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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band. - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Ein Kämpfer in seinen Gedanken allein.

Luzian weilte indes einsam im Garten. Wie das Blut durch das Zuströmen der eingeatmeten Luft neu belebt zurückfließt ins Herz, so auch erstarken die Gedanken, wenn sie ausgesprochen wieder einkehren in die Seele.

Luzian fühlte sich befreit, »hopfenleicht«, als er in den Grasgarten hinter der Scheune trat.

Wie war hier alles so friedsam. Baum und Gras wußten nichts von den Kämpfen des Menschen; das wuchs still fort im brütenden Sonnenschein. Die kleinen und großen Heuschrecken sprangen so lustig wie selbstbewegte Grasgelenke, in den Bäumen zwitscherten und sangen die Vögel so hell, und die Bienen summten so emsig von Blume zu Blume. Halm und Blatt und Blütenkelch mag den schwerfälligen Tieren zum Futter verbleiben, die Biene holt sich vorab ihren süßen Saft. Wer weiß, wie manches Blumenherz in sich verkäme, wenn nicht die Bienenlippen es berührten. Wer weiß, was es zur Entwicklung der Blume beiträgt, daß die Biene den Honig aus ihr aussaugt, wie manche Triebkraft dadurch gelöst wird; und der Blütenkelch des Menschengemütes, wer kann bestimmen, welche bisher gebundenen Mächte frei aufschießen, wenn ihm die Welt den still bereiteten Honigseim innerer Selbstvergessenheit entzieht.

Durch den Garten hin wandelt gackernd eine weiße Henne; sie wirft den Kopf mit dem roten Kamm oft hin und her, sie geht den Weg nach ihrem heimlichen Neste dort im Zaune bei den Brombeeren, wo die Grille so laut schrillt. Die undankbare Henne! Sie läßt sich füttern im Hause und verschleppt die Eier.

Luzian verfolgte ihren Weg mit festem Auge, er wollte seine Frau mit dem Fund überraschen und wartete nur, um den warmen Brütling von heute gleich mitzubringen.

Nun ist Luzian doch wieder in der kleinen, sichern Welt. Er weiß es selbst kaum mehr, daß er derselbe, der heute vor wenigen Stunden einer uralten Macht sich entgegenwarf, und dessen ganzes Wesen die höchste Erschütterung erfaßt und gehoben hatte. Als er sich jetzt nach dem Bienenhause wandte, bemerkte er dort einen seltsamen Schmuck. Es ist ein alter Glaube, daß wie nur in einer friedlichen Familie die Bienen gedeihen, man diese auch von allem, was im Hause vorgeht, benachrichtigen muß. Stirbt jemand im Hause, so müssen die Stöcke von ihrer Stelle gerückt werden. und schwarzer Flor wird über die Luke geheftet; ist Freude, ein Hochzeitfest im Hause: hier sehen wir die Zeichen, hochrote Läppchen über die Luken gesteckt.

Lächelnd dachte Luzian: »Das Bäbi hat's nicht vergessen wollen, den Bienen zu sagen, daß Hochzeit im Haus ist; aber die Bienen verstehen dich nicht, armer Mensch, und du verstehst auch nicht, was unter dir ist. Um eine Biene, ein Schaf zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden, wie ihnen und dir zu Mute ist, müßtest du dich in solch ein Tierlein verwandeln . . . Und Gott, der nur Geist ist, und der Mensch, der nicht bloß Geist ist, sie können einander auch nicht verstehen, wenn jedes bleibt, was ist. Darum ist Gott Mensch geworden . . . Aber die Mutter Maria, die Wunder und der Teufelsglaube –«

Schwer wiegte Luzian das Haupt, und hier war er nun wieder mitten in den Wirren des Tages. Sein Geist war ein lang ausgeruhter Boden. Wie soll er nun die schwellende, wogende Saat gewältigen?

Müde setzte er sich auf das Bänkchen vor dem Bienenhause.

