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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 40
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtunddreißigstes Kapitel. Es wächst ein Pflänzchen unter dem Schnee.

Lenz saß starr und stumm und wachte in Tod und Nacht hinein.

Petrowitsch war der erste, der sich wieder erhob, und er erzählte Lenz, daß in seiner Jugend auch einmal solch ein Haus so verschüttet worden, und als man die Versunkenen ausgrub, fand man sie alle plattgedrückt, vier Bauern lagen zerquetscht um einen Tisch und hatten noch die Spielkarten in der Hand. Es schauerte den Alten, da er diese Erinnerung aussprach, und doch konnte er sie nicht bei sich behalten, er muß sich erleichtern und sie erzählen, wenn auch dem Hörer das Mark darüber erstarrte. Schnell setzte er indes hinzu, Gott werde sie um des unschuldigen Kindes willen retten, und er zankte fast mit Gott, wenn er das thun könne, daß er das Kind mit verschütte.

»Sie ist auch wieder gut wie ein Kind geworden,« erwiderte Lenz. Petrowitsch schüttelte den Kopf und ermahnte ihn, wenn er wieder herauskomme, nicht so schnell bekehrt zu sein: er solle sich so halten, daß Annele täglich und stündlich um seine Liebe werben müsse. Lenz widerstritt und erklärte dem Ohm, daß er noch nie verheiratet gewesen sei; in Annele stecke ein Engel, der einen in den Himmel heben könne, und das sei ja eben der Jammer gewesen, daß sie in der Verbitterung ihr eigenes gutes Herz ebensosehr unterdrückt und mißhandelt habe, wie das anderer.

Petrowitsch schüttelte den Kopf, aber er erwiderte nichts mehr. Das Kind schrie plötzlich laut auf, auch Annele erwachte und schrie: »Die Decke sinkt ein! Die Decke sinkt ein! Wo bist du, Lenz? Bleib bei mir! Wir wollen miteinander sterben. Gib mir das Kind in den Arm.«

Annele wurde beruhigt, sie war wieder gekräftigt, und sie gingen allesamt miteinander in die Stube. Lenz zerklopfte hier die Kaffeebohnen, es war noch der Vorrat, den die Krämer-Ernestine gebracht. Man saß wieder bei dem dürftigen blauen Flämmchen. Der Kaffee erheiterte alle. Es schlug aus den Uhren. Annele sagte, sie zähle nicht mehr, sie frage nicht mehr, ob es Tag, ob es Nacht sei, sie lebten jetzt schon miteinander in der Ewigkeit; wenn nur der schwere Schritt schon überstanden wäre. Sie hatte gehofft, daß man ihre Furcht, ihre Gewißheit des Todes widerlege, aber niemand antwortete.

Man saß lange stumm beisammen, es gibt jetzt nichts mehr zu reden. Nach geraumer Weile sagte Lenz zum Ohm, es sei jetzt alles so klar und glatt, nur möchte er noch wissen, warum der Ohm allezeit so herb und verschlossen gegen ihn gewesen.

»Weil ich den da, dessen Schlafrock ich anhabe, gehaßt habe, ja gehaßt; er hat mich unterdrückt in meiner Jugend, und er ist schuld, daß man mich Geißhirtle genannt hat. Ins harte Holz, da an der Feile, gibt's durch langes Aufdrücken eine Höhlung, wie viel mehr ins Menschenherz, und das hat immer drauf gedrückt: dein einziger Bruder hat dich verstoßen! Und wie ich endlich heim bin, ich habe mich doch drauf gefreut, das Bündel Haß, das ich mit mir herumtrage, endlich abzulegen. Ich kann in Wahrheit sagen, ich habe ihn in den Tod hinein gehaßt; warum ist er mir weggestorben und läßt mich allein, und wir haben das rechte Wort einander nicht gesagt? Auf dem ganzen langen Weg habe ich mich gefreut, daß mir wieder einer Bruder sein soll, und jetzt ist niemand mehr da, der das kann. Und eigentlich, ehrlich gestanden, habe ich ihn doch nicht gehaßt. Wäre ich denn sonst heim? Ich höre das Wort Bruder auf dieser Welt nicht mehr, bald anderswo . . .«

