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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band. - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Ein nächtiger Gang, bis daß es tagt.

Der Kühbub hatte Dominik zur Zeit geweckt, und Dominik war bald zur Abfahrt bereit, er war aber entschlossen, mindestens auf dem Hinweg dem ausdrücklichen Befehl des Bauern zu gehorchen; wenn er ihm zuwiderhandelte, wollte er es lieber zu eigenem Nutzen thun und eine halbe Stunde ab des Wegs zu seiner Mutter nach Nellingen zu gehen. Er war darüber noch nicht mit sich einig, als er von der Landstraße ab den Waldweg einschlug. Das Schwärzle brummte vor sich hin, als man in den nächtig säuselnden Wald eintrat, wo die dunkeln Wipfel rauschten, obgleich man keinen Wind verspürte; es stand oft still und nur den freundlichen Ermahnungen oder auch dem Schelten des Dominik folgte es und schritt fürbaß.

Die Gelehrten haben vielleicht nicht unrecht, daß sie den Hennenweg eigentlich Hünenweg nennen, ungeheuerlich genug ist er, und die Felsblöcke und seltsamen Erdwälle, die hüben und drüben sind, können wohl für Hünengräber gelten; die Volksmeinung aber bleibt dabei, der Weg gleiche einer Hühnersteige, und darum heißt er der Hennenweg. Das Schwärzle, einmal im frischen Lauf, konnte klettern wie eine Ziege, und das war natürlich; das Schwärzle war von echter Schwyzerrasse, die Mutter war unmittelbar aus dem Appenzell gekommen, und unter der Obhut des Dominik war das Schwärzle aufgewachsen und so gediehen, daß ihm der Preis nicht fehlen konnte. Wie ein Hund seinem Herrn, folgte das Schwärzle dem Dominik, und erst als man auf der Anhöhe war, hielten beide an, Dominik stopfte sich eine Pfeife, und das Schwärzle fand in der Nacht ein taufeuchtes Maulvoll Gras am Wege, das war für den Hunger und für den Durst. »Vorwärts in Gottes Namen,« sagte jetzt Dominik, und mit einem schnell erhaschten Vorrat für den Weg folgte das Schwärzle. Dominik fürchtete weder Gespenster noch lauernde Uebelthäter, aber der Ruf, den er vorhin gethan, erlöste ihn doch von einem gewissen Gefühl der bangen Einsamkeit, und dabei schlug er sich an die Hüfte und überzeugte sich. daß sein im Hirschhorngriffe feststehendes Messer dort sicher ruhte. Der Meister hatte recht, der Weg war von jetzt an bequem und lind, er zog sich auf einem Walddurchschlag hin, aus dem bis zum Jahre 1848 die gräflich Sabelsbergischen Schafe weideten, das Gras war jetzt in die Höhe geschossen, denn der Furchenbauer hatte sich nicht entschließen können, nach dem Rate Albans selber Schafe einzuthun, und eine mehrmalige Ausschreibung der Schafweideverpachtung hatte bis jetzt zu keinem Erfolge geführt. Dominik dachte in sich hinein, wie manches Erträgnis doch auch auf solch einem großen Bauernhofe verloren gehe, er dachte, wie es einem rechtschaffenen Knechte zukommt, zunächst an den Vorteil seines Meisters, dann aber auch an sich selber [zu denken]; er verstand die Schäferei, und hätte er nicht sein ganzes Geld an Alban verliehen gehabt, er hätte sich selber Schafe eingethan und den Weidgang gepachtet. Es gibt ja hier zu Lande viele Eigentümer von Schafherden, die keinen Grundbesitz haben. Dominik war in die Jahre getreten, wo er allzeit ausschaute nach einem selbständigen Anwesen, und sei es auch noch so klein. Er gedachte jetzt, wie manches von einem großen Hof doch noch ganz anders ausgenutzt werden könnte, wenn es in fleißige Hand gegeben wäre, die nur das allein hätte. Immer kam Dominik wieder auf die Ueberlegung zurück, wie es einem noch so Fleißigen hier zu Lande nicht möglich sei, etwas vor sich zu bringen. Drüben im Gäu, wo es wenig geschlossene Güter gibt, die auf ewige Zeiten in einer Hand bleiben, da ist es einem sparsamen Knecht, der von Haus aus nichts hat, doch möglich, mit der Zeit ein gut Stück Feld zu erwerben, er heiratet noch etwas dazu, und wenn die Gemeinde sieht, daß das junge Paar fleißig und sparsam, läßt sie ihm bei einem schicklichen Kauf die Vorhand, und nach und nach zahlt man jedes Jahr ein Ziel ab und hat mit der Zeit ein schönes Bauerngütle, und die Aecker sind alle das Doppelte wert. Hier zu Land aber ist Grund und Boden in fester Hand, und es bleibt nichts, als Häusler werden und wie der Spatz auf dem Dach leben. Das aber wollte Dominik nicht, lieber ledig sterben; er hatte im elterlichen Hause zu bitter erfahren, welch ein elendes Leben das ist.

