch besser und schöner. Ihr bleibet da beisammen und wir haben noch Freude an euch beisammen.«

Reinhard konnte nichts antworten. Der Alte fuhr fort, ihm zu erklären, wie man in der Ferne und Getrenntheit einsehe, was man eigentlich aneinander habe und wie viel Liebe im Herzen.

Reinhard hatte Thränen in den Augen und der Alte sagte:

»Verzeihet mir, daß ich Euch das Herz betrübe. Wozu auch? Es ist ja jetzt alles gut und gottlob nicht zu spät. Darf ich Euch was raten?«

»Gewiß.«

»Schenket und verleihet in den ersten drei Monaten keinen Kreuzer. Was Ihr nachher thun wollt, da hab' ich Euch nichts zu raten.«

Reinhard erzählte, daß er das alte Haus von seinem Schwager kaufen wolle.

»Es gehört ja dein, es gehört ja dem Lorle, sie hat ja den Anteil am Wald dafür hergegeben,« entgegnete der Hohlmüller.

Reinhard schwieg, er konnte ja nicht sagen, daß das Lorle tot ist.

Der Alte fuhr fort: »Die Malva müsset Ihr behalten, bis sie heiratet; ich weiß nicht, ob der Waldhüter für sie paßt, aber die Malva ist gar brav und gewitzigt, unter dem roten Haar steckt ein grundgescheiter Kopf, und ein Mäulchen hat sie, scharf wie ein Schermesser; aber gut ist sie auch, herzensgut. Wie hat sie deine Frau gepflegt, wie sie krank gewesen ist. Der Doktor hat gesagt, ohne die treue Pflege wäre sie gestorben. Der Malva müsset Ihr eine gute Aussteuer geben, sie hat's treulich verdient.«

Reinhard versprach's, und der Alte verstieg sich bald wieder in die große Politik, über welche Reinhard keine Auskunft geben konnte. Er empfand zum erstenmal, daß er die große Wandlung im Vaterlande nicht mit erlebt, und diese Empfindung erneuerte sich ihm, als der Hohlmüller ihn in seine Stube führte und ihm die Wandbilder zeigte, die Helden unsrer Tage.

Vroni kam und begrüßte den Vater; sie freute sich seines Wohlbefindens und erzählte, daß morgen am Sonntag des Bärbelmartins Sohn, der Sänger, käme, der auch immer manche gute Stunde beim Hohlmüller zubrachte. Sie ging mit Reinhard bald davon, und der Hohlmüller rief ihr noch nach: »Ja du, du laufst immer so schnell davon. Herr Reinhard! Schicket mir das Lorle bald, die ist eine Ruhebringerin und ist geduldiger mit mir als meine eigene Tochter.«

Reinhard ging mit Vroni heimwärts, sie sprachen lange nichts. Endlich sagte Reinhard: »Also sie war viel hier im Hause?«

»Natürlich! Die ersten sieben Wochen war sie ganz da und ist nicht ins Dorf gegangen, und von da stammt die so nahe Freundschaft mit meinem Vater.«

»Was meinst du mit den ersten sieben Wochen?«

»Soll ich alles erzählen? Es wird aber den Herrn Reinhard angreifen.«

»Erzähle mir nur alles, ich will ihr nachwandern die Leidensstationen.«

»Leidensstationen! Dasselbe Wort hat sie gesagt. Bittere Leidensstation! Also es war so. Wie sie damals fort ist von der Hauptstadt, heim, ist sie nicht heim, sie hat da drunten im Thale gewartet bis Nacht ist, und ist hierher auf die Hohlmühle zu meinem Vater. Erst am zweiten Abend hat sie es uns sagen lassen, daß sie da sei. Wie ich zu ihr in die Stub' gekommen bin und wie sie mir um den Hals gefallen ist, das kann ich nicht erzählen. O, wie werde ich gestraft, hat sie gesagt, ich bin so stolz gewesen, so stolz auf ihn und jetzt muß ich mir vom Aermsten Mitleid schenken lassen. Es kann doch nicht sein; er kann mich nicht allein lassen, er hat mich doch so lieb gehabt . . . . Sie ist sieben Wochen lang nicht über die Schwelle gekommen, und mein Vater hat sie so lieb bekommen, daß er mehr an ihr gehangen hat, als an einem von uns Kindern. Drum haben wir ihm auch ihren Tod verhehlt, und jetzt ist's doch bös, der Schlag kann ihn treffen, wenn er' s unversehens erfährt. Sie hat ihm in den letzten Jahren täglich die Zeitung vorgelesen, die freisinnige, und über alles, was in der Welt vorgeht, mit ihm gesprochen, und wie sie damals endlich mit mir heim ist, war's in später Nacht, ich hab' sie an der Hand geführt, und sie hat gesagt: ich mein', ich hab' Ketten an den Füßen, wie die Sträflinge. Da, wo jetzt die neue Sägmühle ist, da ist sie zusammengesunken. Es hat mich arg angegriffen, besonders in dem Stand, in dem ich damals gewesen bin, aber davon ist das Unglück doch nicht. Es hat mich drei Tage vorher ein andres ärger mitgenommen. Da hab' ich's gespürt. Aber was rede ich jetzt von mir? Da an dem Erlenbaum hat das Lorle gelegen und hat an allen Gliedern gezuckt, und wie ich sie aufrichte, sagt sie: Ich breche unter meinem Kreuz zusammen, aber ich will's jetzt schon geduldig tragen. Und sie hat Wort gehalten.«

Vroni hielt inne, und die beiden gingen geraume Zeit wortlos dahin.

