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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band. - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Der neue Lehnhold.

Aus der zerrissenen Erde sprießt die Saat, auf den Gräbern wachsen Blumen. Trübe Schwermut lagerte auf dem Gemüt des Dominik wie Ameiles. Die Oberamtmännin war eine milde Trösterin, denn sie kam jetzt im Frühling auf mehrere Wochen auf den Hof. Sie fand eine Erquickung darin, in die Tiefe der Gemüter zu schauen, die ihre Empfindungen nicht in Worten ausdrücken können, sie aber hatte die Macht des Wortes, und wie linder Balsam heilten sie die Wunden. Was ihr im großen und umfassenden nicht gelingen wollte, gelang ihr im einzelnen; das Herz der Höherstehenden einte sich mit denen, die im beschränkten Lebenskreise verharren. Es war nicht Gefühllosigkeit, sondern unverwüstlicher Lebensmut, daß Ameile sich fast bälder in das Unabänderliche fügte und sich der Heiterkeit nicht verschloß wie Dominik, aber auch diesem gelang es endlich.

Oft betrachtete Ameile mit Wehmut die Karte des Hofgutes, die Alban in jenem letzten friedlichen und hoffnungsvollen Winter gezeichnet. Das war das einzige, was von ihm übrig geblieben, und die Karte hing noch an derselben Stelle, wo sie die Mutter aufgehängt hatte. An die Mutter und an Alban mußte Ameile oft denken, und die beiden waren ja auch immer dem Dominik gut gewesen. Dann aber strich sie sich wieder rasch über das Gesicht, und alle Wehmut war daraus weggenommen.

Man mag es Eitelkeit nennen, es war aber weit mehr stolze Siegesfreude und die Lust am Wohlthun, was Dominik empfand, als er vierspännig nach Nellingen fuhr, um seine Mutter zur Hochzeit abzuholen. Er hatte jetzt das doppelte Verlangen, seiner Mutter noch recht viel Freude zu bereiten, er hatte nichts von ihr empfangen als das nackte Leben, und wie gräßlich war es denen ergangen, die ihre Kinder mit Reichtum auszustatten vermochten.

Die Hochzeit wurde still gefeiert, die Oberamtmännin und die Mutter des Dominik gingen an der Seite Ameiles, Dominik ging zwischen dem Hirzenbauer und dem Gipsmüller zum Traualtar.

Ameile trug zur Freude ihres Mannes und aller Anwesenden einen besonderen Schmuck auf der Brust: sie hatte die Denkmünze des Dominik an einen Henkel fassen lassen und trug sie an der Granatenschnur. »Das ist mein schönster Ehrenschmuck,« sagte sie lächelnd beim Hochzeitsmahl.

Dominik behielt seine Mutter bei sich auf dem Furchenhof. Sie hatte allezeit über ihre Söhnerin in Nellingen geklagt; sie hatte jetzt glückselige Tage; aber sie hielt es doch nicht lange aus, sie hatte Heimweh nach der keifenden Söhnerin, nach den Nachbarn und vor allem nach den Kindern ihres ältesten Sohnes. Dominik brachte sie wieder nach Nellingen und versorgte sie gut.

Erst als auf dem Furchenhof das erste Kind geboren wurde, kam sie wieder und blieb dort.

Auf dem landwirtschaftlichen Feste fehlt Ameile nie und ist allezeit im Geleite der Oberamtmännin; der Dominik sitzt jedesmal neben dem Hirzenbauer und ist einer der angesehensten Großbauern.

Bei der letzten Heimfahrt vom landwirtschaftlichen Bezirksfeste war der neue Furchenbauer gar lustig, und er sagte zu seiner Frau:

»Bäuerin,« – denn so redet er sie jetzt auch nach herkömmlicher Art an – »ich kann dir nicht sagen, wie wohl mir's doch wieder auch ist, und wie glückselig ich bin. Wenn ich so in ein Wirtshaus komm', und ich lass' mir geben, was der Brauch ist, und da denk' ich bei mir: und du kannst's bezahlen und es thut dir nichts. Ich mein' oft noch, ich sei der Kühbub, und dann wird mir's doppelt wohl, daß ich jetzt so dasteh' und mir was erlauben darf.«

»Und das sollst du recht oft thun und dir auftragen lassen nach Herzenslust. Du bist manchmal noch ein bißle zu genau. Ich denk' auch bei den Armen immer daran, daß wir auch für die Toten ihr Teil Gaben geben müssen. Aber da ist's schon wieder, hilf mir, daß ich nicht immer und bei allem dran denk', wie meine Brüder und meine Eltern aus der Welt gegangen sind.«

»Ich will dir schon helfen. Drum denk jetzt nicht dran. Du bist halt ein Prachtweible. Eine andre hätt' gewiß gesagt: Nimm dich in acht und laß dich nicht verleiten! man vergißt gar bald, wo man herkommen ist. Du kennst mich aber, und du gunnst mir was Gutes, und du hast nicht bang, daß ich dir dein' Sach verthu'.«

»Mein Sach? Es ist alles so gut dein wie mein. Du weißt, was mein Ehrenschmuck ist, aber du mußt auch nie vergessen, daß du jetzt ein Großbauer bist.«

»Und meine Kinder sollen nicht vergessen, was ihr Vater gewesen ist. Und wenn ich zehn Teile machen muß, ich will sie schon so herrichten. daß ein jedes glücklich und zufrieden sein kann.«

*           *
*

Am Allerseelentag brennen auf dem Kirchhof neun Lichter ganz nahe bei einander, es sind die für den Furchenbauer, seine Frau und seine Kinder. Dominik und Ameile knieen mit ihren Kindern betend dabei, und erst wenn die Lichter verlöscht sind, kehren sie heim in ihre Behausung, wo einst so viel Leidenschaft und Jammer war und jetzt ein stiller Friede waltet.

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