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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zweiunddreißigstes Kapitel. Eine Sturmnacht.

Als Lenz vom Doktor weg bergauf ging, war er voll froher Zuversicht; es sind wieder zwei Wege offen: der Ohm oder die Fabrik.

Als er Licht in seinem Hause blinken sah, sagte er sich: Gottlob, da wartet doch noch alles, daß alles wieder gut werde. O, Annele, du hast es viel schwerer als ich; du bist von Jugend auf nur daran gewöhnt worden, an die Schlechtigkeit der Menschen zu glauben, und ich, sowie ich nur hinaus komme, zeigt sich mir die Welt als brav. Ich will dir helfen, daß es dir leichter wird.

Plötzlich, wie ein feuriger Pfeil fuhr es ihm durch die Seele: Du bist heute schlecht gewesen, grundschlecht, doppelt und dreifach. Bei des Vogtbauern Kathrine und im Hause des Doktors ist dir der sündhafte Gedanke aufgewacht, daß es anders sein könnte. Du hast dir was auf deine Bravheit eingebildet, sie ist nichts wert. Du bist Vater von zwei Kindern und fünf Jahre verheiratet. Herr Gott! heute ist unser fünfter Hochzeitstag.

Er stand still, und innerlich sprach's weiter: Annele! Gutes Annele! Ich habe an einem Tag alle Schlechtigkeiten durchgemacht. Meine Eltern im Himmel sollen mir's nicht verzeihen, wenn ich das je wieder aufkommen lasse. Gottlob, von heute an haben wir neu Hochzeit gehalten!

Im Gefühl des Zornes über sich, und in der Freude, daß nun alles wieder gut werde, trat er in sein Haus. »Wo ist meine Frau?« fragte er, da die Kinder bei der Magd in der Stube saßen.

»Sie hat sich eben niedergelegt.«

»Was? Ist sie krankt

»Sie hat über nichts geklagt.«

Lenz ging zu seiner Frau: »Grüß Gott, Annele! Ich sag' dir guten Abend und guten Morgen; ich hab' das heute früh vergessen. Und ich wünsche dir auch Glück, dir und mir; es soll, will's Gott, von heute an alles besser werden.«

»Dank schön!«

»Fehlt dir was? Bist du krank?«

»Nein, ich bin nur müde gewesen, arg müde; ich stehe aber gleich auf.«

»Nein, bleib liegen, wenn's dir gut thut. Ich hab' dir Gutes zu sagen.«

»Ich will aber nicht liegen bleiben. Geh hinaus, ich komme gleich.«

»So hör mich doch vorher an.«

»Das hat nachher Zeit; es wird jetzt auf die paar Minuten nicht ankommen.«

Der ganze frische Mut des Lenz wollte schwinden; er faßte sich, er ging hinaus und herzte die Kinder. Endlich kam Annele. »Willst du was essen?« fragte sie.

»Nein. Woher ist denn mein Hut wieder da?«

»Der Faller hat ihn gebracht. Du hast ihn dem Faller wohl gegeben, daß er mir ihn bringen soll?«

»Warum sollte ich das? Der Wind hat mir ihn vom Kopf geweht.«

Er erzählte kurz das Begegnis mit des Vogtsbauern Kathrine. Annele schwieg, sie hielt den Pfeil mit der Lüge von der aufgesagten Bürgschaft still verborgen, es wird schon die Zeit kommen, wo sie ihn losschießen kann. Sie kann warten.

Lenz schickte die Magd in die Küche, und den Knaben auf dem Schoß haltend, erzählte er ihr alles ganz ehrlich bis auf das eine – bis auf den Gedanken der Untreue, der ihm durch die Seele gezogen. Und Annele sagte: »Weißt du, was das einzige ist, was wirklich ist von allem?«

»Was?«

»Die hundert Gulden und drei Kronenthaler, die dir die Franzl angeboten hat. Alles andre ist nichts.«

»Warum nichts?«

»Weil dir dein Ohm nicht hilft. Siehst du jetzt, daß du ihn damals, heute vor fünf Jahren, nicht hättest freigeben sollen?«

