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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band. - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Ueber sich hinaus.

Zum zweitenmal nach mehrstündiger Abwesenheit ging Luzian heute an Stall und Scheunen vorüber, ohne einzuschauen; wie ist das nur möglich? Das gedachte er jetzt, als er, schon eine Strecke entfernt, sich nach seinem Heimwesen umwendete.

»Es muß alles verlumpen,« dachte er, und eine seltsame Bitterkeit prägte sich auf seinem Antlitz aus. »Sie haben recht, die Herren, von Staats- und Kirchengehalt, tausendmal recht, so ein unruhiger Kopf, so ein Schreier, der sich um Sachen annimmt, die ihm nichts eintragen und die ihn, genau besehen, eigentlich nichts angehen, nicht mehr als andre Leut' auch, das muß ein Lump sein oder einer werden. Am besten, er ist's von Haus aus. So ein Mensch, der alles, was er hat, auf dem Leib trägt und dem kein Geldbeutel in der Hosentasch zittert vor Angst, nach dem niemand fragt: wo bist und wo bleibst? der kann wie der Soldat im Feld leben oder wie die Bettelleut'.«

Ein altes Schelmenlied mit endlosen Strophen kam ihm hier in den Sinn, und im Weitergehen pfiff er die Weisung vor sich hin:

Bettelleut han's gut, han's gut,
Bettelleut han's gut,
Bricht ihnen kein Ochs das Horn,
Frißt ihnen kein' Maus das Korn u. s. w.

Der Mund, der sich zum Pfeifen spitzt, kann sich nicht mehr so leicht griesgrämlich verziehen, und doch verfinsterten sich die Züge Luzians bald wieder. Er ging jetzt eben ins Feld, da die Menschen von demselben heimkehrten. Er sah in dem Gruße der Begegnenden etwas Gepreßtes, niemand blieb stehen, und niemand fragte, wie sonst bräuchlich: wohin noch so spät?

An der Halde, dort am Rand des Berges, wo drunten im Thale der Waldbach rauscht und die Mühle schrillt, nicht lauter vernehmbar als das Zirpen des Heimchens hier neben im Brombeerbusche, dort saß Luzian auf dem Markstein und starrte hinein in die untergehende Sonne. Wie allmählich ist ihr Aufgehen und wie rasch ihr Untergang! Dort steht der glührote Ball noch über dem jenseitigen Berge, und jetzt ist er hinab, und der ganze Himmelsbogen steht in glutbrennenden Flammen. Der Aufgang und der Niedergang der Sonne macht die Welt ringsum in blutig grellen Flammen erglühen, nur wo das helle Licht herrscht, schaut dich die Welt mannigfarbig an. Getrost! der helle Tag kommt immer wieder.

Wie schwarze Schlangenbilder jetzt vor dem Auge Luzians vorüberhuschten, so stieg auch vor seiner Seele ein dunkles Leid auf, das sich zum mächtigen Ungeheuer zu gestalten drohte.

»Nichts nutz, Lumpenbagage ist die ganze Welt, und vorweg gar diese da, mein Grundbirnenbäuerle, nicht wert, daß man sich einen Finger für sie naß macht. Sie müssen in alle Ewigkeit hinein Dreck fressen, es schmeckt ihnen ja wie Zuckerbrot. Denen da die Wahrheit verkünden? Das ist grad, wie wenn man einem blinden Gaul winkt. Sie sind nichts Besseres wert, als was sie sind.«

So dachte Luzian vor sich hin und sprach es fast laut aus. Die Grundsuppe, in der alle Niedertracht der Gegenwart zusammenbrodelt, schien auch hier aufzukochen in dem Herzen eines Mannes, der mitten in den Reihen des Volkes stand. Denn was ist es andres, das die Wahrheit hemmt, sich über alle Welt zu ergießen? Es ist mit einem Worte die Volksverachtung. Der Hexenkessel, in dem diese gebraut wird, steht auf dem Dreifuß der Amtierungssucht, dem dünkelhaften Hochmut der Alleinweisen, und auf der verletzlichen Zimperlichkeit der Wohlmeinenden. Sollte auch Luzian dem selbstherrlichen Dünkel der Alleinweisen verfallen?

