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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 42
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Vierzigstes Kapitel. Geschlichtet.

Die Raben flogen über das Thal und flogen über die Berge, sie flogen an einem ärmlichen Hause vorbei, wo eine Alte am Fenster saß und grobes Werg spann, und Thränen rollten ihr auf den Faden, den sie zog. Es war Franzl. Sie hatte die Nachricht gehört, daß Lenz mit seinem ganzen Hause verschüttet sei; auch aus Knuslingen waren Rettende hinübergeeilt. Franzl wäre auch gern mit ihnen gegangen und hätte geholfen, aber ihre Füße trugen sie nicht, und zum Ueberfluß hatte sie noch ihr einzig Paar guter Schuhe einer armen Frau geliehen, die zum Doktor mußte. Mitten in aller Trauer schlug sich auch Franzl mehrmals an ihren dummen Kopf und sagte zu sich selber: »Ja, warum ist dir's denn vorgestern nicht eingefallen, wie er dagewesen ist? Was nützt das jetzt? Damals hat dir's auf der Zunge gelegen,. daß du ihn hast daran erinnern wollen, er soll Vorkehrungen treffen gegen das Eingeschneitwerden; wir sind ja dreimal eingeschneit gewesen, anderthalb Tage lang, da muß man jeden Winter dran denken. Aber was nützt das jetzt? Die alte Meisterin hat recht gehabt, sie hat hundertmal gesagt: ›Franzl, du bist auch gescheit, aber allemal eine Stunde zu spät.‹«

Die Raben, die jetzt vorüberflogen, hätten Franzl sagen können, daß sie ihre Thränen trocknen dürfe, die Verschütteten waren gerettet; aber die Menschen verstehen die Raben nicht, und die Menschen brauchen lange, bis sie eine gute Botschaft über Berg und Thal tragen können.

Es war am Abend, da kam ein Schlitten mit hellem Rollengeklingel dahergefahren. Was will der Schlitten da oben? Es ist niemand daheim, als die alte Franzl.

Der Schwanenschlitten hielt just vor dem Fenster. Wer steigt aus? Ist das nicht Pilgrim? Franzl will aufstehen, ihm entgegen, sie kann aber nicht.

»Franzl, ich komme und hole dich!« rief Pilgrim. Franzl rieb sich die Stirn. Ist das ein Traum? Was ist das? Und Pilgrim fuhr fort: »Der Lenz und alles ist gerettet, und ich soll dich holen, holdselige Prinzessin Aschenputtel. Vertraust du dich dem Schwan an?«

»Ich habe ja keine Schuhe,« brachte Franzl endlich hervor.

»Dafür bringe ich dir Pelzstiefel, sie werden deinen kleinen Füßchen passen,« entgegnete Pilgrim, »und da ist die Haut, will sagen der Schafpelz von Petrowitsch, dem Unhold. Du mußt noch heute mit, vielliebe Franzl von Knuslingen samt Filial Fuchsberg und Knebringen. Deinen zauberischen Spinnrocken magst du hier lassen, wenn es ihm nicht beliebt, uns auf seinen hölzernen Beinen nachzulaufen.

Nun schürz dich, Gretlein, schürz dich,
Du mußt mit mir hinan,
Das Korn ist abgeschnitten,
Der Wein ist eingethan.«

So sang Pilgrim zuletzt und hot Franzl den Arm an, wie zum Tanz.

Franzl war wie verwirrt. Glücklicherweise kam aber jetzt die Schwägerin heim, und es schien ihr nicht unlieb, daß Franzl in einem Schwan davonfuhr. Sie wollte Franzl helfen, ihre Sachen einpacken, aber Franzl wies sie aus der Kammer, sie mußte vor allem ihren geheimen Schuh gut in dem Packe verwahren.

»Ich habe mein eigen Bett, kannst du's nicht auf den Schlitten packen?« fragte Franzl.

»Laß Knuslingen drauf gut schlafen,« erwiderte Pilgrim. »Mach dein Kopfkissen zum Fußschemel. Alles andre laß. Du kriegst ein Himmelbett auf Erden.«

»Soll ich meine Hühner und meine Gänse auch hier lassen? Ich habe eigene, sie gehören mir eigen, und meine Goldammer legt schon sechs Wochen.«

Die Belobte steckte wieder ihren Kopf zum Gitter heraus und zeigte ihren roten Kamm.

