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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band. - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Fünfter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Der Sturm bricht los.

Alban mußte gehört haben, daß sich das Gefährte nahe, und der Furchenbauer hob mehrmals die Peitsche hoch, um ihm zu winken, ja er knallte; aber Alban schaute nicht um, und in dem Vater stieg plötzlich wieder der ganze Zorn auf, daß dieser Sohn, wie Spitzgäbele erzählte, ihn verhöhnt und verspottet habe und hinterrücks sein Possenspiel mit ihm trieb. Darum faßte er jetzt den Vorsatz, mitten in aller Unruhe, während jetzt die ganze Welt aus Rand und Band ging, in seinem Hause den Meister zu zeigen. Wie er jetzt die Zügel fest anhielt und auf die Pferde loshieb, so mußte es auch im Hause sein: die Zügel fest in der Hand und dann drauf losgehauen, bäumt euch, schnaubt und schlagt aus, wie ihr wollt, ihr seid festgebunden.

Alban hatte den Pflug draußen im Feld inmitten der Furche liegen lassen, um ihn morgenden Tages wieder aufzunehmen; wohlgemut das Schleswig-Holsteinlied pfeifend, war er mit den ledigen Tieren zurückgekehrt, als er plötzlich mitten im Pfeifen abbrach, er sah von fern den Vater mit Vinzenz daherkommen; sie fuhren müßig in der Welt umher und thaten sich gütlich, sie waren die Herren, während er daheim sich als Knecht abarbeiten mußte. War er der Knecht und nicht der Erste im Erbgang? War er nicht der künftige Hofbauer, und hatte er nicht aus übermäßiger Nachgiebigkeit sich dem Schimpf bloßgestellt, von der Eichbäuerin abgewiesen zu werden? Nicht eine Handbreit von seinem Recht wollte er künftighin preisgeben, und jetzt da der Vater ihm nahe war, drückte er die Tiere an den Zaun und stellte sich neben sie, damit das Gefährte bequem vorbei könne. Er rief den Ankommenden keinen Gruß zu, und als der Vater neben ihm war, knallte er mit der Peitsche hart an seinem Ohr und höhnte dabei:

»Das ist ein Gruß von Spitzgäbele.«

Alban hatte nicht Zeit, aus diesen Zuruf etwas zu erwidern, denn in raschem Trab fuhr jetzt auf der Hochebene das Gefährte dahin, und langsam vor sich hinknirschend trieb Alban die Tiere in den Hof.

Beim Abendessen that er, als ob nichts vorgefallen wäre, nach demselben aber blieb er in der Stube und harrte eine Weile, daß der Vater zu reden anfangen werde. Als dies aber nicht geschah, fragte er geradezu:

»Was hat denn der Lump, der Spitzgäbele, von mir gesagt?«

»Weil du ihn so heißt, ist alles wahr,« entgegnete der Vater und erzählte nun mit beißendem Spott und mit einer Zuthat des Ingrimms, wie sehr ihn Alban verhöhnt habe und wie er überhaupt hinterrücks sich als Bauer gebärde und alle Maßnahmen des Vaters verhöhne. Vinzenz, der dabei in der Stube war und seine Saat aufgehen sah, setzte sich auf die Ofenbank und spielte mit seinem Lieblingshund, dem Greif, den er sich angeschafft hatte und der fast ausschließlich nur ihm gehorchte. Der Vater hatte heute wieder seine »Flözerstimme,« wie sie die Mutter bei sich nannte. Sie wußte zwar schon längst, daß er jedesmal, wenn er vom Kornmarkt heimkam, lauter sprach; er behielt den Ton noch bei, den er dort unter dem Lärm gebrauchte, aber heute war's doch übermäßig. Sie winkte ihm mit den Augen, ja sie erhob beide Hände flach in der Luft zu begütigenden Zeichen, aber es half nichts. Der Vater erklärte weiter, daß Alban ganz anders werden müsse, ganz anders, wenn Friede im Hause sein solle. Als Alban hierauf entgegnete, daß er nicht wisse, worin er sich ändern solle, er sei gehorsam, fleißig und ehrerbietig, wie viele seinesgleichen jetzt nicht wären, da schlug der Vater auf den Tisch und schrie zornig:

»Was deinesgleichen? Was weißt du, wer du bist? Mein Knecht bist du, wenn ich will, und ich will's. Ja, es bleibt dabei, du suchst dir einen andern Hof, denn den kriegt der Vinzenz. Still, sag' ich! Was deinesgleichen? Meinst du, weil andere Väter jetzt sich von ihren Buben übers Ohr hauen lassen, meinst, ich leid's auch? Ich bin Herr und Meister, und mit dir mach' ich, was ich will, und mit meinem Hof mach' ich, was ich will.«

