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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band. - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Ein Knecht mit verschiedenen Anliegen.

Nach geraumer Weile tritt Dominik, der Oberknecht, ein und stellt sich, ruhig wartend, an den Tisch des Sattlers. Der Bauer liest noch ein wenig weiter, dann sagt er, aufschauend:

»Du stehst heut nacht um zwei auf und gibst acht, daß gut gefüttert wird, besonders das Schwärzle, und vor Tag machst du dich mit dem Schwärzle Wellendingen zu. Du fahrst den Hennenweg über Jettingen, der Boden ist oben linder als auf der Landstraß, und das Schwärzle hat weiche Klauen, du thust recht gemach und laßst dir Zeit. Daß du mir aber ja nicht über Nellingen fahrst; kannst deiner Mutter Bescheid geben lassen, daß sie zu dir nach Wellendingen kommt. Du ziehst dein Sonntagsgewand an, und in Wellendingen im Apostel wartest auf mich, wenn ich noch nicht da bin.«

Ohne ein Wort zu sagen, will Dominik weggehen, da ruft ihm der Bauer nach:

»Kannst dich auch freuen, du kriegst morgen eine Denkmünze, weil du jetzt schon bis Martini elf Jahre bei mir dienst.«

Dominik stolpert über einen Stuhl, als er die Stube verläßt.

»Soll ich dir was mitbringen von Wellendingen?« fragt Dominik in der Küche beim Pfeifenanzünden das Ameile, und diese erwidert:

»Ich fahr' mit dem Vater. So? Gehst du auch hin?«

»Ja, und ich krieg' ein' Denkmünz und das Schwärzle vielleicht auch. Mensch und Vieh ist eins. Es ist nur schad, daß man die Menschen nicht auch verkaufen und metzgen kann.«

»Der Dominik thät bitter und sauer schmecken,« sagt die Großmagd, eine stämmige und handfeste Person, während ihr verliebter Blick sagt, daß ihr dieser grobe Witz keineswegs ernst war. Ameile aber setzt hinzu: »Es muß dich freuen, Dominik, daß du den Ehrenpreis kriegst. Wenn ich ein Dienstbote wär' –«

»Dann wärst du nicht des Furchenbauern Ameile,« unterbricht sie Dominik und geht davon, denn er hörte, wie die Stubenthür sich öffnet. Die Bäuerin ruft Ameile in die Stube.

Bald kommt Ameile wieder, nimmt die kupferne Gelte und geht damit zum Brunnen. Die Nacht ist stille und sternlos, am Himmel jagen sich die Wolken, aus den Ställen vernimmt man das Kettenrasseln der Pferde, das Brummen der Kühe und Ochsen, ein lautes Zwiegespräch zwischen Knechten oder fremden Taglöhnern, das oft von Lachen unterbrochen wird, und der Kühbub stimmt jetzt auf seinem Lager ein einsames Lied an.

Die Gelte ist schon lange bis über den Rand gefüllt und lauft über, aber noch steht Ameile mit auf der Brust übereinander geschlagenen Armen träumend davor. Ein plötzlicher Windstoß macht den Holunderbusch rauschen und sich beugen, der Brunnenstrahl wird seitwärts gebogen und Tropfen davon gerissen, die Ameile ins Gesicht spritzen, sie wischt mit der einen Hand die Tropfen ab und steht wieder still. Jetzt vernimmt man ein Geräusch in der Stallkammer, Ameile ruft den Kühbuben, um ihr aufzuhelfen, aber statt des Gerufenen kommt Dominik.

»Holst noch Wasser?« sagt dieser, die Gelte Ameile aufs Haupt hebend, und sie erwidert:

»Ja, und weil du da bist, grüß' mir dein' Mutter und sag' ihr, ich schick' ihr mit nächstem was.«

»Dank, weiß nicht, ob ich mein' Mutter seh.«

»Ja, und wegen dem Ehrenpreis muß ich dir noch einmal sagen, du mußt dich mit freuen, du versündigst dich, wenn du's nicht thust. Ich freu' mich auch mit. Es ist ja auch eine Ehre für uns, daß du so lange bei uns bist, und sei nur recht stolz.«

»Freilich, freilich,« erwiderte Dominik, »gut Nacht.«

Ameile geht nach dem Hause, aber schon auf halbem Wege begegnet ihr die Mutter, die nach Dominik ruft und, als dieser bei ihr steht, ihm sagt:

»Du mußt morgen in Reichenbach anhalten und schauen, was mein Alban macht. Wir haben seit der Heuet nichts von ihm gehört. Des Nagelschmieds Vreni soll jetzt auch in Reichenbach bei ihrer Schwester sein, sag' ihm, er soll doch von ihr lassen, dann wird wieder alles gut.«

Dominik kommt endlich zu Worte:

»Der Bauer hat mir verboten, über Reichenbach zu fahren, ich soll den Waldweg über Jettingen.«

»Geh du nur über Reichenbach. Du wirst schon eine Ausrede finden, und wenn alle Sträng' brechen, nehm' ich's auf mich; thu's mir zulieb und bring mir Bescheid.«

