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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünftes Kapitel. Pilgrims Fahrten.

»Dieser Pilgrim ist der Sohn eines Schildermalers; früh verwaist, wurde er auf Gemeindekosten beim alten Schullehrer erzogen. Er war aber weit mehr oben auf der Morgenhalde beim Uhrmacher Lenz, als beim Schullehrer. Die Frau, die man heute begraben hat, war wie eine Mutter an ihm. Das einzige Kind, das den Leuten verblieben ist, eben der Lenz, der heute gearbeitet hat, ist wie sein Bruder geworden. Der Pilgrim war immer anstelliger und gewandter, der Lenz hat bei aller Tüchtigkeit in seinem Beruf etwas Träumerisches, und wer weiß, ob nicht im Lenz ein Musikgenie und im Pilgrim ein Malergenie steckt! Es ist bei beiden nicht herausgekommen. Sie müssen einmal den Lenz singen hören, er singt den ersten Tenor in dem Liederkranz, und ihm besonders hat es der hiesige Liederkranz zu verdanken, daß er schon zweimal den Quartettpreis beim Musikfest, einmal in Konstanz und einmal in Freiburg, gewonnen hat. Wie nun die beiden halbwüchsige Burschen sind, kommt der Lenz zu seinem Vater in die Lehre und Pilgrim zu einem Schildermaler, aber sie halten doch treu zusammen. An Sommerabenden konnte man die beiden so sicher wie die beiden Brüdersterne am Himmel da oben beisammen sehen; singend und pfeifend wandelten sie miteinander durchs Thal und über die Berge, und an Winterabenden wandelte Pilgrim durch Schnee und Sturm zu Lenz – denn dieser mußte daheim bleiben, er wurde von seiner Mutter etwas verwöhnt, er ist, wie gesagt, das einzige Kind von fünfen – und da lasen sie miteinander halbe Nächte lang, besonders Reisebeschreibungen. Ich habe ihnen manche Bücher geliehen, es war ein großer Wissenstrieb in den beiden Jünglingen. Als Pilgrim sich vom Militär freiloste – Lenz war als einziges Kind von selbst frei – traten sie nun mit ihrem Plan hervor, in die weite Welt miteinander zu ziehen; denn bei aller heimischen Eingesessenheit ist eine große Wanderlust in unserm Volke. Da zeigte sich zum erstenmal ein zäher Eigensinn in dem jungen Lenz, den man gar nicht in ihm vermutet hätte; er wollte durchaus nicht von der Reise abstehen, der Vater wollte ihn auch ziehen lassen, die Mutter aber verzweifelte, und da selbst das Zureden des Pfarrers fruchtlos war, wurde ich angerufen, ich sollte, wenn's nicht anders ginge, dem Lenz ein ganzes Lazarett einreden. Ich suchte natürlich einen andern Weg. Ich hatte von jeher das Vertrauen der beiden Unzertrennlichen, und sie weihten mich willig in alle ihre Plane ein; Pilgrim war der eigentliche Anstifter. Lenz ist bei aller Zartheit der Empfindung eine gesunde praktische Natur, natürlich innerhalb seines Kreises, und er darf nicht wirr gemacht werden, dann trifft er das Richtige mit scharfem Verstand und hat eine Ausdauer bei allem, was er thut, die wie eine Art Andacht ist. Ich werde Ihnen morgen eine Normaluhr zeigen, die er aufgestellt und deren allgemeine Annahme ein Glück für unsre ganze Landschaft wäre. Lenz war eigentlich noch nicht so