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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band. - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Von kleinen Leuten und schweren Gedanken.

Des Menschen Herz ist, wie es heißt, trotzig und verzagt und unerforschlich in seinen Widersprüchen. Weil Alban vor aller Welt der unsichtbaren väterlichen Gewalt sich gebeugt hatte, sprach er sich wiederum davon frei in Dingen, die nur ihn allein angingen, und gleichsam als Lohn seiner Unterwürfigkeit streifte er dieselbe ab, folgte dem Drange seines Herzens, und die Erregung, die noch in seinem Gemüte nachzitterte, ergoß sich in feuriger Liebe zu Vreni auf dem Hellberg. Dort unter freiem Himmel hatten es heute Tausende gehört und im Innern nachgesprochen, daß arm und reich, hoch und nieder gleich sei, Alban machte es zu einer Wahrheit. Dennoch war noch tage- und wochenlang genug Bauernstolz und Furcht vor dem Vater in ihm, daß er oft innerlich zitternd einherging, er zitterte vor dem, was mit ihm geschehen war. Wenn Vreni auf dem Hof als Taglöhnerin arbeitete, scherzte er nicht mehr mit ihr; er befolgte in dieser Weise das Verbot des Vaters, aber aus ganz anderen Gründen. Seine innere Liebe und das demütige und doch so hohe Wesen Vrenis ließen ihm jeden Scherz als eine Entwürdigung und Roheit erscheinen, zumal da das Mädchen in seiner untergeordneten Stellung sich dagegen nicht hätte auflehnen dürfen und nur dem Spotte der Genossinnen ausgesetzt war. Der kecke, allzeit wohlgemute und singende Alban hatte jetzt oft etwas Scheues und träumerisch in sich Versunkenes; er, der sonst allezeit wie gerüstet und schlagfertig war, schrak jetzt oft plötzlich zusammen, wenn man ihn unversehens anrief. Um diese Schwermut loszuwerden, ging jetzt Alban mehr denn je den Lustbarkeiten nach, der Vater gab ihm nicht unerkleckliches Handgeld dazu, denn er sah dadurch allmählich die Herrschaft wieder in seine Hände zurückkehren. Alban bedurfte dieses Handgeldes nicht, denn er war reichlich damit versehen, er hatte sich nicht dazu bringen können, gleich anderen Bauernsöhnen karger Väter Korn zu stehlen und zu verkaufen; seit Jahren lieh ihm Dominik seinen vollen Lohn, und obgleich er es wegen seiner Tauglichkeit vollkommen verdiente, war dies doch ein nicht ungewichtiger Grund, daß Dominik zum Oberknecht befördert und der vertraute Genosse Albans wurde. Alban hatte oftmals das aufrichtige Verlangen, sich Vreni aus dem Kopfe zu schlagen, ja er sah sich forschend unter den reichen Töchtern der Gegend um, denn er erkannte die Notwendigkeit, den Hof von seinen Geschwistern abzulösen, und war dabei fest entschlossen, ihn nur zum vollen Wert zu übernehmen. Es durfte nur eine Verirrung sein, daß er je im Ernst an des Nagelschmieds Tochter gedacht. So gewichtige Gründe er aber auch in sich zu befestigen trachtete, und so sehr er sich auch eifrig unter den ebenbürtigen Töchtern des Landes umschaute, er konnte sich trotz mancher Zuvorkommenheiten nie entschließen, und von allen Lustbarkeiten blieb die beste immer die, daß er auf dem Heimwege bei Vreni auf dem Hellberge einkehrte.

Der Winter ging schnell vorüber, die wundersamen Schauer, die im Frühling alle Herzen ergriffen hatten, waren längst verweht. Die Freiheit wurde nicht in einem Sommer gezeitigt, und der Landmann vor allem ist nicht geneigt, sich auf ein längeres Warten einzulassen. Man fand sich allmählich in das altgewohnte Herkommen. Alban war nur noch einmal auf einer Volksversammlung im Apostel zu Wellendingen gewesen, er hatte jene bekannten Herabwürdigungen des Reichstages gehört und nur daraus entnommen, daß alles auf sei. Er mußte sich stillschweigend manchen Hohn des Vaters gefallen lassen, dem er nichts erwidern konnte, auch wenn ihn die kindliche Unterwürfigkeit nicht daran gehindert hätte.

In diesem Winter vollführte Alban eine Arbeit, auf die er nicht wenig stolz war, über die indes der Vater lächelnd den Kopf schüttelte. Alban entwarf nämlich mit verschiedenen Farben eine Karte des ganzen Hofgutes: Berg und Thal, Feld und Wald und alle Wege waren darauf genau angegeben. Es war allerdings kein Meisterwerk, aber Alban verdroß es doch, daß der Vater sagte: das sei unnütz. Die Mutter lobte ihn indes dafür um so mehr, sie ließ die Karte einrahmen und hing sie in der Stube auf, und nicht ohne Stolz hatte der Urheber: » Alban Feilenhauer gez.« darunter geschrieben.