»Und das mit der Fabrik?«

»Wer tritt denn sonst noch ein?«

»Ich weiß vorderhand von niemand als vom Pröbler, und es ist wahr, er hat doch manches Brauchbare erfunden.«

»Ha ha! Das ist gut, der Pröbler und du, das ist gut, das ist das richtige Gespann. Hab' ich dir's nicht hundertmal gesagt, du kommst noch dahin, wo der ist? Und er ist noch mehr wie du, er hat nicht mit seinem Pröbeln Frau und Kinder ins Elend gesetzt. Geh zum Teufel, du Fabrikler, du Wassersüppler. Laß dich mit dem Pröbler zusammenspannen!« schrie Annele und riß ihm den Knaben vom Schoße und sprach an den Knaben hin: »Dein Vater ist der Garnichts, dem muß man den Zulp ins Maul stecken. Schade, daß seine Mutter nicht mehr lebt, sie sollte ihm den Kindsbrei geben. O, wie bin ich verloren! Das sage ich aber, so lang ich leb', gehst du nicht in die Fabrik; da ersäuf' ich mich lieber und meine Kinder. Dann geh, und vielleicht heiratet dich dann noch die Kräutles-Mamsell, die hochbeinige Doktors-Tochter.«

Lenz saß starr, die Haare standen ihm zu Berge. Endlich sagte er: »Ruf meine Mutter nicht an. Laß sie in Ruh' in der Ewigkeit.«

»Ich lasse sie, ich will nichts von ihr und habe nichts von ihr.«

»Was? Hast du denn das Pflänzchen Edelweiß nicht mehr von ihr? Sag, hast du's nicht mehr?«

»O dummes Zeug! ich hab's noch.«

»Wo? Gib's her!«

Annele öffnete einen Schrank und zeigte es. »Gottlob, daß du das noch hast, das bringt noch Segen!« rief Lenz.

»Jetzt wird er auch noch abergläubisch und verrückt, er weiß sich nicht mehr zu helfen und hält sich an einen Strohhalm. So sind sie, so sind sie, die Verlumpten, da wird er herumlaufen verwahrlost und nichts.«

Annele sprach im höchsten Aerger, stets gegen die Wand gekehrt, und als spräche sie zur ganzen Welt. Es war ein blickloser Blick, und daß sie dabei that, als ob Lenz gar nicht da wäre und stets mit er von ihm sprach, das kränkte ihn am tiefsten.

Er faßte sich und sagte: »Annele, sprich nicht so, es ist ja, wie wenn du nicht selbst redetest, wie wenn ein Teufel aus dir spräche. Zerknittere das Pflänzchen nicht, das ist ein Heiligtum.«

»Ha ha!« lachte Annele. »Das fehlt nur noch. Jetzt wird er noch abergläubisch. Da, flieg in die Luft, Edelweiß, mitsamt der heiligen Schrift.«

Sie öffnete das Fenster, draußen blies der Sturmwind. »Da, Wind!« rief sie, »komm! Nimm alles mit, den ganzen heiligen Bettel!« Schrift und Pflanze flogen davon. Der Wind pfiff und heulte und trug die Schrift hinauf auf den kahlen Berg.

»Annele, was hast du gethan?« stöhnte Lenz.

»Ich bin nicht so abergläubisch wie du. Ich bin noch nicht so weit herunter, daß ich auf einen Aberglauben hoffe.«

»Es ist ja kein Aberglaube. Meine Mutter hat ja nur damit gemeint: solange meine Frau das achtet, was von meiner Mutter kommt, wird es uns Segen bringen. Dir ist aber nichts heilig!«

»Jawohl, du bist nicht heilig und deine Mutter auch nicht.«

»Jetzt ist's genug, genug!« schrie Lenz mit heiserer Stimme und knackte einen Stuhl zusammen. »Geh mit dem Wilhelm aus der Stube. Genug. Genug, oder ich werde verrückt. Still! Es kommt jemand.« –

Annele ging mit dem Knaben nach der Kammer.

Der Doktor trat ein.

