Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band. - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

Flüchtig eingeholt und abermals davon.

Als Ameile mit dem Kind an der Hand in die Stube trat, wie erstaunte sie, den Dominik hier zu sehen; er stand neben Vinzenz, gerade dort an der Kammerthür, wo sie im Ringen um ihn niedergefallen war. Sie wußte sich jetzt nicht anders zu helfen, als sie nahm das Kind auf und umhalste und küßte es mit Inbrunst.

»Wo ist der Alban?« hieß es allgemein. Man suchte, man rief im ganzen Hause, nirgends eine Antwort, nirgends eine Spur. Man setzte sich zu Tisch, der Platz Albans blieb leer.

Der Bauer aß fast gar nicht, er schärfte sich immer die Lippen mit den Zähnen. Hätte nicht wieder das Kind bei Tische gesprochen, man hätte keinen Laut gehört.

Als abgegessen und gebetet war, sagte der Bauer zu Dominik:

»Ich muß dir's noch einmal sagen, deines Bleibens ist nicht da. Ich brauch' dich nicht.«

»Aber der Vinzenz hat gesagt, ich soll bleiben, und ich geb' nicht, bis ich mit dem Alban gesprochen hab',« erwiderte Dominik. Der Bauer atmete rasch auf und warf dabei den Kopf zurück, aber er hielt an sich, und in diesem Augenblicke erschrak alles im Hause: eine Kutsche fuhr in den Hof. Kommen schon die Gerichtsleute, und wer hat sie geholt?

Spitzgäbele stieg aus und nach ihm zwei fremde Männer. Das waren keine vom Gericht. Der Furchenbauer ging ihnen entgegen . . .

Die Welt geht ihren Gang fort in Handel und Wandel, mag Wirrnis da und dort herrschen. Spitzgäbele brachte die beiden Männer, die Aepfel einkauften. Auf dem landwirtschaftlichen Bezirksfeste hatte der Furchenbauer eine große Masse davon versprochen, und wie kam jetzt die Erfüllung zur Unzeit! Der Furchenbauer that freundlich und unbefangen; und doch brannte es ihm im Innern. Er hatte gedacht, seinen Alban zu befreien, er hatte sich doch übereilt, und jetzt konnte er es vor den fremden Menschen nicht. Wer weiß, was der wilde, nun doppelt verhetzte Bursch im ersten Augenblick anfängt?

Der Furchenbauer mußte im wahren Sinn des Wortes in einen sauren Apfel beißen und zwar in mehr als einen: er mußte seine Frucht proben und proben lassen, er mußte die Männer im Garten, in den Scheunen geleiten und zuletzt in die Stube führen, und Spitzgäbele ließ nicht ab, bis der Furchenbauer den fremden Herren zeigte, was für einen guten Tropfen ein Oberländer Bauer im Keller hege. Glücklicherweise war der Weinkeller ein andrer als der, darin der Gefesselte lag. Spitzgäbele war auch eine Art Patriot, er machte sich stolz damit, den fremden Herren zu zeigen und zu erklären, was hier zu Lande ein Bauer sei. Wie war es dem Furchenbauer zu Mute, als er jetzt seinen übermäßigen Reichtum und den Segen der geschlossenen Güter preisen hörte, und wie bei einem solchen Bauer »die Zeinsle singen«, denn man nennt Zeisige und Zinsen Zeinsle. Es wurde Nacht, bevor Spitzgäbele mit seinen Herren davon fuhr, sie hatten hier gegen 400 Simri Aepfel eingekauft.

Während der Furchenbauer mit den Fremden zu thun hatte, stand Ameile wieder bei Dominik im Garten.

»Ich hab's gewußt, daß du kommst, du hast müssen kommen,« sagte sie nach den ersten Begrüßungen. »O Dominik! Wie sieht's bei uns aus. Ich thät' sterben vor Gram, wenn ich nicht dich hätte. Laß dich nur nicht verscheuchen, du mußt da bleiben; ich muß einen Beistand haben, es kann jeden Augenblick auch gegen mich losgehen. Du bist mein' Hilf' und mein' Zuflucht und mein alles.« Natürlich war Alban bald der einzige Gegenstand des Gesprächs. Ameile konnte sich gar nicht erklären, wohin er verschwunden war; die Mutter glaubte, daß er nach der Stadt vor Amt sei; sie aber habe ihr nicht gesagt, wie sie in seiner Kammer nachgesehen, da seien all seine Kleider, und er sei nicht ein solcher, der unordentlich in die Welt hinaus laufe. Sein Gesangbuch sei aufgeschlagen, und weinend sprach sie die Ahnung aus, daß sie fürchte, Alban habe sich ein Leides angethan, er habe am Sonntag, als sie allein mit ihm war, so viel vom Tode gesprochen. Dominik beruhigte sie, soviel er vermochte, und die frische Stärke des Gemütes, die er heute erst in sich erweckt, sowie der Umstand, daß er allein nicht erhitzt von dem Gehetze der vergangenen Tage aus der Ferne eine gewisse Ruhe mitbrachte, alles das übte endlich einen beschwichtigenden Einfluß auf Ameile. Dennoch war es Dominik nicht wohl dabei, und er sagte, er wolle auf den Hellberg gehen, Alban sei gewiß dort bei der Vreni.