fest entschlossen, als er seinen Eltern gegenüber Pilgrim darstellen ließ. Lenz wollte, daß Pilgrim vorher ordentlich die Uhrmacherei erlerne, bevor er auf die Handelschaft gehe, denn die Händler müssen natürlich überall Reparaturen machen können an Uhren, die sie vorfinden, und an solchen, die sie mit sich führen; und in der That ging jetzt Pilgrim in die Lehre. Als er aber das Notdürftigste gelernt hatte, war der Reiseplan wieder fix und fertig. In diesem Pilgrim ging gar Verschiedenes vor: bald wollte er die Reise machen, um sich so viel zu erwerben, daß er eine Akademie besuchen könne, bald wollte er auf der Reise selbst ein Künstler werden, bald wieder nur recht viel Geld gewinnen, um mit einem großen Sack voll Geld heimzukommen und den Geldprotzen aufzutrumpfen. Er verachtete eigentlich das Geld, und eben darum wollte er recht viel haben. Daneben, glaube ich, steckte ihm damals eine Liebe im Kopf. Griechenland, Athen, das war das Ziel seiner Reise, und wenn er Athen nur nannte, da glänzen seine Augen, und die Röte seiner Wangen wurde flammend. Athen! sagte er oft, ist es einem nicht, wenn man das sagt, als ob man in einer hohen Halle eine leicht gangbare Marmortreppe hinanstiege? Er stellte sich so etwas vor, wie wenn er durch Einatmen der klassischen Luft ein andrer Mensch, vor allem aber ein großer Künstler werden müßte. Ich suchte ihn natürlich von diesen falschen Vorstellungen zu heilen, und es gelang mir auch so weit, daß er mir versprach, sich auf den Gelderwerb allein zu beschränken, alles andre werde sich dann später finden. Der alte Lenz und ich, wir verbürgten uns für die Waren, die er mitnehmen wollte. Er zog nun allein von dannen, Lenz blieb auf unser Zureden daheim. Ich ziehe wie die Welle vom Schwarzwald zum Schwarzen Meere, sagte Pilgrim oft. Er wollte den Versuch machen, die heimischen Uhren im Orient und in Griechenland einzubürgern, was bisher noch immer nicht so gelungen ist, wie in den nordischen Ländern und in der Neuen Welt. Es ist lustig, wenn Pilgrim erzählt, wie er durch die Länder zog, durch Städte und Dörfer, ringsum behangen mit Schwarzwälder Uhren, die er auf den Straßen erklingen ließ, um und um schauend; aber eben das war's, er hatte zu viel Auge für ganz andre Dinge: auf Sitten und Gebräuche, auf schöne Gebäude und Landschaften. Das ist vom Uebel für einen Handelsmann. So wenig sich das Werk in der Uhr verändert, mag es durch Länder oder über Meere getragen werden, so wenig verändern sich eigentlich unsre Landsleute, die in allen Zonen umherstreifen. Sparen und erwerben, karg leben und sich's erst wieder wohl sein lassen, wenn man mit einem Sack voll Geld daheim ist, darauf geht ihr einziges Sinnen, mag derweil die Welt da ringsum sein, wie sie wolle. Und das ist gut und nötig. Man kann nicht verschiedene Dinge auf einmal im Kopfe haben. Aber jetzt ist es mit dem Sparen und Hausieren auch vorbei. Wir müssen den Markt immer weiter in der Ferne suchen, und der Absatz unsrer Industrie muß mit ständigen Lagern und auf kaufmännische Weise vertrieben werden.«

