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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band. - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Mächtige Rückerinnerung.

Noch als das Licht gelöscht war, hatte der Bauer seiner Frau gesagt, daß er auch hoffe, morgen für das Ameile einen rechten Bräutigam aufzubringen, die Frau hatte nichts geantwortet, denn sie betete still für sich, und in ihr Gebet schloß sie einen Namen ein, den sie schon seit bald einem Jahr nicht vor ihrem Manne nennen durfte, es war Alban, seit dem Tode des Schmalzgrafen ihr ältester Sohn . . .

In dem Hause, wo überall nichts als Fülle und vielgepriesener Wohlstand sich kundgab, wachte in stiller Nacht die Mutter und klagte um ihren Sohn, der in der Fremde als Knecht dient. Sie brach bald ab und wollte einschlafen, denn sie hatte auch eine wunderbare Macht über ihre Gedanken und konnte sich zwingen, Störendes und Unruhvolles zu verbannen. Wie zu lästigen Bettlern konnte sie jetzt zu Erinnerungen, die mit klagender Stimme an sie herantraten, barsch und doch wieder wohlwollend sagen: kann euch heute nicht brauchen, kommet morgen wieder, oder ein andermal – und sie gingen. Heute aber verschlug das nicht . . .

Das eigene Leben der Bäuerin durfte rasch an ihr vorüberziehen. Ohne Neigung, aber auch ohne Widerstreben hatte sie als reiche Bauerntochter den gleichbegüterten Furchenbauer geheiratet. In den bald vierzig Jahren ihrer Ehe hatte sie es nicht vergessen, daß ihr das herbe und schroffe Wesen ihres Mannes viel Herzeleid gemacht, aber sie hatte sich daran gewöhnt. Dennoch blieb sie dem oberländischen Wesen noch vielfach fremd. Auf einem großen einsamen Bauernhofe aufgewachsen, kam sie als Frau wieder in einen solchen, sie kannte wenig von der Welt, aber hier war doch alles anders; sie stammte aus dem viel mildern geschmeidigern Unterlande, hier oben war alles wie mit der Holzaxt zugehauen. Daheim auf Siebenhöfen hatte sie oft bei der Heuet im Thale die Flößer vom Schwarzwald auf dem Neckar miteinander schreien und fluchen hören, daß man meinte, sie hätten die gräßlichsten Händel und würden beim Zusammentreffen einander erwürgen und mit ihren Aexten das Hirn spalten und am Ende war's nichts als ein tapferer Zuruf. So sah sie auch bald, daß viele Heftigkeiten in Haus und Hof nicht so bös gemeint waren, es gehörte eben zu der lauten »herrscheligen« Art und Weise der Menschen. So sehr sie aber dies erkannte, blieb sie doch diesem Leben fremd, sie hatte noch immer die Sitten ihres väterlichen Hauses im Sinne, und wenn später ihre eigenen Kinder unbändig waren, sagte sie oft: »So sind halt des Furchenbauern.«

Dieses stete Rückschauen nach der Heimat, dieses Preisen derselben als eines allzeit friedsamen stillen Paradieses, brachte in der ersten Zeit manches Zerwürfnis zwischen den Eheleuten, bis die Bäuerin endlich einsah, daß ihr Mann recht hatte, wenn er ihr sagte: »Du glaubst, bei dir daheim hätten sie alle Gutherzigkeit in Beschlag genommen, die Schmalzgrafen hätten das Besthaupt kriegt. Wenn's drauf ankommt, wirst schon sehen, daß wir auch ein Herz im Leib haben, grad so gut wie ihr.«

Und das war in der That der Fall.

Der Furchenbauer war offenbar ein rechter Mann, karg an Worten, aber arbeitsam von früh bis spät, pünktlich und auf Ehre haltend; er ließ seine Frau in ihrem Bereich gewähren, er wußte, was sich für einen großen Bauernhof und für die Tochter des Schmalzgrafen schickte. In solchen Verhältnissen hat man überhaupt nicht lange mit Gemütsangelegenheiten zu thun, der Tag hat seine hundertfältigen Pflichten; in einem solchen großen Anwesen gilt es, überall zur Stelle zu sein, anzuordnen und selbst Hand anzulegen, und das ruhige Gefühl, alles gehörig im Stand zu halten, und dazu noch ein gewisser Stolz der Herrschaft und des Besitzes füllt alles aus.

