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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band. - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fürnehmes Leben, fürstliches Brot.

Lorle hatte ein vereinsamtes Leben, denn Reinhard war die meisten Abende außer dem Haus und trieb sich oft tagelang auf den Hofjagden umher. Jetzt richtete er sich noch seine Werkstatt in den obern Zimmern des Marstalls ein. Lorle war noch nie dort gewesen.

Der Prinz hatte Reinhard beauftragt, eine Erinnerung an die letzte Fuchsjagd zu malen; auf die Entgegnung Reinhards, daß er sich nicht auf Jagdstücke verstehe, erhielt er die Antwort: »Malen Sie nur ganz nach Ihrer Eingebung, ich lasse der Kunst gern die vollste Freiheit.«

In unglaublich kurzer Zeit vollführte nun Reinhard ein Werk, das er für sein bestes hielt; es war eine tiefe Waldeinsamkeit, nur ein Fuchs saß ruhig auf seinem Baue unter den alten knorrigen Stämmen und schaute sich klug um; es war der Verstand des Waldes. Triumphierend ließ Reinhard das Bild auf das Schloß tragen; es mißfiel allgemein. »Das ist ja bloß eine Landschaft,« hieß es, man hatte mindestens die Abbilder der Hauptjäger und ihrer Hunde erwartet.

Das war also die »vollste Freiheit« der Kunst, und doch sollte nach Reinhards Ansicht das monarchische Prinzip ihre einzige Stütze sein. Verstört und ingrimmig ging er umher.

Zu Hause war auch des Elendes genug, und gerade in seinem Berufe hatte er die Erlösung gesucht. Er hatte ein gut Teil jener Unabhängigkeit verloren, die in dem eigenen Bewußtsein sich erhebt; seine gesellschaftliche Stellung verlangte notwendig die Anerkennung als Künstler.

Die Bärbel kränkelte und Lorle jammerte viel, daß sich die Diensteifrige keine Ruhe gönne. Reinhard bemerkte einmal, die Bärbel solle wieder heimkehren; da weinte Lorle so bitterlich, daß er sie nur mit vieler Mühe beruhigen konnte. Er ließ Lorle immer mehr für sich gewähren, und wenn er dann oft plötzlich an ihr schulte, setzte sie ihm eine störrige Unnachgiebigkeit entgegen. Sie war ihm demütig ergeben, solange er sich ihr vollauf widmete, ihr ganzes Tagewerk war oft nur ein Warten auf ihn, manche Arbeit kam ihr nur wie einstweilige Unterhaltung bis zu seinem Wiederkommen vor; nun aber, weil er sonst wortkarg und mürrisch war und fast nur sprach, wenn er etwas zu tadeln und zu lehren hatte, hörte sie seine Auseinandersetzungen an, ohne ein Wort zu erwidern. Reinhard fühlte sich dadurch oft im Tiefsten unglücklich.

Die Bärbel erkannte mit schwerer Bekümmernis, wie so bald das einige Leben der Eheleute sich schied; sie suchte Lorle auf allerlei Weise zu beruhigen, und ihr Haupttrost war: »Es wird schon alles besser gehen, wenn du einmal ein Kind hast.«

Da warf sich Lorle weinend an ihre Brust und sagte:

»Ich fürcht', ich fürcht', das wird nie geschehen; ich hab' mich versündigt, ich hab' ein Kind, das den Heiland vorstellt, auf den Schoß nehmen müssen, wie er mich damals abgemalt hat. Ich hab's nicht thun wollen, er hat's aber gewollt; Gott wird doch barmherzig sein und mir mein' Sünd' vergeben.« –

Die Bärbel suchte ihr die schweren Gedanken auszureden, glaubte aber selbst mehr daran, als die Unglückliche selber.

Als Reinhard einmal wieder auf einen ganzen Tag zur Jagd gegangen war, machte sich Lorle die heimliche Freude und half der Bärbel bei der Wäsche; beim Auswinden derselben drehte Lorle zuerst einen Ring, und die Bärbel versäumte nicht, den alten Waschweiberglauben anzubringen, daß Lorle sich eine Wiege drehe; Lorle spritzte nun der Bärbel einige Tropfen ins Gesicht und ging in die Stube.

Eine allerhöchste Laune brachte Lorle unversehens in Berührung mit dem Gesellschaftskreise Reinhards. Ungewöhnlich früh kam dieser eines Abends nach Hause und verkündete, daß der Prinz Lorle zu sprechen wünsche und daß sie daher andern Tages mit ihm auf die Galerie gehen müsse; daß man begierig war, das Urbild der Madonna zu sehen, verschwieg er wohlweislich.

»Ich mag aber nicht, ich hab' nichts beim Prinzen zu suchen,« entgegnete Lorle.