Pilgrim sagte, daß der wahren Prinzessin Aschenputtel die Hühner und Gänse von selbst nachlaufen; wenn die hier es auch thun wollten, sei es ihnen unverwehrt, aber mitgenommen werden sie nicht.

Nun empfahl Franzl der Schwägerin die größte Sorgfalt für die Hinterbleibenden, sie solle sie gut pflegen und ihr schicken, wenn ein Bote käme.

Als Franzl die Stube verließ, gackerten die Hühner vor Unruhe in der Steige und auch die Gänse im Stalle sprachen ein Wort, als man dort vorüberkam.

Es war eine schöne, helle Winternacht, als Franzl mit Pilgrim dahinfuhr, die Sterne glitzerten droben und ein Himmel voll glitzernder Sterne ging in Franzl auf. Sie griff oft nach ihrem Packe und drückte daran, bis sie den gefüllten Schuh spürte, denn oftmals war ihr, als sei alles nur ein Traum.

»Schau, dort ist mein Kartoffeläckerle, das ich mir gekauft habe,« sagte Franzl, »es ist nichts als ein Steinhaufen gewesen, und ich hab's in den vier Jahren hergerichtet, daß es das Doppelte wert ist, das trägt Kartoffeln wie lauter Weißmehl.«

»Die Kartoffeln sollen den Knuslingern gut bekommen, du kriegst was andres,« erwiderte Pilgrim und berichtete ausführlich von der Rettung der Verschütteten und daß sie jetzt alle bei Petrowitsch im Hause wohnten, und er und Petrowitsch seien jetzt die besten Freunde; der alte Knicker sei ganz wie verwandelt, und Annele habe sich's als Erstes ausgebeten, daß die Franzl geholt werde. Franzl weinte laut, als ihr Pilgrim erzählte, daß Annele schneeweißes Haar habe. Sie sagte, sie habe schon davon gehört, die alte Bürgermeisterin habe auch davon erzählt, daß ihre Mutter berichtet habe, ein Mann im Elsaß drüben, ein Verwandter von ihr, habe von einem Schreck weiße Haare bekommen. Aber wunderbar sei es doch, und sie habe nur Mitleid mit dem Annele, das nun von jedem darüber berufen werde. »Denn die Menschen sind dir gar grausam dumm,« sagte Franzl, »da meint ein jedes, es müsse was Gescheites sagen und auch beweisen, daß es sich darüber verwundert. Ich werde aber schon den Leuten das Wort vom Maul abschneiden. Wir brauchen euer Geschwätz nicht.«

An jedem Hause, wo eben Licht angezündet wurde, wäre Franzl gern ausgestiegen und hätte berichtet. Da wohnt ja der und der und die und die, lauter gute, herzgetreue Menschen, die haben alle gejammert über das Schicksal des Lenz; es ist hart, daß sie noch trauern, und es ist nicht mehr nötig, und sie werden sich auch himmelhoch freuen, wenn sie hören, daß man zu allererst die Franzl holen läßt, und wer weiß, ob man noch einmal im Leben einander ade sagen kann.

Pilgrim fuhr indes unbarmherzig an all den guten Menschen vorüber und hielt nirgends an. Wo ein Fenster sich öffnete und jemand heraussah nach dem Schlitten, rief Franzl laut: »Lebet wohl und behüt' Euch Gott!« Wenn man auch bei dem Rollengeklingel nicht viel davon hörte; sie hatte doch den guten Seelen ein gutes Wort zugerufen, wer weiß, wann man's wieder kann.

An dem Hofe, wo des Vogtsbauern Kathrine wohnte, mußte Pilgrim stillhalten, aber – es ist keine Freude auf Erden ganz voll – Kathrine war leider nicht daheim. Da sie keine eigenen Kinder hatte, mußte sie sehr viel Gevatter stehen, und sie war eben jetzt bei einer Wöchnerin. Franzl ließ ihr nun durch die Näherin alles sagen, sie wiederholte jedes Wort doppelt, damit man's nicht vergesse.

Beim Wiedereinsteigen genoß sie ihr Glück erst aufs neue. »Jetzt ist mir's noch viel wohler,« sagte sie. »Es ist, wie wenn man gut schläft und nachts ein wenig aufwacht und man sagt: ›Ah! das ist prächtig,‹ und schläft weiter. Ich schlafe aber nicht, ich bin schon wie im ewigen Leben.«

Fast hätte hierauf Pilgrim durch eine ungeschickte Neckerei alle Glückseligkeit verdorben.