Die beiden Eheleute lebten in Frieden und hielten einander in Ehren.

Es mag hart klingen, aber es ist doch wahr und erweist sich bei näherer Betrachtung auch milder: bei den Bauern, besonders aber bei den Großbauern, ist die Ehe vielfach nur ein Vertragsverhältnis in der ausgedehntesten Bedeutung des Wortes. Erkennen die Eheleute, daß die Verschiedenartigkeit ihrer Naturen sich nicht zur Einigkeit verschmelzen läßt, so tritt ein gegenseitiges selbständiges Gewährenlassen ein. Hier, wo die Hausfrau gleichmäßig mit dem Manne für den Besitzstand zu arbeiten hat, erfüllt ein jedes den Kreis seiner Pflicht ohne weitere Anforderung. Die Arbeit für Erhaltung und Vermehrung des Besitztums ist die Wesenheit des Lebens, dem die Heilighaltung des geschlossenen Bundes noch eine gewisse Weihe erteilt, und kommen Kinder, so erblüht die Verträglichkeit auch wiederum oft zur Liebe.

Offene Zerwürfnisse oder gar Trennungen aus Mangel an Liebe kommen darum im Leben der Großbauern fast nie vor.

Nur selten, zu einem Jahrmarkt, zu einer Gevatterschaft oder Hochzeit verließ man den Hof, und die Bäuerin hörte überall mit Befriedigung, wie hochgepriesen sie und ihr Mann waren und wie sie als eine Zierde der ganzen Gegend galten, so daß es immer hieß: solche Bauersleut' seien schon lange nicht in der Gegend gewesen. Die Bäuerin hörte solchen Lobpreis immer mit ruhigem Behagen an, sie hatte sich von ihrem Mann angewöhnt, auch kein übrig Wort zu reden. Nie kam es ihr in den Sinn, von ihrem Reichtum einen andern Genuß haben zu wollen als den, ihn zu erhalten und zu vermehren und, wie sich's gebührt, den armen Leuten der Gegend ihre Gaben zukommen zu lassen. Die schwere Kriegszeit, die in den Anfang ihrer Ehe fiel, verschonte auch den Furchenhof nicht, ja sie brachte Not und Gefahr. Gegen eine Einquartierung, die sich unziemlich gegen die schöne Bäuerin benahm, fuhr Christoph mit der ganzen Heftigkeit seines Wesens auf, und nur ein Zufall rettete ihn vom Totschlage. Damals fühlte die Bäuerin recht deutlich, welch ein Mann der Furchenbauer war, und in dem Gedanken, daß sie ihn hätte verlieren können, wie lieb sie ihn hatte. Nur das eine Mal sagten dies die Eheleute einander und sonst nie.

Der Furchenbauer lebte ganz für sich, er schloß sich an niemand an, er hatte keinen Freund, keinen Vertrauten; mit seiner Schwester und seinem einzigen Schwager, dem Gipsmüller, lebte er in oberflächlicher Beziehung, die sich nachmals durch einen Streit in gegenseitiges einander Vergessen verwandelte; nicht einmal mit seiner Frau beredete er, was er vorhatte, er war eine einsame Natur, ohne Anhänglichkeit und ohne Abhängigkeit, man kann fast sagen: er selber war ein geschlossenes Gut.

Es kamen mehr Kinder, als sonst in einem solchen Bauernhofe gewöhnlich ist. Der Bauer war oft unwirsch; wenn er aber den Neugeborenen auf den Armen hielt, war er seltsam weich und liebevoll. Vier Kinder lagen auf dem eine Stunde weit entfernten Kirchhofe, drei Söhne und Ameile waren geblieben, der Alban war nach dem Schmalzgrafen der älteste, Vinzenz der jüngste. Da wurde abermals ein Sohn geboren, und als zwei Tage darauf Vinzenz mit dem Vater vom Kornmarkt heimfuhr, sagte der kecke Bursche:

»Vater, es ist ein' Schand und Spott, und Ihr solltet Euch auch schämen, wie ich, daß ich noch ein kleines Brüderchen bekommen hab'.« Der Furchenbauer ward über diese Rede so wild, daß er ihn niederwarf und ihm mit dem Peitschenstiel so ins Gesicht hieb, daß er ihm ein Aug' ausschlug.

