Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 38
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

Sechsunddreißigstes Kapitel. Versunkene Stimmen werden kund.

Bei dem Sturz war die Lampe vom Tisch gefallen und erloschen, die vier waren im Dunkeln. Lenz rieb Annele mit dem Kirschbranntwein, den er glücklich erhascht hatte, sie atmete auf und legte ihm die Hand auf das Gesicht. Er trug sie in die Kammer auf das Bett, dann eilte er, wieder Licht zu machen.

Lenz hatte einen großen Vorrat von gereinigtem Terpentinöl, bei dem er in der Nacht arbeitete, im Hause. Der Rabe in der Küche hatte das große Gefäß zerbrochen, und ein unerträglicher Harzgeruch drang in die Stube, wenn man die Thür öffnete. Lenz zündete in der Lampe Kirschbranntwein an, und schauerlich sahen die Verschütteten einander an bei dem blauen, fahlen Licht.

Petrowitsch legte das Kind auf das Bett, seine Füße waren eiskalt. Er befahl Büble, daß er sich auf die Füße des Kindes lege. Büble gehorchte. Dann nahm Petrowitsch den Lenz am Arm und führte ihn wieder in die Stube, die Kammerthür blieb offen.

Der Rabe und die Katze waren draußen in der Küche wieder im Streit. Man ließ sie gewähren, bis sie von selbst ruhig waren.

»Hast du nichts Ordentliches zu essen?« fragte Petrowitsch; »es ist schon fünf Uhr, ich habe bitteren Hunger.«

Es war zu essen genug da, ein Schinken, der durch den Kamin herabgefallen war, Brot und vor allem ein großer Sack Dürrobst.

Petrowitsch aß mit gutem Appetit und drang auch in Lenz, daß er esse, aber Lenz konnte keinen Bissen hinunterbringen. Er horchte immer nach der Kammer. Das Kind plauderte im Schlafe, es war wie ein unverständliches Gemurmel aus jener Welt, und erschreckend war's, wie es lachte. Annele atmete still. Lenz ging hinein und griff nach dem Kinde und schrie vor Entsetzen laut auf, er hatte den Büble gefaßt, und dieser schnappte nach ihm. Annele war von dem Schrei erwacht, und sie rief ihn und Petrowitsch zu sich, sie saß aufrecht und sagte: »Ich danke Gott, daß ich wieder lebe, und wenn's auch nur eine Stunde ist. Ich bitte alle um Verzeihung, dich vor allem, Lenz.«

»Red jetzt nicht viel,« unterbrach dieser. »Willst du nicht jetzt was genießen? Ich habe Kaffee gefunden, aber die Mühle nicht. Ich will ihn zerklopfen, wenn das Kind wach ist. Es ist auch guter Schinken da.«

»Ich will nichts. Laß mich reden. Was ist geschehen? Warum hast du so geschrieen, Lenz?«

»Es war nichts. Ich habe nach dem Kind gegriffen, und da hat der Büble nach mir geschnappt, und in der Angst und in dem allem war mir's, wie wenn ein Ungeheuer, ich weiß nicht was, mich verschlingen wollte.«

»Ja, die Verwirrung,« sagte Annele, »die Verwirrung, die bringt alles. O Lenz, es ist so geworden, wie mir's geträumt hat, du hast das Wort gesagt. In der vergangenen Nacht da war's, ich stehe an einem offenen Grab und sehe hinein, tief, tief, dunkel; es rollen kleine Schollen hinab, und ich will mich halten und kann doch nicht; ich stürze, es zieht mich hinab. Halte mich! So, so, es ist vorbei. So, es ist verschwunden. Leg mir die Hand aufs Gesicht. So. O lieber Gott! daß ihr alle mit mir sterben müßt, daß das über uns alle gekommen ist, damit ich gebessert werde! Ich hab's verdient, aber ihr und mein Kind! Und, o mein Wilhelm, mein armer Wilhelm! du hast mich noch so barmherzig angesehen, wie du fort bist, und hast gesagt: ›Mutter, ich bring' dir was Gutes mit‹ . . . In den Himmel hinein mußt du mir was Gutes bringen. Sei brav und gut und . . .«