»Franzl,« sagte er, »ja drüben gibt es aber jetzt schmale Bissen.«

»Wo drüben?«

»Ich meine in der andern Welt. Du kriegst es jetzt wie im Paradies, und wer es auf dieser Welt so gut kriegt, kann nicht verlangen, daß es ihm auch drüben so geht. Beides wäre zu viel.«

»Halt an! Halt an! Ich steig' aus, ich geh' heim!« rief Franzl. »Ich will nichts von euch, ich gebe mein ewiges Leben für nichts her. Halt an! oder ich springe heraus.«

Mit einer Kraft, die man ihr nicht zugetraut hätte, faßte Franzl nach den Zügeln und wollte sie Pilgrim entreißen. Pilgrim hatte schwere Mühe, Franzl zu beruhigen, er sagte, sie verstehe gar keinen Spaß mehr; Franzl wollte nichts davon wissen, daß man mit solchen Dingen spaße. Pilgrim suchte Franzl zu überzeugen, daß sie das ewige Leben nicht verliere, er nahm eine Stelle des heiligen Haspucius zu Hilfe, die er griechisch anführte, aber sehr gefällig gleich ins Deutsche und sogar ins Schwarzwäldische übersetzte, und die Stelle sagte ausdrücklich: Bei Dienstboten wird eine Ausnahme gemacht, die haben es ohnedies, bei allem Guten, was ihnen auf dieser Welt zukommt, hart genug. Ueberhaupt hatte Pilgrim genaue Nachricht, wie es im Himmel zugeht, und es war nur gut, daß er dem Kitzel widerstand, Franzl zu beteuern, er sei Hofmaler beim heiligen Petrus.

Franzl wurde ruhiger, das mit den Dienstboten ist gewiß und wahr, und bald sagte sie: »Ich freue mich am meisten auf die Kinder von meinem Lenz. Ich habe sie noch gar nicht gesehen. Nicht wahr, der Bub' heißt Wilhelm, wie du? Und wie heißt denn das Töchterle?«

»Marie.«

»Jawohl, nach der Großmutter.«

»Gut, daß du mich daran erinnerst, das hätte ich bald vergessen; die Kinder wissen nicht anders, als ich hole die Großmutter, und die kommt in einem Schwan angefahren. Die Kinder bleiben wach, bis wir kommen, und du mußt dir's gefallen lassen, Hochgeborne von Knuslingen samt Filial Fuchsberg und Knebringen, Euer Liebden müssen geruhen, daß die Kinder Euch Großmutter benamsen.«

Franzl, das »ledige Mädle«, fand das sehr gottlos und doppelt, denn es ist nicht recht, den Kindern so was einzureden; ein Verwandtennamen gehört nur Blutsangehörigen, das ist etwas, mit dem man kein Fastnachtsspiel treiben darf. Sie beruhigte sich indes und sagte, sie wolle den Kindern schon alles aufklären, sie sei nicht umsonst von Knuslingen gebürtig. In dem Bewußtsein, daß sie die Ehre von Knuslingen zu vertreten habe, fand sie den rechten Anhalt.

Diese Zwischenfälle auf der Fahrt waren indes gut, Franzl wurde dadurch etwas ernüchtert; denn sie hatte sich anfangs eingeredet, daß das ganze Dorf Spalier stehe, um sie bei der Wiederkehr zu empfangen. Sie wurde aber von einem unbändigen Gelächter empfangen, und zwar von Petrowitsch, der über den Aufzug der Franzl so lachte, daß er sich auf einen Stuhl setzen mußte, und Büble that auch das Seinige, und weil er nicht lachen konnte, bellte er die Franzl an, und es war gewiß nicht gutmütig von Petrowitsch, daß er ausrief: »Der Anton Striegler hat's gewußt, daß du einmal so aussehen wirst, darum hat er dich sitzen lassen.«

»Und Euch lassen die Würmer noch eine Weile herumlaufen, bis Ihr gar seid, jetzt seid Ihr ihnen noch zu zäh,« erwiderte Franzl. Der ganze langjährige Haß und dazu der Zorn, daß man sie mit ihrer gefehlten Liebe neckte, gab ihr die bissige Antwort ein. Büble bellte nicht mehr und Petrowitsch lachte nicht mehr. Beide hatten fortan eine eigene Scheu vor Franzl.

Lenz schlief. Annele war bei den Kindern, die doch nicht wach geblieben waren. Annele mußte an sich halten, Franzl nicht um den Hals zu fallen, aber sie schämte sich vor den mit ihr eingetretenen Männern, vor Pilgrim und Petrowitsch.