»Ja, Kind, das geht nicht, einem fürstlichen Wunsche muß man gehorchen, sonst beleidigt man; da wird man nicht vorher gefragt, und ich hab's nun auch einmal versprochen.«

»Wenn er noch eine Frau hätt', aber so zu einem ledigen Bursch', weil er's grad will!«

»Wie einfältig! Es ist vollkommen schicklich, ich geh' ja mit,« sagte Reinhard heftig; Lorle sah auf, und schwere Thränen hingen in ihren Wimpern. Reinhard faßte ihre Hand und sagte: »Sei nicht bös, sei gut, glaub mir, du verstehst das nicht, darum folge mir, du kannst's immer.«

»Ja, ja, ich will's ja thun, aber ich darf doch auch was sagen. Wenn das so fortgeht, weiß ich gar nicht mehr, ob ich nicht närrisch bin, ich . . . ich weiß gar nicht mehr, bin ich denn noch und was soll ich denn?«

Als ihr Reinhard Trost einsprach, entgegnete sie: »Gib jetzt du nur Fried', es ist alles gut, ja, ich bin zufrieden, sei du's nur auch; aber ich wollt', die ganz Welt ließ mich in Ruh', ich will ja auch nichts von ihr.«

»Du bist mir doch nicht mehr bös?«

»Nein, und zehnmal nein, ich thu' ja, was du willst, aber laß mich nur auch reden.«

Reinhard ging nun in das Haus des Kollaborators und bat Leopoldine, am andern Morgen zu ihm zu kommen und Lorle für die Audienz vorzubereiten; dann schloß er sich dem Kollaborator an und ging mit ihm nach seinem ständigen Bierhause, wo in einem kleinen Stübchen mehrere jüngere Advokaten, Aerzte, Kaufleute und Techniker wohlgemut beisammen saßen, rauchten, tranken und plauderten. Anfangs war ein stummes Erstaunen, den »Civilkavalier« in der Kneipe zu sehen; dann aber nahm das Gespräch seinen ungehinderten Verlauf. Die tiefsten Fragen von Welt und Zeit wurden hier mit einer Schärfe und Eindringlichkeit, mit einem Feuer verhandelt, daß Reinhard im stillen bemerken mußte, wie hier die frischeste Lebendigkeit herrschte, weil jeder bot, was ihn bewegte, weil man überhaupt nicht auf Unterhaltung ausging; es kam ihm vor, daß im glänzendsten Salon in einem Monat nicht so viel ursprünglicher Geist laut werde, als jetzt hier in dem kleinen, spärlich erleuchteten Stübchen. Das Laute und die Derbheit mancher Formen war ihm wieder neu und fremd, denn er kam aus den Kreisen, wo man flüstert und lächelt und nicht streitet und lacht. An einem monarchischen Mittelpunkte fehlte es indes auch hier nicht, und seltsam genug war dies der Kollaborator; seine machtvolle Stimme und sein ausgebreitetes Wissen sicherten ihm diese Würde ohne alle Etikette. Reinhard blieb länger, als er gewollt hatte, er war wie in einer fremden Stadt: dort war ein Menschenkreis voll wirklicher und eingebildeter Interessen, der nie aus sich heraustrat und sich gebärdete, als ob er allein die Welt sei und so dem Geringfügigsten, einem Anreden oder Uebersehen, einem halben oder einem ganzen Lächeln eine Bedeutung beilegte. Und hier – hundert Schritte davon lebten Menschen aus einem andern Jahrhundert, die sich im Kampfe erhitzten, als ob sie vom Forum, aus der Volksversammlung kämen oder sich darauf vorbereiteten.

Wenn er an Lorle dachte, befiel ihn eine unerklärliche Angst; er meinte, es geschehe zu Hause ein großes Unglück, das Haus brenne ab, und jeden Augenblick müsse man die Sturmglocke hören; dennoch saß er wie festgebannt. Ahnte er vielleicht, in welchen schweren Gedanken Lorle in Schlaf gesunken war? Als er endlich nach Hause kam, atmete er leichter auf; da stand wie immer das Oellämpchen auf der Treppe; er ging leise in die Kammer. Lorle schlief ruhig, er betrachtete sie lange, sie sah so heilig aus in ihrem Schlafe, fast wie damals, als er sie zum erstenmal auf der Laube wiedergesehen, nur lag jetzt ein Zug des Schmerzes auf ihrem Antlitz, und ihre Lippen zuckten öfters.

Ein Außerordentliches geschah. Reinhard war am andere Morgen früher auf als Lorle, er hatte die Schlüssel gefunden und legte nun die Kleider zurecht, die sie anziehen sollte. Als er so über Kisten und Kasten kam, lobte er im stillen die Ordnungsmäßigkeit seiner Frau; er freute sich auf ihren Dank für seine Vorsorglichkeit und ging immer auf den Zehen umher; es war ihm so leicht, als würde er getragen.