Die Bienen kennen ihren Herrn und umschwärmen ihn ohne Beunruhigung. Nicht so der Schwarm von Gedanken, der umherschwirrt.

»Dieser Immenstock! Es ist, wie wenn die hundert und aber hundert Tierchen nur ein einzig Geschöpf wären, so fest gehören sie zusammen und können nicht auseinander. Je größer die Tiere werden, um so mehr hat ein jedes seinen Willen und kann für sich hinlaufen und machen, was es mag. Mensch, wo läufst du hin? Du kannst übers Meer schwimmen, aber einmal mußt du doch bleiben; da ist dein Feld, das kannst nicht mitnehmen, du hast's nicht wie die Imme, die überall offene Blumen, nicht wie die Schwalbe, die überall Mücken und Wasser findet; du hast deinen Acker, du mußt säen und ernten . . . Aber der erste Same ist wild von sich selbst gewachsen . . . Du triffst überall Menschen. Halt dich zum Nachbar. Ihm ist die Liebe ins Herz gepflanzt, wie dir. Sie ist auch einmal wild gewachsen, jetzt mußt du sie säen und ernten, und da gibt's tausendfach mehr aus . . . Gewiß, gewiß, die heiligen Menschen, die die Liebe gepredigt, haben recht gehabt. Wenn die Liebe uns nicht zusammenhält, sind wir ja dümmer dran als so ein Immenstock; der bleibt von selbst bei einander. Wozu braucht man aber das Buch? Ja, heilig und wahr ist's: Gott ist die Liebe? Das nehm' ich 'raus, und das andre verbrenn' ich; den Teufeln und den Hexen drin schadet ja das Feuer nichts . . . Ich möcht' nur wissen, warum die Geistlichen den Menschen die Wahrheit nicht sagen. Was haben sie denn davon? . . . Herr Gott! Herr Gott! Was geht an so einem Sonntag vor in deiner Welt . . . Jetzt läuten sie drüben in Hengstfeld und droben in Eibingen aus der Kirch'. Was habt ihr denn kriegt? . . . Freilich wohl, es gibt viele Geistliche, die selber den alten Glauben für gewiß und wahr halten und treulich dran hangen, und ist ihnen auch manches nicht eben, meinen sie doch, das Volk kann nicht ohne das sein. Aber die vielen tausend andre? O! der Herrsch- und Regierteufel, der ist's. Mein Viktor ist schon ganz glücklich, wenn er seine Buben auf der Straße kommandieren kann . . .«

Luzian gedachte jetzt des alten Pfarrers, der zuletzt an der Spitze der Gemeinde eine Eingabe an den Bischof eingereicht hatte, daß eine Synode aus Geistlichen und Laien berufen werde zur Abschaffung der Mißbräuche. Der gute alte Mann folgte der Aufforderung seines Obern, stellte sich zur Verantwortung im Franziskanerkloster ein, und das Gerücht ging, daß er dieser Tage reumütig gestorben sei. »Wär' es ihm nicht wohler gewesen als armer Taglöhner? Was hat er zu stande gebracht?« Das überdachte Luzian, und er saß in tiefer Trauer auf dem Bänkchen. Er hatte die Hände gefaltet zwischen die Kniee gedrückt; in allen Fingern klopften Pulse.

So trafen ihn die Männer aus dem Dorfe. Er richtete sich auf, seine Lippen waren bleich und bebten.

»Luzian, ist dir was?« fragte Wendel.