An einer starken Lichtung, die jetzt am Wege war, erkannte Dominik den Grenzstein vom Gute seines Herrn. Wer wird doch noch recht behalten? Alban oder der Vater? Wer weiß, es kann noch bös werden, zwei harte Mühlsteine mahlen nicht gut, sagt das Sprichwort. Es raschelte etwas im Walde, das allgemein bewaffnete Jahr muß doch noch nicht alles Wild weggepirscht haben, das Schwärzle brummte leise und drängte sich näher an Dominik. Gen Morgen zeigte sich allmählich ein lichteres Grau, die Nebel senkten sich, das Schwärzle begrüßte durch lautes Schreien den jungen Tag. Ein Rabe hockte noch verschlafen auf einem Baumast, er hat den Kopf unter den Flügeln, jetzt erwacht er, schüttelt sträubend sein Gefieder, öffnet den Schnabel wie gähnend und fliegt krächzend waldaus. Ein enges grünes Thal thut sich auf, über den Waldbergen jagen die Nebel in zerrissenen Wolken dahin, die Elstern schnattern und fliegen von Baum zu Baum, auf einem blätterlosen Kirschbaum klagt der Fink regenverkündend: es gießt! es gießt! und hoch oben schwebt ein Raubvogel, es ist die Hühnerweihe, sie stößt ihr jauchzendes Geschrei aus: Gujah! Gujah! Hähne krähen, Hühner gackern, der Taktschlag der Drescher tönt herauf, das ist das arme, von Waldarbeitern bewohnte Dorf Klurrenbühl, aber man sieht nichts davon, alles ist in Nebel gehüllt, die Wälder tauchen daraus auf, eine heisere Morgenglocke ertönt wie weit verloren, jetzt erscheinen die Häuser des Dorfes, bis zur Dachfirste, hell und darüber die Nebelwolken, von den Bäumen am Weg tropft es leise, die breiten Blätter des Kohls tragen schwere Tropfen, die manchmal in der Mitte des Blattes, wie voneinander angezogen, zusammenrinnen, und je näher sie sich kommen, immer hastiger. Da und dort fällt ein einzelner Apfel schwer vom Baume. Dominik hatte für alles Aug' und Ohr, denn er wünschte sich doch einen hellen Tag, heute, da er und das Schwärzle gekrönt würden. Als er jetzt am ersten Haus unter dem Geläute der Glocke, die so armselig und wie bescheiden bittend ertönte, den Hut abzog, mischte sich in sein Gebet der Dank, daß er nicht dazu bestimmt sei, in einer Einöde, wie dieses Dorf war, sieben Stunden hinterm Elend, wie man sagt, sein Leben zu verbringen; er war auf dem Furchenhof an Besseres gewöhnt. Lieber lebenslang auf dem Furchenhof, als Bürger in so einem armseligen Nebenausorte, dachte Dominik. Auf einem »abscheinigen« Hauswesen bauern, wo einen die Schulden morgen wie der Wind wegblasen können – da ist Knecht sein besser, und doch: ein eigen Leben geht wieder über alles.

