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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band. - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Eine neue Freundschaft geknüpft und eine alte Liebe zerrissen.

Im obern Saale des Apostels hielt unterdes der Domänenrat eine sehr geschickte Rede; er sagte, es sei noch ein wichtiger Gegenstand auf der Tagesordnung zu erledigen, er glaube aber allgemeiner Beistimmung sicher zu sein, wenn er voraussetze, daß ein andrer Gegenstand noch viel dringender, und das sei, daß man vorher esse. Alles schrie durcheinander: »Jawohl! Bravo!« und manche riefen vorzeitig: »Der Herr Domänenrat soll leben hoch, und abermals hoch.« Es war eben eine Versammlung der materiellen Interessen, und jeder beeilte sich, einen guten Platz dafür zu erlangen. Der Furchenbauer erhielt seinen Platz zwischen Spitzgäbele und dem Hirzenbauer.

Die Oberamtmännin kam und bat in wohlwollenden Worten, daß Ameile bei ihr sitzen dürfe. Der Furchenbauer willfahrte mit doppelter Freude, denn das war nicht nur eine hohe Ehre, sondern auch ein Gegengewicht gegen seine vertrauliche Nachbarschaft mit dem Hirzenbauer, der als unbezwinglicher Radikaler bekannt und von den Beamten übel angesehen war.

Die Oberamtmännin hatte seit dem Betreten der Tribüne Ameile nicht mehr von ihrer Seite gelassen, sie erkannte bald ein Liebesverhältnis zwischen der Bauerntochter und dem Knechte, und die überraschende Preisübergabe bestätigte dies vollkommen; sie liebte jetzt Ameile, denn in dem, was sie unwillkürlich gethan hatte, sah die Oberamtmännin einen unmittelbaren Herzenstakt, und sie bewunderte den sichern Mut desselben, der eine scheinbare Demütigung des Geliebten in eine Erhöhung verwandelte. Die Oberamtmännin war eine Frau von tiefem idealem Streben. Während ihr Mann allezeit über die Roheit der Menschen und die Rauheit der Gegend zu klagen hatte, in deren Mitte er versetzt war, verklärte die Oberamtmännin gern alles mit einem idealen Schimmer; sie erquickte sich an der Zutraulichkeit in dem Wesen der Menschen, und manche Bergschlucht, die man bisher nur als eine unwirtliche Stätte gekannt, wo man nicht einmal das Holz fällen und thalwärts bringen könne, entdeckte sie als ein heimliches Naturheiligtum voll romantischen Zaubers, dahin sie oft wallfahrtete und zum Staunen der Umwohnenden auch andre Städter beredete. Auf solchen Wanderungen trat sie oft in einsame Bauernhöfe und Häuslerhütten ein; sie hatte das Bedürfnis, auch den Menschen nahe zu kommen, aber es gelang ihr nicht. Bei dem landwirtschaftlichen Fest leistete sie immer gern Beistand, und doch kehrte sie jedesmal unbefriedigt von demselben zurück; sie verkannte die Notwendigkeit der materiellen Debatten nicht, aber es fehlte doch gar zu sehr an Schönheit und Innigkeit. »Unsrer Zeit,« klagte sie einst ihrem Mann, »ist der weltlich-religiöse Geist der öffentlichen Naivität abhanden gekommen. Wir können uns kaum mehr denken, daß einst die Männer in Griechenland Thyrsusstäbe schwangen und sich das Haupt bekränzten, und daß sie in Kanaan Palmenzweige schwangen; wir schämen uns jedes äußern Zeichens der Lust, höchstens wagt man es noch, Kinder zu bekränzen, oder stecken Jünglinge einen grünen Zweig auf den Hut.«

Der Oberamtmann, der in seinem häuslichen Kreise nicht ungern zarte Empfindungen hegte, hatte seine Frau zu überzeugen gesucht, daß die Gebildeten keine Festesattribute für das Volk aufbringen können, und die Oberamtmännin hatte trotz ihrer übergreifenden Wünsche innere Kraft genug, das, was sich nicht äußerlich und allgemein darstellen ließ, in einer innerlichen Beziehung und bei einzelnen zu suchen und sich von keiner Herbheit abstoßen zu lassen.

