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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtundzwanzigstes Kapitel. Bettelhut und Sparpfennig.

Wir sind in einer Gegend, wo es viele Monate lang nicht auftaut, wenn's einmal gefroren hat. Die Morgenhalde macht die einzige Ausnahme, dorthin wirkt die Sonne so kräftig, daß es vom Dache tropft, wenn anderswo schwere Eiszapfen unbeweglich niederhangen. In diesem Winter schien auch die Sonne am Himmel die Morgenhalde nicht mehr so zu kennen, wie vor Zeiten. Es taute nicht auf draußen am Hause, und erst drinnen – –

Es war nicht nur kälter als ehedem – das kam wohl daher, weil der Wald am Berge geschlagen war; die Stämme lagen rings umher und warteten nur auf die Frühjahrsschwallung, der sie zu Thal geflößt werden sollten – auch bei den Menschen auf der Morgenhalde war's wie gefroren. Annele schien gar nicht mehr zum Leben erwachen zu können; es war an ihr etwas erstarrt, was kein warmer Hauch mehr lösen konnte, und auch der warme Hauch blieb aus.

Annele, die bei den Eltern im Orte verblieben war, fühlte sich jetzt, da sie nicht mehr da waren, von ihnen am schwersten verlassen. Sie sagte es niemand, aber still in ihr nagte es wie ein Wurm, daß sie die einzige Arme von den Geschwistern sein sollte. Sie konnte den Eltern nichts thun, ihnen nicht beistehen. Ja, wer weiß, vielleicht muß sie selber noch einmal bei den Schwestern betteln gehen und sie bitten, die abgelegten Kleider ihrer Kinder ihren eigenen Kindern zu schenken.

Annele ging immer still umher, und sie, die Redselige, redete kaum ein Wort. Sie antwortete pünktlich auf alles, was man sie fragte, aber kein Wort darüber hinaus. Das Haus verließ sie fast nie, und ihre vormalige Unruhe schien jetzt in Lenz gefahren zu sein. Er verzweifelte, daß er mit stiller, ruhiger Arbeit wieder zu etwas komme, und das machte eben, als ob der Stuhl, auf dem er saß, als ob das Handwerkszeug, das er in der Hand hielt, brenne.

Dazu hatte er immer kleine Gläubiger zu beschwichtigen und den Menschen gute Worte zu geben. Er, der sonst immer einfach gesagt hatte: so und so ist's, und man glaubte ihm, er mußte jetzt immer hoch und heilig beteuern, daß er den und den bezahlen werde. Um so größer war seine Sorge, daß er das verpfändete Wort einlösen könne, und er verzweifelte an der Rettung seiner Ehre, mehr als nötig war. Immer dachte er hinaus an diejenigen, die da und dort auf ihr Guthaben warten, seine Unruhe nahm immer mehr zu. Lenz hatte ehedem für zuverlässig gegolten, jetzt vernachlässigte er da und dort, wo man auf ihn hoffte, ja wo er sogar bestimmte Versprechungen gemacht hatte. Er vertraute, daß die Menschen alles zurechtlegen, da sie doch das eine wissen, daß er im Elend ist, vom andern gar nicht zu reden. Er lernte bald kennen, daß die Menschen immer in allem bar Geld sehen wollen, heute muß es klingen, ein Ruf von ehedem hält nur bei wenigen vor. Man hat zu oft gesehen, wie die Zuverlässigsten in Verwahrlosung gerieten. – Annele sah wohl, daß er sich übermäßig abquälte, sie hatte es oft auf den Lippen, die Zudringlichen abzutrumpfen und Lenz zu sagen, daß er nicht so demütig thun solle; denn je mehr man sich bückt, um so mehr trampelt die Welt auf einem herum. Aber sie behielt das für sich, seine Angst sollte ihr zur Ausführung ihres Planes helfen – den gab sie nicht auf – ein Wirtshaus muß gekauft werden, dann ist die Welt wieder anders. In Sorge und Verzweiflung fühlte Lenz, wie sein ganzes Herz verwüstet wurde, und manchmal sah er Annele von der Seite an, und er sagte es nicht, aber er dachte es: du hast recht, du hast mich den Garnichts gescholten, es wird wahr werden, ich bin der Garnichts; die Sorge nagt mir am Herzen, und die Zwietracht reißt mir das Herz auseinander. Ich bin wie eine Kerze, die an beiden Enden angezündet ist. Wenn's nur bald aus wäre!

Man brachte ihm Reparaturen, er sollte die kleinen Ausstände dadurch abverdienen. Jetzt arbeiten, um Vergangenes zu löschen, und man braucht's für heute! – Und kein Ausblick für die Zukunft!

Manche blieben bei ihm sitzen, bis er ihnen die gewünschte Arbeit vollendete, sie hielten ihn in seinem eigenen Hause gefangen und er konnte sie nicht hinauswerfen. Andre holten mit Schimpfen und Schelten ihr unvollendetes Eigentum wieder.

»Das geht nicht mehr, es muß gründlich geholfen werden. Das ist nicht gelebt und nicht gestorben. So zwischen Thür und Angel hangen, das darf nicht mehr sein. Ich muß wieder festen Boden unter den Füßen haben,« sagte er zu Annele. Sie nickte kaum merklich, aber schon der feste Wille in ihm gab ihm neue Kraft.