»Schau, das sind unsre Kinder,« sagte sie, »gib ihnen nur einen Kuß, sie wachen nicht auf.«

Franzl mußte in der Stube bleiben, Annele ging in die Küche und bereitete ihr Essen. Franzl nickte: »Die ist anders geworden.« – Sie hielt es indes in der Stube nicht lange aus und gesellte sich zu Annele, und diese sagte: »O, wie schön ist es doch, daß man Feuer anmachen kann!« Franzl schaute blöd drein, sie begriff nicht, daß Annele für alles dankbar war, für die tausend Dinge, die man im Leben hinnimmt, als müßte es so sein.

»Was sagst du zu meinen weißen Haaren?« fragte Annele

»Ich wollt', ich könnt' dir meine geben, sie sind noch alle schwarz. Das bleibt so. Meine Mutter hat mir's hundertmal gesagt, ich bin mit einem Kopf voll Haare auf die Welt gekommen.«

Annele lächelte und sagte, es hätte so kommen müssen, sie solle ein ewiges Zeichen behalten, daß sie im Tode gewesen sei und jetzt gut mit der Welt leben müsse. »Du verzeihst mir doch auch, Franzl? Ich habe im Tod an dich gedacht.«

Franzl weinte.

Es war in der That wunderbar, welch eine Wandlung in Annele vorgegangen war. Als sie zum erstenmal das Glockengeläut hörte, nahm sie das Kind auf den Arm und legte ihm die Hände zusammen und rief: »O Kind, ich hätte nie mehr geglaubt, daß ich das höre!« und als Franzl den ersten Kübel Wasser brachte, rief sie: »O Gott, wie gut, wie hell ist das Wasser! Ich danke dir, lieber Gott, daß du uns das gegeben hast!«

Während die Männer die Schreckenszeit, da sie im Tode lebten, bald fast ganz verwunden hatten, stand das Erlebte Annele stets vor den Gedanken, und sie war mild und sanft, und jedes heftige Wort war ihr wie ein Stich in die Seele, so daß Franzl oft zu Pilgrim klagte: »Ich fürchte, das Annele lebt nicht mehr lange, es ist so was Frommes, so was Heiliges in ihr, ich kann's gar nicht sagen.«

Ueber der Rettung der Verschütteten wurde ein andrer Unfall fast kaum beachtet, der sonst viel zu reden und zu denken gegeben hätte.

Am zweiten Tag nach der Rettung hatte man in einer Waldschlucht nahe bei Knuslingen die Leiche eines Mannes gefunden, der unterm Schnee verschüttet, erfroren war, es war der Pröbler. Niemand trauerte ihm so tief nach, als Lenz; er glaubte nun doch, daß er ihm damals gerufen habe, und er sah in dem Tode des noch in alten Tagen wild gewordenen Entdeckers noch etwas mehr, als alle andern Menschen, aber er verschloß den Gedanken still in sich.

Annele gedieh in dem großen Hause beim Ohm und war frisch und blühend wie je.

Man blieb bis in den hohen Sommer hinein, bis das Haus wieder hergerichtet war, beim Ohm. Dieser war oft launisch. Es ärgerte ihn, daß der kleine Wilhelm auf Stühle und Sofas stieg, wo doch der Büble ohne Scheu sich tummelte.

Petrowitsch hatte einen bösen Husten aus der Verschüttung davongetragen. Der Arzt wollte ihn ins Bad schicken, aber er ging nicht. Er sagte es nicht, aber er dachte wohl, wenn er sterben sollte, wollte er daheim sterben, dann hat alles Heimweh ein Ende. Er ging oft mit dem kleinen Wilhelm nach der Spannreute, wo man jetzt ziemlich erwachsene Lärchenbäume zum Schutze für das Haus anpflanzte und Gräben zog, und als er einmal scheltend sagte: »Wilhelm, du bist grad wie der Büble; ihr könnt nicht den geraden Weg gehen, das ist euch nicht genug; querfeldein springen, da über einen Graben, da auf einen Felsen, das ist eure Lust! Ja, Büble, du bist auch so, ihr zwei seid die rechten Kameraden!« da sagte der kleine Wilhelm: »Ohm, ein Hund ist kein Mensch, und ein Mensch ist kein Hund.«

Das einfältige Wort des Kindes machte den Alten geschmeidiger, so daß er Lenz bat, wenn er nun doch einmal wieder in sein Haus ziehen wolle, so möge er ihm den Wilhelm lassen.