Die Oberamtmännin stand noch unter dem Einflusse der Nachwirkung, daß sie sich einst öffentlich lächerlich gemacht hatte: sie war eben in dem Gedanken, daß den Vereinigungen der neuen Zeit aufs neue Schmuck und Zier gegeben werden müsse, mit Blumen und Aehren auf dem Haupte erschienen. Sie erfuhr bald den Fehlgriff, den sie begangen und dessen Folgen nicht so bald schwanden, aber sie war ehrlich und stark genug, nicht aus Empfindlichkeit fortan ihren innersten Bestrebungen untreu zu werden. Heute nun hatte sie gewonnen, wonach sie so lange trachtete: Ameile war ein holdes, frisches Naturkind, und noch dazu verklärt durch eine fast tragische Liebe. Anfangs wurde Ameile fast erschreckt durch die übermäßige Zuthulichkeit und Freundlichkeit; ein Bauernkind kann es nicht fassen, warum ein Nichtverwandtes, und noch dazu ein Höhergestelltes sich ihm vertraulich zuneigen soll. Die Oberamtmännin erkannte das sozusagen Rehscheue in dieser Natur, und sie erzählte nun, daß sie auch einen ledigen Bruder habe, der Landwirt sei. Ameile lächelte bei dieser Mitteilung, es lag etwas Schmeichelhaftes darin, wenn sie das auch innerlich ablehnte; sie sagte aber nur:

»Er hat gewiß aber auch so feine Händ' wie die Frau Oberamtmännin?«

Hieran knüpfte sich nun ein immer weiter gehendes vertrauliches Gespräch, und die beiden Frauen, so verschieden in Bildungsstufe und Lebensanschauung, wurden immer vertrauter miteinander.

Man wird es immer finden, daß edelsinnige Frauenherzen, wenn sie durch sich selbst oder durch äußere Bedingungen über gewisse Begrenzungen hinausgehoben sind, sich bei rascher Begegnung leicht aneinander anschließen, die gesellschaftlichen Unterschiede und Schranken, sowie die starren Besonderheiten von Beruf und Gesinnung, die den Mann kennzeichnen, fallen bei Frauen oft leichter weg; der Lebenskreis hat trotz aller Verschiedenheit doch wieder im wesentlichen ein Gleichartiges. Die Oberamtmännin verstand das herauszufinden, und bald erzählte ihr Ameile mit bewegter Stimme das Leben auf dem väterlichen Hof und – da es doch schon in der Welt bekannt war – den Zerfall mit Alban.

»Ihr solltet euch an meinen Mann wenden,« schloß die Oberamtmännin, »der würde die Sache gütlich ins reine bringen.«

»Das geht nicht, Gott behüte, das geht nicht,« entgegnen Ameile.

»Und warum? Mein Mann ist die beste Seele.«

»Glaub's wohl, aber das geht nicht, das thät' ich nicht leiden, nie. Was für zwei ist, ist nicht für drei, hat mein' Mutter im Sprichwort. Es ist schon arg genug, daß unser Familienstreit draußen in der Welt herumfährt; das wär' gar noch eine unerhörte Schand', wenn man miteinander vor Amt ging'.«

Dieses starre Festhalten, eine Familiensache nie zum Austrag vor das bestellte Gericht zu bringen, erschien der Oberamtmännin als jene Feindseligkeit, von der sie schon oft gehört hatte, indem man die bestellten Beamten als natürliche Feinde und Widersacher ansieht. Sie seufzte vor sich hin und betrachtete in schweigendem Nachdenken Ameile. Mit welcher Widerspenstigkeit und welchem verschlossenen Trotze hatte das Mädchen jene Worte gesprochen. Wie ist das sonst so offenbar Scheue in diesem Wesen mit solcher schroffen Widersetzlichkeit vereinbar? Ist aber das Scheue nicht gerade eine verhüllende Form der Wildheit und Unzähmbarkeit?