Das war ein Jammer, als der Vater mit dem einäugigen Sohn heimkam, und in derselben Stunde war das kleine Brüderchen gestorben, dem die Wehmutter noch die Nottaufe gab.

Es war nun ein seltsam zerstörtes Leben auf dem Furchenhofe. Der alte Bauer lebte in Unfrieden mit sich und mit der Welt, er schlug die Augen nieder, wenn er den Vinzenz sah, den er so jämmerlich verletzt hatte, und verhätschelte ihn auf allerlei Weise. Der Vinzenz zeigte jetzt ein herrisches und tückisches Wesen und lebte in stetem Hader mit seinem ältern Bruder Alban, der bis jetzt, soweit es ging, der natürliche Herrscher des Hauses gewesen war. Der Alban war zu allem anstellig und allezeit aufgeweckt und wußte besonders gut mit den neuen Pflügen, Häckselschneide- und Säemaschinen umzugehen, die der Furchenbauer angeschafft hatte, da er den Ruhm eines aufgeklärten Landwirtes besitzen und es gern, soweit es seinem Vorteil entsprach, den studierten und adeligen Gutsbesitzern der Gegend gleichthun wollte. Jetzt schien alles auseinanderzufahren, niemand war mehr recht bei der Arbeit; aber ein festgefugtes Anwesen hat so viel innere Stetigkeit, daß es auch ohne besondere Leitung noch eine Weile seinen geregelten Gang fortgeht; und dazu kam noch, daß Dominik sich jetzt in seiner ganzen Verständigkeit und Treue zeigte: er ließ die drin im Hause zanken und schelten und sorgte unermüdlich dafür, daß alles in Feld und Stall und Scheunen gehörig vollführt wurde. Der Furchenbauer fand endlich einen glücklichen Ausweg. Alban hatte schon oft gewünscht, in eine Ackerbauschule einzutreten, jetzt ward ihm das gewährt. Kam diese Gewährung auch für Alban etwas zu spät, er ließ sich doch auf Zureden der Mutter, der Schwester und des Dominik zu deren Annahme bewegen, und nach seinem Weggang schien auch wieder Friede und Ruhe im Hause zu herrschen. Nur sah man den Furchenbauer oft heimlich knirschen, der Vinzenz schien ihn allerwege zu quälen und seine Befehle zu verhöhnen, und so reichlich er ihm auch gegen seine Gewohnheit Taschengeld gab, er war damit nie zufrieden, und man mußte bald da bald dort Schulden für ihn bezahlen und allerlei böse Streiche vertuschen. Vinzenz hatte es niemand gesagt, wie er um sein Auge gekommen war, die Drohung damit gegen den Vater ward eine ergiebige Quelle für allerlei Gewährung. Endlich schien auch dies sich beizulegen, Vinzenz wurde arbeitsamer und häuslicher, und der Furchenbauer eröffnete seiner Frau, daß er sich entschlossen habe, dem Vinzenz einstmalen das Gut zu übergeben, der Alban sei ein aufgeweckter Bursche, der sich leicht durch die Welt bringen und eine reiche Lehnbesitzerin erobern könne; denn die meisten großen Bauerngüter waren oder heißen noch Lehen. Die Mutter hatte nichts dagegen einzuwenden, in ihrer Heimat war es ohnedies Sitte, daß nicht der Aelteste, sondern der Jüngstgeborene das väterliche Erbe erhielt und den anderen Geschwistern eine notdürftige Abfindung ausbezahlte. Sie ahnte wohl, daß diese Neuerung hier zu Lande, und besonders bei Alban, nicht so glatt abginge, aber sie beschwichtigte ihre Sorge. Ja sie freute sich vollauf der nun wieder herrschenden Eintracht; sie war eine kluge und behagliche Frau, die die Freude des heutigen Tages nicht mit Kummer um kommende Zeiten verscheuchte.

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