»Wie ich's vermutet, so ist's leider gekommen. Dein Ohm will gar nichts thun, gar nichts. Er sagt, er habe dir abgeraten, zu heiraten, und stemmt sich darauf. Ich habe alles aufgeboten, alles vergebens. Er hat mir fast die Thür gewiesen.«

»O, lieber Gott. Und um meinetwillen! Das ist das Entsetzlichste, daß, wer mir gut ist und mir Gutes thun will, auch Elend über sich nehmen muß. Verzeihen Sie mir, lieber Herr Doktor. Ich kann nichts dafür.«

»Das weiß ich, wie kannst du nur so reden? Ich habe viele Menschen kennen gelernt, aber einen wie deinen Oheim noch nie. Er hat mir sein Herz aufgemacht, er hat das weiche Herz von eurer Familie. Ich habe gemeint, ich könnte ihn jetzt leiten und lenken wie ein Kind, aber wie er an den einen Punkt kommt, ans Geld – der Doktor schnalzte mit den Fingern – vorbei, da ist nicht mehr zu reden. Und ich glaube fest, er hat eigentlich nichts, er hat nur eine Jahresrente auf irgend einer Versicherungsbank. Doch, lassen wir ihn beiseite. Ich werde mit meinen Söhnen reden. Du sollst, wenn dir's nicht recht ist, in die Fabrik zu gehen, hier oben in deinem Hause fünf oder sechs Gesellen, so viel du setzen kannst, für Rechnung der Fabrik beschäftigen.«

»Redet nicht so laut. Meine Frau hört alles in der Kammer. Und wie Ihr bei meinem Ohm, so hab' ich's leider auch da vorher gewußt. So war sie noch nie, wie sie jetzt gewesen ist, da ich das Wort Fabrik gesagt habe. Sie leidet's nicht.«

»So überleg dir's noch. Willst du nicht ein bißchen mit mir kommen?«

»Nein, ich bitt' um Verzeihung, ich bin so müde; mir brechen die Kniee, ich bin jetzt seit heut früh um viere nicht zur Ruhe gekommen, ich bin das Herumlaufen nicht gewöhnt, und ich meine fast, es sitzt eine schwere Krankheit in mir.«

»Dein Puls ist fieberisch. Das ist natürlich. Schlaf heut, und dann ist alles vorbei. Aber nimm dich fernerhin in acht. Du kannst allerdings schwer krank werden, wenn du dich nicht ruhig hältst, dich nicht schonst und pflegst. Sag deiner Frau von mir,« setzte der Doktor laut hinzu, daß es in der Kammer nicht zu überhören war, »sag ihr, sie soll den Vater« – hier machte er eine Kunstpause – »sie soll den Vater ihrer Kinder jetzt bei dem Tauwetter besonders gut pflegen und daheim halten; so ein sitzender Uhrmacher ist gar ein heikles Geschöpf. Gute Nacht, Lenz, schlaf wohl!«

Der Doktor ging. Auf seinem Wege rutschte er oft aus und sank fast nieder in dem überall sich erweichenden Schnee, auf dessen Oberfläche ein trügerisches Steingerölle lag. Er mußte besser auf den Weg sehen und nicht schweren Gedanken nachgehen; denn er sann darüber nach, wie ihm Pilgrim vor kurzem gesagt hatte: Lenz könnte wohl gut leben, was man so nennt, aber ein trockenes Nebeneinander genügt ihm nicht; er will Glück, Freude, herzinnige Liebe – und das bleibt aus.

Lenz saß indes allein in seiner Stube. Er war so müde und konnte doch keine Ruhe finden. Er ging in der Stube hin und her wie ein gefangenes Wild in einem Käfig. Er hätte dem Doktor viel zu klagen gehabt, schweres körperliches Leid, und auf einmal rief er: »Wehe! Wehe! Kranksein, bei einer bösen Frau nicht fort können, da liegst du und mußt dir alles gefallen, alles an dich hinsagen lassen, deine Krankenlaunen sind nichts als Bosheiten, und deine besten Freunde dürfen nicht zu dir. Krank sein und angewiesen auf die Gutheit einer bösen Frau, – lieber den Tod aus eigener Hand!«

Der Wind löschte das Feuer, das Haus war voll Rauch. Lenz öffnete das Fenster und schaute lange hinaus. Beim Kettenschmied ist kein Licht mehr, er ist begraben in dunkler Erde. Wer es nur auch so gut hätte und erlöst wäre aus allem Elend!