»Ohm,« sagte Annele, »in derselben Minute, wie der Büble an der Thür gekratzt hat, in derselben Minute hat mir mein Lenz erzählt, wie sein Vater einmal, da er hier verschneit war, aber nicht verschüttet, wie wir, wie er da gesagt hat: ›Wenn ich jetzt sterben müßte, ich habe niemand auf der Welt, der mir feind ist, als mein Bruder Peter, und ich möchte ihn doch auch versöhnen.‹«

»So? So?« sagte Petrowitsch, er drückte sich mit der einen Hand die Augen zu, mit der andern faßte er krampfhaft den Feilengriff, diesen Griff, den der Bruder jahrzehntelang in der Hand gehalten.

Man hörte lange nichts, als das Ticken der Uhren, bis Lenz wieder fragte, warum denn der Ohm gegen ihn so lieblos gewesen sei; es habe ihm das Herz zerrissen, daß fast ein Jahr lang da der einzige Bruder seines Vaters umhergehe und ihn nicht kennen wolle; er wäre gern, so oft er ihm begegnet, auf ihn zugeeilt und hätte seine Hand gefaßt.

»Hab's wohl gemerkt,« erwiderte Petrowitsch; »aber ich war bös auf dich und deine Mutter, weil ich höre, daß sie dich verkindelt und dir alle Tage siebenmal sagt: ›O, was bist du für ein guter Mensch, und der beste Sohn und der geschickteste und der gescheiteste!‹ Das ist nicht gut. Die Menschen sind wie die Vögel. Es gibt Mückenfresser, die müssen jede Minute was im Kröpfle haben, und so ein Vogel bist du, jede Minute ein Patschhändle und ein Löble.«

»Er hat recht, nicht wahr, Annele, er hat recht?« sagte Lenz bitter lächelnd.

»Kann wohl sein!« entgegnen Annele.

»Sei ruhig du!« rief Petrowitsch, »du bist auch ein Vogel, bist wenigstens einer gewesen, und weißt du, was für einer? Ein Raubvogel, die können tagelang hungern, dann fressen sie aber, was sie kriegen, einen unschuldigen Singvogel, ein junges Kitzchen, mit Knochen und Haut und Haar auf.«

