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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band. - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Die Zügel in fremder Hand.

Am Ostersonntag fuhr der Furchenbauer mit seiner Frau, den beiden Söhnen und Ameile nach der über eine Stunde entfernten Kirche. Auf dem Heimweg, da wo von der Landstraße ab der eigene Weg nach dem Hofe beginnt, stieg der Vater ab und befahl auch Alban ein Gleiches zu thun und Vinzenz die Zügel zu übergeben.

Es gibt ganz gewöhnliche Ereignisse, die oft so seltsam berühren, daß man sich einen Grund dazu gar nicht erklären kann. Alban hat nachmals oft erzählt, daß ihn der Befehl, die Zügel abzugeben, im Innersten erschreckt habe, ohne daß er wußte, warum. Vinzenz nahm ihm mit einem so raschen Griff die Zügel aus der Hand, und der sonst so gewandte und behende Alban stieg so ungeschickt ab und verwirrte seine Füße in die Zügel, daß er fast zu Boden fiel.

Kann sein, daß Alban sich alles, was diesem Ereignis folgt, erst später so bestimmt ausdeutete, genug, er stand auch jetzt eigentümlich erschüttert vor dem Vater, der nach einer Weile begann:

»Alban, es ist Zeit, daß du jetzt für dich selber zu bauern anfangst.«

»Wie Ihr meinet, Vater; ich hab' glaubt, Ihr wollet warten, bis das Ameile versorgt ist.«

»Das ist mein' Sach'. Es ist gescheiter, du heiratest jung, ich bin ein bißle zu spät dazu kommen, ich möcht' aber doch noch mit meinen lebendigen Augen sehen, wie's meinen Kindern geht.«

»Und ich will Euch thun, was ich Euch an den Augen absehen kann,« beteuerte Alban und hielt vor innerer Bewegung still, der Vater aber schritt fürbaß, knurrte etwas vor sich hin und sagte endlich:

»So ist's nicht gemeint. Ich geb' den Löffel nicht aus der Hand, bis ich satt bin. Du hast nichts für mich zu sorgen. Kurzum, heut nachmittag kommt der Kornmesser Spitzgäbele, er hat mir auf dem letzten Fruchtmarkt gesagt, daß er dir eine rechtschaffene Witfrau weiß, drüben im Gäu, mit einem Gut so groß wie das meinige und die Aecker noch viel besser, und sie hat nur ein einziges Kind, und das hat sein abgeteiltes Vermögen. Du spannst unsre beiden Fuchsen ans Bernerwägele und fahrst mit dem Spitzgäbele nüber und besiehst dir die Gelegenheit.«

»Aber, Vater, warum soll ich denn aus dem Haus? Wer kriegt denn unser Gut?«

»Der, dem ich's geb'. Das Sach' ist mein.«

»Wer ist denn der Aelteste?«

»Still, sag' ich, du hast nichts zu fragen. Ich kann nicht nur Mulle, ich kann auch Kuz sagen. Nein, horch, bleib ein bißle stehen und laß mich ausschnaufen. Guck, Alban, ich hab' viel auf dich gewendet, du bist ein Kerle, der sich sehen lassen kann, du bist mein Augapfel gewesen . . . . Ich brauch' dich beim Teufel nicht fragen, du mußt thun, was ich will . . . . Nein, horch, der Vinzenz ist freilich der Jüngere, aber guck da, da, du hast deine zwei Augen . . . . Du Heidenbub, guck mich nicht so an, du mußt thun, was ich will. Red mir kein Wort. Still, sag' ich. Du bist jetzt freilich der Aelteste. aber das Gut ist jetzt auch frei, ich kann mit thun, was ich mag. Ich kann's verlumpen. Alban, sei gescheit und folg' mir ohne Widerred'. Mit einem Wort. Der Vinzenz kriegt den Hof. Punktum. Alban, jetzt folg' mir, ich will dich nicht verkürzen, er muß dir 'rausbezahlen, daß du dir einen Hof frei machen kannst. Sei brav und folg mir, das Kind muß dem Vater gehorchen, so steht's geschrieben, und so ist's von je gehalten worden. Alban, folg mir, oder ich renn' dir ein Messer in Leib und wenn ich selber darüber zu Grund geh'. Da, gib mir die Hand, die Hand her! Du fahrst mit dem Spitzgäbele 'nüber und machst, daß du den Hof kriegst. Mach mir keine Sprüng'! Du kennst mich noch nicht. Ich rück' die paar Jahr an dich, die ich noch zu leben hab', aber komm, du folgst mir. Punktum.«