»Hat sie nie geglaubt,« fragte Reinhard, »daß ich wiederkomme und sie hole?«

»Ich weiß nicht, gesagt hat sie's nie deutlich, aber wer weiß, was ein Frauenherz denkt. Sie hat nicht gern von sich gesprochen. Nur einmal hat sie gesagt: Ich bin zu grob für die Stadt und zu sein fürs Dorf. Sie ist ein Engel gewesen, mein Friedensengel; ja, ich hab' mit meinem Mann auch mein Teil auszustehen gehabt. Ich hab's nicht gewußt und vielleicht der Herr Reinhard auch nicht, wie gescheit sie gewesen ist, grundgescheit, sie hat so ruhige Gedanken gehabt. Hundertmal hat sie gesagt, man muß den Menschen nicht den Gefallen thun, unglücklich zu sein; sie sind schnell bei der Hand mit dem Mitleid, aber in der andern Faust haben sie Schadenfreude. Es ist fast so, wie wenn man den Leuten klagt: ich bin bestohlen worden. Ei, ei! sagen dann die Leute: was denn alles? Das ist zu hart! Daneben aber denken sie: du Tralle, geschieht dir recht, warum hast's nicht besser verwahrt, da bin ich vorsichtiger. Sie greifen in die Tasche und freuen sich, ihre Schlüssel bei sich zu haben. Lern von mir, hat sie einmal gesagt, der Reinhard und ich wir haben gemeint, mit dem Liebhaben allein bringt man alles fertig und keins hat vom andern ertragen wollen, – soll alles lauter Lob und Liebe sein. Er hat recht gehabt und ich auch; aber die Geduld, das ist erst die rechte Liebe.«

Reinhard atmete tief auf.

»Ist's denn wahr, daß das ganze Dorf so gegen mich ist?« fragte er.

»Du solltest doch jetzt die Welt kennen,« entgegnete Vroni. »Verzeih, daß ich du zu dir sage.«

»Bleib dabei, es gehört dir mehr als deinem Mann. Also sag mir nur gradaus, wie war's?«

»Anfangs war alles gegen dich und hätte dich gern totgeschlagen. Jedes hat einen Schimpf drin gesehen, den du jedem angethan, daß das Lorle wieder heim gemußt hat. Nachher haben die Männer alle auf Seite vom Lorle und die Weiber auf deiner Seite gestanden. Du weißt ja, wie es ist. Sie ist zu hoffärtig und eigenwillig gewesen, haben die Weiber gesagt. O, lieber Gott, eigenwillig! Das war sie ja zu wenig, sie hat gar keinen Willen gehabt, sie ist von dir fort, weil sie das für einen Befehl von dir gehalten hat.«

»Für einen Befehl von mir?«

»Du mußt so was gesagt haben. Aber jetzt genug vom Vergangenen. Ich sehe dir's an und dein Kommen zeigt's ja, du büßest hart.«

»Ich danke dir, nun weiß ich alles, nun kann ich nichts mehr erfahren.«

»Halt! Ich hab' dir aber doch noch was zu sagen,« rief Vroni. »Ja, das ist's. Ich bin dir eigentlich nur nachgegangen, weil ich dir etwas sagen will, wenn mein Mann nicht dabei ist. Kauf das alte Haus nicht, und überhaupt, bleib bei uns im Haus, ich will für dich sorgen wie eine Schwester.«

»Ich möchte aber das Haus besitzen.«

»Dann gibst du nur die Hälfte von dem, was er verlangt hat, es ist damit bezahlt. Auch gegen den Wendelin laß dich nicht aufstiften, und wenn du was Gutes thun willst, so versorge die Malva, sie verdient's. Der einfältige Wendelin glaubt, es sei ein Testament unterschlagen, das Lorle gemacht habe; sie hat aber keins gemacht. Die Malva aber war brav am Lorle und hat sie gepflegt und gehoben und getragen in ihrer Krankheit, kein Kind kann's besser. Herr Gott! Da läuten sie schon den Sonntag ein, und wir haben morgen Gäste,« schloß Vroni und eilte nach Hause.

Reinhard saß im Walde, in dem das Glockengeläute widertönte. Aus allem Schmerze heraus empfand er doch ein Heimatsgefühl, da der Hohlmüller und Vroni so getreu zu ihm hielten. Hier am Orte war er des Lorles Reinhard und das Wort des Hohlmüllers erneuerte sich: Man muß mit denen alt sein, mit denen man jung war.

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