»Kam Pilgrim in der That nach Athen?«

»Natürlich, und er hat mir oft gesagt: als die Kreuzfahrer Jerusalem erblickten, hätten sie nicht andächtiger und glückseliger sein können, als er war, da er Athen zum erstenmal erschaute; er rieb sich die Augen, ob's denn auch wahr ist, daß das Athen sei. Die marmornen Statuen sollten ihm winken und ihn grüßen. Er ging klingend durch die Straßen, aber auch nicht eine einzige Uhr verkaufte er in Athen, er litt bittere Not und war endlich glücklich, als er eine Arbeit bekam, aber was für eine! Vierzehn Tage lang konnte er unter dem blauen griechischen Himmel den Lattenzaun eines Biergartens grün anstreichen, im Angesichte der Akropolis.«

»Was ist Akropolis?« fragte Bertha.

»Erklären Sie ihr das, Herr Storr,« bedeutete der Doktor.

Der Techniker schilderte in raschen Umrissen die vormalige Schönheit der Burg von Athen und die nur spärlich verbliebenen Ueberreste; er versprach, wenn er wiederkomme, eine Abbildung zu bringen, dann bat er den Doktor, weiter zu erzählen.

»Es ist nicht mehr viel zu berichten,« nahm dieser wieder auf. »Pilgrim brachte es mit genauer Not dahin, die Uhren so zu verwerten, daß er unsrer Bürgschaft nicht zur Last fiel. Es gehörte kein kleiner Mut dazu, wieder in die alten Verhältnisse und noch viel ärmlicher zurückzukehren und sich verspotten zu lassen; aber eben weil er in seinem schwungvollen Künstlersinn die Geldprotzen – das ist ein Lieblingswort von ihm – von oben herab verachtet, zeigte er sich frei und unbefangen und forderte den Spott heraus. Natürlich kam er zuerst auf die Morgenhalde. Man stand dort eben um den Mittagstisch, und alles faltete die Hände, da that der junge Lenz einen Schrei; die Mutter hat oft gesagt, wenn sie ihn noch einmal höre, so sterbe sie. Die beiden Freunde lagen einander in den Armen. Pilgrim war indes schnell wohlgemut und sagte: daheim habe er doch am meisten Glück, da käme er zum gedeckten Tisch; und niemand auf der Welt gönnte es ihm mehr, als die Eltern und der Sohn auf der Morgenhalde. Der alte Lenz wollte Pilgrim ganz ins Haus nehmen, aber dieser lehnte es entschieden ab; er ist ungemein eifersüchtig auf seine Selbständigkeit. Er richtete sich hier in unsrer Nachbarschaft beim Don Bastian eine hübsche Werkstätte ein. Anfangs gab er sich viel Mühe, neue Muster von Uhrenschildern einzuführen – er hat viel Farbe, aber seine Zeichnung ist sehr mangelhaft – er hat es aber besonders darin verfehlt, daß er die Grundform unsres Schwarzwälder Uhrenschildes – das Viereck mit dem aufgesetzten Bogen – verändern wollte. Als er nun sah, daß er mit seinen Neuerungen nicht durchdrang, machte er das Altgewohnte auf Bestellung und ist nun dabei immer heiter und guter Dinge. Sie müssen nämlich wissen, daß die verschiedenen Länder einen ganz besondern Geschmack in Uhrenschildern haben, Frankreich liebt grelle Farbe und das Schild voll bemalt, Norddeutschland, Skandinavien und England mehr ganz einfache Linien, etwas Architektonisches, Giebel, Säulen, höchstens eine Guirlande; die Schilde mit Schäfereien gehen nach dem Vorarlbergischen. Nach dem Orient darf man keine Uhr schicken mit menschlichen Figuren auf den Zifferblättern, nichts als die türkischen Zahlen; erst in neuerer Zeit lassen sie sich auch die römischen Zahlen gefallen. Amerika will gar keine Farbenverzierung, sondern nur Wandkästen mit mehr oder minder Schnitzwerk, hier liegen die Gewichte über Flaschenzügen auf den Seiten des Uhrwerks. Man nennt diese Uhren auch nur Amerikaneruhren. Ungarn und Rußland haben gern Fruchtstücke oder etwas Landschaftliches. Das, was die Kunst schön findet, hat nicht immer Aufnahme, im Gegenteil ist das Verschnörkelte oft am beliebtesten. Wenn Sie das mit der Verschönerung der hieländischen Uhren einmal ausführen wollen, kann Ihnen Pilgrim viel dabei an die Hand gehen, und Sie können ihm vielleicht zu einem Aufschwung in seinem Leben verhelfen, obgleich er dessen kaum bedarf, denn er versteht die seltene Kunst, glücklich zu sein, ohne Glück zu haben.«

»Ich bitte Sie, mich mit dem Manne bekannt zu machen.«

»Gut. Sie können morgen mit mir gehen, Sie haben gehört, daß er mich einlud; aber kommen Sie recht früh, da können Sie auch noch mit mir über die Berge gehen, ich kann Ihnen schöne Punkte zeigen und viele rechtschaffene Menschen.«

Der Techniker sagte herzlich gute Nacht, der Doktor ging mit den Seinen ins Haus.

Der Mond stand hell am Himmel, die Blumen dufteten allein für sich in der Nacht, und die Sterne schauten zu ihnen nieder; stille war's überall, nur da und dort, wenn man an einem Hause vorüberkam, hörte man eine Uhr schlagen.

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