Als die Oberamtmännin Ameile zu Tisch führte, war diese voll Lustigkeit und äußerst gesprächsam; sie bat die Frau Oberamtmännin, auch einmal auf den Furchenhof zu kommen, damit sie ihr die Ehre auch in etwas vergelten könne. Die Oberamtmännin sagte zu, indem sie beifügte, man habe ihr von einer schönen Felsenpartie in der Nähe des Furchenhofes gesagt, die des Geigerles Lotterbett heiße und schroff abginge in einen Waldbach. Ameile bestätigte und sagte aber, es sei ein »wüster Weg« dahin, und es sei auch nichts zu sehen als Felsen und Bäume; sie berühmte dagegen den Wald am Kugelberg, die schönen Wiesen und den Kuhstall, die dürfen sich sehen lassen.

Die Oberamtmännin war nun äußerst heiter und versprach, zum Frühling zu kommen; vorher aber müsse Ameile sie in der Stadt besuchen.

Ameile taute immer mehr auf, und manche kluge Rede kam über ihre runden Lippen; die Oberamtmännin machte heute eine seltsame Erfahrung, denn Ameile sagte ihr einmal zutraulich keck:

»Sie sind so gescheit wie die rechteste Bauernfrau.«

Dieses Lob erschien anfangs ebenso wunderlich als übermütig, bald aber erkannte die Oberamtmännin, daß Ameile sie nach ihrem Herzen nicht besser loben konnte. Der Bauer ist nichts weniger als bescheiden, er traut den Gebildeten und Studierten fast nur verdrehten Verstand zu, weil er sie oft über Dinge entzückt und über andere mit Abscheu erfüllt sieht, die ihm solche Empfindung gar nicht einflößen. Das höchste Lob, was ein Bauer einem aus dem Herrenstande zu spenden vermag, ist, daß er ihm den Lebensverstand zuerkennt; und am Ende kann niemand anders als mit eigenem Maße messen, nur der Freigebildete anerkennt bis zu einem gewissen Grade auch solche Dinge und Anschauungen, die ihm nicht genehm sind.

Auf dieser Erfahrung heraus wurde die Oberamtmännin immer herzlicher gegen Ameile, und ihr anfänglich eigentlich nur allgemeines Interesse wurde zu einem persönlichen.

Während Ameile am obern Tisch viel lachte, war der Vater von Spitzgäbele und dem Hirzenbauer in die Mitte genommen.

Der Furchenbauer hätte sich gern vom Klein-Rotteck zurückgezogen, denn er war ihm innerlich neidisch, weil er sehen mußte, wie dieser zwei Söhne, wovon einer die Eichbäuerin geheiratet hatte, und einen Tochtermann hier bei Tische hatte, während er allein stand; auch hänselte ihn der Klein-Rotteck wiederholt, indem er sagte: »Es nutzt dich jetzt nichts mehr, daß du ein Aristokrat sein möchtest, du hast einmal als Altliberaler ein' Bläß, und das schmiert dir kein' Kanzleitinte zu, und du bist grad so übel angesehen wie ich. Sie haben dich auch nicht zum Geschworenen gewählt, wie mich. Drum wär's besser, du thätest gleich mit uns.«

Wir haben schon oft gehört, daß der Hirzenbauer Klein-Rotteck heißt, und müssen nun auch erzählen, woher das kam; es entstand einfach, daß er in den dreißiger Jahren bei einer Versammlung in Freiburg öffentlich sprach, worauf ihm der berühmte Rotteck auf die Schulter klopfte und sagte: »Ihr könnt so gut öffentlich sprechen wie wir.«

