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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band. - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Wie endet der Sonntag!

Während Luzian auf schnaubendem Rosse ins Weite stürmte, kehrte Egidi bedächtigen Schrittes ins väterliche Haus zurück. Die Scheltworte der Mutter gingen ihm wenig mehr zu Herzen, denn er gedachte des balsamreichen Spruches: »Es ist so ernst gemeint, wie ein Mutterfluch.«

Die Stimmung Egidis hatte sich im Hinhorchen da und dort bereits verändert. Fast das ganze Dorf ist auf Seite des Vaters und gewiß mit Recht; es ist ja sonnenklar, daß der Pfarrer ihn beschimpfen wollte. Egidi, der an Autoritäten hing, ließ die allgemeine Meinung des Dorfes als solche auf sich wirken, ja, er schien schon fast geneigt, die Kraftäußerung des Vaters sich zum Stolze anzurechnen. Zwar stieß ihn noch ein Etwas von der Teilhaftigkeit am Ruhme zurück, aber es geht damit leicht wie mit dem Gelde; wer es überkommt, fragt nicht leicht, wie es erworben worden. Egidi war in jeder Beziehung ein Erbe. Er trat oft nur scharf und bestimmt auf, um seine Unselbständigkeit vor sich und andern zu verdecken; er wollte ein Mann sein und sich namentlich seinem Vater gegenüber als solcher hinstellen, weil er dessen Uebermacht zu schwer fühlte; er schloß manchen ungeschickten Pferdehandel ab, ohne seinen Vater dabei zu Rate zu ziehen, so gern er das auch innerlich sich wünschte; er wollte allein den Meister zeigen. In seinen Reden und Gedanken hielt sich Egidi gern an Sprichwörter u. dgl., das waren ja auch Erbstücke von unwandelbarem Gepräg und Wert. Luzian ließ den Sohn ganz für sich gewähren, als er diese gewaltsame Ermannung wahrnahm, besonders hatte er bis jetzt jede Einwirkung in religiösen Dingen unterlassen, da das wohl abzuwarten war, und Luzian selber gestand sich kein Recht zur Bekehrung andrer zu, solange er selbst nicht ganz offen war.

Egidi hatte ein frommes, weiches Gemüt, überdies gehörte er zu jenen Menschen, die als geborene Unterthanen erscheinen; es war ihm wohl dabei, wenn man ihm die Last der Selbstregierung vorweg abnahm, ja, wenn man ihn nie dazu kommen ließ. Unsichere Naturen lieben es, wenn ein Arzt bei Tische ist und ihnen sagt, daß diese und jene Speise ihrer Leibesbeschaffenheit nicht unverträglich, ja sogar förderlich sei; mit der innersten Lust der Sorglosigkeit geben sie sich dann dem Genusse hin, und tritt einmal eine Störung ein, der Heilkünstler hat ja Mittelchen genug, er weiß zu helfen. In religiösen Dingen ist es für viele noch anmutender, sich auf Lebenszeit eine Diät vorschreiben und in außerordentlichen Fällen nachhelfen zu lassen; die oft halsverdrehende Selbstbeobachtung, die beschwerliche Selbstgesetzgebung, mit ihrem Gefolge der eigenen Verantwortlichkeit, ist dadurch beseitigt.

Egidi sagte sich's nie deutlich, aber er war ganz froh und wohlgemut, daß die Geistlichen für alles vorgesorgt hatten, daß es da bestimmte Pflichten zu üben, bestimmte Gebete zu sprechen gab. Wenn er nun dennoch für freie Wahl der Geistlichen stimmte, so lag ihm so wenig, wie den meisten, die Folgerung davon offen, daß die Mitwirkung auf das Innere der Lehre sich notwendig daran anschließen müßte. Vorerst dachte er, wie die andern, nur an die freie Wahl der Person; warum sollte der Geistliche nicht ebenso aus freier Wahl hervorgehen wie der Schultheiß?

Noch auf dem Wege nach dem elterlichen Hause hatte Egidi allerlei Bedenkliches über den Vater rumoren gehört, aber er glaubte nicht daran, es waren nur Unverstand und Böswilligkeit, die so Gottloses aussprengen konnten. Still setzte er sich zur Mutter auf die Laube.

»Der Gaul, der zieht, auf den schlägt man; so geht's auch beim Vater,« sagte er endlich.