Die Luft war warm, unbegreiflich warm, es tropfte vom Dach, und von Berg zu Thal raste und tobte der Wind, es rasselte in der Luft, als ob immer ein Windstoß den andern fortstieße. Auf dem Berge hinter dem Hause rollt und grollt es, der Sturm ist grimmig, daß man ihm seinen Wald genommen, in dem er nach Lust aufspielen konnte, er läßt seinen Zorn am Kastanienbaum und an den Tannen beim Hause aus, sie beugen sich hin und her und ächzen und krächzen. Es ist nur gut, daß das Haus fest ist, noch eins von den alten, aus quer aufeinander gelegten festen Balken, sonst müßte man fürchten, daß der Wind das Haus forttrage mit allem, was darin. Das wäre lustig! Lenz lachte bitter, aber oftmals schaute er wieder wie erschreckt um, es knackte heute so seltsam im alten Gebälk, als ahnte das Haus, was darin vorgeht. Solche Worte haben diese Wände noch nie gehört, eine solche Nacht in solcher Stimmung hat noch nie ein Bewohner des Hauses durchlebt, dein Vater nicht und dein Ahn und Urahn nicht.

Er ging, Schreibzeug zu holen, da stand er, ohne daß er's wußte, mit dem Lichte vor dem Spiegel und starrte das Antlitz eines Menschen mit gequollenen Augen an. Endlich setzte er sich nieder und schrieb; er hielt mehrmals inne, drückte sich die Hand vor die Augen; dann schrieb er wieder rasch weiter. Er rieb sich die Augen, keine Thräne quoll daraus hervor. Du hast das Weinen verlernt; du hast zu viel für einen Mann, sagte er dumpf vor sich hin. Er schrieb:

»Mein Herzbruder!

»Es stößt mir das Herz ab, da ich Dir schreibe, aber ich muß noch einmal zu Dir reden. Ich denke der Tage und der Sommernächte, die ich mit Dir, mein herzgeliebter Bruder, einherwandelte. Ich kann nicht glauben, daß ich's gewesen hin, es war ein andrer Mensch. Gott ist mein Zeuge und meine Mutter im Himmel auch: ich hab' mit Willen mein Leben lang niemand beleidigt, und wenn ich Dich beleidigt habe, mein lieber Herzbruder, verzeih mir's; ich bitte Dich tausendmal um Verzeihung, es ist nicht gern geschehen. Ein Mensch, der so ist, wie ich, soll nicht leben.

»Und jetzt, das ist's; ich weiß keinen Ausweg, als den Tod. Ich weiß, es ist schändlich, aber wenn ich lebe, ist's noch schändlicher. Ich bin jeden Tag ein Mörder. Das halt' ich nicht aus. Ich weine die Nächte durch, und ich verachte mich, daß ich's thue. Ich darf sagen, ich wäre ein gerader, ruhiger, ehrlicher Mensch gewesen, wenn ich den geraden Weg hätte gehen können. Zum Auskämpfen bin ich nicht gemacht. Ich weine darüber, wenn ich denke, was aus mir geworden ist, und ich bin doch anders gewesen. Wenn ich leben bleibe, wird mein Leben meinen Kindern zur Schande; jetzt wird's nur mein Tod. Uebers Jahr ist's vergessen, ist Gras über mein Grab gewachsen. Ich rufe dich an, bei deinem guten Herzen und bei allem, was du Gutes an mir gethan Dein Leben lang, nimm Dich meiner verlassenen Kinder an als ein Vater. Meine armen Kinder! – Ich darf nicht daran denken. Ich habe mir einmal eingebildet, ich könnte ein Vater sein, wie es keinen bessern gibt auf der Welt. Ich kann's nicht, ich kann gar nichts. Wer mich nicht von selber gern hat, den kann ich nicht dazu bringen, und das ist mein Elend, und darüber komme ich nicht hinaus; es ist, als wenn ich an einer gläsernen Wand hinauf sollte. Meine Mutter selig hat recht gehabt. Wie oft hat sie's gesagt: Man kann alles säen und pflanzen und durch Fleiß zwingen, aber eines muß von selber wachsen, und das ist Gutmeinen. Es wächst bei mir nicht bei dem, wo es wachsen sollte.