Als Lorle erwachte und die Kleider sah, rief sie: »Was hast du gemacht? Ich bitt' dich um der tausend Gotteswillen, überlaß mir alles ganz allein. Denk nur nicht immer, daß ich gar nichts versteh'. Du hast mir gewiß alles untereinander gekrustet. Ich bitt' dich, laß mich alles allein in Richtigkeit bringen.« –

In Reinhard wogte und brauste es, er hielt aber an sich und ging in die Stube; dort stand er eine Weile, die Stirn an die Fensterscheibe gedrückt, in tiefem, namenlosem Schmerz. Schnell nahm er dann Hut und Stock und ging davon. Es war ein frischer Morgen, im Schloßgarten blühten die Blumen so schön, und die Vögel sangen so lustig, unbekümmert, in wessen Garten sie sich so laut machten, und ob die Bäume, in deren Zweigen sie saßen, einen Titel angehängt hatten oder nicht. Reinhard sah und hörte nichts; es kam ihm vor, als ob jemand leibhaftig ihm das Wort aus Hebels »Karfunkel« ins Ohr geraunt hätte: » Los, du duursch mi . . . mittem Wibe hesch's nit troffe;« er suchte das Wort wegzubannen, aber es kam immer wieder und sprach sich von selbst.

Als er heimgekehrt war. sagte er zu Lorle: »Wir wollen gut sein.«

»Ich bin ja nicht bös,« entgegnete sie.

»Nun, es ist jetzt eins, ich bin gewiß viel schuld, aber laß Friede sein.«

Dieser war nun auch, bis Leopoldine kam. Sie half Lorle ankleiden, lehrte sie einen Knicks machen, und wie man den Kronprinzen anreden müsse. Lorle schien zu allem willig; als aber Leopoldine sich entfernt hatte, riß sie Haube und Chemisette herunter und sagte: »Ich geh nicht, ich geh' nicht, ich bin kein Starmatz, und du läßt auch einen Narren aus mir machen, und ich merk's wohl, wenn man mich dumm macht, und da werd' ich immer schlechter, und ich bin so jähzornig und so ungeduldig . . . Guter Gott! Was soll denn aus mir werden?«

Sie weinte laut auf. Reinhard sagte mit thränengepreßter Stimme: »Nichts, du sollst nichts andres werden, bleib du das gute Kind.«

»Ich bin kein Kind, das hab' ich dir schon hundertmal gesagt. Jetzt will ich mich aber ordelich anziehen, und du wirst sehen, ich mach' keinen Unschick.«

Endlich gingen sie miteinander zur Galerie. Reinhard wagte es kaum mehr, Lorle eine Verhaltungsregel zu geben. Als sie nun hier zum erstenmal die Werkstatt Reinhards sah, erschrak sie über die grausige Unordnung; sie wollte scheuern und kehren, mußte aber der dringenden Bitte nachgeben, sich doch ruhig zu verhalten und ihre glänzenden weißen Handschuhe zu schonen. Vor Unruhe konnte sie keine Minute still sitzen, eine fieberische Aufregung durchwogte sie, sie wollte sich nicht verblüffen lassen, sondern dem Prinzen zeigen, daß sie auch nicht auf den Kopf gefallen sei, und zugleich Reinhard beweisen, wie sie mit jedem reden könne, sei er, wer er wolle. Mit Bangigkeit bemerkte Reinhard diese Erregung, er ahnte die gewaltsame Hast und Unruhe in Lorle, und daß sie diesem Ereignisse gegenüber die Unbefangenheit und Harmlosigkeit ihres Wesens aufgegeben; aber er hatte die Zügel verloren, um dieses Naturell zu halten, er konnte nichts thun, als um Ruhe bitten. Endlich wurde der Prinz gemeldet, und man ging nach dem großen Salon. Man mußte hier noch eine Weile warten, und dieses Kommenlassen, Warten, Melden und Wiederwarten machte Lorle doch etwas bang; sie meinte, es müsse jetzt etwas ganz Besonderes vorgehen.

Der Prinz trat in Militärkleidung rasch ein, und auf die sich verbeugende Lorle zu. In leutseligem Ton sagte er: »Seien Sie willkommen, Frau Professorin.«

»Schön' Dank, Herr Prinz, Königliche Hoheit.«

»Nun, wie gefällt es Ihnen bei uns in der Stadt?«

Lorle hatte, trotz der scharfen Blicke Reinhards, schnell ihre Handschuhe abgestreift; sie wußte, daß sie so besser reden konnte, und sie sagte: »Wo man verheiratet ist, da muß es einem gefallen; es ist auch recht schön und sauber hier, aber so himmelhohe Häuser.«

»Ich habe schon oft gedacht,« begann der Prinz wieder, »die Bauern sind doch die glücklichsten Menschen auf der Welt.«

»Da hat der Herr Prinz Hoheit unrecht, das ist nicht wahr; man muß schaffen wie ein Taglöhner und Steuern zahlen mehr als ein Baron, sagt mein Vater.«

Reinhard stand wie auf Kohlen; das war unerhört, daß man einem Prinzen sagt: das ist nicht wahr.