»Warum? was hast wieder?«

»Nichts Schlimmes. Der Vater muß halt am meisten ziehen von den Gemeindeangelegenheiten, die andern, die lottern mit all ihrem Reden doch nur so neben her und ziehen keinen Strang an. Der Vater hätt' sollen studiert haben, das wär' sein Platz, ihm käm' keiner gleich.«

Die Mutter nickte lächelnd, sie sah in den versöhnlichen Worten Egidis nur die Folgen ihrer scharfen Zurechtweisung und freute sich dieser Bekehrung. Schnell vergaß sie alles, was vorgegangen war; ihr Mutterherz hatte es ja nie geglaubt, daß der Sohn mißtreu gegen den Vater werde. Sie ließ sich gern von Egidi erzählen, wie alles im Dorfe vom Lobe Luzians überströmte, und sie sagte einmal ganz selig: »O redet nur, es kennt ihn doch keines so wie ich. Wenn man jetzt bald dreißig Jahr' miteinander haust, da ist man wie ein Mensch; ich kann ihn nicht loben, es wär' mir wie Eigenlob.«

Es war ihr so wohl zu Mut, daß sie nach einer Weile begann: »Und jetzt spür' ich's erst, daß ich zu Mittag keinen Bissen übers Herz bracht hab'. Wart ein bißle, ich lang' einen Most 'raus, wir wollen ein bißle vespern. Du ißt doch auch gern ein Mükele kalten Speck? Ja, ich bring'.«

Die Ahne war auch herzugekommen, sie jammerte, daß Luzian auf und davon sei, ohne jemand was gesagt zu haben; man wisse jetzt gar nicht, wohin man ihm in Gedanken nachgehen sollte.

»Es ist auch nicht gut,« sagte sie, »wenn man außer dem Hause mit sich ins reine kommen will; was man daheim nicht findet, ist draußen verloren. Aber mein Luzian ist brav, das ist das beste.«

Egidi wollte die Rückkunft des Vaters abwarten; es wurde indes Nacht, Frau und Kinder harrten seiner, er ging heim zur Mühle. Als er vor dem Dorfe war, läutete die Betglocke, er zog die Mütze ab und wandelte betend durch das Feld.

Unterdessen hatte Bäbi den Paule aufgesucht. Sie war keineswegs frei von mädchenhafter Selbstherrlichkeit, die in jedem Falle unbewegt zuwartet; aber sie wußte und wollte heute nichts davon. Sie fand Paule im Stall und bat ihn flehentlich, den Fuchsen zu satteln und dem Vater nachzureiten. »Du bist ihm lieber als der Egidi,« sagte sie und sprach damit deutlich genug aus, wie er so unzertrennlich zum Hause gehöre. Eine trübe Ahnung hatte sich in der Fürsorge um den Vater ihrer bemächtigt, sie war daher froh, als Paule sagte, der Vater werde nach der Stadt geritten sein, um den Pfarrer dort bei Gericht anzuzeigen. Nun hatte sie doch einen Halt in ihrer unsteten Angst.

»Ihr Männer seid doch immer gescheiter,« sagte sie. Das begütigende Wort that keine Wirkung.

Paule blieb mürrisch, und Bäbi war zu bräutlichem Kosen nicht aufgelegt. Sie war Paule gegenüber seltsam befangen; sie lobte ihn nur, weil sie sich in Gedanken stolz und überhebend dünkte, ihr war's, als sei sie mit hundert Lebenserfahrungen und Veränderungen von einer großen Reise zurückgekehrt und müßte sich erst an die bekannten Menschen und ihr Gebaren wieder gewöhnen. Darum war das Zusammensein heute verfremdet und der Abschied frostig. Paule wollte, daß sie ihn, wie sonst immer, ein Stück Weges heim geleite, Bäbi aber wollte heute das Haus nicht verlassen, nicht unter fremde Menschen gehen; sie fürchtete den alleinigen Rückweg und das Geschwätz der Begegnenden.

»Du könntest wohl jetzt auch einmal unter der Woche kommen,« rief Bäbi dem Weggehenden nach.

»Wenn's sein kann,« erwiderte Paule und trollte sich grollend fort.

In scharfem Trab war Luzian von Hause weggeritten, er wußte selbst kaum wohin; erst auf dem Wege faßte er die Stadt als Ziel ins Auge, er wollte sogleich zum Oberamtmann. Unweit der Stadt überholte er eine Kutsche, darin saß der Pfarrer. Luzian hielt an, stellte außerhalb der Stadt in der Krone ein und kehrte, ohne jemand gesprochen zu haben, wieder nach Hause.

