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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band. - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Ein Sohn und ein Knecht.

Heute waren alle die stürmischen und trüben Erinnerungen in der Seele der Mutter erwacht. und als sie endlich eingeschlafen, schrak sie plötzlich auf und rief laut den Namen Albans, von dem sie seit länger als einem Jahre ihre Lippen entwöhnen mußte. Sie horchte still, ob ihr Mann nichts gehört habe, der aber schlief ruhig.

Die ganze Welt war wieder in ihr altes Geleise zurückgekehrt, die gerade gestreckten Sensen waren wieder umgebogen, und einzelne, bei denen sich das nicht mehr thun ließ, waren zum alten Eisen geworfen; die Gemeinden, die auf allgemeine Kosten Waffen angeschafft, hatten diese wieder verkauft, und nur hie und da sah man noch einen einzelnen Heckerhut mit schlaffer Krempe, der allmählich zertragen wurde. Die Jahre der Bewegung, die auch in der entlegensten Hütte eine Erschütterung hervorgebracht, schienen jetzt vergessen wie ein Traum. Auf dem Furchenhofe war auch alles wieder wie ehedem, ja der Furchenbauer war wieder einer der Liberalen, die man freilich jetzt anders nannte, denn bei der Einführung der Geschworenengerichte hatte man ihn, der doch auf der Liste der Höchstbesteuerten stand, eben wegen seiner ehemaligen Gesinnung nicht zum Geschwornen ernannt, vielmehr waren viel Geringere aus der Gemeinde dazu berufen. Alles war wieder ins alte Geleise zurückgekehrt, nur mit Alban war dies nicht der Fall. Trotz aller Ruhe und gewohnten Ordnung, die auf dem Furchenhofe herrschte, war es doch immer, als fehlte etwas und als könnte eine plötzlich eintretende Erscheinung alles ändern. Das ganze Leben, das sonst so stetig erschien, wie das Wachsen von Baum und Pflanze, hatte jetzt etwas Einstweiliges, morgen rundum zu Verkehrendes. Die Dienstleute standen oft bei einander und plauderten, und wenn der Meister zu ihnen trat, verstummte plötzlich das Gespräch; es hatte gewiß wieder vom Alban gehandelt und wie der mit dem Meister entzweit sei, weil er die Eichbäuerin abgewiesen habe und lieber des Nagelschmieds Vreni heirate, und darin gaben sie ihm gewiß alle recht, denn jeder Knecht und jede Magd fühlte sich damit erhoben, daß eines ihresgleichen zu hohen Ehren kommen sollte. Der alte Furchenbauer schien sich seit dem Streit mit seinem Alban verjüngt zu haben, er stand allem vor wie der jüngste Mann, nur die Bäuerin merkte oft an seinem stillen Brüten, daß ihm etwas im Gemüte saß, das er nicht verwinden konnte; sie durfte aber nicht davon sprechen, denn er wurde immer heftig gegen sie und verbot ihr zuletzt, je vor ihm den Namen Albans zu nennen. Nur einmal, und das vor wenigen Wochen, sprach er selbst von ihm und mit einer gewissen verhaltenen Freude. Er erzählte, wie ihm der Rentamtmann im Vertrauen mitgeteilt habe, Alban habe sich eigentlich nicht als Knecht verdingt, er habe sich ausdrücklich wöchentliche Kündigung bedungen, auch seinen Genossen erklärt, er diene nur hier, um die höhere Ackerwirtschaft noch besser zu erlernen. Dieser Stolz Albans, der zugleich die Ehre des Vaters wahrte, gefiel diesem; er widersprach nicht, als die Mutter hinzusetzte, der Alban gleiche ganz ihrem eigenen Vater, der habe auch so was Adeliges gehabt, darum habe man ihn auch spottweise den Schmalzgrafen geheißen. Als die Mutter aber weitergehen und eine Versöhnung daran knüpfen wollte, wurde der Furchenbauer plötzlich wieder voll Ingrimm und beteuerte, daß das nie geschehe, bis Alban bittend vor ihn hintrete.