Der Prinz fixierte Lorle lächelnd, dann lenkte er ab und sagte, auf die Madonna anspielend: »Ich habe Sie schon früher gesehen, Frau Professorin.«

»Freilich, erinnert sich der Königliche Hoheit noch, wie wir klein gewesen sind? Er ist grad acht Wochen älter als ich, ich weiß Seinen Geburtstag wohl, wir haben allemal an selbem Tag eine Brezel in der Schul' kriegt. Weiß Er noch, wie Er durch unser Dorf kommen ist? Er hat dazumal lange blonde Locken gehabt und einen gestickten Kragen in Hohlfalten gelegt; damals haben wir uns daheim gesehen. Ach Gott! wir haben drei Wochen vorher von nichts andrem geredt und träumt, als: der Prinz kommt durchs Dorf! Den Nachmittag vorher war kein' Schul' und an dem Tag erst recht nicht, und wie wir jetzt alle dagestanden sind mit Sträuß', und der Martin ist oben auf dem Turm, und wie der Prinz auf unser' Gemarkung kommt, da haben alle Glocken geläut't, und da hat man mit Böllern geschossen, und wir Kinder sind alle auf dem Platz in die Höh' gesprungen, und der Lehrer hat gerufen: ›Still! ruhig!‹ Und jetzt hat man bald gehört, wie die Kutsch' kommt, und da hab' ich aufpassen wollen, daß ich alles seh', da geht mir grad mein Schurzbändel auf; ich werd' aber noch fertig, und da kommt Er und hält: grad neben uns, und des Luzians Bäbi hat ein Gedicht an Ihn hingesagt, und da haben wir Kinder alle: ›Vivat hoch!‹ gerufen, und rrr! fort ist der Prinz und hat noch sein Käpple mit der Troddel dran gelüpft, und da haben wir ihm unsre Sträuß' nachgeworfen, und da sind die Hofwagen kommen und sind über unsere Sträuß' weggefahren.«

Der Prinz sagte mit sichtbarer Rührung: »Hätte ich damals gewußt, daß Sie da sind, ich wäre ausgestiegen; ich wollte, Sie wären dort meine Jugendgespielin gewesen.«

»Ja, das wär' schon angangen. Ich hab' rechtschaffen Mitleid mit Ihm gehabt, Er hat doch auch ein arms Lehen gehabt, gar kein' Minut' für sich, 'naus in Wald oder ins Dorf. Wie Er da auf der Saline blieben ist, da haben sich immer lauter große alte Leut' an Ihn gehängt, und Er ist kein' Minut' allein gewesen. Weiß der Hoheit denn auch, wie ein Baum im Wald aussieht, wo kein Kammerdiener dabei ist?«

Der Prinz drückte Lorle die Hand und sagte: »Sie sind ein vortreffliches Wesen. Ja, gute Frau, es ist eine schwere Jugend, die eines Fürsten.«

»Nun, so arg ist's grad nicht, es muß sich doch ertragen lassen, man sieht ihm just nichts an, daß es ihm so übel gangen ist; aber ich hab' auch wegen dem Herr Prinz Hoheit Ohrfeigen kriegt, und es ist mir alles im Angedenken blieben.«

»Wie so das?«

»Wie der Hoheit auf der Saline blieben ist, da bin ich mit meiner Bärbel auch 'nunter und wir sind draußen am Gitter gestanden, und Er ist drinnen im Garten spazieren gangen, und da ist Ihm sein Schnupftuch auf den Boden gefallen, und da ist ein steinalter Mann mit weißen Haaren, von denen bei ihm, hingesprungen und hat Ihm's aufgehoben; und da hat die Bärbel gesagt: der wird auch in Grundsboden 'nein verdorben, und da hab' ich gesagt: wenn ich ein Prinz wär', ich thät' den ganzen Tag alles wegschmeißen, daß mir's die alte Leut' mit denen Stern' auf der Brust aufheben müßten – und da hat mir die Bärbel ein paar tüchtige Ohrfeigen gehen. Nun, mir hat's nichts geschad't, und dem Herr Prinz Königliche Hoheit sagt man auch viel Gutes nach.«

»Sie machen mich glücklich, da Sie mir sagen, daß meine Unterthanen gut von mir denken.«

»Ich hätt's doch mein Lebtag nicht glaubt, daß ich so mit dem Prinz Hoheit reden könnt', und jetzt möcht' ich Ihm doch auch noch was sagen.«

»Reden Sie nur frei und offen.«

»Ja, guter himmlischer Gott! Wenn ich's jetzt nur auch so recht sagen könnt'. Der Prinz Hoheit sollt's nur selber sehen, wie schrecklich viel Not und Armut im Land ist, und da mein' ich, da könnt' Er helfen, und da müßt' Er auch.«

»Wie meinen nun Sie, daß geholfen werden soll?«

»Ja wie? das weiß ich nicht so, dafür ist der Hoheit da und seine g'studierten Herren; die müssen's wissen und eingeschirren.«

»Sie sind eine kluge und brave Frau, es wäre zu wünschen, daß alle in Ihrer Heimat Ihnen gleichen.«

»Mein Vater sagt: wenn man Hirnsteuer bezahlen müßt', da kämen wir auch nicht leer davon. Jetzt mach der Hoheit nur, daß Er auch bald eine ordeliche Frau kriegt; ist's denn wahr, daß Er bald heiratet?«

In der Pause, die nun eintrat, wechselte Verlegenheit und heiteres Lächeln schnell im Antlitz Reinhards. Daß Lorle den Prinzen mit: Er anredete, erkannte er als beirrende Folge der ihr eingeübten Titulaturen; das letzte aber war nicht nur der ärgste Verstoß, daß man einen Fürsten irgend etwas fragt, da er vielleicht nicht antworten kann oder will, sondern Lorle sprach hier geradezu etwas aus, was man selbst in den höchsten Kreisen nur mit den vorsichtigsten diplomatischen Umschweifen zu berühren wagte, weil ein Korb in der Schwebe hing.