»Nein, was gibt's?«

»Wir sind da,« begann Urban, »wir halten zu dir, der Pfarrer muß aus dem Ort.«

»Und weiter?«

»Und das freie Wahlrecht müssen wir haben.«

»Und weiter? Nein,« sprach Luzian ruhig, drückte eine Weile mit der Hand die Augen zu und fuhr dann fort: »Ich bin ein Erzschelm, ein Lügner, verdammter als ein räudiger Hund, wenn ich nicht alles sag'. Ich, ich will gar nichts mehr von dem Pfarrer wissen, von dem nicht und von keinem andern, von keinem alten und von keinem neuen, von gar keinem. Ueber die Schrift hinaus, da gehet ihr doch nicht mit?«

»Was sagst? wie?«

Luzian hob die Arme mit geballten Fäusten rasch empor und schleuderte sie nieder, indem er rief: »Ich glaub' nicht an die heilig' Schrift, das Wort Gottes, wie sie's heißen. Gott hat nie geschrieben und gesprochen. Die Pfarrer sind nur Bauchredner und machen, wie wenn die Stimm' von oben käm'. Ja, ja,« lachte er krampfhaft, »Bauchredner, so ist's; sie reden, daß sie nur was in den Magen kriegen. Nun? was? haltet ihr noch zu mir?«

Die Blicke aller senkten sich. Urban raffte sich zuerst auf, er trat auf Luzian zu, legte seine Hand auf dessen Schulter und sagte: »Luzian, mußt jetzt keine Späß' machen, du bist doch sonst nicht so. Wir haben's jetzt mit dem Pfarrerle da, da sitzt der Putzen.«

Rasch schüttelte der Angeredete die aufgelegte Hand von der Schulter und rief: »Ich fürcht' dich nicht, Urban, und noch so zehn wie du; wer noch einmal sagt, daß ich Späß' mach', den schlag' ich ungespitzt in den Boden.«

»Was hast denn?« fragte Wendel besänftigend, »wenn man dir was sagt, so ist's grad', wie wenn man Schmalz ins Feuer schüttet.«

»Lasset mich unkeit (unbehelligt) mit eurem Glauben, ganz weg muß er,« schloß Luzian und stieß die beiden Ellbogen hinter sich, als entferne er das ihm Störsame.

Still schlichen die Mannen davon, nur Wendel blieb und sagte:

»O Luzian, du hast viel verdorben, mehr als du in zehn Jahren wieder gut machst. Wer alles sagt, was er weiß, dem wird das kalte Wasser im Bach zu heiß. Jetzt nutzt dich all dein Ansehen von früher nichts mehr. Die Mannen haben sich alle zusammen than, wie ein Sack voll Nägel; er ist schneller ausgeschüttet, als wieder zusammengelesen. Was hast denn nötig gehabt, das alles zu sagen?«

»Weil ich's los sein will, alles los sein will. Jetzt bin ich frei. Den andern kann ich doch nichts helfen, es ist mit Lug und Trug und Hinterhalt doch nichts geholfen. Wenn ich jetzt nachts ins Bett steig', legt sich ein ehrlicher Kerl.«

»Und was hilfst du damit?«

»Jeder muß sich selber helfen.«

»Nein, Luzian, du hättest viel 'naus führen können im Dorf und in der ganzen Gegend. Wer weiß, wie's nach und nach gegangen wär', man muß nur abwarten. Jetzt hast du die Flint' ins Korn geworfen mit Pulverhorn und Kugeltasche. Was hast denn ausgeführt?«

»Ich bin ehrlich und aufrichtig, ich kann mir alle Aederle aufschneiden lassen, es ist nichts Verstecktes mehr drin.«

»Ich sag' noch einmal, Luzian: man muß kein unrein Wasser ausschütten, bis man reines hat.«

»Das Glas muß leer sein.«

»Ich seh' wohl, es battet nichts. B'hüt dich Gott, Luzian. Ich muß nach und will sorgen, daß die Mannen kein falsches, unnötiges Geschrei machen. B'hüt dich Gott. Ich wünsch', daß du nie Reu haben mögest, von wegen dem, was du than hast.«

Luzian schaute dem Weggehenden lange nach, er hatte die Arme auf der Brust übereinander geschlagen; er hielt nichts mehr als sich selber.

Endlich riß er sich aus allem Denken heraus, ging in den Stall, sattelte den Braunen und ritt zum Dorf hinaus. Wohin? Nur fort, fort.

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