Im Dorfe zeigte sich schon frühes Leben, dort ging einer mit der Peitsche knallend, gleichsam sich und die Tiere erweckend, nach der Stallthüre, dort öffnete sich eine Stallthüre von innen, und die Kühe schreien – der hat seinen Tieren schlecht über Nacht aufgesteckt; ein Mann, der in dürftigem Kleide über die Straße ging, schaute den Dominik verwundert an und vergaß, seinem freundlichen Gruße zu danken. Wer weiß, mit welchen bösen oder traurigen Gedanken der seinen Tag anfängt. Auf einen Ehrenpreis hofft der wenigstens heute nicht. Diese Aussicht, die gestern den Dominik noch grimmig gemacht, ward ihm jetzt im frischen Morgen zu einer lichten Freude; er fühlte sich so lustig wie seit lange nicht, und etwas andres konnte es doch nicht sein. Mit frischer Kraft wanderte er, das Schwärzle am Seile führend, dahin, und selbst das wohlbekannte Tier erschien ihm jetzt so schön, wie noch nie. Wie prächtig schwarz war die Farbe, die durch einen kaum merklich lichteren Streif auf dem Rücken noch gehoben war; nur wenig überbaut, wie war es so fest und doch fein, der Kopf mit den weißen Hörnern, dem weißen Maul und den hellen Haarbüscheln in den Ohren – wie verständig sah das Tier aus.

Es mag wohl von dem ehemaligen Hirtenleben des Dominik herkommen, daß er nie ein rechtes Auge für die Schönheiten des Pferdes hatte, um so mehr aber für die des Rindviehs, und er erquickte sich wahrhaft daran.

»Du verdienst auch den Preis,« sagte Dominik fast laut, dem Tier auf den Bug klatschend, »friß jetzt nicht, du kriegst was Besseres, ich vergeß dich nicht, wenn ich was zu mir nehm'.«

Das Schwärzle schien aber eine Vertröstung auf die Zukunft nicht zu verstehen, es bog den Kopf noch mehrmals nach dem Gras am Wege, und Dominik mußte es kurz halten.

Auf den Wiesen wurde es nun lebhaft. Die Kühe, die den ganzen Sommer im Stall gehalten wurden, sprangen jetzt auf der Weide lustig klingend hin und her, und die Hütenden rannten hin und wieder, knallten und jodelten und sangen bei dem Feuer, in dem sie ihre Kartoffeln brieten. Dominik gedachte, wie auch er einst ein armer Hirtenbub war, und jetzt hatte er's doch so weit gebracht. Dieses stete Untersichschauen, dieses beständige Erwägen, was er einst gewesen und wie weit er's gebracht, machte ihn weniger kühn und mutig und mehr bescheiden und demütig, als eigentlich seine Natur mit sich brachte. Jetzt sang ein Hirtenbub dasselbe Lied, das Ameile gestern ihm nachgesungen, und das Antlitz des Dominik erleuchtete plötzlich in Freude.

Nun wußte er's: nicht der Ehrenpreis war es, der ihn so innerlichst fröhlich machte, das Lied lag ihm im Sinn, und weiterschreitend, sang er:

»Schätzele, Engele,
»Laß mi e wengele –«
»»Schätzele, wasele?««
»Nur mit dir basele.«

Das Lied verließ ihn auf dem ganzen Weg nicht mehr und hob seine Schritte und lachte ihn aus mit all seinem Denken und gab ihm auf alles Antwort.