Es war Annele besonders, die immer wieder darauf drang, daß man bald wieder ins Haus auf der Morgenhalde zurückkehre. Einst war es ihr wie ein Paradies erschienen, im Hause des Petrowitsch zu wohnen, den Alten zu pflegen und ihn zu beerben; jetzt wollte sie nichts mehr, als still und glücklich und genügsam auf einsamer Höhe ihre Tage verbringen.

Der Tod der Mutter, den man ihr geraume Zeit verhehlt hatte, traf sie wie ein dumpfer Schlag. Es war alles eine einzige schwere Nacht, in der sich alles Unheil zusammengedrängt hatte.

Wilhelm blieb beim Ohm, und auch Pilgrim zog zu ihm ins Haus. Wenn man an dem Hause vorbeiging, hörte man wiehern wie ein junges Füllen, grunzen wie ein Schwein, pfeifen wie eine Nachtigall und quieksen wie junge Eulen, und manchmal erschien ein alter Kindskopf und ein junger Kindskopf am Fenster; es war Pilgrim und sein junger Pate, sie suchten einander zu überbieten, wer die meisten Tierstimmen nachahmen könne, und dann hörte man wirkliches Bellen: es war der Büble, der bellte, und dann hörte man mächtiges Lachen, nur bisweilen von Husten unterbrochen: es war Petrowitsch, der über all den tollen Streichen der beiden Kindsköpfe nicht aus dem Lachen herauskam, bis er in seinen schweren Husten verfiel. Er verließ seit Jahren das Dorf nicht mehr, er behauptete, das viele Lachen ersetze ihm die Brunnenkur . . .

Das Haus auf der Morgenhalde wurde wieder neu aufgebaut, und jetzt zeigte sich, wie viel Freunde Lenz hatte; von allen Seiten kamen sie herbei, ihm unentgeltlich Holz und Stein zu führen, und der Techniker legte eine gute Schutzwehr am Berge an.

Es wurde aber Lenz unsäglich schwer, sich sein Leben wieder aufzuerbauen, es sollte ein neues und größeres werden; er war wie ein Genesender, dem es nicht genügen will, das Leben wieder da fortzusetzen, wo es durch Krankheit unterbrochen wurde; er fühlte sich so stark und gewachsen, daß er ganz andres in die Hand nehmen mußte.

»Ich bin in der Fremde gewesen und in einer bösen Fremde und möchte was Besseres, Größeres, da ich heimkehre,« sagte er oft.

Und jetzt bot sich zu leichtem Gelingen die Ausführung eines alten Planes, alles schien bereit, alles schien darauf gewartet zu haben, und niemand förderte den Plan mehr, als Annele. Sie redete getreulich zu, sie erhob und stärkte Lenz, da sie ihm zurief: »Du hast es immer in dir gehabt, du hast das Glück von hundert und hundert Menschen in dir. Ich habe es nicht vergessen, wie du damals, bald nach unsrer Verheiratung gesagt hast: ›Ich freue mich an dem hellen Sonntag, weil heute tausend und tausend Menschen sich freuen können. Geh nur, wohin du kommst, bringst du Sonne mit. Ich möchte mitgehen und allen Menschen sagen, wie gut du bist.‹«

Im Verein mit dem Techniker, mit dem Doktor, mit Pilgrim, dem Duzlehrer und dem Gewichtlesmann ging Lenz wie getragen von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, und alle Menschen rühmten, wie beredt, wie klug und gut er war, wie er Not und Bedrängnis aller ins Herz geschlossen hatte und ihr abzuhelfen wußte.

Was ihm in den Tagen der Ruhe und Sicherung nicht gelungen war, das fügte sich jetzt, wie auf stille Verabredung, er brachte die Einung der zerstreuten Handwerksmeister zustande.

Und wie er seinen eigenen Hausstand neu errichtete und erhob und den andrer feststellte, so gelang es ihm auch, einen neuen Hausstand zu gründen.

Einst hatte Pilgrim für ihn bei des Doktors Tochter freien wollen, jetzt hielt er für Pilgrim um die Hand der Amanda an, und Pilgrim wurde Vorsteher der Gestellwerkstätte. Von ihm rühren die anmutigen sogenannten Bahnhäuslesuhren her, und noch liegen viele Stämme von dem ehemaligen Spannreuter Walde bereit, zu architektonischen und Blätterverzierungen verarbeitet zu werden, zunächst aber kommen die gut durchgeräucherten alten Stämme daran, die man beim Neubau aus dem Hause auf der Morgenhalde entnommen.