Wer draußen steht, sich allein dem Volke gegenüberstellt, dem mag es leicht werden, sich dem Volke zu entziehen, indem er ihm nie die Kraft der vollen Wahrheit zutraut oder beim ersten Versuche sich verächtlich von ihm abwendet. Das Volk ist ihm gestaltlose Masse. Anders ist es bei Luzian. Er lernte die Menschen nicht als Masse kennen, sondern als einzelne; ihm war es nicht gegeben, die mannigfaltigen Sinnesweisen verschiedener Menschen mit einem einzigen in Maschen verschlungenen Begriff, mit einem einzigen Wort einzufangen.

Wenn man mehrerlei Waldvögel in einen Käfig sperrt, verlieren sie ihren Waldschlag, keiner von allen singt mehr, und sie zwitschern nur noch fast so ängstlich und unbestimmt wie lallende Küchlein.

Luzian konnte nicht wie andre vom Volke und dergleichen reden, er kannte die einzelnen, und die waren meist gut und getreu. Wie im Fluge schweifte sein Geist im eigenen Dorfe und in dem und jenem benachbarten von Haus zu Haus. Da und dort wohnt ein kernfester Ehrenmann, er kannte ihn von Jugend auf, und doch war er nicht auf dem Wege, den er jetzt ging.

»Nein,« sprach es in ihm, »ich bin nicht besser, als der und jener und dieser da. Aber warum greifen sie nicht mit an? Warum ziehen sie sich zurück von dir? Sie sind eben jetzt noch da, wo du selber vor ein paar Jahren noch gewesen bist. Das sind lauter alte Luzians, die da 'rumlaufen, thu' ja keinem nichts und halt mir ihn in Ehren, du bist's selber. Wie hätt' dir's gefallen, wenn dazumal einer wie du jetzt dich mit grimmigen Augen von oben 'rab angesehen hätt'? Nein, ihr seid alle meine Brüder! ihr seid so gescheit wie ich, es ist nur noch nicht heraus. Herr! Wenn ich da alle hätt', da auf dem Acker, und ich stund' auf dem Markstein und thät' ihnen das Herz aufschließen und sie mir, das wär's, das müßt's sein. Warum dürfen wir nicht zusammenkommen? Wer kann uns hindern? Die Soldaten? Das sind unsre Buben und Brüder. Es muß sein. Herr! wie sind wir an Hand und Fuß gebunden. Bricht's denn nicht einmal?« Luzian richtete sich rasch auf, und nächst dem Gedanken an eine große Versammlung, gegen den Willen des Beamten und Pfarrers, erquickte ihn noch innerlich das stille Bewußtsein eines Sieges über sich selber, über Hochmut und Empfindlichkeit. Er hatte die echte liebende Duldung gefunden. »Lauter alte Luzians,« sagte er im Weitergehen noch oft vor sich hin, »mir wird das Gebot jetzt leicht: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, jetzt versteh' ich's. Wenn du auf einen grimmig bist, denk, du wärst der, der dich verzürnt, du könntest ja auch so sein . . . Es ist doch viel Schönes in der Bibel, aber auch viel andres.«

Es war Nacht geworden. Luzian kannte jeden Baum und Strauch hier am Wege; wandelte er ja diesen Pfad schon mehr als dreißig Jahre. Im raschen Weitergehen, so im Vollgefühle der Kraft mit dem Schlehdornstock in der Luft fuchtelnd, verspürte er wieder eine alte Lust, die sich heute schon mehrfach regte, sich aber nicht unverhüllt aufthat.

Im Menschengemüt ebbt und flutet es wundersam. Luzian wollte dreinschlagen, zuerst den Pfarrer, dann den Medard und dann seinen eigenen Sohn Egidi und so fort tüchtig mit ungebrannter Asche einreiben, damit sie ihre gebührende Strafe bekommen und endlich einsehen, daß Recht und Vernunft ihm zur Seite stehen.

