Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band. - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

Die Befreiung.

Endlich kam der Tag der Befreiung; und als Luzian zum erstenmal auf der Straße war, reckte er sich und sagte:

»Guten Tag, Welt! bald b'hüt dich Gott.«

Alle Welt, Gott gesegne dich,
Ich fahr' dahin gen Himmelrich;

sang es wieder in ihm.

Im Lamm war Egidi mit dem Fuhrwerk, aber noch andre waren da, der Wendel und der Paule, der einen Flor um den Arm trug.

»Schwäher,« sagte letzterer, »ist's wahr, Ihr wollet nach Amerika?

»Ja!«

»Nehmet Ihr mich mit, wenn mich das Bäbi wieder mag?«

Luzian schaute auf seine Tochter, die hoch erglühend die Augen niederschlug.

»Wie?« sagte Luzian, »red du, Bäbi, sag Ja oder Nein.«

Bäbi schwieg.

»Wenn du nicht Nein sagst, so nehm' ich's für Ja.«

Bäbi preßte die Lippen heftig zusammen, als fürchte sie, daß ihr Mund Nein spräche.

Paul löste die Lippen bald zu seligem Kusse.

Auf der fröhlichen Heimfahrt erzählte nun Paul, wie sein Vater von dem Pfarrer umgarnet war und wie er auf dessen Betrieb die Brautschaft aufgekündigt hatte. Auch in ihm lebte der heftige Zorn gegen das Pfaffentum, wenn er gleich noch lange nicht auf Luzians Standpunkt angelangt war.

Jetzt faßte Luzian die Hand seines Sohnes Egidi und sagte: »Komm her, du kannst mir eine große Wohlthat erzeigen, ich hab' eine Bitte an dich; willst du?«

»Wenn's in meinen Kräften ist, ja.«

»Nun gut, gib mir den Viktor mit, ich will ihn halten, wie wenn du es wärst; ich will auch von dir was bei mir haben.«

Egidi nickte bejahend, er konnte nicht reden. –

Wer am Himmelsbogen säße und mit einem Blick überschauen könnte das gewaltige Drängen und Treiben aus der alten Welt heraus nach einem Dasein, in welchem die Menschen frei ihr Leben gestalten, dem böte sich ein Anblick voll Jammer und voll Erhebung.

Den Ortspfarrer traf Luzian nicht mehr im Dorfe; er war wegen seiner besonderen Talente und seines Eifers zum Rektor eines neuerrichteten Knabenseminars für Priester, der »geistlichen Kadettenanstalt«, wie sie in jenen Zeitungsberichten genannt war, berufen worden.

In der Zeitung standen am selben Tage zwei große Bauerngüter mit Schiff und Geschirr ausgeboten: es waren die Luzians und Paules.

Mit tiefem Herzeleid sah Luzian sein sorgsam gepflegtes Gut zerschlagen in fremde Hände übergehen.

Als er Abschied nehmend mit seinem Passe zum Oberamtmann kam, übergab ihm dieser ein Buch zum Andenken. Es war ein Wegweiser für deutsche Auswanderer.

»Ich habe auch einige Worte hineingeschrieben,« sagte der Oberamtmann.

Luzian las dieselben, nickte mit dem Kopfe, reichte ihm die Hand und sagte: »Das ist ein schönes Gleichnis aus der Bibel; Gleichnisse lass' ich mir gefallen, wenn auch die Geschichte nicht wahr ist.«

In dem Buche aber stand:

Man soll nicht auswandern wie der eigensüchtige Rabe auf der Arche Noah, der draußen bleibt, wenn's nur ihm wohlergeht; man soll auswandern wie die ausgeschickte Taube, die heimkehrt mit dem Oelzweig, verkündend: daß die Sündflut sich verlaufen hat.

 << Kapitel 29 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.