Beruhigt mit dieser Auskunft ging Ameile nach dem Hause und Dominik nach dem Hellberge.

Zum Nachtessen kam Dominik nicht in die Stube, Ameile brachte ihm Speise in die Stallkammer und hörte, daß Alban seit zwei Tagen nicht auf dem Hellberge gesehen worden sei.

Der Vater war heute voll Unruhe und brummte immer in sich hinein. Er schickte alles früh zu Bett, aber Ameile konnte nicht schlafen und hörte jeden Tritt . . .

Als alles still im Hause war, schlich der Vater nach dem Keller. Er versuchte es, jetzt die Säcke und das Faß von der Fallthüre zu wälzen, aber die Kraft versagte ihm, er setzte sich ermattet nieder und rief: »Alban!« Keine Antwort. »Alban, ich bin's, dein Vater ruft.« Immer noch lautlose Stille. Dem Vater standen die Haare zu Berge. Hätte sich Alban ein Leid angethan? Kam er zu spät? Mit bebender Stimme rief er: »Alban, du bist mein gutes Kind, Alban, sei fromm und brav, thu' mir das nicht an, es stoßt mir das Herz ab. Alban, du bist ein Schandbub', du bist nicht wert, daß man dich erwürgt. Alban, gib Antwort, sei brav, sei brav, ich will dir ja alles, alles thun, gib Antwort –«

»Was wollt Ihr thun?« rief eine Stimme von unten, und der Bauer atmete frei auf. Alban lebte. Er antwortete lange nicht, und erst auf die wiederholte Frage von unten sagte er:

»Du wirst jetzt einsehen, daß ich recht hab', du mußt's einsehen, du hast dich im stillen besonnen. Guck, ich könnt' ja warten, ich könnt' ja gar nicht abgeben, so lang ich leb' und mein Testament machen, und das muß dann gehalten werden, und das müssen die Gerichte schützen; aber ich will nicht, auch nach meinem Tod sollen die Amtsleut' sich nicht in meine Sach' mengen, und ich möcht' auch noch meine Kinder verheiratet und auch noch Enkel sehen. Ist das ein schlechter Vater, der das will? Sag', willst du allem folgen, was ich thu?«

»Nein.«

»Dann siehst du das Tageslicht nicht, bis du anders wirst.«

Der Bauer erhob sich und schlich wieder langsam die Treppe hinauf in seine Schlafkammer . . . . .

Sie nahm ihre Kleider in ihren Arm
Und ging wohl zu der Scheuer.

Das Wort aus dem Lied erneuert sich. Aus dem ersten Schlaf wurde Dominik geweckt. Ameile rief ihm. Sie hatte des Vaters nächtigen Gang belauscht und kam jetzt, Dominik das Gräßliche zu künden, was sie vernommen; sie sprach so verwirrt, daß Dominik sie nicht recht verstand, sie bat ihn, ihr zu helfen, die schweren Lasten von der Fallthüre wegzunehmen, und so viel stellte sich endlich heraus, daß Alban gefangen war. Ameile wollte, daß man ihn insgeheim befreie, aber sie staunte, als Dominik sagte:

»Nichts geheim! Dein Vater muß wissen, was wir thun. Er darf uns nicht wehren. Das ist unmenschlich! Er muß froh sein, daß wir nicht unter die Leut' bringen, was er thut. Jetzt haben wir ihn in der Hand, jetzt muß er thun, was wir wollen. Komm, Ameile.«

Nur wie ein flüchtiger Blitz erkannte Ameile, welch ein kräftiger Mut in Dominik erwacht war. »Du bist unser aller Heil,« rief sie, und seine Hand festhaltend eilte sie mit ihm nach dem Hause.

Dominik weckte alles mit lauter Stimme, als er Alban aus dem Keller rufen hörte. Der Vater, die Mutter und Vinzenz kamen herbei, und Alban stieg aus dem Keller empor und starrte sie an wie ein vom Tod Auferstandener.

Dominik hielt den Alban in seinen Armen und sagte: »Thu' nichts, was Gott verboten hat, die Hand, die sich gegen den Vater erhebt, wächst aus dem Grabe.«

Alles war still, der Furchenbauer trommelte mit den Fingern auf dem Faß.

Die Mutter umhalste ihren geliebten mißhandelten Sohn, und jetzt hörten die Kinder ein entsetzliches Wort aus ihrem Munde gegen den Vater.

»Du bist ein Untier und kein Mensch,« rief sie ihm zu.

Man ging nach der Stube, die Mutter wusch dem Alban selbst die Hände und das Antlitz und trug ihm Essen auf. Der Vater wollte aus allem einen Scherz machen, Alban redete kein Wort; er aß ruhig und ging dann mit Dominik schlafen.

Als ihm Dominik den gutmeinenden Plan des Vinzenz darlegte, lachte er vor sich hin.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.