»Geh mit meinen Kindern aus dem Dorf, wenn ich begraben werde. Sie sollen das nicht mit ansehen. Bitte den Pfarrer und den Schultheiß, daß ich neben meinen Eltern und meinen Geschwistern liegen darf. Meine Geschwister haben's besser gehabt wie ich. Warum habe ich allein leben müssen, um so zu enden?

»Du bist Pate bei meinem Wilhelm; jetzt mußt Du Dich seiner annehmen. Du hast immer gesagt: er hat Geschick zum Zeichnen, nimm Dich seiner an. Und wenn es Dir möglich ist, söhne Dich mit dem Ohm Petrowitsch aus, vielleicht thut er doch noch etwas für meine Kinder, wenn ich nicht mehr da bin. Und ich sag' Dir's noch einmal, ich will Dich jetzt gewiß nicht belügen, er hat Dich eigentlich gern, und ihr könnt gute Freunde sein, und er hat ein gutes Herz, mehr, als er das Wort haben will, meine Mutter selig hat's auch hundertmal gesagt. Meine Frau . . . Ich will nichts über sie sagen. Wenn's meinen Kindern gut geht, soll man mir meinetwegen alles nachsagen.

»Ich habe Dinge hören und sagen müssen, ich hätte es nie geglaubt, daß das möglich. O Welt! Wo bist du?

»Ich bin in der Gefangenschaft, ich muß heraus. Ich habe Tage durchgelebt, Nächte durchgewacht, wie Jahre. Ich bin müde, sterbensmüde, ich kann nicht weiter. Seit Monaten, wenn ich die Augen zuthue und will schlafen, da ist alles so entsetzlich, und am Tage noch geht mir's nach. Ich halte den schwarzen Schlaf nicht mehr aus, ich will den weißen Schlaf, und der weiße Schlaf ist der Tod!

»Für das Geld, das ich Dir schuldig bin, ist die Taschenuhr, die ich bei mir trag', Dein Eigentum; sie wird an Deinem getreuen Herzen schlagen, wenn mein Herz nicht mehr schlägt. Und wenn mein' Sach' verkauft wird, kauf Du die Feile von meinem Vater selig und heb sie für meinen Wilhelm auf. Ich kann ihm nichts hinterlassen; sag ihm aber doch auch manchmal, daß sein Vater nicht schlecht gewesen ist. Er hat auch meine unglückliche Natur, treib sie ihm aus, mach ihn recht stark und herb. Und das kleine Kind – –

»Es thut mir arg weh, arg weh, daß ich aus dem Leben scheiden muß, ich bin doch noch so jung, aber besser jetzt. Der Doktor soll dafür sorgen, daß ich nicht nach Freiburg zu den Studenten gebracht werde. Grüß mir ihn und alle die Seinigen aus Herzensgrund. Er hat oftmals gemerkt, wie mir's geht, aber da hat kein Doktor helfen können. Sag auch allen unsern Kameraden Lebewohl, besonders dem Faller und dem Liedermeister. Mein herzgeliebter Bruder! Ich meine, ich habe noch so viel zu sagen, aber mir schwindelt's vor den Augen. Gut' Nacht. Leb wohl. Auf ewig

Dein getreuer
Lenz.«

Er faltete den Brief und schrieb auf die Rückseite: »Meinem Herzbruder Pilgrim zu Handen.«