Schlafenszeit war schon lange da, aber auch die Ahne blieb auf, um ihren Luzian zu erwarten. Endlich kam er, der Gaul ging im Schritt und kaum hörbar, als ob er Socken an den Hufen hätte und kein Eisen. In der That hatte er auch eines verloren, aber Luzian trug es in der Tasche, denn trotz alles Sinnens und Denkens hatte sein scharfes Ohr bald gemerkt, daß der Gleichlaut des Schrittes unterbrochen war; er kehrte daher nochmals um, und sein spähendes Auge fand in dunkler Nacht das verlorene Hufeisen.

Luzian übergab das Pferd dem Oberknecht mit der Weisung, daß es morgen beschlagen werden müsse. Als er eben dem Hause zuschritt, hörte er, wie der Oberknecht zum zweiten Knecht sagte: »Das ist einmal kein Sonntag gewesen.«

»Wo kein Glaube ist, ist auch kein Sonntag,« lautete die Antwort. Luzian wollte eben umkehren, um den beiden bessere Ansichten beizubringen. da rief die Frau von der Laube:

»Bist du da? komm!«

»Man muß nicht nach allen Mücken schlagen,« dachte Luzian und ging die Treppe hinan.

Mit unsäglicher Freude wurde er bewillkommt, jedem war er wie neu gewonnen, ein jedes wollte ihm etwas abnehmen, ihm zur Erleichterung und sich zur freudigen Gewißheit, daß er da sei. Bäbi brachte die Pantoffeln, kniete nieder und wollte dem Vater die schweren Stiefeln ausziehen, Luzian wehrte ab. indem er sagte:

»Seit wann brauch' ich denn einen Bedienten?«

Luzian drang darauf, daß alles bald zur Ruhe komme, er selber aber lag noch lange unter dem offenen Fenster und schaute hinein in den funkelnden Sternenhimmel; er hatte keinen festen Gedanken, ihm war's so leicht und flügge, als schwebte er mit den Sternen dort im unendlichen Raum. Unwillkürlich faltete er die Hände und betete das einzige herrliche Gebet, das ihm geblieben war: Vater unser, der du bist in dem Himmel – aber schon hielt er inne. »Gott im Himmel?« sprach er, »das ist ein Wort, im Himmel; Gott ist überall.« . . . Er hörte auf, zu beten, und doch konnte er die Hände nicht auseinander falten. Wo die eigene Kraft dich verläßt und zur Neige ist, wo du nicht mehr fassen, wirken und schaffen kannst, da fügen sich die Hände still ineinander, und dieses Sinnbild spricht: ich kann nicht mehr, waltet ihr, ihr ewigen Mächte! So verharrte Luzian unbewegt, nichts regte sich in ihm, alles lautlos, wie draußen in der stillen Nacht, und jetzt stieg das Wort des Knechtes zu ihm herauf: »Wo kein Glaube ist, ist kein Sonntag.« Nein, nein, feiern wir denn darum den Sonntag, weil Gott in sechs Tagen die Welt geschaffen und am siebenten geruht? Braucht denn Gott Tage zum Schaffen und Tage zum Ruhen? Die Menschen setzten sich einen Tag, an dem sie der Arbeit ledig sein wollten. Wird aber dieser innegehalten werden ohne Religion? Er muß. Und was sollen wir an ihm beginnen? Uns freuen und zu aller gegenseitigen Hilfe bestärken.

Es schlug zwölf. Fahr hin, alter Sonntag, es kommt ein neuer!

O Schlaf! Du schirrest aus die straffen Bande der schaumschnaubenden, staubstampfenden Gedanken; du lässest sie flugbeschwingt hinsegeln, hoch in sanft kühlende Wolken; du führest sie zu unsichtbaren Quellen und tränkest die Seele mit neuer Kraft und badest sie in süßem Vergessen. Wer könnte sie tragen, die unaufhörliche Last des Gedankens, erschienst du nicht, einziger Erlöser!

Und in mondbeglänzter, geistdurchwebter Nacht sprießt der Tau am Blütenkelch, sprudelt der Quell im Felsengrund, den Leib zu heilen, zu reinen; bist du der strahlende Bruder des Schlafes, du allbelebendes, reinendes Wasser?

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