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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 33
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Einunddreißigstes Kapitel. Es taut auf, auch bei Annele, und es gefriert wieder.

Während Lenz im tiefsten inneren Jammer draußen in der Welt umherzog, wurde Annele zu Hause von der Welt heimgesucht. Sie war allein, ganz allein, denn Lenz hatte ihr kein Lebewohl daheimgelassen. Er war stumm, mit geschlossener Lippe davongegangen. Pah! Mit zwei Worten ist der wieder umgewendet – dachte Annele vor sich hin, und doch kam heute eine ungewohnte Bangigkeit über sie, und ihre Wangen glühten. Sie war's nicht gewohnt, für sich allein zu denken; sie hatte ihr Leben lang in Geräusch und Zerstreuung gelebt und sich nie eigentlich still auf sich besonnen. Jetzt konnte sie dem nicht entrinnen, sie mochte zur Hand nehmen, was sie wollte, auf und ab im Hause gehen, es folgte ihr etwas nach, das sie immer wie am Kleide zupfte und leise flüsterte: hör mich an.

Sie hatte das kleine Mädchen eingeschläfert, der kleine Wilhelm saß bei der Magd und haspelte das Garn, das diese gesponnen, und als das Mädchen schlief, da war's, als ob jemand sie niederdrückte auf dem Stuhl, auf dem sie saß, sie konnte nicht aufstehen, und jetzt sprach's: Annele, was ist aus dir geworden? Das schöne, lustige, überall beliebte und belobte Annele sitzt jetzt da in einer dunkeln Kammer, in einem einödigen Haus, muß sparen und sorgen. Ich wollte ja alles gern thun, wenn ich nur im Hause geehrt wäre. Aber alles, was ich thue und was ich rede, ist ihm zuwider. Und was thue ich denn Böses? Bin ich nicht sparsam und fleißig und möchte gern noch mehr arbeiten! Aber hier oben ist man ja wie im Grab . . .

Bei diesen Gedanken riß es Annele empor, sie stand zitternd aufrecht. Ein Traum der vergangenen Nacht wachte auf: sie hatte diesmal nicht von lustigen Fahrten, von vergnüglichen Wirtshausbesuchen geträumt; sie war vor ihrem offenen Grabe gestanden. – Ganz deutlich hatte sie's gesehen, wie von der ausgegrabenen Erde kleine Schollen hinabrollen. Wehe! schrie sie jetzt laut auf und stand lange wie gelähmt.

Endlich raffte sie sich wieder zusammen, und in ihr sprach's: ich will noch nicht sterben, ich habe ja noch nicht gelebt, daheim nicht und hier nicht.

Sie weinte im tiefen Mitleid mit sich selber, und Jahre zurück wanderten ihre Gedanken. Sie hatte sich's so schön gedacht, mit einem geliebten Manne einsam, von der ganzen Welt nichts wissend, leben zu wollen, sie war ja das Wirtshausleben überdrüssig gewesen, und die Angst, die sie, ohne alles klar zu wissen, doch fühlte, daß das ganze großthuerische Lehen auf schwanken Füßen steht. Die Schuld ihres Mannes ist es, daß sie sich wieder hinaussehnte zu größerem Erwerb, zum Ausnutzen ihrer brach liegenden Kraft. Er ist wie seine Musikwerke, die spielen ihre Stücke, hören aber keine fremden.

Sie mußte mitten in ihrem Jammer über diesen Vergleich lachen.

Und weiter gingen ihre Gedanken: sie wollte ja so gern unterthan sein einem Manne, der der Welt den Meister zeigt, aber nicht einem Stiftlessucher.

Du hast doch gewußt, was er ist und wie er ist – zupfte es sie. – Ja, aber nicht so – war ihre Antwort – so nicht.

Aber hat er nicht ein gutes Herz?

Ja, gegen alle Menschen, gegen mich nicht. Es hat noch keines mit ihm gelebt, es weiß kein Mensch, wie launisch er ist und wie teufelmäßig wild er werden kann. Es geht nicht mehr, auf dem Stiftlesweg kommen wir nicht mehr auf, es muß ein anderes Leben versucht werden.