Ich bin neun Jahre älter als das Ameile – das ist ja kein Fehler, das ist ja grad recht . . . Das Ameile ist ein anvertrautes Gut von meinem Herrn, ich darf nicht falsch damit gegen ihn sein – er muß dir noch Dank sagen, daß du ihm so einen rechten Tochtermann gibst. Was fehlt dir denn zu einem rechten Bauer als Geld und Gut? Und das hat sie . . . Ich mag mich nicht so hoch versteigen, ich plumps' sonst so arg 'runter – das ist Feigheit von dir, und du wirst's bereuen, wenn's zu spät ist. – Es war merkwürdig, wie sich in Dominik alles Red' und Antwort gab, als wären zwei Seelen in ihm, und das war wohl auch, denn er trug Ameile im Herzen. Schon vor elf Jahren, als der Hirzenbauer von Nellingen, der Klein-Rotteck genannt, dem Dominik den Dienst auf dem Furchenhof verschaffte, schon damals gewann der hochaufgeschossene Bub das kleine Kind besonders lieb. Ameile stand am ersten Abend am Brunnen und schaute Dominik zu, der sich die Hände wusch; das Kind aß von einem großen Apfel, den es mit beiden Händen hielt, es mochte den zutraulichen Blick des Dominik, der nach ihm umschaute, wohl anders deuten, denn es trat auf ihn zu, streckte ihm den Apfel entgegen und sagte: »Beiß auch ab.« Dominik war selber noch kindisch genug, um mit diesem Anerbieten soweit Ernst zu machen, daß das Kind eine Weile verblüfft auf seinen so sehr verminderten Apfel sah, dann aber doch wieder Dominik anlachte. Von jenem Abend an hatte Dominik eine besondere Liebe zu dem Kinde und suchte ihm auf jede Weise Freude zu machen. Im Winter trug er es oft den größten Teil des Weges auf seinen Armen nach der eine Stunde weit entfernten Schule, und wenn Schneebahn war, führte er es auf einem Handschlitten. Als Dominik Soldat werden mußte und nach halbjährigem Verweilen in der Garnison wieder in seinen alten Dienst zurückkehrte, gewahrte er plötzlich, daß das Kind eine Jungfrau zu werden begann. Der Abstand ihrer Lebensverhältnisse wurde ihm immer klarer, und selbst in die Herzen voll Einfalt finden oft verschlungene, sich selbst verhüllende Gedanken ihren Weg. Dominik war jung genug, daß ihm die unverkennbare Liebe Ameiles die tiefste Seele erquickte; er lächelte oft still vor sich hin, aber wenn er Ameile begegnete, ihr etwas zu bringen oder zu sagen hatte, machte er immer ein finsteres, ja fast zorniges Gesicht und war wortkarg, er bangte vor dieser Liebe, die ihm nur Unglück bringen konnte, er wollte sie bezwingen, aber es gelang ihm nicht. Da fand sich eine glückliche Aushilfe; nicht um seinetwillen, sondern um Ameile mußte er jede Neigung ausreißen und zerstören, das gute harmlose Kind, das durfte nicht ins Elend kommen, es mußte behütet und beschirmt werden. Dominik erschien sich groß in dieser Entsagung um der Geliebten willen, die ihm jetzt zu gelingen schien; er war nun auch oftmals freundlicher gegen Ameile, nur um ihr zu zeigen, wie gut er's mit ihr meine, und bald schien es wieder, daß sie von allem nichts wisse, sie war allezeit gleich fröhlich und behend, lustig wie ein Vogel auf dem Zweige. Dominik deuchte es, daß er sich getäuscht habe; er hatte mit Schmerzen und Kämpfen eine Liebe ausgerottet, die gar nicht da war. Und so seltsam ist das Menschenherz: statt daß Dominik sich dabei beruhigte und zufrieden war, daß alles sich fügte, wie er wünschen mußte, wollte er jetzt mindestens eine Erkenntlichkeit für seine Aufopferung, und er sagte es einst Ameile, was er für sie gethan. Ameile stand betroffen dabei und redete kein Wort. Wochenlang sah sie ihn kaum an, wenn sie ihm begegnete, und huschte vorbei, als fliehe sie vor ihm. Hatte Dominik erst geweckt, was er töten wollte? Es schien nicht der Fall. Einstmals sie ihm nicht mehr ausweichen konnte und er sie fragte, warum sie trotzig gegen ihn sei, sagte sie mit keckem Antlitz lächelnd:

»Es hat einmal einer einen Bärenpelz verkauft, ehe er den Bären geschossen hat.«

»Wie? Was meinst?«

»Es hat einmal einer ein Mädle aufgegeben, bevor er's gehabt hat. So ist's.« Der Mädchenstolz schien beleidigt, daß eine Liebe preisgegeben wurde, um die noch gar nicht geworben war. Wollte sie ihn zurückweisen, wenn dies geschehen war? Ameile schien nun ein grausames Spiel mit Dominik zu treiben, sie ging allezeit trällernd und lachend umher, und die Natur selber mußte ihr helfen, denn sie wurde mit jedem Tag schöner und liebreizender. Wo sie nur konnte, hänselte sie den Dominik, und die Mutter selber schalt sie oft darüber, der Vater aber hatte seine heimliche Freude an dem lustigen Kind und seinen Scherzen, und es war nicht uneben, als er einmal sagte: »Sie ist grad wie ein Kanarienvogel, je mehr Lärm und Untereinander im Haus ist, je lustiger ist sie, grad wie ein Kanarienvogel, der schlagt auch immer heller, wenn's recht toll hergeht in der Stub'.« Auch Dominik hatte nach dem anfänglichen Aerger seine Lust an dem Uebermut Ameiles, es wäre ihm gar nicht lieb gewesen, wenn sie ihn nicht geneckt hätte, sie lachte und jauchzte dabei so grundmäßig; und daß sie gerade immer mit ihm anheftelte, war kein böses Zeichen. Er gab sich nun selber manchmal zum besten und bot Ameile oft Gelegenheit, über ihn zu lachen.

Auf dem einsamen Furchenhof war damals eine Bewegung der Gemüter, wie sie sich nur selten aufthut, und in Stube und Stall und Scheune sagte man einander, daß es gewiß nirgends lustiger hergehe. Man wußte nicht und wollte nicht wissen, was denn eigentlich vorging und warum jedes am Morgen so fröhlich aus dem Schlafe sich erhob, man fragte nicht danach und konnte es nicht sagen, und das ist die beste aus innen quillende Freude. So viel aber wußte doch ein jedes, daß Ameile der Mittelpunkt aller Lustbarkeit war. Selbst der alte Furchenbauer, der eine gewisse finstere Miene nie ablegte, konnte sich des Einflusses der »Blitzhexe«, wie er Ameile auch bisweilen nannte, nicht erwehren, und es war doppelt zum Lachen, wenn man sah, welche Mühe er sich gab, bei den losen Streichen und Reden Ameiles seine ernste Miene zu bewahren, wie es aber innerlich zuckte und er am Ende doch nicht anders konnte, als laut auflachen. Oft an Winterabenden, wenn der Vater im Stüble saß und den Wälderboten studierte, während Ameile mit dem Gesinde in der großen Stube spann und allerlei Kurzweil trieb, hörte man bei einer neckischen Rede Ameiles den Vater drin im Stüble laut lachen.

Als Dominik jetzt auf seinem Gang an diese Zeiten und besonders den siebenundvierziger Winter dachte, leuchtete die Heiterkeit von damals wieder auf seinem Antlitz.

Als im Vorfrühling darauf Alban aus der Fremde heimkehrte, trat plötzlich mit ihm ein andrer Geist ein. Ein Angehöriger und doch vielfach fremden Wesens war auf den Hof gekommen. Man hatte heiter und erfüllt gelebt in seiner Abwesenheit, und es war, als ob jedes gewaltsam Raum schaffen müsse für das Gebaren des neuen Ankömmlings, der so zu sagen der zweite Meister war und alsbald überall zugriff.

Mit Ameile ging eine besondere Veränderung vor, sie betrachtete den Bruder oft mit staunender Verehrung und glühte vor Entzücken, da ihr Alban stets mit etwas fremder und so zu sagen höflicher und doch wieder brüderlicher Zutraulichkeit begegnete.