Dominik zuckt die Achseln und antwortet: »Will sehen, was zu machen ist.«

In dem Herzen dieses Knechtes gehen an diesem Abende seltsame Kämpfe vor. Er gesteht es sich selbst nicht und hütet sich wohl, es irgend eine Menschenseele merken zu lassen, daß er eigentlich seines Bauern Tochter liebt. Das ist ein unverzeihlicher wahnsinniger Uebergriff, und sowohl um sich selbst zu wahren, als auch um als treuer Diener seines Herrn zu bestehen, sucht er jede Aeußerung dieser Zuneigung zu bekämpfen. Das hätte aber alles nichts gefruchtet, wenn er nicht erwogen hätte, daß es ein unnützes und frevlerisches Spiel sei, das Kind – denn er betrachtete Ameile noch immer als Kind, weil er schon ein hochaufgeschossener Bub war, ehe sie noch in die Schule ging – das Ameile, das ihn wie einen alten Ohm ansah, mit solchen Dingen zu plagen, und wenn sie auch einst oder vielleicht morgen an einen Großbauern verheiratet wurde, so war's besser, sie hat nichts davon gewußt. Heute abend in der Küche hat er sich aber doch etwas verraten, und die Großmagd, die ihm allzeit nachstellt und auflauert, hat ihn so verwunderlich angesehen, daß er sich darob ärgerte. Die morgige Preisbelohnung ist ihm auch zuwider. Diese öffentliche Schaustellung hat noch nicht die Form gefunden, in der sie wirklich volkstümlich wäre. Nun kommt noch der Kampf dazu, daß er nicht weiß, soll er dem Bauer oder der Bäurin folgen; ersteres ist ihm doch genehmer, denn er hatte sich vorgenommen, trotz des Verbots nach Nellingen zu eilen und seine Mutter zu sehen, bei der er seit Weihnachten nicht gewesen war. Wenn er den Befehl des Herrn übertritt, wär's doch besser, das für sich zu thun als für andre.

Ein Dienstbote ist doch allezeit angebunden, sein Leben und seine Tage gehören einem Fremden.

Im Zorn über dieses Gefühl der eigenen Abhängigkeit weckt Dominik mit Schelten und Püffen seinen Untergebenen, den Kühbub, der ein Sohn des Nagelschmieds ist, und befiehlt ihm, die Nacht aufzubleiben, damit er zur Zeit wecke.

Auf dem Hof ist es jetzt still und dunkel wie ausgestorben, der Halbmond blickt bald unter jagenden Wolken hervor und verschwindet schnell wieder, und die Häuser und Scheunen des Furchenhofes mit ihren schweren wie Kappenschilde überhängenden Strohdächern erscheinen wie unförmliche Felsengebilde. Die Hofhunde sind von der Kette gelassen und schleichen still und frei umher, legen sich bald da, bald dort nieder und richten sich wieder auf bei jedem Geräusche. Der Kühbub geht hinab in den Hofraum und spielt mit den Hunden, um sich wach zu erhalten; der Türkle, ein roter Wolfshund, ist zuthulich und leutselig, der Greif aber, ein schwarzer böhmischer Schäferhund, knurrt, wenn sich ihm der Kühbub naht, und selbst als er ihm ein Stück Brot reicht, ist dies verschwendet, er hat es in einem Schluck weg, bleibt aber unwirsch. Er ist wahrscheinlich stolz, sei es auf seine Wissenschaft, weil er kunstgerecht auf den Mann dressiert ist, oder auf seine Abkunft, denn er stammt mütterlicherseits von edler Rasse. Mitten in der sternlosen Nacht, in der Kameradschaft mit dem einen Hunde, geht dem Kühbuben eine glorreiche Zukunft auf. Er hat gehört, daß der Dominik einst auch als Kühbub auf den Hof gekommen war, und der war jetzt Oberknecht und der nächste beim Bauer und bekam morgen eine Denkmünze. Solches kann ihm einstmals auch werden. Der zukünftige Oberknecht erlabt sich besonders an dem Gedanken, wie er dann seine Untergebenen strenge halten wolle, die mußten ihm auf den Pfiff gehorchen. Das ist eine Aussicht, die leicht wach hält. Bei der trüben Stalllaterne betrachtet der Kühbub die doppelgehäusige Taschenuhr des Oberknechts und gedenkt der Zeit, wo er einst eine solche zu eigen haben werde; ja, er wagt es sogar, die Pfeife des Dominik in den Mund zu nehmen und kalt daraus zu rauchen. Und mitten in der Nacht steigt in dem barhauptigen Kühbuben ein großer Gedanke auf. Ein reicher Bauernsohn zu sein, das wäre doch noch besser, als sich zum Oberknecht aufzuschwingen; da hat man nichts zu thun, als gehörig zu wachsen, und wenn man groß geworden, hat man Haus und Vieh und Aecker von selbst. Warum haben's die einen so leicht und die andern so schwer? . . . Das ist ein Rätsel, das der Kühbub noch nicht gelöst hat, als er den Dominik weckt, und nur das eine hat er davon erobert, er läßt sich das rauhe Wesen des Oberknechtes leichter gefallen, denn er lacht ihn innerlich aus, er ist ja doch kein Bauernsohn und hat noch einen über sich.

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