Das war der tiefste Punkt in Annele, und dahin fiel alles immer wieder; sie wollte ihre Kraft anwenden als Wirtin, als besuchteste Wirtin landaus und landein, und wenn sie auch zu thun hat, für sich was gewerben, sich auch mit andern Leuten ausgeben kann, dann werden wieder ruhige Stunden, gute Zeiten kommen.

Sie ging in die Stube und betrachtete sich im Spiegel und zog sich säuberlich an; sie konnte nie verwahrlost umhergehen, Pantoffeln gab's für sie nicht, während Lenz oft von einem Sonntag zum andern keine Stiefel anzog. Wie sie sich jetzt säuberlich herrichtete und seit langer Zeit wieder zum erstenmal ihre Krone von dreifachen schweren Flechten aufsetzte, sagten ihre trotzigen Mienen: Ich hin das Löwen-Annele, ich will nichts von Vergrämen; ich schirre frisch ein, und er muß mit, er muß. Ich habe unsre zwei stärksten Rosse kutschiert. – Sie schnalzte mit der Zunge und hob die Rechte, als ob sie über die Köpfe der Pferde weg knallen müsse.

»Ist die Frau zu Hause?« fragte es draußen.

»Ja.«

Es klopfte an, Annele machte große Augen, der Pfarrer trat ein.

»Willkommen, Herr Pfarrer,« sagte Annele mit einem Knicks, »Sie haben zu mir gewollt und nicht zu meinem Mann?«

»Zu dir. Ich weiß, daß dein Mann verreist ist: ich habe dich noch nicht im Dorf gesehen seit dem Mißgeschick deiner Eltern, und ich dachte mir, ich könnte dir da vielleicht beistehen in deinen Gedanken.«

Annele atmete freier, sie hatte gefürchtet, der Pfarrer sei von Lenz geschickt oder von selbst gekommen, um wegen seiner mit ihr zu reden.

Annele beklagte nun das Schicksal der Eltern und daß sie fürchte, die Mutter überlebe den Schlag nicht lange.

Der Pfarrer redete ihr in herzlicher Weise zu, nicht mit Gott zu hadern über das, was geschehen sei, verschuldet oder unverschuldet, und sich nicht von der Welt zurückziehen in Aerger und Not. Er erinnerte sie daran, daß er damals bei der Trauung gesagt, welches die gemeinsame Ehre sei; begütigend setzte er hinzu, daß der Löwenwirt sich nur verrechnet habe, freilich schwer, aber doch unschuldig.

»Ich habe es nicht vergessen,« nahm der Pfarrer eine Wendung, »heute ist dein fünfter Hochzeitstag, und da wollte ich dir guten Morgen sagen.«

Annele dankte verbindlich lächelnd – aber durch ihre Seele zuckte es: und Lenz ist fortgegangen, ohne guten Morgen zu sagen! In gewandter Gesprächsamkeit sagte sie, wie wohl es ihr thue, daß der Pfarrer sie so ehre; sie sprach viel von seiner Güte und wie das ganze Dorf täglich beten sollte, daß ihn Gott noch lange erhalte.

Annele wollte offenbar den Pfarrer durch leichte Gesprächsamkeit in der Ferne halten, daß er nicht in ihre Angelegenheiten eingehen könne; sie will sich nicht, auch in der mildesten Form nicht, vor den Pfarrer entbieten lassen zum Austrag ihres Zwistes. Sie schärfte die Lippen mit jener Zuversicht, wie der Postillon Gregor, wenn er das Horn ansetzen wollte, um eines seiner gut eingelernten Stücklein aufzuspielen.

Der Pfarrer merkte das wohl. Er begann, Annele zu loben, das Lob, das sie in der That verdiente: wie sie allzeit so aufgeräumt und ordentlich und bei aller Necksucht doch stets streng tugendhaft gelebt habe und auf alles bedacht gewesen sei im elterlichen Hause.