»Er hat leider Gottes auch recht,« erwiderte Annele; »mir ist's am liebsten gewesen, wenn ich eines habe recht zausen und mitten voneinander reißen können. Ich hab' schon damals gespürt, wie es mir bei unserer ersten Ausfahrt so eine Herzenslust gewesen ist, die Krämer-Ernestine zu ärgern, und du hast mich gefragt: ›Macht dir das Freude?‹ Die paar Worte sind mir ins Herz gesunken, und ich habe mir vorgenommen, auch so gut zu werden wie du, es ist einem viel wohler dabei. Und wie du bei der Heimfahrt den alten Pröbler hast wollen mitfahren lassen, ich hätte dich gern zum Wagen hinausgeworfen über solch eine Einfältigkeit. Wie du dann aber wieder davon abstehst und dich vor Gott und deinem Gewissen entschuldigst, daß du einen Armen am Wege nicht mitnimmst, und wie du so glückselig bist – ich hätte dir gern die Hände geküßt für deine Gutheit; aber der Stolz leidet's nicht, und ich hab' mir nur still vorgenommen, auch so zu sein wie du, und doch habe ich im alten Trumm fortgelebt, und ich habe mir nur vorgenommen, dann und dann fangst du anders an, aber es darf's niemand merken, mein Mann vor allem nicht, und da ist der alte Teufel wieder gekommen, und ich habe mich zuerst geschämt, daß die Menschen merken sollen, daß ich jetzt anders sein will, und bald habe ich gar nicht mehr anders sein wollen. Ich bin das Löwen-Annele, an dem die ganze Welt Freude gehabt hat, wie es gewesen ist. Ich brauche nicht anders zu werden. Und ich bin bös auf dich gewesen, grimmig bös, weil du der erste Mensch bist, der mir tadelt, was andere gelobt und belacht haben, und da habe ich dir beweisen wollen, daß deine Sache auch nichts ist. Und zuletzt hat sich alles auf das eine hinausgespitzt: Wirtin mußt du wieder werden, dann weißt du wieder, wer du bist, und die Welt weiß es auch. So habe ich fortgehaust und übel gehaust. Noch gestern . . . war's gestern? Wie der Pfarrer dagewesen ist . . . Horch, der Ohm schläft. Das ist mir lieb. Ich will noch eine Stunde mit dir allein sein, bevor wir in die Ewigkeit gehen. Es kann doch kein drittes wissen und kann es keines verstehen, wie wir zwei einander im Herzen haben bei allem und bei allem, was gewesen ist. O Lenz, gestern, wie ich so ganz mit mir allein gewesen bin, da ist mir's zum erstenmal in meinem Leben aufgegangen, daß ich nie gewußt habe, was es eigentlich ist, einen Menschen von ganzer Seele lieben. Ich bin deine Frau gewesen und hab's nicht gewußt, wie lieb ich dich habe, bis gestern, und wenn du da gekommen wärst, ich hätte dir die Augen und die Hände geküßt, du weißt gar nicht, wie lieb ich dich haben kann. Und da ist der Faller gekommen und hat mich zuerst erschreckt und dann berichtet, daß du mich mit der Bürgschaft betrogen hast, und da bin ich auf einmal wieder besessen gewesen vom alten Teufel, der redet und thut aus mir, was er will und nicht, was ich möchte. Jetzt ist er fort. Er hat jetzt keine Macht mehr. Ich will dich auf Händen tragen. Wenn ich dich nur noch einmal sehen könnte, nur noch einmal, ganz, im hellen Tag! Bei dem blauen Flämmchen sieht man nichts. Wenn ich nur noch einmal dein gutes Gesicht, deine getreuen Augen hell sehen könnte! So ungesehen sterben, den Blick nicht mehr sehen, wie weh thut das! Und wie oft habe ich den Blick weggewandt, wenn ich gesehen habe, daß dein Auge mich sucht! O, nur ein Blitz, nur ein Blitz, daß ich dich nur ein einzigmal sehen könnte!«

Petrowitsch that indes nur, als ob er schliefe. Er hatte es wohl gemerkt, daß Annele jetzt ihr Herz aufthun will und daß da kein Fremder dabei sein kann. Das Kind spielte mit Büble, und Annele fuhr fort: »O, wenn ich nur die Jahre wieder heraufrufen könnte! Du hast einmal am Mittag gesagt: ›Gibt's was Besseres, als die Sonne!‹ und einmal am Abend: ›O, die gute frische Luft, das ist doch lauter Glückseligkeit!‹ Ich habe dich verspottet über diese Einfältigkeit, ich habe mich an allem versündigt, und du hast doch recht gehabt; du bist glücklich. Dich macht alles glücklich, und so muß es sein. Und wie ich damals die Feile deines Vaters weggeworfen habe, daß die Spitze gebrochen ist, die Spitze ist mir ins Herz gefahren, ich habe aber nichts davon merken lassen, im Gegenteil; und die gute Schrift und das Andenken deiner Mutter habe ich zum Fenster hinausgeworfen. Es gibt nichts, nichts, woran ich mich nicht versündigt habe. Ich weiß, ich weiß gewiß, du verzeihst mir; bitte auch Gott für mich, daß er mir verzeiht im Leben wie im Sterben.«

Eine Spieluhr begann zu spielen, der Ohm wandte sich unwillig im Sessel hin und her, schlief aber, wie es schien, doch weiter. Als das Stück zu Ende gespielt war, rief Annele wieder: »O Gott! ich meine, ich müßte alles um Verzeihung bitten, die Spieluhr auch. Jetzt zum erstenmal in meinem Leben höre ich, wie heilig das klingt, und wie oft habe ich dich damit beleidigt! Lieber Gott! ich bitte dich nicht für mich; o, rette, rette uns! Laß mich beweisen, daß ich alles gut machen kann.«