»Das könnet Ihr nicht,« rief Alban fest auftretend, »der Hof gehört im Erbgang mir, es wird sich zeigen, ob Ihr mir ihn nehmen könnt!«

»Was wird sich zeigen? Ich bin noch über dich 'naus studiert. Du meinst, weil du herrelen – den vornehmen Mann spielen – kannst, du seist was? Nichts bist. Ja, reib nur deinen Bocksbart. Wenn du nicht augenblicklich mich um Verzeihung bittest und mir versprichst, mir in allem zu folgen, ohne Widerrede, da kannst mein' Hand auch noch in deinem Gesicht spüren.«

Die Mutter und Ameile suchten den heftig Erregten zu beruhigen, auch Vinzenz trat auf den Vater zu und sagte:

»Ich bitt' Euch, haltet nur jetzt Friede. Wir werden uns als Brüder vergleichen.«

»Du willst mir auch dreinreden? Wer bist denn du? 'Naus sag' ich, oder ihr habt die Wahl, ob ihr zu der Thür oder zum Fenster 'nauswollet; 'naus alle beide, ihr dürfet mir nicht mehr vor die Augen, bis ich euch ruf'.« Er riß die Thüre auf und schob zuerst Vinzenz hinaus, der nur geringen Widerstand leistete, als er aber auch Alban anfassen wollte, streifte dieser die Hand rasch ab und sagte in scharfem, bestimmtem Tone:

»Vater, rühret mich nicht an. Ich geh' allein, ich geh' von selber, und da schwör' ich's: nie, nie mehr komm' ich daher vor Eure Augen, wenn Ihr mich nicht selber darum bittet.«

Er nahm seinen breitkrempigen grauen Hut vom Ofenstängele und ging hinaus. Drin in der Stube hörte man noch Schelten zwischen Mann und Frau und dann lautes Weinen, das erst aufhörte, als die Thür zugeschlagen und dann noch einmal mit dem Fuß darauf getreten wurde.

Am Röhrbrunnen stand Alban mit seinem Bruder, und dieser sagte:

»Alban, ich bin oft neidisch auf dich gewesen, aber jetzt mein' ich's gut. Du wirst sehen, ich werd' dir alles geben, was recht ist.«

»Ich brauch' nichts von dir, du eher von mir.«

»Sei jetzt nicht bös, ich kann nichts dafür. Sieh da, sieh her, siehst das da?«

»Ja, dein blindes Aug'.«

»Und weißt, wovon das ist?«

»Wie du vom Wagen gefallen bist. Was geht mich das jetzt an?«

»Es geht dich an. Zum erstenmal in meinem Leben sag' ich das, ich hab's noch nie über meinen Mund bracht, aber jetzt, jetzt: muß es 'raus. Ich hin nicht vom Wagen gefallen. Der Vater hat mir im Zorn das Aug' ausgeschlagen.«

Alban faßte zitternd die beiden Hände seines Bruders.

»Ja,« fuhr Vinzenz fort, »es weiß es sonst kein Mensch, als er und ich, du bist der erste, und ich hab' ihm einen Eid geschworen, es niemand zu sagen, aber ich muß ihn jetzt brechen. Und weil mir der Vater das than hat, hat er mir den Hof versprochen und das Abendmahl drauf genommen.«

Alban stand still neben dem Bruder. Man hörte lange nichts als das Rauschen des Brunnens und ein sanftes Flüstern des Holunderbaumes. Plötzlich raffte sich Alban zusammen, reichte dem Bruder die Hand und sagte:

»Behüt' dich Gott. Ich geh' fort.«

»Wohin?«

»Ich weiß selbst nicht.«

»Bleib lieber da und geh nur nicht unter die Freischärler. Man sagt, sie sammeln sich jetzt im Thal, und in der Stadt hat's auch geheißen, du seist schon dabei, und deswegen ist der Vater auch so bös gewesen.«

»So?« rief Alban gedehnt, rückte den Hut fester in die Stirne und reckte sich mit allen Gliedern, »hauset miteinander, wie ihr wollet. Trifft mich ein' Kugel, ist mir's recht und komm' ich wieder, wollen wir schon abrechnen.«

Ohne nochmals die Hand zu reichen, rannte er zum Thor hinaus und den Berg hinab; die Augen brannten ihm, und es war ihm, als fühlte er an sich den gräßlichen Jähzorn des Vaters, der sein eigenes Kind fast geblendet. Als er auf der Landstraße war, überkam ihn auf einmal mitten im Jammer ein frohes Gefühl, er war nun frei, frei von der ganzen Welt. Wie oft hatte ihm schon der Ruf nach Freiheit das Herz erfüllt, jetzt endlich konnte er ihm Folge leisten, er durfte für sich handeln und brauchte nicht zu fragen, ob dies der Vater genehm finde; es war recht, daß er verstoßen war, er hatte zu lange sein eigenes Herz unterdrückt, jetzt war er frei. Er streckte die Arme empor und war bereit zu sterben, damit die ganze Welt frei und glücklich sei.