Einst gegen den Frühling, Alban hatte sich vorgenommen, daß dies das letzte Mal sein sollte, war er wieder auf dem Hellberg, da erzählte ihm der Nagelschmied, daß sein Großvater es von seinem Vater gehört habe, wie vor Zeiten der Hellberg ein großer Bauernhof gewesen sei, darauf lebte eine Familie, die allzeit feindselig mit denen auf dem Kandelhof war, bis der Urahne Albans die einzige Tochter vom Hellberge heiratete und beide Höfe zu einem machte. Der Nagelschmied setzte noch hinzu, daß auch die Obedfüchti von einer reichen Bauernfamilie abstamme, der Ahne aber habe alles, man wisse nicht warum, vernachlässigt und drunten am Felsen den ganzen Tag Geige gespielt.

Als Alban heimwärts ging, war es ihm immer, als spräche ihm jemand ins Ohr: »Das ist ein Doppelhof, das waren einst zwei Höfe, dein Vater will nicht leiden, daß du den Hof bekommst und die Vreni heiratest, gut, so zerreiß es wieder, nimm den Hellberger Hof für dich und die Deinigen, das muß er thun.« Alban war aber doch auch wieder ein stolzer Bauernsohn, berechtigt zu dem großen und ganzen Erbe, er warf den Gedanken weit hinter sich, die Hälfte seiner Habe leichtfertig zu opfern, und doch kam ihm wieder zu Sinn, daß der Nagelschmied und die Obedfüchti ja auch von reichen Bauern abstammten, warum sollte nicht eines von des Nagelschmieds Kindern wieder zu reichem Besitztum gelangen? Alban sah weit hinaus in die Zukunft, wie einst auch erblose Nachkommen, die von ihm abstammten, zu Taglöhnern wurden, Vreni sollte glücklich sein, . . . . aber die Schwiegereltern, die Schwäger und Schwägerinnen waren eine beschwerliche Last. –

Dort, wo eine auf Stützen umgelegte Tanne den Weg einhegt, dort, wo der Fels jählings ins Thal abspringt, den man des Geigerles Lotterbett nennt, wo drunten der Bach rauscht, den jetzt die Schneewasser schäumend erfüllen, dort stand Alban lang an das Geländer gelehnt und träumte hinein in die dunkle Nacht und in die ferne Zukunft. Die ganze Welt stand still, und nur der Bach rauschte, und manchmal war's, als ob mitten unter Rauschen und Brausen die längst verstummten Saiten des Geigerle tönten. Das war nur ein dünner Wasserstrahl, der klingend aus einer Felsenschrunde rann.

Endlich machte sich Alban entschlossen auf mit dem festen Vorsatz, diesen Weg nie mehr in solchen Gedanken zu beschreiten; er war ein großer Hofbauer und war verpflichtet, eine Neigung in sich zu bekämpfen.

»Wenn ein Großbauer sich auch noch eine Frau nach reiner bloßer Herzensneigung wählen dürfte, dann hätten ja die Reichen alles auf der Welt, Gut und Geld, und alle Herzensfröhlichkeit auch noch dazu. Das wär' zu viel, drum ist's verteilt; die einen haben dies, die andern haben das, und des Vaters Wille muß gelten: ein Großbauer hat vor allem daran zu denken, daß die Familie in alten Ehren bleibt.« Das waren die Gedanken, mit denen Alban sein stürmisches Herz zu beschwichtigen suchte.

Teils durch die Anlage seiner Natur, hauptsächlich aber durch sein Verweilen außer dem elterlichen Hause hatte sich Alban Kenntnisse und Lebensanschauungen angeeignet, die ihr Förderndes, aber auch ihre Zwiespältigkeiten in ihm und mit seiner gewohnten Umgebung zu Tage brachten. Schon die ernstliche Neigung zu Vreni und die Erwägungen hierüber waren ein Ergebnis davon, und der vollbrachte Sieg hätte ihn vielleicht lange in Widerstreit mit sich gehalten, wenn nicht sein Stolz noch mächtiger gewesen wäre; und vor allem beschäftigten ihn vielfache Neugestaltungen der ganzen Bewirtschaftung. Der Vater ließ ihn jetzt aber nicht mehr schalten, wie er wollte, und gab ihm nur in Kleinigkeiten nach, die er als große Gunst darstellte.

Alban hatte einen dreischarigen Felgpflug angeschafft und bearbeitete damit eine schon im Herbst abgerodete und umgepflügte Waldstrecke; er spannte jetzt zwei junge Stiere hinter einem vorausgehenden Pferde an den Pflug. Noch nie hatte man hierzulande Stiere an die Feldarbeit gewöhnt, man bediente sich dazu der zahmen Ochsen. Der Vater lachte Alban über den neuen Versuch aus, den dieser in der Schweiz gesehen und hier nachahmen wollte, aber nach viel Mühe und Schweiß gelang es ihm, und die wilden Tiere fügten sich in die Arbeit

Der alte Furchenbauer war trotz vielen Scheltens doch stolz auf seinen Alban, und auf dem samstägigen Fruchtmarkt in der Stadt, wenn er bei dem gräflich Sabelsbergischen Pächter in Reichenbach saß, sagte er oft: »Der Alban braucht gar nichts; der Bauer, dem ich den Alban für seine Tochter gebe, der muß mir noch Geld herauszahlen.«

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