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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band. - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Dritter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Es regt sich im Dorfe.

Die Stimmen der Gemeinde, die heute morgen noch zu verflattern schienen, sammelten sich jetzt in Chören, in denen einzelne selbst den Akkord angaben.

Wir können die Gruppe nicht übergehen, aus der Lachen und Johlen herausschallt; der über alles hinausige Brunnenbasche führt das große Wort; hört nur, wie er schreit:

»Katzenhirn habt ihr gefressen, wenn ihr noch was mit den Schwarzkitteln zu thun haben wollt; nichts, gar nichts, mit gar keinem, da trifft man den rechten gewiß. Das kann man ja an seinen sieben Simpeln abnehmen, daß man's nicht braucht; es ist doch alles verlogen. Drum muß man's machen wie selber Bauer, dem sagt einer: Euer Hund ist mager – Er frißt nicht, gibt er zur Antwort – Warum? – Ich geb' ihm nichts – Warum? – Ich hab' nichts – So muß man –«

Allgemeines Gelächter übertoste die Moral, die hieran geknüpft wurde. Ein junger Bursche, der eine Soldatenmütze trug, fragte den Brunnenbasche: »Warum habt denn Ihr den Pfarrer nicht aufs Korn genommen?«

Der Brunnenbasche trat zwei Schritte zurück, drückte die Augen zu, als ob er zielte, und sagte dann: »Weil ich mein Pulver nicht an Spatzen verschieß'. Comprenez-vous, Monsieur? sagt der Franzos.«

Wenn der Basche zu welschen anfing, dann ging's erst recht los, da kamen dann die Dinge vor, trotz deren Gemeinkundigkeit die geistliche Gewalt noch ungeschmälert fortbesteht. Die Zuhörerschaft wurde heute selbst von den saftigsten Geschichten nicht gefesselt, und wir wollen uns auch weiter umschauen.

Wendel war im obern Dorfe dem Schmied Urban begegnet, sie reichten sich unwillkürlich die Hand wie zum Willkomm. Wenn ein folgenschweres Ereignis eingetreten ist, so wird die Trennung einer Stunde zu einem langen Zeitraum; man trifft sich wieder wie nach großer Abwesenheit, schließt sich aufs neue aneinander an, und der Händedruck sagt, daß man zusammenhalte.

»Was macht der Luzian?« fragte Urban.

»Er ist daheim und wird bald kommen, wir müssen vor schauen, wie's steht.«

Sie gingen miteinander nach dem Rößle. Vor dem Wirtshause standen die angesehensten Mannen im Schatten des Brauhauses. Natürlich war Luzian und seine That Mittelpunkt des Gesprächs. Wendel und Urban horchten still hin, nur allgemeine Redensarten wurden laut, wie: das ist ein schlimmer Handel u. dgl. Wurde die Sache eingänglicher betrachtet, so bezeichnete man sie nur als eine Sonderangelegenheit Luzians. Manche bedauerten in der That aufrichtig, daß er sich eine so böse Geschichte auf den Hals geladen.

»Drum müssen wir ihm helfen tragen,« sagte der Schmied Urban und hob die breiten Achseln, als wollte er sich bereit machen, ein gut Teil aufzunehmen.

»Freilich,« hieß es drauf, »der Luzian hat sich der Bürgerschaft immer am meisten angenommen.«

Und nun ging es zur Hin- und Widerrede:

»Wir kriegen den Pfarrer nicht weg, das geht einmal nicht.«

»Was ist denn da zu machen? Die Zeit verzetteln und aufs Oberamt für nichts und wieder nichts.«

»Der Luzian bringt allfort das Dorf in Ungelegenheit, er möcht' gern den Herrn über alle spielen.«

»Das ist verlogen. Sei's, was man braucht, der Luzian hilft einem aus, aber wer einmal sein Wort nicht gehalten hat, von dem will er nichts mehr. So ist's.«

»Wie kann die Geschichte nur ausgehen?«

»Wie wir sie 'nausführen.«

»Der Pfarrer muß fort, das freie Wahlrecht muß her.«

»Das kriegen wir nicht.«

»Wenn nur der Pfarrer selber abdanken thät', da wären wir am besten erlöst; wir ließen ihn über das Samenfeld 'neinfahren, nur fort.«