Der Klein-Rotteck war heute in gereizt übermütiger Laune, und es war nicht abzusehen, wohin das führt. Der Furchenbauer hörte ihm nicht zu, als er giftigen Spott über Uniform, Degen und Schärpe des Oberamtmanns losließ. Jetzt aber horchte er doch auf, als er sagte:

»Wenn die Sach' nicht in der Kanzlei angesetzt wär', müßten wenigstens die Dienstboten, die den Ehrenpreis bekommen haben, da mit uns am Tisch sitzen.«

»Und die Kühe und Ochsen auch,« ergänzte Spitzgäbele lachend; der Furchenbauer aber nahm ruhig das Wort und sagte:

»Der Ehrenpreis gehört eigentlich dem Meister, weil er's so lang mit dem Lumpengesindel aushält. Es ist ein wahres Elend, daß man so viel Dienstboten halten muß.«

»Darum zerschlag dein Gut, wie dein Alban will,« schaltete Klein-Rotteck ein; der Furchenbauer hörte nicht darauf, sondern fuhr fort:

»Wenn eines von meinen Dienstboten was verfehlt hat und ich halt's ihm vor, ruhig und streng, darf es sich nicht entschuldigen, das leid' ich nicht, es muß einfach eingestehen: das und das war nicht recht. Es ist verteufelt, wie stockig sie oft sind, und der Dümmste findet noch Ausreden, nur um nicht sagen zu brauchen, ich hab's dumm gemacht, ich bin dumm gewesen; und wenn man einen Dienstboten fortschickt, da sieht man erst, wie galgenfalsch sie gewesen sind –«

»Das mußt du bald wieder erfahren,« sagte Spitzgäbele und zog den Furchenbauer nahe an sich, damit es der Klein-Rotteck nicht höre. Er erzählte nun, wie er es so viel als richtig gemacht habe, daß der älteste Sohn des Scheckennarren das Ameile heirate, aber jetzt sei alles wieder auseinander; ein jedes rede davon, daß das Ameile mit dem Dominik verbandelt sei, und es habe sich ja gezeigt, wie sie ihm den Preis selber übergeben habe. Der Furchenbauer suchte zuerst über das Gerede zu spotten, da kein wahres Wort daran sei; Spitzgäbele erzeigte ihm den Gefallen und that, als ob er der Versicherung glaube, empfahl ihm aber dennoch, weil nun einmal die Rede sei, den Knecht wegzuthun. Der Furchenbauer konnte nicht umhin beizufügen, wie brav der Knecht gewesen sei, daß er ihn vermissen werde und besonders jetzt in der Dreschzeit; dennoch schwur er, daß Dominik ihm noch heute aus dem Hause müsse, und Spitzgäbele empfahl ihm nur, es ohne Aufsehen zu thun. Die beiden sprachen noch viel miteinander, die Musik spielte noch lustig dazu auf, und der Klein-Rotteck hatte sich zu seinem Nachbar gewendet, dem er erzählte, daß er fünf Söhne habe, davon sei der älteste Advokat, der zweite sei gut versorgt, er habe die Eichbäuerin geheiratet, und unter die drei jüngsten teile er sein Gut, es behielte jedes noch genug, um zwei Knechte zu erhalten.

»Weißt mir niemand für meinen Vinzenz?« fragte der Furchenbauer heimlich, und Spitzgäbele erwiderte ebenso:

»Das geht nicht, bis du mit deinem Alban abgemacht hast; das sagt jedes.«

Ohne zu wissen, warum, wendete der Furchenbauer plötzlich seinen Blick nach dem Empor des Saales, wo die Musikanten waren. Hatte ihn der Wein benebelt, oder was war das? Dort schaute ja Alban mit festem Blick auf ihn herab. Er fragte Spitzgäbele, ob er nichts dort sähe, aber dieser sah nichts, es mußte also Täuschung sein. Ameile lächelte vom obern Tisch zu ihrem Vater herunter, dieser erblickte sie jetzt, aber er sah sie finster an.

»Mit Hunden hetz' ich dir deinen Dominik aus dem Haus,« knirschte er vor sich hin.

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