Wie bald sucht der Mensch die geistige Beweisführung zu verlassen und den leibhaften Nachdruck dafür einzusetzen. Sich so mit der ganzen Schwere des Wesens auf den Gegner zu werfen und ihn zu zermalmen, darin liegt nicht bloß rohe Gewaltthätigkeit, sondern auch ein Bestreben, damit tatsächlich darzuthun, daß man bereit sei, das ganze Dasein daran zu setzen und den Gegner anzurufen, daß er bewähre, ob die Macht des Gedankens in ihm so stark sei, auch äußerlich die Gewalt zu erringen.

Darum greifen Völker und Parteien so gern zum Schwerte. Es gilt als letzte Beweisführung, die Lebenskraft einzusetzen.

Mitten auf dem Wege, an der großen Buche, wo die vielen Namen eingeschnitten sind, merkte Luzian plötzlich, daß drunten im Thale die Sägmühle gestellt wurde. Der schrillende Ton war dahin, und das Wasser rauschte plätschernd über die unbewegten Räder. Dieses plötzliche Aufhören des weithin kreischenden Pfiffes machte Luzian verwundert aufschauen. Was ging dort unten vor? Er schritt rasch der Mühle zu. Die Bäume über ihm rauschten so wundersam, das tönte und klang in nächtlicher Stille heller als am Tage; dieses Säuseln und Rauschen in den Wipfeln floß immer weiter und weiter hinab, tief in den Wald, und still war's eine Weile in der Nähe; jetzt erhob sich wieder ein neuer Klang zu Häupten in den Zweigen, er schwoll immer mächtiger und mächtiger an und brauste dahin. Wie wohlig lauscht sich's allvergessen in stiller Sommernacht dem ewigen Wogen des Waldes. Du kannst nicht sagen und deuten, was sich da spricht im Flüstern der Zweige, und doch erquickt dir's das Herz und durchströmt dich mit süßen Schauern.

Wie wenn die tosende Tagesarbeit schweigt, du still hinhorchst auf das Weben und Walten in deiner Brust, so war es hier, als ob das Ohr, an den Mühlenton gewöhnt, nun bei dessen Verstummen schärfer und voller das rastlose Wogen der weiten Natur in sich aufnähme.

Friedsam, als ob nirgends in der Welt Kampf und Widerstreit wäre, und ein Mensch dem andern die Luft des Lebens gönnte wie ein Baum des Waldes dem andern, so schritt Luzian dahin.

Unweit der Mühle zieht sich der Weg einen dachjähen Hügel hinab. Luzian stand hier plötzlich still, denn er hörte, wie vor dem Hause, auf dem Sägebalken sitzend, zwei Männer miteinander sprachen, oder vielmehr der eine redete.

»Wie ich Euch sage, Egidi, es gibt nur zwei Wege; entweder fromm und streng an unsre heilige Kirche halten, oder – an gar nichts glauben: nicht daß der Mensch eine Seele habe, nicht daß es einen Gott gebe, nicht daß wir der Erlösung bedürfen. Wie gesagt, entweder gut katholisch oder ein Gottesleugner, man kann nur zwischen dem einen und dem andern wählen; mittendrin stecken bleiben wie das Luthertum, halb an die Bibel, halb an die Vernunft glauben, das ist, wie mein alter Lehrer in Freiburg gesagt hat, nichts als Festungsfreiheit; man ist in der Festung eingesperrt, darf jedoch innerhalb der Ringmauer frei umhergehen. Nichts davon. Entweder muß man alle Gelüste und Begierden ausgeschirren und sie im freien Felde rammeln lassen wie die Hasen, oder man muß sie festhalten mit Zaum und Gebiß der ewigen Glaubensgesetze. Ich weiß, Egidi, Ihr seid von Grund aus ein fromm Gemüt, darum schließe ich Euch mein Herz auf. Von der Stund' an, da auf das schallose Haupt des Neugeborenen das heilige Wasser herniederträuft, bis zu dem schweren Augenblicke, da die lebensmüden Füße des Sterbenden gesalbt und gesegnet werden, die nun ihren Erdengang vollendet haben: unablässig hält die Kirche leitend, schirmend und segnend die Hand über ihre Angehörigen. Unglückselig, wer sich ihr entzieht und sie von sich stößt. Ihr könnt in Eurer Mühle Verbesserungen finden, neue Räder anwenden, die Wasserkraft sorgfältiger benützen; in göttlichen Dingen aber ist alles vom heiligen Geiste offenbart und erbt sich unabänderlich fort von Geschlecht zu Geschlecht. Gäbe es hier eine neue Wahrheit, die nicht in dem Geoffenbarten läge, so wäre ja Gott der Allgütige ein Stiefvater gegen die vergangenen Geschlechter gewesen, die solcher Heilslehre nicht teilhaftig waren. Der Heiland und seine Lehre war in ihm und mit ihm vom Anbeginn der Welt. Wehe dem Armen, der seinen Weg allein gehen will, du folgst dem Irrlicht in den Sumpf.