Der Prinz aber erwiderte: »Es kann wohl sein; wenn ich eine so nette, liebe Frau bekommen könnte, wie Sie sind.«

»Das ist nichts,« entgegnen Lorle, »das schickt sich nicht; mit einer verheirateten Frau darf man keine so Späß' machen. Ich weiß aber wohl, die großen Herren machen gern Spaß und Flattusen.«

Schließlich beging nun Lorle den ärgsten Verstoß, denn sie verabschiedete sich, indem sie sagte: »Jetzt b'hüt Gott den Herr Prinz Hoheit, und Er wird auch zu schaffen haben.«

Eben als sie die Hand zum Abschied reichte, kam der Adjutant mit der Meldung, daß die Revue beginne; der Prinz und Reinhard geleiteten Lorle bis an die Thür.

»Herr Professor!« rief ersterer noch. Reinhard kehrte um und stand wie elektrisiert, als müßte jeder Nerv zuhören; der Prinz fuhr fort: »Kennen Sie den köstlichsten Kunstschatz, den wir auf der Galerie haben?«

»Welchen meinen Königliche Hoheit?«

»Ihr Naturschatz ist der größte.«

Dieses hohe Witzwort verbreitete sich durch den Mund des Adjutanten in »den höchsten Kreisen«, Lorle ward hierdurch einige Tage Gegenstand allgemeiner Besprechung.

Die Audienz vollendete aber auf eigentümliche Weise den inneren Bruch zwischen Reinhard und dem Hofe; es kränkte ihn, daß man nach der Hofweise diesen Besuch zu einer abgemessenen Zwischenstunde der Unterhaltung angesetzt, während er für ihn und seine Frau die innersten Lebensfragen aufgeregt hatte. Dies gestand er sich offen, keineswegs aber das, wie er nicht die Kraft gehabt, sein häusliches Heiligtum dem Hofe zu entziehen.

Bei Tische sagte Lorle: »Der Prinz ist doch lang' nicht so stolz wie unser Amtmann.«

»Woher weißt du das? Du hast ihn ja gar nicht zu Wort kommen lassen.«

»Es ist wahr, ich bin so ins Schwätzen 'neinkommen, ich hab' mich nachher auch darüber geärgert, aber es schad't doch nichts.«

»Du mußt dich überhaupt mehr mäßigen.«

»Ja, was soll ich denn machen?«

»Nicht überall gleich den Sack umkehren, mit Kraut und Rüben.«

Lorle war still, sie glaubte ihren Fehl genugsam eingestanden zu haben, den letzten Tadel meinte sie nicht zu verdienen, da sie mit dieser Allgemeinheit überhaupt nichts anzufangen wußte.

Reinhard dagegen war voll Trauer, daß Lorle dieses Sichgehenlassen selbst fremden Menschen gegenüber nicht eindämmen konnte; es kam ihm jetzt vor, daß sie weit mehr geplaudert habe, als eigentlich der Fall war; es ärgerte ihn, daß jeder mit herablassendem Wohlwollen diese Naivetät beschauen und vielleicht bespötteln könne. Er ahnte, daß dieses offene, rückhaltslos zutrauliche Wesen notwendig der Dorfumgebung bedurfte, in der fast niemand, mit dem man in Berührung tritt, ein Fremder ist, wo die Thüren überall unverschlossen, wo man bei Nachbarn und im ganzen Dorfe aus- und eingehen mag wie zu Hause, wo man sich kennt, und zwar von Jugend auf mit all den Eigentümlichkeiten von Naturell und Schicksal. –

So leicht verblendet einmal eingerissenes Mißverständnis, daß Reinhard, statt aus dem letzten Ereignisse Hochachtung vor der unzerstörbaren Naturkraft seiner Frau zu gewinnen, darin eine spröde, alle Bildungselemente abstoßende Halsstarrigkeit beklagte.

Lorle selber fühlte auch immer mehr, ohne sich's zur Klarheit bringen zu können, daß sie in einer fremden Welt war. Das ganze Leben einer solchen anhangslos aus der Fremde in die Stadt versetzten Frau ist durchaus auf ihre Häuslichkeit beschränkt, die ganze Welt um sie her geht sie nichts an; nur eine allgemeine Bildung mag auch hier bestimmte Anknüpfungen finden lassen, denn sie verbindet mit Menschen, die auf fernen Bahnen wandelnd doch dieselben allgemeinen Lebenseindrücke, dieselben Interessen in sich hegen. Lorle dünkte sich selber oft erschreckend verstandesarm, ihr Scharfblick und ihre Klugheit konnten sich nur offenbaren, wenn sie von Bekannten, von Menschen sprechen konnte; daheim war sie viel klüger gewesen. Notwendig und natürlich kam sie daher in Ermangelung der gemeinsamen Bekannten oder der Allgemeinheiten dazu, daß sie leicht von sich sprach oder ihre ganze Eigentümlichkeit offenbarte; sie konnte nicht anders, sie mußte auch in der neuen Umgrenzung sich frei walten lassen. –