Raschen Laufes schritt er dahin, nur einmal stand er still, denn ihn hemmte der Gedanke, ob nicht Vinzenz in ausgefeimter Falschheit ihm diesen Weg gezeigt hatte und ihn scheinbar abhielt, um ihn so sicherer darauf zu lenken und seiner entledigt zu werden. Er konnte an solche Bosheit des Menschen nicht glauben. Und war es nicht sein Bruder? Und zitterte nicht seine Stimme so kläglich, als er die grause That des Vaters erzählte? Mit neuem Mut schritt Alban dahin. Da begegnete ihm ein Wagen, er kannte den Tritt der Pferde, das Rollen des Wagens und das eigentümliche Peitschenknallen des Dominik. Er hatte sich nicht getäuscht, Dominik kam mit dem Fruchtwagen.

»Wohin noch?« fragte Dominik erstaunt.

»Gen Reichenbach.«

»Bleib heut davon, die Freischärler sind dort, ein paar hundert Mann, der Lenz von Röthhausen führt sie an. Ich hab' auch deinen Namen nennen hören.«

»So? Da komm' ich gewiß,« entgegnete Alban und erzählte nun alles Vorgegangene. Alban war erstaunt, als Dominik ohne große Teilnahme sagte:

»Ich weiß schon lange, doch du bist auch kein rechter Freisinniger. Hättest du den Hof allein bekommen, es wär' dir nicht eingefallen, daß deine Geschwister durch das alte Herkommen verkürzt werden, du wärst halt ein großer Hofbauer wie andre, wenn auch ein bißle gutmütiger.«

»Das verstehst du nicht,« entgegnete Alban zornig.

»Freilich, ich bin nur als armer Knecht aufgewachsen. Was kann so einer wissen.«

Alban stand betroffen, aber er wollte jetzt von nichts andrem wissen und ging fast zornig davon. Er hatte Dominik um ein Darlehen bitten wollen, aber jetzt that er ihm diesen Gefallen nicht.

In Reichenbach wurde Alban mit großem Jubel bewillkommt. Es klärte sich jetzt alles auf. Der Lenz hatte dem Alban schon am Morgen einen Boten geschickt, der Bote hatte die Weisung angenommen, war aber wahrscheinlich nach einer andern Gegend entflohen, weil er sich vor der Verantwortlichkeit fürchtete. Mitten im Sturm war Alban für sich plötzlich hoch erfreut. So war es also nicht Lüge und Falschheit von Vinzenz, daß man in der Stadt gesagt hatte, er sei bereits unter den Freischärlern, er bat dem Bruder in Gedanken jeden Zorn ab, den er gegen ihn gehegt hatte . . .

Der Pflug im Kugelberger Felde blieb lang unberührt liegen.

Monatelang hörte man nichts von Alban, bis auf den Furchenhof plötzlich die Nachricht kam, der Alban habe sich eine Zeitlang beim Hirzenbauer in Nellingen aufgehalten und diene jetzt als Knecht auf dem Sabelsbergischen Gut in Reichenbach. Die Mutter eilte zu ihm, um ihn nach Hans zu bringen, aber er ging nicht und beharrte auf seinem Eid, der Vater müsse ihn holen. Es war unerhört, daß der Sohn des Furchenbauern bei dessen Lebzeiten Knecht sein, an der Schwelle des väterlichen Hofes fremden Leuten dienen sollte. Alban war unnachgiebig, als auch Ameile und Dominik nacheinander zu ihm kamen, er wiederholte beiden: er wolle dem Vater zeigen, daß er Knecht sein könne, aber nur bei fremden Leuten, nicht auf dem väterlichen Hof, dazu werde er sich nie verstehen; der Vater, der ja für seine Nachkommen sorgen wolle, könne jetzt bei Lebzeiten an ihm sehen, wie es ihnen einst ergehe.

Es war ein strenger Befehl des Vaters, daß in seinem Beisein niemand von Alban reden durfte, auch die Mutter nicht; ja, sie hatte es so weit gebracht, selbst ihren Gedanken zu wehren, daß sie zu ihm hingingen. Ueber ihre Träume aber hatte sie keine Macht. . . .

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