Sie konnte vor Weinen nicht weiter reden, sie faßte nach der Hand des Lenz und hielt sie an ihre Wange. Dann rief sie: »Vor einer Stunde wäre ich noch gern gestorben, jetzt möchte ich doch wieder leben! Ich möchte es noch in der Welt zeigen, was ich kann! Ich sehe jetzt, wo ich gewesen bin. Ich, ich will jetzt um jeden guten Blick betteln. Lieber Gott, hilf uns heraus, nur eine Stunde, nur einen Tag! Lenz, und die Franzl hol' ich, an ihr habe ich angefangen.«

»Jetzt glaub' ich, daß der Teufel ausgetrieben ist,« sagte der Ohm; »daß du an die Franzl denkst, daß du einem Gutes thun willst, dem du das Leben abgekränkt, das ist mir ein Zeichen. Da hast du meine Hand, jetzt ist's gut.«

Lenz konnte kein Wort reden; er eilte nach der Stube und fand noch einen Rest des Grogs, den der Ohm bereitet, er versuchte ihn, hielt Annele das Glas an den Mund und sagte: »Trink, so viel Tropfen du trinkst, so viel tausend glückselige Worte möchte ich dir geben.« Annele setzte ab, und er fuhr fort: »Trink nur noch, trink aus. So, jetzt ruh dich aus und red nichts mehr.«

»Ich kann nicht mehr trinken. Glaub mir, ich kann nicht,« sagte Annele; sie klagte jammervoll, daß sie alle sterben müßten, und als ihr Lenz tröstend einredete, sie hätten noch auf viele Tage Nahrung, man müsse Gott dafür danken, und ehe das aufgebraucht sei, komme gewiß Hilfe, da klagte sich Annele aufs neue an, daß sie sich versündigt habe; sie sähe jetzt, wie sie doch immer vollauf zu leben gehabt hätten, und sie habe undankbar und verstockt dessen nicht geachtet, und immer aufs neue klagte und jammerte sie: »Mir ist, als ob mir lauter Schlangen auf dem Kopfe wachsen. Greif auf meinen Kopf, ob da nicht jedes Haar eine Schlange ist. O Gott! und ich hab' mich heute, oder war's gestern? zum erstenmal wieder hoch gezöpft. Laß mich! Ich muß mein Haar auflösen.«

Mit fieberisch zitternden Händen löste sie das Haar auf, und sie sah wild und jammervoll zugleich aus.

Lenz und Petrowitsch hatten schwere Mühe, sie zu beruhigen; der Ohm zwang endlich Lenz, mit ihm in die Stube zu gehen und Annele allein zu lassen. In der Stube sagte der Ohm: »Halte dich ruhig, sonst stirbt dir deine Frau, ehe uns Hilfe kommen kann. Solch eine Umwandlung eines Menschen habe ich noch nie erlebt und hätte ich nie geglaubt. Das hält einer schwer aus. Jetzt sag, was ist das für ein Brief, den ich da, wie ich den Büble auf die Füße des Kindes gelegt, im Kleide deines Kindes gefunden habe?«

Lenz erzählte den entsetzlichen Entschluß, zu dem er gekommen war, und bat, ihm den Brief zurückzugeben, es sei sein Abschied vom Leben gewesen; der Ohm hielt ihn fest und las leise für sich.

Lenz zitterte im Herzen, da er dabei sein mußte, wie die Worte, die er aus dem Tode heraus sprechen wollte, jetzt vernommen wurden. Er forschte in den Mienen des Ohms, soweit sich bei dem blauen Lichte sehen ließ, was er sagen würde; der Ohm aber schaute nicht auf und las bis zu Ende, dann traf nur ein flüchtiger, aber scharfer Blick den Lenz. Der Ohm steckte den Brief zu sich.