Eine Lerche, gewohnt und geschaffen, hinanstrebend im weiten Raum ihren Gesang erschallen zu lassen, lernt auch im engen Käfig singen wie in der Freiheit, aber am Gitter stehend bewegt sie ihre Flügel in leisem Zittern, während sie singt, und nie wird sie zahm, jeder betrachtende und forschende Blick macht, daß sie in wildem Aufruhr sich gegen die Umgitterung wirft und stemmt; sie verstummt und will entfliehen.

So hatte das letzte Ereignis nach zwei Seiten hin vielleicht tödliche Keime angesetzt oder längst vorhandene dem Bewußtsein mehr geöffnet.

Nun aber war noch über ein sichtbar erschüttertes Leben zu wachen. Die Bärbel konnte endlich doch das Bett nicht verlassen. Lorle wußte und kannte von nun an nichts mehr als die Pflege der Getreuen; sie hatte auch die Freude, sie bald wieder genesen zu sehen. Der Arzt erklärte, daß es der Bärbel vielleicht an ermüdender Arbeit in freier Luft fehle, und Reinhard drang nun darauf, daß sie heimkehre; aber zur Freude Lorles erklärte die Bärbel, daß sie lieber sterben wolle, als Lorle verlassen. Bei der anderweit erregten Verstimmung ward nun für Reinhard seine Häuslichkeit immer weniger erquickend, er war es überdrüssig, ein Hauswesen zu haben, in dem alle Sorgfalt sich wesentlich auf die Dienstmagd bezog; Lorle durfte er nichts davon mitteilen, denn er war fest überzeugt, sie könne seine Stimmung nicht begreifen, sie werde ihn notwendig mißverstehen.

Die Bärbel sollte nun ärztlicher Verordnung gemäß oft spazieren gehen, Lorle begleitete sie bisweilen, nötigte sie aber auch, sich allein aufzumachen; in diesem Falle aber kam sie bald wieder zurück und sagte: »Ich kann nicht so herumlaufen, ja, wenn ich ein Kind zu tragen hätt', da ging's noch, aber so? Ich lauf' die Allee hinauf, wie wenn ich wunder was schnell holen müßt', und da kehr' ich doch wieder leer um, und da schäm' ich mich.« –

Als im Herbst die Blätter von den Bäumen fielen, sank die Bärbel wieder auf das Krankenlager, und nach wenig Tagen war sie tot.

Der Jammer und der Kummer Lorles war unbeschreiblich. Reinhard teilte ihren Schmerz, aber es ward ihm doch zu viel, daß die Klagen über die Verstorbene immer und immer wiederkehrten und kein Ende nehmen wollten; auch sollte er nun mithelfen und sorgen bei Mißhelligkeiten mit den neuen Dienstboten.

Ein trüber Winter kam heran. Reinhard wurde weniger in die »Gesellschaft« gezogen, er war keine neue Erscheinung mehr und noch dazu offenbar mißgestimmt. Was kümmert sich die Gesellschaft um ein betrübtes Dasein? Sie will nur die Heiterkeit, und sei sie auch eine erlogene. Und nun gar die vornehme Welt! Sie kennt die Menschen nur, da sie in Glück und Glanz stehen. Anfänglich verdroß Reinhard diese Zurücksetzung, dann aber war's ihm erwünscht, so vielfacher Störung los zu sein; er blieb indes nicht zu Hause, sondern schloß sich dem Kollaborator und dessen Kreis öfter an. Die beiden Freunde durchsprachen oft den Plan zu einem satirischen Bilderwerk. Reinhard entwarf treffliche Zeichnungen zu demselben, aber der Kollaborator kam nie dazu, den Text zu schreiben. Wenn Reinhard nicht umhin konnte, dennoch eine der früheren Gesellschaften zu besuchen, so machte er sich bald wieder davon und kam im Ballanzuge in das raucherfüllte Bierstübchen, wo er bis spät in die Nacht sitzen blieb und dann oft noch stundenlang mit dem Kollaborator durch die menschenleeren Straßen wandelte.

Mit dem Prinzen stand Reinhard noch im alten Verhältnisse, er fehlte nie in den kleinen Zirkeln, die der junge Fürst um sich versammelte; aber auch hier fand er Mißbehagen genug.