»Ich bin Lob nicht mehr gewohnt,« erwiderte Annele. »ich weiß nichts mehr davon, daß ich je in der Welt etwas gegolten habe und noch etwas bin.«

Der Pfarrer nickte, nickte kaum merklich, der Haken saß fest; und wie ein Arzt das Vertrauen des Kranken gewinnt, indem er ihm sagt: Da und da thut's Ihnen weh, da sticht's, da drückt's, da schneidet's – der Kranke schaut froh auf: ja wohl, der weiß alles, der wird helfen – so wußte der Pfarrer das Seelenleid des Annele zu schildern, als ob er's selbst mit erlebt, und er schloß: »Du hast wohl schon manchmal geronnen Blut gesehen, an dir oder andern, wie es durch einen Schlag, einen Druck, eine Quetschung entsteht. Das schwarze geronnene Blut nimmt nach und nach alle sieben Farben an, und so geht's auch in der Seele: eine Beleidigung, eine Kränkung ist da wie geronnen Blut. das nimmt auch alle Farben an, Haß, Verachtung, Zorn, Mitleid mit sich selber und Reue über die Anreizung, das Verlangen, den andern zu verderben und dann wieder alles verfallen und verfaulen zu lassen.«

Jetzt war's, als ob Annele ihr Herz in die Hand nehme und leibhaftig zeige, wie das zerstoßen, wie das zerschunden, wie das zerschlagen ist, der Stiftlessucher, der Garnichts bekam seine volle Ladung. Und: »Herr Pfarrer, helfet!« schloß sie.

»Das kann ich, aber es muß mir noch jemand helfen, und das bist du. Du brauchst dich nicht zu ändern. Es wäre traurig, wenn du es müßtest. Ich bin alt genug und weiß, wie leicht das gesagt und wie schwer das gethan ist. Du brauchst dich nur zu bessern, nur ein Fremdes abzuschütteln, denn du bist von Haus aus gut, du hast es nur vergessen und vergessen wollen und darüber gespottet und dir auf dein scharfes Mundwerk was eingebildet. Laß die Einbildung und die Herrschsucht. Wo keine Herzeinigkeit, ist ein wahres Einanderverzehren.«

Das kleine Männchen wurde auf einmal größer, seine Stimme wurde mächtiger, als es nun Annele ihre Herzenshärtigkeit gegen Franzl und ihren falschen Stolz vor die Seele rief; Annele schaute blitzenden Auges drein, und wie auf eine Beute schoß sie los, als der Pfarrer ihre Versündigung an Franzl erwähnte.

Jetzt ist's also heraus, die diebische Alte, die scheinheilige, die hat alles gegen sie aufgebracht, die hat den Pfarrer und die ganze Welt aufgehetzt. Mit größerer Lust zerbeißt eine Katze nicht eine Maus, als Annele nun die Franzl zerrte und zerbiß. »Wenn ich sie nur unter meine Hände kriegen könnte!« knirschte sie immer.

Der Pfarrer ließ sie austoben und sagte endlich: »Du hast dich da bös gezeigt, aber ich bleibe dabei, du bist nicht so bös, du bist überhaupt nicht bös.«

Jetzt weinte Annele, daß sie sich so entsetzlich verändert habe, sie sei so grimmzornig, das sei gar nicht ihre Art; es käme alles nur davon her, weil sie nichts gewerben, nichts verdienen könne, sie sei nicht dazu geschaffen, um einem kleinen Uhrmacherle sein Hauswesen im stand zu halten, sie sei eine Wirtin, und wenn der Pfarrer ihr verhelfe, daß sie Wirtin werde, so verspreche sie ihm heilig, daß nie mehr ein Zorn oder irgend etwas Böses an ihr gesehen werden solle.

Der Pfarrer gab ihr recht, daß sie eigentlich zur Wirtin geboren sei – sie küßte ihm die Hände in Dankbarkeit – er versprach, das Seinige zu thun und ihr dazu zu helfen, beschwor sie aber, nicht von etwas Aeußerem ihre Umwandlung zu erwarten. »Du bist durch Elend und Jammer noch nicht zerbrochen genug. Dein Hochmut ist deine Sünde und dein Unglück und das Unglück der Deinen. Gott gebe, daß du nicht erst durch ein wirkliches Unglück an Mann und Kind bekehrt werden mußt.«

Annele saß, ohne daß sie es wußte, dem Spiegel gegenüber, sie sah jetzt ihr Gesicht, es war ihr, als lege sich Spinnweb auf ihr Gesicht, sie wischte mehrmals mit der Hand darüber.

Der Pfarrer wollte gehen, Annele bat ihn, doch noch zu bleiben, sie könne besser denken, wenn er da sei, er solle nur noch ein wenig still sitzen.