»Glaubt mir, Egidi, es ist ein schweres Amt, einzutreten in die heilige Schar, die das Erlösungswerk forterbt; ich bin nichts, nur die Gnade wirkt in mir, ich bin nichts für mich, ich kenne nicht Vater, nicht Mutter, so sie nicht in dem Herrn wandeln, ich kenne nicht Weib, nicht Kind, ich ziehe spurlos über die Erde, ein zerbrechlich Gefäß, das der Herr zerschmettert am Ende seiner Tage. Aber weil ich dem Herrn diene, so fürchte ich die Menschen nicht, sie müssen dem Herrn gehorsamen. Da bin ich für euch alle zu jeder Stund' bereit zu raten, zu helfen und zu erheben zum Herrn.«

Der Mond trat aus den Wolken, und Luzian sah neben seinem Sohne den Pfarrer.

»Ich kann's aber nicht leugnen,« entgegnete Egidi schüchtern, »mir thut es doch weh um meinem Vater, und es wird ihm arg weh thun, daß ich ihm den Viktor weggenommen.«

»Aergert dich dein Auge, so reiß es aus,« rief der Geistliche halb zornig, »Egidi, Ihr seid hochbegnadigt, daß Ihr zum Teil ein priesterlich Opfer bringen könnt. Ihr müßt Euer Herz töten dem Herrn, auf daß es in ihm auflebe. Oder wollt Ihr mit Eurem Vater zur Hölle fahren und Euer unschuldig Kind mitreißen? Nicht ruhen und nicht rasten dürft Ihr, bis Ihr seinen stolzen Sinn demütig macht. Das sag' ich Euch,« rief der Pfarrer aufstehend und streckte seine Hand aus wie ein strafender Prophet, »die erste Strafe, die der Herr über Euren gottlosen Vater verhängt, ist die, daß sich sein eigen Kind wider ihn empören muß. Ihr seid das auserlesene Werkzeug des Herrn. Das wird ihm auf dem Herzen brennen, Ihr müßt . . .«

Der Pfarrer konnte seine Rede nicht vollenden, denn eine gewaltige Faust drückte ihm die Gurgel zu.

Mit der Schnelle eines Habichts, der auf seine Beute schießt, war Luzian herbeigesprungen und warf den Pfarrer über die Sägeklötze hin, daß es knackte.

»Ich will dich . . . ich muß auch . . . ich hab' auch den Arm des Herrn,« unter diesem Ausrufe schlug er auf den Geistlichen los, daß ihm das Blut aus Mund und Nase rann.

Egidi suchte abzuwehren, aber es gelang ihm nicht, den riesenstarken Luzian loszubrechen. Der Pfarrer spie diesem das Blut ins Gesicht, er biß sich mit den Zähnen in seinen Arm ein, doch Luzian rief: »Spei nur Gift, beiß nur, ich will dir den Wolfszahn ausreißen.«

Egidi schrie um Hilfe und riß endlich den Vater von seiner Beute los. Luzian wandte sich um und schlug Egidi auf die Brust, daß er taumelnd zurückstürzte.