Es war im zweiten Sommer, da kam eines Tages Lenz zum Ohm und sagte: »Ohm, ich habe Euch noch nie um etwas angesprochen.«

»Aber ich will dich um was ansprechen. Sei so gut und sprich mich um nichts an.«

»Ich will nichts für mich, ich bitte für den Faller. Er hat sich bei unsrer Rettung ein Kehlkopfleiden zugezogen, er muß in ein Bad.«

»Gut, da hast du das Geld dazu. Sag ihm, er soll auch für mich ins Bad gehen und meinen Husten dort wegschwemmen. Es ist brav, daß du nichts für dich bittest. Du hilfst dir selber, das ist das beste.«

Es kostete viele Mühe, Faller dazu zu bringen, daß er in ein Bad ging, aber Annele brachte es durch dessen Frau zuwege.

Annele hatte jetzt zwei Freundinnen und zwar von ganz ungleicher Art. Die eine war des Doktors Amanda, nunmehrige Frau Pilgrim, und der Garten auf der Morgenhalde hatte viele Setzlinge aus des Doktors Garten. Annele hatte jetzt viele Freude an der Gärtnerei, sie hatte warten, hegen und pflegen gelernt. Die zweite Freundin war die Frau Fallers.

Faller ging ins Bad zur zweitältesten Schwester des Annele, und hier traf er einen alten Bekannten. Der Badmeister hier war der alte Löwenwirt, der sich nach dem Tode seiner Frau hierher zurückgezogen hatte. Er hatte immer noch seine Gönnermiene, mit der er gern beglückte; die abgethanen Sorgen schienen ihm das Leben erleichtert zu haben, er war auffallend heiter und auch gesprächsam. Von seiner eigenen Vergangenheit sprach er nicht, das war gegen die Würde; es könnte da zu unangenehmen Auseinandersetzungen kommen, der unbeholfene Faller selbst konnte sich vergessen oder eigentlich seines Guthabens erinnern.

Dagegen sprach der Löwenwirt mit sehr vieler wohlwollender Würdigung von Lenz und band es Faller aufs Herz, Lenz zu sagen, er möge sich mit Hauen und Stechen ja nie zu etwas verleiten lassen, das sich nicht aus ihm selbst versteht. Faller mußte ihm Silbe für Silbe diese Worte nachsprechen, und als er sie endlich ganz genau hersagte, setzte der Löwenwirt seine Brille auf, um zu sehen, wie jetzt der Faller aussieht, der einen solchen Spruch im Kopf hat. »Solch einen Spruch kann doch nur der Löwenwirt geben,« nickte er sich zu, »da stecken sieben Weise darin.«

Besonders gern erzählte er dann, daß man in Brasilien kein Recht finde, und dann pries er die Badequelle und die guten Molken, die thäten Wunder, und wenn nur einmal eine Prinzessin da herkäme, könnte das eines der ersten Bäder in der Welt werden.

Der Löwenwirt trug jedem seinen Prinzessinwunsch vor; denn erstlich sieht man daraus, wie gescheit er ist und weiter hinaus denkt, und zweitens kann man doch nicht wissen, wie der Wunsch doch einmal an eine Prinzessin kommt.

Der gute Faller mußte alles ganz genau und wiederholt sich einprägen lassen, als ob er es wäre, der in der nächsten Minute über zwölf große und zwölf kleine Prinzessinnen zu verfügen hätte.

Faller kam wieder heim, aber im Vorfrühling, just um die Zeit, als der Schnee wieder schmolz, starb er.

Bald nach ihm begrub man auch den Petrowitsch; er hatte oft den Tod überwunden, denn seit dem Herbste hatte sich sein böser Husten gesteigert, so daß er jedesmal daran zu ersticken glaubte, und in der That erstickte er auch einmal plötzlich an demselben.

Wie es der Schultheiß-Doktor vorausgesagt, so war's. Petrowitsch hatte nichts als eine Jahresrente gehabt, die er sich von dem Reste seines Vermögens sicherte. Das Hauptvermögen hatte der Spieltisch in Baden-Baden verschlungen.

Viele Unebenheiten und Widersprüche im Gebaren Petrowitsch' erklärten sich daraus; vor allem behauptete der Doktor, daß Petrowitsch zornig gegen die Welt gewesen, weil er mit sich selbst im Zorn lag.