»Es ist alles gut, und wenn wir auch sterben,« erwiderte Lenz. »Derweil das Stück da spielte, ist mir in Gedanken gekommen: wir haben das Edelweiß wieder, unterm Schnee ist es in deinem guten Herzen und in uns allen aufgewachsen! Warum zitterst du so?«

»Mir ist so kalt, meine Füße sind wie erfroren.«

»Zieh die Schuhe aus, ich will dir die Füße wärmen. So, so will ich dir mein Leben lang die Hände unter die Füße legen. Wird's besser jetzt?«

»O, viel besser, aber im Kopf da ist's, wie wenn aus jedem Haar Blut flösse. Horch! ich höre den Hahn krähen, und auch der Rabe schreit. Gottlob, es ist Tag!«

Sie erhoben sich, wie wenn die Rettung schon da wäre, auch der Ohm erhob sich aus seinem Scheinschlafe; aber jetzt polterte es plötzlich. »Wir sind verloren!« schrie Petrowitsch. Es ward wieder still. In der Schlafkammer war die Decke eingebrochen, die Thür ließ sich nicht mehr öffnen. Nach dem ersten Schreck sprach Lenz seinen Dank gegen Gott aus, daß Frau und Kind im Schlafe den Einsturz geahnt hatten, und er sagte zur Beruhigung, daß die Schlafkammer ein neuer Anbau sei, der das eigentliche Haus nicht gefährde; der Durchzugsbalken im alten Hause stand fest und unberührt. Es schien ihm zwar – er sprach es indes nicht aus –, daß er sich auch nach der Kammer hin beuge, aber das war wohl nur Täuschung bei dem unsicheren blauen Licht.

Wiederum war lange, lautlose Stille, nur wenn aus der Ferne der Hahn krähte, bellte Büble und der Rabe krächzte drein.

»Das ist ja eine wahre Arche Noah!« sagte Petrowitsch, und Lenz erwiderte: »Ob wir jetzt zum Tode oder zum Leben gehen, wir sind jetzt auch aus der Sündflut gerettet.« Annele legte ihm die Hand auf das Gesicht.

»Wenn ich nur eine Pfeife Tabak hätte! Es ist dumm, daß du nicht rauchst, Lenz!« klagte Petrowitsch, und beim Gedanken an die Pfeifenreihe daheim mußte ihm sein feuerfester Geldschrank daneben in den Sinn gekommen sein, denn er fuhr fort: »Das sage ich euch, wenn wir auch gerettet werden, Geld bekommt ihr nicht von mir. Gar nichts.«

»Wir brauchen keins mehr,« sagte Lenz, und Annele fragte mit heller Stimme: »Wißt Ihr, wer Euch das nicht glaubt?«

»Du?«

»Nein, die Welt wird es nicht glauben; und wenn Ihr hundertmal schwört, es wird kein Mensch glauben, daß wer mit uns im Tode war, nicht mit uns leben will. Die Welt wird uns auf Euch hin borgen und uns reich machen, wenn wir wollen.«

»Du bist noch der alte Schelm,« schalt Petrowitsch; »ich habe geglaubt, deine lustigen Possen wären dir vergangen.«

»Gottlob, daß sie sie noch hat!« rief Lenz. »Annele, bleib' lustig, wenn uns Gott wieder heraushilft! Fleißig und fidel, sagt der Pilgrim.«

Annele faßte Lenz um den Hals und herzte und küßte ihn. Alle drei fühlten plötzlich, daß sie so heiter geworden waren, als sei alle Gefahr vorüber, und doch war sie jetzt am höchsten. Keines wollte es dem andern kundgeben, und doch zitterte es in jedem nach, die Wände zitterten und der Durchzugsbalken schien sich senken zu wollen.

Annele und Lenz hielten sich umschlungen. »So wollen wir sterben und das Kind decken,« rief Annele. »Fahr' hin, Welt! Herr Gott, rette nur unser Kind!«

»Horch! es tönt dumpf; das sind die Retter, sie kommen, sie kommen, sie retten uns!«

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