Bald nach der Ankunft Albans hatte auch jene Bewegung begonnen, die so wunderbar die ganze Welt umstellte. Hand in Hand geleitete oft Ameile ihren schönen und so vornehmen Bruder hinab ins Thal zu den Waffenübungen, sie blieb mit der Mutter in der Ferne am Käppele stehen und sah ihm zu, und ihr Herz lachte vor Freude. Hundertmal wünschte sie sich im Scherz und Ernst, auch ein Bursche zu sein, und klagte, daß bei der neuen Welt gar nichts für die Mädchen herauskäme. Dominik war mit unter den Bewaffneten, aber er wußte, daß Ameile nicht seinetwillen auf der Anhöhe stand und unverwandten Blicks herabschaute; sie hatte nur ein Auge für ihren Alban. Dominik war innerlichst eifersüchtig auf diesen, aber er durfte sich's nicht merken lassen, und bald hatte er keinen Grund mehr dazu. Die Hinneigung Albans zu Vreni ward sichtbar, und Dominik schöpfte daraus neue, wenn auch unbestimmte Hoffnung, aber die Welt war ja jetzt eine andre, alle Menschen waren Brüder, und noch leichter, als Alban die Vreni heimführte, konnte der Knecht des Bauern Tochter gewinnen. Ameile schloß sich fortan mit klugem und gutem Herzen der Vreni an, sie konnte dem Bruder ihre Liebe nicht besser erweisen, und als Alban einst in militärischer Weise den Dominik Kamerad nannte, sagte Ameile:

»Dem Dominik gönn' ich's am ehesten, daß er dein Kamerad ist.«

Dennoch war Ameile äußerst zurückhaltend, und wollte Dominik sich ihr nähern, hatte sie immer eine scherzende Abweisung. Als der Zerfall zwischen dem Vater und Alban eingetreten war, wurde Ameile oft still und in sich gekehrt, und einmal sagte sie zu Dominik:

»Es ist doch recht, daß du mich schon lang aufgeben hast, dabei wollen wir auch bleiben.«

Fortan verhielten sich Dominik und Ameile so, als ob nie etwas zwischen ihnen vorgegangen wäre. Ameile, die ihren Bruder so sehr geliebt hatte, wurde wunderbarerweise bald wieder so heiter wie ehedem; sie war überzeugt, daß ihr Bruder unbedingt unrecht habe, und sprach das auch unverhohlen gegen den Vater aus. Es ging sie nichts an, was er für einen Streit mit dem Vater hatte, es war und blieb jedenfalls unverzeihlich, daß er die Sache aus dem Hause trug. Was im Hause vorgeht, und besonders zwischen Vater und Kind, das darf nicht über die Schwelle.

Der Vater wurde nun noch besonders liebreich gegen Ameile, da er sie so reden hörte, und er ging einmal so weit, daß er ihr sagte: »Du bist mein einzig Kind, an dem ich Freud' hab'.«

Dominik war wortkarg und ging still seiner Arbeit nach. Wenn ihn Ameile auch oft ermahnte: »Bös brauchen wir just nicht miteinander zu sein; wir dürfen doch miteinander lachen,« Dominik ging nicht darauf ein.

Ein stolzer Bauernbursche wie Alban, der kann es wagen, eine neue Regel für sich aufzustellen und keck über altgewohnte Schranken hinwegzusetzen; ein Knecht, der sich sein lebenlang fügen und ducken mußte und allezeit nach seiner Herkunft schaut, findet die erforderliche Spannkraft hierzu nicht. Es gibt Naturen, die die Abhängigkeit immer weicher und zaghafter macht.

Das Vertrauen, das nach dem Zerfalle mit Alban der Furchenbauer jetzt seinem Knechte schenkte, erweckte in diesem den alten Vorsatz: er wollte Ameile nicht ins Unglück stürzen und dem Vater nicht neuen Kummer bereiten.