Lenz nahm einen Sohn des Faller zu sich ins Haus, das Töchterlein blieb bei der Mutter, und das andre Zwillingspaar nahm des Vogtsbauern Kathrine an Kindesstatt an; sie hatte zwar nur eines gewollt, aber die Kinder wollten sich nicht trennen.

Franzl war glückselig, ihrer alten Freundin Kathrine erzählen zu können, wie es jetzt auf der Morgenhalde hergeht. »Ich weiß nicht, wen das Annele mehr verwöhnt, ihren Mann oder mich. Unsern Herrgott im Himmel muß es freuen, wenn er sieht, wie die miteinander leben. Du weißt, ich bin von Knuslingen, mir kann man nichts vormachen, und ich will mich nicht berühmen, aber ich sehe mehr, als andre Menschen. Anfangs haben sie sich voreinander noch gefürchtet, wie wenn ein Haus zusammengebrannt ist, sowie man gräbt, schlägt wieder die Flamme aus. Sie haben sich gefürchtet, daß ein unbefangenes Wort einen alten Schaden aufreißt, bis sie nach und nach gesehen haben, daß jedes von jeher besser gewesen ist und das andre von Herzen gern gehabt hat, und was man für Bosheit gehalten und was sich auch so ausgelassen hat, ist nur der Jammer gewesen, daß man nicht den rechten Schick gefunden, wie eins dem andern wohlthut. Die Wirtshausgedanken sind bei dem Annele wie ausgelöscht, und ich muß auch sagen, mein Lenz ist viel mannhafter geworden. Aus dem Liederkranz ist jetzt auch noch was andres geworden, und sie sagen alle, da hat mein Lenz erst recht die erste Stimme; er ist gar geschickt; sie haben da was, ich kann dir's nicht recht erklären, was es ist, es soll was besonders Gutes sein für alle, sie heißen meinen Lenz den Einungsmeister. Wenn du den Gewichtlesmann von Knuslingen siehst, der kann dir alles besser berichten, der ist auch dabei. Du weißt doch, daß sie meinem Lenz von England herüber eine Denkmünze geschickt haben, weil auf einer großen Ausstellung sein Musikwerk dort das beste gewesen ist? Und wie er die Denkmünze dem Annele zeigt und sagt: ›Es freut mich noch mehr für dich, daß du siehst, was ich kann‹, da weint sie und sagt: ›Das ist noch aus dem vergrabenen Leben, weck' es nicht auf! Ich brauche niemand, der dir ein Zeugnis gibt, ich geb' dir das beste.‹

»Wie sie das sagt, hat er zum Bild seiner Mutter gesagt: ›Mutter, sing im Himmel! Wir sind glückselig!‹«

Des Vogtsbauern Kathrine hörte den Bericht mit gebührender Freude. Franzl war auch wie ein aufgezogenes Uhrwerk, sie fuhr fort: »Und weißt du, was wir vom Petrowitsch geerbt haben? Nichts als seinen Hund, und der frißt dir keinen Bissen Kartoffeln und keinen Bissen trocken Brot; er sollte es schon noch bei mir lernen, aber mein Lenz ist zu gut gegen den Hund, er sagt, er habe der kleinen Marie das Leben gerettet. Also keinen roten Heller haben wir von Petrowitsch; der Doktor hat's schon lange gesagt, er ist in einer, ich glaube Krankenversicherung heißt man's, und hat nichts gehabt, als ein gutes Jahrgeld. Jetzt ist's auch klar, warum er so hart und zäh gewesen ist, und man hat auch erst jetzt erfahren, daß er sein Hauptvermögen, das er sich in allen Weltteilen zusammengescharrt, an der Spielbank verloren hat. Ja, Spieler, die sind oft die gescheitesten Menschen und die dummsten in einem Stück. Der Doktor hat's gesagt, und was der sagt, ist gewiß und wahr. – Bleibst du nicht bis morgen hier? Da begräbt man die alte Schultheißin, das ist die letzte aus der alten Welt. Sie ist nicht ganz achtundsiebenzig geworden. Mein Lenz hat gesagt, wie der Ohm gestorben ist: ›Es ist mir lieber, ich komme nicht durch ihn auf, ich helfe mir aus mir allein.‹ Er will auch den jungen Faller und den Wilhelm miteinander in die Lehre nehmen, aber dann, sagt er, müssen sie mir in die Fremde.«

»Und dich halten sie gut?« fragte Kathrine, um doch auch etwas zu sagen.