Unterdes richtete sich der Pfarrer auf, er war kein Schwächling; er faßte Luzian im Nacken und warf ihn nieder, daß es dröhnte, fast wie wenn man einen Baum fällt. Jetzt kniete der Pfarrer auf den Gefallenen, und während er ihn heimlich mit Füßen trat und ihm die Augenwimpern ausraufte, rief er laut, daß es im Walde widerhallte und das Gebell der Hunde im Hofe übertönte: »Thue Buße, ich will dir vergeben! ich vergelte dir nicht, kein Schlag soll dich treffen.«

Die Frau Egidis schrie Feuerjo zum Fenster heraus, die Mühlknechte eilten herbei, sie folgte ihnen. Ueberdies hatte sich Luzian wieder befreit, und ein gewaltiges Ringen zwischen ihm und dem Pfarrer hatte begonnen.

»Mein Egidi ist tot!« schrie plötzlich die Frau und sank neben ihren Mann nieder. Das war ein Schrei, der die Bäume im Wald erschüttern konnte.

Luzian ließ ab vom Ringen, kniete neben seinem Sohn nieder und schrie: »Mein Kind! Mein Kind! Pfaff, da hast dein Opfer.«

»Und du bist der Mörder,« entgegnete der Pfarrer.

Luzian schnellte wieder empor, zückte sein Seitenmesser, faßte den Pfarrer und rief: »Wenn ich geköpft werden soll, will ich's wegen deiner, du . . .«

Man riß ihn mit unsäglicher Mühe los.

Die Frau lag über ihren Mann hingebeugt, das stille Thal tönte wider von ihrem Jammern und Klagen.

Egidi wurde ins Haus getragen, und als man ihm dort das Weihwasser, das neben der Thürpfoste hing, über das Gesicht schüttete, schlug er die Augen auf. Kaum hatte Luzian dies gesehen, als er wiederum den Pfarrer ergriff und mit den Worten: »'Naus mit dir!« ihn aus der Stube drängte.

Das war eine traurige Nacht hier in der Waldmühle. Egidi gelangte bald wieder zu vollem Bewußtsein, und als er dann ruhig einschlummerte, ließ Luzian nicht nach, bis alles schlafen ging, er selber aber wachte am Bett seines Kindes, dessen Stirn und Hände er oft befühlte. So saß er und starrte unverwandt hinein in das matt flackernde Licht, bis dieses endlich verlosch. Er sah dem Absterben des Lichtes zu, obgleich das für todesgefährlich gilt.

Mit dem Verlöschen des Lichtes erwachte Egidi plötzlich, und hier in stiller Nacht, wo der Mond sein fahles Licht in die Stube warf, besprachen sich Vater und Sohn, daß niemand mehr wußte, wer eigentlich den andern beleidigt hatte. Egidi wollte mit aller Macht seinen Vater bekehren, aber es gelang nicht, und Luzian versprach, nicht den leisesten Groll gegen ihn zu hegen, wenn er das thue, was aus ihm selber käme, aber nicht, was der Pfarrer ihm einimpfe. Luzians einziger Wunsch war, daß er den Viktor wieder bekäme; er und die Ahne könnten nicht ohne das Kind leben, er wolle es gerichtlich adoptieren. Egidi schien hingegen hartnäckig, jedoch nur so, daß er nicht ausdrücklich willfahrte; was etwa geschehen werde, das konnte er nicht hindern.

Gegen Morgen kam eilig eine alte Magd des Hauses und verkündete, die Frau sei durch den nächtlichen Schreck so, daß man bald der Wehmutter bedürfe. Egidi sprang rasch aus dem Bett, er wollte nach dem Dorf, aber Luzian versprach, alles zu besorgen; er sprang rasch hinauf in die Kammer, kleidete den schlaftrunkenen Viktor an und trug ihn auf den Armen dem Morgenrote entgegen, hinauf ins Dorf. Der Weg durch den Wald war hier und dort mit Blutspuren bezeichnet.

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