»Es ist erbärmlich,« klagte er häufig dem Kollaborator auf ihren nächtlichen Gängen, »ich kann mich oft vor Ingrimm nicht halten, wenn ich sehe, welche Bedientenhaftigkeit gegen Ausländer an unsern Höfen herrscht. Wir Eingeborenen, wir Deutschen, müssen Adelige oder ausnahmsweise Bürgerliche von einer Auszeichnung des Talents sein, um bei Hof Eingang zu finden; jeder englische Stiefelputzer aber ist hoffähig, weil er eine weiße Halsbinde trägt und englisch spricht. Man muß froh sein, wenn nicht dem Fremden zulieb alles den ganzen Abend englisch quatscht. Diese Travellers haben recht, wenn sie ganz Deutschland wie einen einzigen Lohnbedienten ansehen; beginnen ja die Höfe mit Schändung der Nationalehre.«

Der Kollaborator erwiderte: »Laß doch die da drüben an ihrem drapierten, wurmstichigen Gerüste treiben, was sie wollen, die Weltgeschichte kümmert sich nicht mehr darum; sie legt neue Bahnen, und die besuchtesten Straßen werden leer stehen. Ich bin kein Freund der Engländer, ich halte sie für die gottloseste Nation auf Erden, trotz und infolge ihres steifen Kirchentums. Jeder Engländer hat aber das Recht, sich bei uns als Adeliger zu gebärden, die Geschichte seiner Nation ist die Geschichte seiner Ahnen, die Größe seiner Nation ist die Größe jedes einzelnen, und wir, wir sind Privatmenschen, mit und ohne Familienwappen.«

In solchen Gesprächen wandelten die Freunde oft bis tief in die Nacht hinein; die Nachtwächter sahen staunend die sonderbaren Schwärmer.

Immer vereinsamter ward Lorle; eine unnennbare Sehnsucht, ein Heimweh regte sich in ihr, aber sie kämpfte, es nicht aufkommen zu lassen. Oft gedachte sie jener Stunde nach der Hochzeit, wo sie Gott gelobt hatte, alles freudig über sich zu nehmen, da sie so unendlich beglückt war. Jetzt fühlte sie, wie schwer es ist, um eine selige Stunde ein langes banges Leben hinzukümmern; es gebrach ihr an Kraft zu solchem Opfer, weil sie fürchtete, daß sie den andern, dem sie es brachte, vielleicht nicht damit beglücke. Sie geizte nach einem freundlichen Worte Reinhards, ein kleines Lob von ihm erhob und erkräftigte sie wiederum; sie bedurfte einer Anerkennung, seiner vor allen. Wie Reinhard die Sicherheit des Selbstbewußtseins in seinem künstlerischen Lebensberuf, so schien sie solche in ihrem Charakter verlieren zu wollen; sie horchte hin nach anerkennendem Zuruf von außen. Die Verstörtheit Reinhards steigerte noch ihr Wehe, er stand ihr so hoch, so erhaben über alle Menschen, daß sie der ganzen Welt zürnte, die ihm so viel zu schaffen machte und ihn quälte. In ihrer Fürsorge für ihn bekundete sich eine solche Unterthänigkeit, solch ein krankenwärterisches Nachgeben, daß er sie oft mit stiller Wehmut betrachtete.

Warum konnte er nicht glücklich sein?

Wie oft müht und peinigt man sich im kleinen und vereinzelten Leben und sucht ein Notwendiges mit quälender Angst, und am Ende liegt es bei ruhigem Blicke vor uns offen und frei; es ist, als ob ein Dämon uns früher geblendet und verwirrt hätte. Geht's wohl auch im großen, ganzen Leben so?

Reinhard versuchte es, Leopoldine und seine Frau einander zu nähern, aber diese versicherte, daß sie gern allein, daß es ihr so am wohlsten sei. Tage- und wochenlang saß Lorle am Fenster bei dem Vogelbauer und strickte Strümpfe, deren Arbeitserlös sie den Ortsarmen in der Heimat schickte.

Zur Fastnachtszeit gewann sie eine neue, schwere, für sie aber doch erhebungsvolle Thätigkeit. Die Magd erzählte, daß in dem Stockwerk unter ihnen die Frau des Kanzleiregistrators, eine Mutter von fünf Kindern, an der Auszehrung daniederliege und daß Jammer und Not in der Familie herrsche. Lorle kannte die Leute nicht, sie stand nur einen Augenblick still am Fenster, mit einem Entschluß kämpfend; dann ging sie hinab, klingelte und sagte, sie müsse zur Frau Registrator; dieser bot sie nun Hilfe und Beistand an. Die Kranke hob die durchscheinigen Hände auf und faltete sie mit innigem Dank. Lorle verweilte nicht lange beim Reden, sondern ging alsbald durch Küche und Kammer und ordnete alles. Von nun an war sie ihre ganze freie Zeit, und das war der größte Teil des Tages, bei der Kranken und ihren Kindern, die mit Liebe an ihr hingen; sie waltete überall, als wäre sie die Schwester der Mutter. Die Kranke war eine Frau voll ruhigen schönen Verständnisses für das Wesen Lorles, da sie dieselbe nicht zuerst durch Reden und Unterhalten, sondern frischweg durch die That kennen lernte; ohne Ahnung ihrer baldigen Auflösung sagte sie immer, wie glücklich sie sei, eine solche Freundin gefunden zu haben, und wie schön sie nach ihrer Genesung miteinander leben wollten. Lorle entnahm hieraus einen ganz besonderen Trost: eine Stadtfrau hatte sie doch auch verstanden und ihr solche Liebe zugewendet.