»O lieber Gott, nur zu gut! Ich weiß nicht, was ich für eine Kunst verstehe, daß die Menschen thun, als ob sie nicht ohne mich glücklich leben könnten. Es ist nur hart, daß ich schon so alt bin, aber meine Großmutter ist dreiundachtzig Jahre alt geworden, und wer weiß, ob sie nicht dreiundneunzig gewesen ist! Solche alte Leute, die nicht schreiben und lesen können, verrechnen sich. Ich kann auch so alt werden. Essen und Trinken schmeckt mir und Schlaf auch. Es ist alles gesegnet bei uns. Und schau', der Wald wächst schon wieder gut, er ist jetzt unser; und so gewiß, als der Wald da jetzt grad' fortwächst, wie's Gott gesetzt hat und wie sich's gehört, so sicher ist jetzt alles bei uns im besten Wachsen und Gedeihen. Nicht wahr, das sind schöne junge Bäume da? Wir wollen sie noch miteinander groß sehen.«

Kathrine hatte nicht Zeit, das abzuwarten, und als sie, von Lenz und Annele und der Fallerin geleitet, mit dem Zwillingspaar davonging, rief ihr noch Franzl aus der Küche nach: »Kathrine, mach' dich drauf gefaßt, das nächste Mal mußt du bei uns Gevatter stehen.«

*           *
*

Das ist die Geschichte von Lenz und Annele auf der Morgenhalde, und jetzt wissen wir, warum die junge Mutter mit dem Greisenhaar von ihrem in die Fremde ziehenden Sohne ein Pflänzchen Edelweiß wünschte.

Als Lenz vom Geleite der Wanderburschen heimkam, fand er einen frischen Strauß über dem Bilde der Mutter. Er nickte nur still Annele zu, sie hatte das Andenken dieses Tages – heute waren es achtzehn Jahre, daß die Mutter begraben worden war – immer so gefeiert. Sie sagten es einander nicht, aber sie wußten es, daß das Gedenken der Seligen immer neu in ihnen aufblühte, wie alljährlich neu die Blumen auf den Feldern wachsen.

Zu Mittag aßen heute die Fallerin und ihre Tochter mit; Lenz tröstete sie, da sie immer klagte: »Wenn nur mein Mann das noch erlebt hätte, daß unsre beiden Söhne miteinander in die Fremde ziehen!« Er erzählte ihr, daß das Zwillingspaar, die des Vogtsbauern Kathrine angenommen hatte, sich gar gut in Ansehen erhalte. Der eine, der Soldat war, hatte es schon zum Feldwebel gebracht, und der andre sollte in der That der Erbe seines Pflegevaters werden. Die Tochter der Fallerin, ein schlank aufgeschossenes fünfzehnjähriges Mädchen, sagte, sie habe ihrem Bruder und dem Wilhelm versprochen, ihnen an jedem Ersten des Monats zu schreiben.

Nach Tische arbeitete Lenz wieder in gewohnter Weise. Heute vor achtzehn Jahren hatte er eine viel schwerere Gemütserregung ebenfalls bei der Arbeit beruhigt. Es war und blieb seine Art, an der Werkbank über alles Herr zu werden; Annele saß mit einer Handarbeit bei ihm, sie war nicht mehr voll Unruhe und ihr Blick machte nicht mehr unruhig, vielmehr hatte er etwas Segnendes, die Arbeit gedieh besser, wenn sie zusah. Sie sprach wenig, und der ganze Gang ihrer jetzigen Gedanken ließ sich erraten, da sie sagte: »Unser Wilhelm hat sechs Hemden bei sich von dem Tuch, das deine Mutter selig noch gesponnen.«

Die Plätze der beiden Lehrlinge waren wieder besetzt, denn von allen Seiten drängte man sich herzu, um beim Lenz in die Lehre zu treten. Franzl war besonders glücklich, daß Lenz einen Enkel des Gewichtlesmannes von Knuslingen in die Lehre genommen hatte.

Gegen Abend kam der Duzlehrer mit einem großen Pack Schriften unterm Arm. Er legte sie ab. Mit großen Buchstaben war darauf zu lesen: Akten der Uhrmachereinung.

Der Duzlehrer forderte Lenz auf, noch eine Weile, bis die Mannen versammelt seien, mit ihm in den Wald zu gehen. Lenz ging mit. Unterdes stellte Annele zwei Reihen Stühle zurecht in der Stube, denn Lenz war Einungsmeister.

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