Sprach der alte Furchenbauer nur äußerst selten mit seiner Frau von Alban, so that er dies um so öfter mit Dominik. Dieser war eine treue Stütze des Hauses und, wenn gleich nur Knecht, doch wohl angesehen. Der Bauer wußte, that aber, als ob er nichts davon gemerkt habe, daß ihn die Mutter schon mehrmals zu Alban geschickt hatte; er suchte daher von ihm zu erfahren, was denn eigentlich Alban vorhabe, aber Dominik war behutsam und klug und gab nur knappe Antworten. Der Vater, der seinem Sohn keine unmittelbare Nachricht gab, wollte doch, wie man sagt, seine Meinung auf die Post geben; er that, als ob er nur Dominik mitteilte, daß er den Hof diesmal höher schätzen lasse, als es von alters her bräuchlich sei, damit die abgefundenen Kinder auch ein Erkleckliches hätten, daß er aber Alban ganz enterbe, wenn er nicht von des Nagelschmieds Vreni lasse. Dominik hörte das ruhig an und erwiderte in der Regel nichts, nur manchmal fragte er geradezu, ob er das Gehörte dem Alban im Namen des Vaters mitteilen solle, was der Furchenbauer streng verneinte; er durfte sich weder vor seinem Sohn noch vor dem Knecht eine Blöße geben.

Das gesetzte Benehmen des Dominik machte auf den Furchenbauer einen bedeutsamen Eindruck. Er ehrte den Dominik damit, daß er ihn mehrmals geradezu fragte: ob er denn nicht recht habe, ob denn ein Vater nicht schalten und walten dürfe, wie er wolle, ob sich ein Kind dagegen auflehnen dürfe und ob nicht Kindeskinder dem danken müssen, der die Größe und die Ehre der Familie fest gewahrt habe. Aber auch hierauf gab Dominik nur wenig entsprechende Antworten, er sprach davon, daß der kindliche Gehorsam, aber auch, daß der Friede über alles gehe, lehnte indes jede Selbstentscheidung ab, mit dem Bedeuten, daß er diese Sachen nicht verstehe. Der Bauer war mehrmals versucht, den Dominik für dumm zu halten; aber aus einzelnen Worten entnahm er doch wieder, wie klug er war, hatte er ja einmal geäußert:

»Es ist wahrscheinlich dumm, was ich sag', aber ich weiß nicht, der Pfarrer sagt doch immer, Gott allein sei die Vorsehung, und ich weiß jetzt nicht: wollet Ihr nicht mit dem, was Ihr vorhabet, wie man bei uns in Nellingen sagt, in Gottes Kanzlei steigen und Vorsehung spielen? Kann man da nicht auch zu viel thun, und muß man nicht unserm Herrgott die Hauptsach' überlassen, was er für künftige Zeiten vorhat?«

»Du bist gar nicht so dumm, gar nicht, aber du verstehst die Sach' nicht,« hatte darauf der Bauer erwidert, und Dominik war mit dieser Antwort mehr als zufrieden und blieb doppelt bestärkt in seinem gehaltenen Benehmen. Er mischte sich trotz aller geheimen und offenen Aufforderungen nicht eigentlich in die Sache, er verdarb es weder mit dem Bauer noch mit Alban, wenn dieser einst doch den Hof bekomme, und solche weise Zurückhaltung eines Dienstboten verfehlte nicht, dem Bauer einen gewissen nachhaltigen Respekt abzunötigen. Minder war das bei Alban der Fall, dem Dominik, als er ihn einst im Auftrag der Mutter besuchte, gesagt hatte: »Ich bin auch ein Häuslerkind, mein Großvater war auch ein reicher Bauernsohn, den man nebenausgesetzt hat. Man muß sich dreinfinden . . .«

Als jetzt die Furchenbäuerin in der Nacht erwachte und hörte, wie der Dominik das Schwärzle aus dem Stall zog, deuchte es ihr eine Ahnung, daß sie erwacht war; jetzt zog ja ihre Botschaft zu ihrem Alban, denn sie hoffte, daß Dominik dem Willen des Bauern ungetreu über Reichenbach fahren werde.

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