Die beiden saßen lange still, man hörte nichts als das Ticken der Uhren, die Lippen Anneles bewegten sich, aber ohne einen Laut von sich zu geben.

Als der Pfarrer endlich ging, küßte sie ihm inbrünstig die Hände, und er sagte: »Wenn du dich im Herzen dessen wert fühlst, wenn du ganz ehrlich dich bekehrt hast, aber ganz ehrlich, dann komm morgen zum Abendmahl. Behüt dich Gott.«

Annele wollte dem Pfarrer höflich das Geleite geben, aber er sagte: »Keine Höflichkeit jetzt, vor allem sei gut, sei demütig in dir. Richtet euch selber, so werdet ihr nicht gerichtet werden, spricht der Apostel Paulus. Richte dich selbst, fasse dich in dir. Gewöhne dich daran, ruhig zu sitzen und in dich hineinzudenken.«

Der Pfarrer ging, und Annele saß festgebannt; es ward ihr schwer, denn ruhig zu sitzen, müßig sitzen und denken gehörte nicht zu ihrer Gewohnheit, aber sie bezwang sich, und ein Wort des Pfarrers ging ihr immer noch nach, denn er hatte gesagt: »Du hast auch oft ganz brave, gute Gedanken, Reuegedanken, aber sie kommen bei dir nur wie die Gäste, trinken ihren Schoppen und dann fort auf Nimmerwiedersehen. Du stellst den Stuhl wieder zurecht, wischest den Tisch ab, und es ist niemand dagewesen.«

Das überdachte nun Annele, und – sie fand es wahr.

Sie war nicht nur hart gegen andre, sie konnte es auch gegen sich selber sein. Warum hast du das Leben so zugerichtet? fragte sie sich.

Das Kind erwachte und schrie. Schnell schoß es ihr durch die Gedanken: der Pfarrer hat keine Kinder, der hat gut befehlen, daß ich sitzen bleibe, aber ich kann nicht, ich muß mein Kind beruhigen.

Sie nahm das Kind aus dem Bett und herzte es, mehr als je: das Kind half ihr auch die einsamen Gedanken verscheuchen.

Das Kind wollte wieder schlafen, und plötzlich kam Annele die Weisung auf die Lippen, die Lenz damals beim ersten Besuch gesetzt, und sie sang: »Liebe ist die zarte Blüte.« Das Kind schlief wieder, sie hielt es geruhig in den Armen und sang die Weisung fort, und in ihr sprach's dazu: Wen hast denn du geliebt auf der Welt? Wen liebst du? . . . Du hast den Wirtssohn, hast den Techniker heiraten wollen; es hätte dir gefallen, eine stolze Frau zu werden, aber geliebt, aus Herzensgrund geliebt, hast du keinen. Und dein Mann? Du hast ihn geheiratet, weil ihn auch eine von des Doktors Töchtern genommen hätte, weil du aus dem Hause fort gewollt hast und weil er ein gutherziger beliebter Mensch war . . .

Das Kind auf ihrem Arme zuckte im Schlaf. Es durchschütterte Annele. Das Kind schlief ruhig weiter, aber Annele wurde es unheimlich, so mit ihren Gedanken allein. Das ist ja, wie wenn am hellen Tag in allen Ecken Gespenster wären. Wenn nur jemand da wäre, der mich erheiterte. Ja, komm, Lenz! Komm heim. Und wenn du gut bist, ist alles gut. Es braucht uns kein Pfarrer und niemand zu helfen, wir helfen uns allein, es ist geholfen, ich hab' dich lieb . . .

Es war Mittag geworden, die Sonne schien warm. Annele hüllte das ermunterte Kind gut ein und ging mit ihm vor das Haus; vielleicht kommt Lenz jetzt schon heim, und sie will ihn getreulich begrüßen, ihm den guten Morgen zurufen, den er vergessen hat, und ihm sagen, daß alles gut ist. Jetzt ist die Stunde, da sie vor fünf Jahren getraut wurden, und jetzt gibt's wieder Hochzeit.