Unterdes gewann die Stimmung Reinhards eine immer trübere Färbung. Er hatte seit den Universitätsjahren nie so lange mit dem Kollaborator gelebt als jetzt; der ätzende Geist des Gelehrten, der immer schärfer wurde, übte einen störenden und verwirrenden Einfluß auf das künstlerische Dichten und Trachten Reinhards. Im Glück und in der Freiheit wäre er stark genug gewesen, alle Störung von sich abzuschütteln, nun aber bemächtigte sich seiner oft eine nie dagewesene Grämlichkeit und Weichheit, so daß er waffenlos erschien. Wollte er etwas beginnen oder ausführen, sah er eitel Mangel und Halbheit darin.

Der Trost des Kollaborators war ein trauriger, denn er bestand darin, daß in unsern Tagen alles, was gesundes Leben in sich hat, nur negativ sein könne, daß es darum keine Kunst geben könne, bis eine neue positive Weltordnung erobert sei; was sich heute noch zur Kunst gestalten könne, bestände nur noch in Reminiscenzen der vergangenen und noch nicht völlig ausgezehrten positiven Welt. Diese Ansichten verfocht er mit unleugbarem Scharfsinn, und so sehr sich auch Reinhard dagegen stemmte, sie kamen ihm doch in die Quere bei mancherlei neuen Entwürfen; er wendete sich daher wieder ganz der Landschaft zu – das Naturleben blieb doch stetig und fest – innerlich aber trauerte er dennoch um das verlassene Menschenleben. Dazu kam, daß eben dieses ihn von andrer Seite vielfach in Anspruch nahm und zwar auf die unerfreulichste Weise; er mußte bald bei Hofe, bald in den anschließenden Kreisen lebende Bilder stellen, Maskenzüge ordnen, und all dies Treiben ekelte ihn an. Konnte er Lorle von den Kämpfen um das innerste Wesen seines Lebensberufes etwas mitteilen?

Sonst, wenn ihm die Mißlichkeiten des Lebens zu nahe rückten, flatterte er davon, ließ all das kunterbunte Treiben hinter sich und vergrub sich still in den Bergen; jetzt war er festgebunden. . . .

Der Frühling nahte, die Frau des Registrators fühlte sich immer freier, und doch war sie nur noch ein Schatten. Lorle hatte manchen Aerger am Krankenbette, besonders über das singende Mädchen gegenüber; das sang und klimperte fort, mochte daneben ein Mensch sterben und verderben. Lorle konnte sich noch immer nicht in die Welt finden, wo Jubel und Todesschmerz Wandnachbarn sind und doch geschieden wie ferne Welten. –

Bis zum letzten Atemzuge der Kranken harrte Lorle bei ihr aus und drückte ihr die Augen zu. Nun hatte sie wieder eine Befreundete zur Erde bestattet, die Sorge für die Kinder blieb ihre unausgesetzte Pflicht. Im ganzen Haus und in der Nachbarschaft hatte man vernommen, wie aufopfernd und edel Lorle gegen die Verstorbene und deren Familie gehandelt; sie gewann sich dadurch eine stille Achtung und Liebe. An manchem Gruß von ehedem stummen Lippen, an manchem ehrerbietigen Ausweichen auf Treppe und Hausflur merkte dies Lorle, und es erquickte sie im tiefsten Herzen. Oft dachte sie: »die Menschen sind doch überall gleich, nur kennen sie in der Stadt einander nicht. Vielleicht ist da eine brave Nachbarin, der es lieb wäre, wenn ich zu ihr käme, aber wir wissen nichts voneinander.«

Wer sollte es aber glauben, daß Lorle ein geheimes und dauerndes Verhältnis zu einem fremden Manne hatte?

Die Kanzlei, dem Hause gegenüber, war vollendet und bezogen. Wenn nun Lorle des Morgens ihren Vogel vor das Fenster hing, öffnete sich gerade gegenüber in der Kanzlei ein Fenster; ein Mann mit wenigen schneeweißen Haaren erschien und begoß seine Blumen, die auf dem äußersten Fenstersims standen. Er sah dann starr nach Lorle, bis ihr Blick ihn traf, er nickte freundlich, sie antwortete mit demselben Gruß und zog sich schnell in ihre Stube zurück; sie konnte nicht unwirsch gegen den guten alten Mann sein, er stellte ihr so schöne Blumen gegenüber, und sie schickte ihm dafür lustigen Vogelsang in die aktenstille Stube. Eines Morgens räumte der alte Mann seine Blumen weg und stand, die linke Hand unter die Batte seines Rockes gestemmt, mit glänzendem Gesicht da, nach Lorle hinüberschauend, etwas Farbiges prangte auf seinem Rocke; als ihn Lorle endlich erschaute, nickte er zweimal. Von diesem Tage an ward er nicht mehr gesehen, Lorle wußte nicht, was aus ihm geworden war; hätte sie das Regierungsblatt gelesen, so hätte sie erfahren, daß der Oberrevisor Körner einen Orden erhalten hatte und zum Kanzleirat ernannt war; er ward dadurch auf die Sonnenseite des Staatsgebäudes in das erste Stockwert versetzt.

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