Alban hatte die Hand dargereicht, sein Vater hielt sie fest umklammert wie eine Zange, sei es, daß er der Beteuerung Nachdruck geben oder seine Kraft noch beweisen wollte. Der Vater sah schauerlich aus. Seine Lippen zogen sich völlig einwärts, und seine Augen quollen weit heraus. Alban sah ihn so mitleidig und unterwürfig an, daß der Vater jetzt mit dem Kopf schüttelte und die Augen niederschlug. Alban war in diesem Augenblicke so von Kindesliebe und gewohntem Gehorsam überwältigt, daß er trotz des Sturmes, der in ihm waltete, dem Vater noch aufrichtig versprach, willfährig zu sein. Er hatte ihm anfangs nur zum Schein, und um ihn zu begütigen, gehorchen wollen, jetzt war es sein aufrichtiger Wille. Schweigend gingen Vater und Sohn bis zu dem Hof, der Alte hatte auf einmal einen raschen, festen Tritt. Alban hatte etwas von der Mutter geerbt im stillen Bewältigen störender Gedanken, er ließ es nicht in sich aufkommen, daß er ausgestoßen würde vom väterlichen Hause, so weit war es ja nicht; er war nicht umsonst in der Welt gewesen, er wußte, daß man auch anderswo leben kann, und es war seine Pflicht, einen Versuch zu machen, dem Bruder, der einem so traurigen Geschick verfallen war, das Gut zu überlassen und so ihm zu helfen; ja, er dachte daran, daß der Schmalzgraf noch leben und ledig sein könnte, und dann hätte er als jüngerer Bruder ja ohne Widerrede auf den Besitz des Hofes verzichten müssen.

Als man in den Hof eintrat, stand Vinzenz an die Stallthüre gelehnt und pfiff lustig. Alban glaubte in seinem Gesichte eine Siegesmiene zu finden, ja er bemerkte daß Vinzenz den Vater fragend ansah und dieser mit dem Kopfe nickte. So war also, was jetzt geschehen sollte, längst beschlossen, der Vater hatte das dem Einäugigen versprochen, und während Alban emsig und friedfertig daheim war, war er schon längst ausgestoßen? Grimmige Wut erfüllte Alban, er wollte widerrufen, daß er dem Vater zulieb nur einen Schritt aus dem Haus thue. Schon zweimal hat man ihn zum Essen gerufen, er stand wie festgewurzelt auf dem väterlichen Boden, den Blick zur Erde geheftet und die Fäuste geballt. Als endlich die Mutter kam und ihn lobte, daß er sich wieder als guter Sohn beweise, schaute er wie höhnisch auf, er verschloß aber seine Gedanken: man hatte ihn betrogen, er wollte Gleiches mit Gleichem vergelten; er faßte den Vorsatz, dem Vater zum Scheine zu willfahren, er kannte die unerschütterliche Oberherrlichkeit seines Vaters und wollte ihn nun auch überlisten und auf seinem Rechte bestehen. Bei Tische war alles wohlgemut, und noch während des Essens kam der Kornmesser Spitzgäbele. Er drängte zur Eile, und Vinzenz half selbst die beiden Fuchsen einspannen, und der Vater gab Alban noch seinen eigenen neuen Mantel mit und befahl ihm wiederholt, etwas draufgehen zu lassen und sich als Sohn des Furchenbauern zu zeigen. Nur die Mutter sagte noch leise zu Alban:

»Vergib dich nicht, du bist uns noch nicht unwert und hast nichts zu eilen. In keinem Fall mach's fest, eh' ich sie auch gesehen hab'; ich kenn' die Familie wohl, aber das Weib kenne ich nicht. Fahr auf dem Heimweg über Siebenhöfen und sieh, was dein Bruderskind macht, kauf unterwegs was und bring's ihm.«

Lustig knallend fuhr Alban davon, und der Furchenbauer, der ihm nachsah, sagte zu seiner Frau:

»Wenn ich ein' einzige Tochter hätt' und wüßt einen Burschen wie den Alban, ich thät nicht ruhen, bis er mein Schwiegersohn wär'.«

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