Es kommt ein Mann den Berg herauf, er ist noch nicht zu erkennen, sie sagt dem Kinde: »Ruf Vater.«

Das Kind ruft: »Vater! Vater!«

Der Mann kommt näher, es ist nicht Lenz, es ist Faller, er hat einen Hut auf und trägt einen andern in der Hand, er eilt auf Annele zu und ruft: »Ist der Lenz wieder daheim?«

»Nein.«

»Um Gottes willen, da ist sein Hut. Mein Schwager hat ihn in der Igelswang beim Holzschleifen gefunden. Wenn sich der Lenz ein Leids angethan hätte!«

Annele zitterten die Kniee, sie preßte das Kind an sich, daß es laut schrie. »Du bist verrückt und willst mich verrückt machen!« rief sie. »Was willst du?«

»Ist das nicht sein Hut?«

»Herr Gott! ja!« schrie Annele, sie sank um mit dem Kinde.

Faller richtete beide auf.

»Hat man ihn gefunden? Tot?« fragte Annele.

»Nein, das, gottlob! nicht; komm ins Haus, geh allein, ich trag' das Kind. Sei ruhig, er hat nur den Hut verloren.«

Annele wankte nach Hause; es legte sich wie ein Nebel vor ihre Augen, sie fuhr mit beiden Händen hin und her, als müßte sie mit den Händen den Nebel abwehren. Wär's möglich? Lenz jetzt tot? Jetzt – wo ihr Herz ihm entgegenschlug? Es kann nicht sein, es ist nicht. In der Stube setzte sie sich nieder und fragte gefaßt: »Warum soll sich mein Lenz umbringen? Warum meint Ihr das?«

Faller gab keine Antwort.

»Kannst du nur reden, wenn man's nicht von dir verlangt?« fragte Annele heftig. »Setz dich, setz dich,« herrschte sie ihn an, »und erzähl, was gibt's?«

Als ob er Annele damit strafen könne, daß er ihr nicht folge, blieb Faller stehen, obgleich ihm die Kniee wankten. Er sah sie an mit einem Blicke so voll Trauer, so voll bittern Vorwurfs, daß Annele die Augen niederschlug. »Wie soll man sich bei dir setzen?« sagte er endlich, »du hast jedem Stuhl die Ruhe genommen.«

»Ich brauche deine Ermahnungen nicht. Das weißt du schon lange. Wenn du was von meinem Manne weißt, so erzähl'. Hat man meinen Mann tot gefunden? Wo? So red doch du . . .«

»Nein, gottlob! nicht. Gottbewahre. Der Schindelmacher von Knuslingen, der Bruder von der Franzl, hat unten im Dorf erzählt, daß der Lenz bei der Franzl gewesen ist, und das ist fast zwei Stunden weit weg von dem Platz, wo man den Hut gefunden hat.«

Annele atmete tief auf. Bald aber fragte sie wieder: »Warum hast du mich so erschreckt?«

»So? Kann man dich auch noch erschrecken?«

Nun berichtete Faller, daß Lenz überall um eine Anleihe bitte, und er suche auch Geld wegen der Bürgschaft, die er bei Fallers Hauskauf geleistet. Das sei aber nicht mehr nötig, der Don Bastian habe heute alles für ihn bar bezahlt.

Als Annele das hörte, richtete sie sich straff auf, der alte herbe zornmütige Geist stand wieder da, nur noch mächtiger, noch geißelsüchtiger, und ihre Mienen sprachen: so hat er dich betrogen, belogen. Er lebt, er muß leben, denn er muß büßen; er hat dir gesagt, daß er die Bürgschaft zurückgenommen. Komm nur heim, du Lügner, du Heuchler!

Annele ging in die Kammer und ließ Faller allein, bis er wegging. Verschwunden war alle Reue, alle Zerknirschung, alle Liebe. Lenz hat sie belogen und betrogen, das soll er büßen; so sind sie, die Wassersüppler, die Gutmütigen, weil sie nicht den Mut haben, scharf zuzugreifen, wo sich's gehört, wo sich's um ihre eigene Sache handelt, da wollen sie immer, man solle sie anfassen wie ein schalloses Ei: thu mir nichts, ich thu' ja auch niemand was, versag mir nichts, ich versag' ja auch niemand was, und wenn ich drüber zum Bettelmann werde. Komm nur heim, du Wassersüppler!

Annele stellte für Lenz kein Essen an das Feuer, daß er es bei der Heimkehr finde: es kochte schon etwas ganz andres.

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