Darum hatte er noch gestern beim Aepfelschütteln so herb gegen Ameile gethan und am Abend am Brunnen sich zu wenigen Worten herbeigelassen. Jetzt aber, da er allein war auf dem Wege, sang sie ihm allezeit ins Ohr: »Schätzele, Engele.«

In Jettingen, wo Dominik das Schwärzle einstellte, daß es sich an Futter und Ruhe erhole, gönnte er sich selber keine Rast. Er eilte eine halbe Stunde ab des Weges zu seiner Mutter nach Nellingen, er hatte sich nicht darüber beraten und sich nicht dazu entschlossen, es trieb ihn unwiderstehlich fort. Im armseligen väterlichen Hause, das nun der ältere Bruder besaß, traf er die Mutter nicht; sie war, wie die heimgebliebenen Bruderskinder sagten, beim Kartoffelausthun auf dem Felde des Hirzenbauern. Dominik kannte das Feld und eilte dorthin. Auf dem Wege schlug ihm das Herz gewaltig, da er bedachte: wie grausam es sei, daß die alte Frau noch taglöhnern müsse; er kam sich als schlechter Sohn vor, denn er überdachte, wie oft er sich gutthue und seiner Mutter vergesse. Im Hinausschreiten gelobte er sich, dies fortan zu ändern. Die Mutter, eine lange, dürre Gestalt, reichte ihrem Sohne die Hand und hob gleich wieder die Harke und wollte während des Harkens mit ihm weiter sprechen; der Sohn des Hirzenbauern, der den Dominik freundlich bewillkommte, sagte ihr aber, sie solle nur mit ihrem Sohn heimgehen, sie solle doch ihren Taglohn erhalten. Dominik dankte und ging langsam neben der Mutter durch das Dorf hinein, die Wangen brannten ihm; denn er mußte eilen, er hatte gegen den ausdrücklichen Befehl seines Herrn diesen Abweg gemacht, aber er zwang sich doch zur Ruhe. Er hatte der Mutter nichts mitgebracht, als den verheißenden Gruß, den Ameile ihm mitgegeben, sie bat ihn um Geld, er versprach ihr, von Wellendingen zu schicken, und als eben der Hirzenbauer auf seinem Bernerwägelein am Hause vorüberfuhr, sagte er: »Ich schick' Euch's mit dem, verlaßt Euch drauf, und ich komme bald wieder.«

Als Dominik schon die Thüre in der Hand hatte, fragte ihn noch die Mutter: »Ist's denn wahr, daß dir dein Bauer sein' einzige Tochter gibt?«

»Wer hat das gesagt?«

»Ich hab's gehört. Die Leut reden davon. Mach nur, daß ich's noch erleb'.«

»Da könnt Ihr lang leben bis dahin,« schloß Dominik und machte sich eilig auf den Rückweg durch den Wald. Das Schwärzle brummte ihm entgegen, als er in den Stall trat, und ohne Säumen machte er sich nun mit ihm auf nach ihrem Ziel.

Draußen vor Jettingen fuhr der Hirzenbauer an ihm vorüber und winkte ihm zu, sich zu beeilen; Dominik glühte vor Erregung, es war schon spät, er konnte die ganze Feierlichkeit versäumen und mit seinem Herrn hart zusammentreffen; es war unbegreiflich einfältig, daß er nach Nellingen gesprungen war, er hatte ja doch nichts mit seiner Mutter reden können, und was sollte er auch? Das Schwärzle mußte in langsamem Gang erhalten werden, damit es nicht erhitzt und abgemattet ankomme, das hätte neuen gerechten Zank gegeben vor aller Welt, und heute sollte er ja wegen seiner treuen Dienste öffentlich belohnt werden. Dominik wünschte sich Riesenkraft, damit er das Schwärzle tragen und mit ihm davon rennen könne; er hätte ihm gern geholfen, seine Schritte fördern; aber er konnte nichts thun, als langsam neben ihm hergehen. Dahin war nun all der fröhliche Mut, all das morgenfrische Leben der vergangenen Stunden, und oft fuhr er sich über die heiße Stirn, wenn er bedachte, was seine Mutter ihm gesagt, und was die Leute redeten.

Erst nach geraumer Weile, als aus einzelnen Gehöften Leute kamen, die gleich ihm ein Rind oder einen Stier zur Preisbewerbung nach Wellendingen führten, beruhigte er sich und schalt sich innerlich über seinen unnötigen Jast; es war ja noch früh an der Zeit, und in der That war er einer der ersten an dem Wirtshaus zum Apostel in Wellendingen.

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