»Ja, kauf du der Katz den Schmer (Speck) ab.«

»Wir haben an dem Hagelwetter genug zu leiden, wir können keine neuen Händel brauchen.«

»Es sollen sich jetzt auch einmal andre Gemeinden um das freie Wahlrecht annehmen; wir haben unser Schuldigkeit than.«

»Jetzt, wenn die Sach' nochmal vor Gericht kommt, da will ich nichts davon; ich hab' kein' übrige Zeit.«

»Ich auch nicht.«

»Und ich auch nicht.«

»Ich bin kein reicher Bauer, ich hab' keine Knecht', die für mich schaffen.«

»Vors Oberamt geh' ich auch nicht.«

»Ja, man ist froh, wenn man nicht dran denken braucht, wo die Oberamtei steht.«

In diesem Widerwillen gegen die amtlichen Scherereien und Verzettelungen schien zuletzt sogar bei den Besten sich die Stimmung festzusetzen. Eher wären alle für die Sache ihres Mitbürgers und im dunkeln Drang nach Freiheit und Selbständigkeit in einen blutigen Kampf auf Leben und Tod gezogen, aber oft vor Gericht zu gehen, nein, das ist zu viel.

Wendel schien es an der Zeit, mit seinem Hauptgrunde hervorzutreten. Lächelnd rief er:

»Jetzt gibt's jeden Sonntag eine staatsmäßige Metzelsuppe.«

»Wie so?«

»Ich versäum' gewiß kein' Kirch mehr. Für heut ist der Luzian gestochen, aber nicht hergerichtet und geschmälzt worden, der ist nicht mager, nahezu drei Finger hoch Speck. Das hat gut protzelt im eigenen Schmalz, ein paar Stückle hat man eingesalzen, und das ander' hängt man in Rauch. Der Pfarrer versteht's, das Metzgen und das Haushalten. Nächsten Sonntag kommst du dran, Lukas, du bist auch spickfett, dir rutscht's gut auf die Nippen. Und du läßt mir doch auch ein rechtschaffenes Wurstle zukommen, wenn er dich auf Messer kriegt? Ho! Und wenn's erst an den Schultheiß geht, da schlecken alle die Finger danach bis an den Ellenbogen. Ich komm' auch dran, aus mir macht er ein G'selchts, wie sie im Bayrischen sagen. Den Säukübel hat uns der Hochwürden schon unter die Nase gehoben. Jetzt werden wir nach und nach so alle in der Kirche geschlachtet, wir laufen nur einstweilen so ungemetzget 'rum. Und wenn das Ochsenfleisch ausgeht, kommen die Weiber dran. Kuhfleisch gilt auch einen Batzen. Das sind jetzt Zeiten, wo ein jedes mehr schaffen muß. Sonst ist der Hochwürden Hirte von sanften Lämmlein gewesen oder gar Seelenhirt; unser Herr Pfarrer, es ist ein Erbarmen, der gut' Mann muß Sauhirt und Metzger und weiß noch was alles sein. Wenn ich hexen könnt', ich thät' unserm Pfarrer einen Saustall auf den Buckel hexen.«

Niemand lachte, der Zorn ballte die Fäuste aller.

»Das darf man nicht leiden.«

»Der Pfarrer muß 'naus, wir wollen doch einmal sehen, wer Meister wird.«

»Diesmal hat er sich die Finger verklemmt.«

»Wir wollen ihn gleich fortjagen.«

»Nein, wir wollen warten bis heut abend.«

»Nichts da, keine Gewalttätigkeit.«

So schrie wieder alles durcheinander. Als es Ruhe gab, sagte der Lukas von überm Steg: »Der Pfarrer hat ja deutlich verkündet, daß er niemand Besondern mit meint.«

»Du machst kein' Katz', wenn man dir auch die Haar' dazu gibt,« erwiderte Urban, »merkst denn nicht? Das ist ja grad der Pfiff; das hat er than, daß man ihm nicht bei können soll. Wir können aber alle beschwören, daß er den Luzian gemeint hat. Nicht wahr?«

»Ja, ja.«

Durch das ganze Dorf toste und brauste ein allgemeiner Unmut. Die Stimmung schien für Luzian und seine Sache günstig, obgleich eine Spannung von außen sie hervorgebracht.

»Jetzt gehen wir zum Luzian.«

»Zum Luzian, ja,« riefen viele, und ein großer Trupp bewegte sich nach dessen Hause.

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