Es tagte; er löschte das Licht; den Brief in der Hand haltend, wie den letzten Gruß an die weite Welt da draußen, schaute Lenz zum Fenster hinaus. Drüben überm Berg ging die Sonne auf, zuerst ein blaßgelber Streifen, eine langgestreckte dunkle Wolke zieht sich darüber hin, zu Häupten der Wolke das freie dunkle Blau des Himmels, die ganze Weite, schneebedeckt, zittert wie im fahlen Lichte. Auf der Oberfläche der dunkeln Wolke zeigt sich eine leise angeglühte Röte, der Kern bleibt dunkel, da plötzlich – die Wolke zerreißt in hellgelbe Fetzen, der ganze Himmel gelb, bis er sich allmählich rötet, und jetzt alles auf einmal ein einzig helleuchtender Purpurglanz. Das ist die Welt, die Welt des Lichtes, des hellen Daseins, sie will sich dir noch einmal zeigen, bevor du sie lässest auf immer.

Lenz steckte den Brief zu sich und ging hinaus rings um das Haus herum; er fiel bis an die Kniee in Schnee. Er kehrte wieder in die Stube zurück. Annele stand heute nicht auf, er zog selber die Kinder an und frühstückte mit ihnen. Er gab ihnen mit großer Zärtlichkeit zu essen und zu trinken; dann, als es eben zu läuten begann, befahl er der Magd, Wilhelm au der Hand und das Mädchen auf den Arm zu nehmen und mit ihnen zu Pilgrim zu gehen. Er wollte der Magd den Brief mitgeben, aber er nahm ihr denselben wieder aus der Hand und steckte ihn heimlich in die Tasche des Mädchens. Wenn man das Kind abends auskleidet, wird man den Brief finden, und dann ist alles vorbei.

»Geh zum Pilgrim,« befahl er der Magd nochmals, »und warte bei ihm, bis ich komme, und wenn ich nicht komme, so bleib bei ihm, bis es Nacht ist.« Er küßte die Kinder, dann wandte er sich ab und legte den Kopf auf den Tisch. So lag er lange. Nichts regte sich im Haus. Es läutete drunten zur Kirche, er erhob sich, er wartete, bis der letzte Ton verklungen war. Er verriegelte das Haus und kehrte in die Stube zurück. Dann rief er mit einem Jammergeschrei: »Herr Gott, verzeih mir, aber es muß sein!« – – Er sank in die Kniee, wollte beten, er konnte nicht; sie betete ja oft, sie – und kaum war das letzte Wort des Gebetes über die Lippen, ging Zank und Streit und Schimpf und Spott von neuem wieder los. Sie hat sich an allem versündigt, was im Himmel und auf Erden . . . Sie muß mit . . . Nein, sie soll leben. Aber vor ihren Augen thu' ich's, sie soll sehen, was sie thut . . .

Er bedeckte sich mit beiden Händen das Gesicht, dann ballten sich seine Fäuste, er stürzte nach der Kammer, er wollte sich vor den Augen Anneles ermorden. Er zog den Vorhang am Bette zurück. »Kuckuck! Kuckuck!« rief da das kleine Mädchen, das bei der Mutter auf dem Bette saß, und Lenz sank an dem Bette nieder wie leblos. Da – es rollt – – die Erde thut sich auf und verschlingt alles – – es rollt wie Donner unter der Erde – über der Erde – – Es stürzt mit Macht über das Haus – – – Nacht, tiefdunkle Nacht ist's plötzlich.

»Um Gottes willen, was ist?« schreit Annele. Lenz richtet sich auf: »Ich weiß nicht, ich weiß nicht, was ist geschehen?« Annele weint und schreit, das Kind weint und schreit, und Lenz schreit: »Herr Gott, was ist?« Sie sind alle wie betäubt. Lenz will ein Fenster öffnen, es geht nicht; er tappt nach der Stube, auch dort alles dunkel. Er stürzt über einen Stuhl und in die Kammer. »Annele, wir sind begraben, wir sind im Schnee begraben!« ruft er. Die beiden konnten kein Wort mehr sprechen, nur das Kind schrie heftig, und die Hühner im Holzstall jammerten, wie wenn ein Marder unter sie gekommen wäre, dann war alles still, totenstill.

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