»Gebt mir den Brief, wir wollen ihn verbrennen,« bat Lenz kaum hörbar.

Ebenfalls im leisesten Tone erwiderte Petrowitsch: »Nein, ich behalte ihn, ich habe dich doch nur halb gekannt.«

Es war unentschieden, ob Petrowitsch das im Guten oder Bösen meinte. Er stand auf, nahm die Feile des Bruders von der Wand, hielt sie fest und drückte den Daumen in die durch jahrelange Arbeit ausgehöhlte Vertiefung.

Vielleicht that er dabei ein Gelübde, daß er Vaterstelle an Lenz vertreten wolle, wenn sie gerettet würden. Er sagte indes nur: »Komm her, ich will dir was ins Ohr sagen. Das Niederträchtigste von allem, dessen der Mensch fähig ist, ist der Selbstmord. Ich kannte den Sohn eines Selbstmörders, der sagte: ›Mein Vater hat sich's leicht gemacht und uns schwer‹. Und der Sohn hat das Andenken seines Vaters« – Petrowitsch machte plötzlich eine Pause, dann riß er Lenz scharf an sich und rief ihm laut ins Ohr hinein: »– verflucht!«

Lenz taumelte zurück und sank fast nieder, da er das hörte, und Annele schrie aus der Kammer: »Lenz, um Gottes willen, Lenz, steh auf!« Die beiden Männer eilten zu ihr, und sie sagte: »O guter Lenz, du hast dich umbringen wollen; ich weiß nicht, ob du's gekonnt hättest, aber daß du's gewollt hast, daß du dir's ausgedacht hast, daran bin ich schuld. O, wie muß dein Herz geblutet haben! Ich weiß nicht, was das Aergste ist, das du mir zu verzeihen hast.«

»Es ist alles vorbei,« beschwichtigte Petrowitsch. Es war wunderbar, daß Annele in der Kammer am selben Gedanken sich abarbeitete, und sie konnte doch nicht hören, was die Männer draußen im leisesten Tone gesprochen hatten.

Beide Männer suchten Annele zu beruhigen. Es schlug drei Uhr auf mehreren Uhren.

»Ist das Mittag oder Nacht?« fragte Annele.

»Es muß Nacht sein.«

Sie wiederholten sich zusammen, was sie seit der Verschüttung erlebt hatten; es muß nach Mitternacht sein.

»O Tag! Wenn ich nur noch einmal, nur noch ein einzigmal die Sonne sehen könnte! Sonne, komm! komm herauf und hilf!« so klagte Annele fortwährend. »Ich will noch leben, ich muß noch leben, lange Jahre. O, wenn man nur in einem Tag so viel Elend wieder gut machen könnte! Aber das braucht Jahre. Ich will getreu und geduldig aushalten.« Sie war nicht zu beruhigen, bis sie wieder einschlief.

Auch Petrowitsch schlief ein, nur Lenz allein wachte. Er durfte nicht schlafen, er mußte die Todesgefahr im Auge behalten und sie abwehren, soviel er vermochte. Er löschte das Licht. Der Vorrat an Kirschbranntwein sollte nicht verbraucht werden; wer weiß, wie lange er vorhalten muß! Und bald war's Lenz, wie er so ins Finstere starrte, es müsse doch erst Mittag sein, bald wieder, es sei Nacht, bald war ihm das eine, bald das andre zum Trost: ist es Tag, ist Hilfe näher; ist es Nacht, so arbeiten sie schon länger, um Schnee und Steingeröll und Holzstämme wegzuräumen. Oftmals ist's, als wenn man ein Geräusch von außen hörte, es ist Täuschung, der Rabe in der Küche krukst im Schlafe.

 << Kapitel 37  Kapitel 39 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.