Am frühen Morgen machte sich Lenz auf zu den Verwandten seiner Mutter im jenseitigen Thale. Die mußten ihm helfen, sie waren immer so stolz auf ihn gewesen, sie konnten ihn nicht sinken lassen.

Als er auf dem Bergeskamm war, tagte es, die Sterne am Himmel erblichen, und Lenz schaute hinein in die weite schneebedeckte Welt. Nirgends ein Lebenszeichen, und warum mußt du leben?

Ein Wort aus seinen schlaflosen Nächten wachte in ihm auf: Der weiße Schlaf! Da ist er.

Das fieberische Traumwort machte ihm die Wange erglühen, und über die Höhe sauste jetzt ein eisiger Wind.

Lenz wurde aufgeweckt, denn der Wind riß ihm den Hut vom Kopf und rollte ihn einen jähen Abgrund hinab. Lenz wollte dem Hute nach, aber er sah schnell, daß er in den Tod stürze. Es wäre gut, wenn du durch ein Unglück aus der Welt kämest – flog ihm schnell durch den Sinn, aber er schlug sich an die Stirn über diesen feigen Gedanken.

Das Schneewehen ließ nicht ab und blendete fast, selbst der Rabe in der Luft konnte seinen Flug kaum regieren, er wurde fast geschleudert, bald in die Höhe, bald in die Tiefe, und der sonst so sicher und ruhig sich schwingende Vogel flatterte ängstlich.

Lenz arbeitete sich durch Schnee und Wind, und er atmete endlich frei auf. Dort sind Häuser! Der Rauch trennt sich nur schwer von den Dächern, er schwimmt wie eine leise bewegte Wolke um das Haus, denn die Erfindung der Schornsteine ist hier noch nicht daheim.

Am ersten Bauernhofe trat Lenz ein, und: »Ei, grüß' Gott, Lenz, das freut mich, daß du auch noch an mich denkst,« rief ihm eine stattliche Frau entgegen, die am Herde stand und eben einen mächtigen Ast auseinander gebrochen hatte. »Warum hast du den Hut ab?«

»Jetzt erkenne ich dich erst; du bist's, Kathrine? Du bist stark geworden. Ich komme als Bettelmann zu dir.«

»O Lenz, so arg wird's doch nicht sein.«

»Doch, doch,« sagte Lenz, bitter lächelnd, – er fühlte, es steht ihm nicht mehr an, mit solch einer Sache zu spaßen – »doch, du sollst mir einen alten Hut leihen oder schenken; der Wind hat mir den meinigen genommen.«

»Komm nur in die Stube. Meinem Mann wird's leid sein, daß er nicht daheim ist, er ist beim Holzschleifen im Wald.« Des Vogtsbauern Kathrine öffnete die Stube und hieß Lenz ganz manierlich voraus eintreten.

Es war warm und behaglich in der Stube. Kathrine nahm es gut auf, daß ihr Lenz offen gestand, er habe nicht daran gedacht und nichts davon gewußt, daß sie hier wohne; es freue ihn aber, daß der Zufall ihn hergeführt.

»Du bist dein Lebtag ein grundguter, ehrlicher Mensch gewesen, und es freut mich, daß du so bleibst,« sagte Kathrine. Sie brachte einen alten grauen Hut und eine Soldatenmütze ihres Mannes und bat Lenz, doch die Soldatenmütze zu nehmen, der Hut sei gar zu abgetragen, das schicke sich nicht für ihn; aber Lenz wählte den Hut, obgleich er sehr zerdrückt war und auch die Hutschnur daran fehlte. Da Lenz so entschieden war, holte Kathrine schnell ihre schwarze Sonntagshaube mit den breiten Bändern, trennte eines davon ab und wand es um den Hut. Sie sprach währenddessen von daheim und hatte alles in getreuem Andenken.

»Weißt du noch, wie du vom Konstanzer Liederfest heimkommen bist, und du hast den Hut in die Luft geworfen und er ist die Matte hinuntergekugelt, und ich hab' dir ihn heraufgeholt?«

»Jawohl. Jetzt werfe ich den Hut nicht mehr in die Höhe, der Wind reißt mir ihn ab.«

»Es wird allemal nach dem Winter auch wieder Sommer,« tröstete Kathrine.

Lenz sah staunend auf die stattliche Frau, die so behend zur Hilfe bereit war und so gut und gradaus sprechen konnte. Sie that es nicht anders, Lenz mußte nochmals Kaffee trinken, und sie hatte ihn schnell fertig. Während Lenz trank, sagte Kathrine, wohl aus mancherlei Erinnerungen heraus: »Die Franzl ist auch schon oftmals bei mir gewesen, wir sind noch immer gute Freunde.«

»Man sieht dir's an, es geht dir gut,« sagte Lenz.

»Ich habe gottlob nichts zu klagen, ich bin gesund und habe für mich genug und für andre auch noch was. Mein Mann ist brav und fleißig. Freilich, so lustig wie daheim ist's hier nicht; sie können hier gar nicht singen. Es wäre alles gut, wenn ich nur ein Kind hätte; ich habe aber mit meinem Manne ausgemacht, wenn wir an unserem fünften Hochzeitstag noch keins haben, nehmen wir eins an. Der Faller muß uns eins geben, da mußt du uns dazu helfen.«

»Das will ich gern.«

»Du hast grausam gealtert, Lenz; du siehst so eingefallen aus. Ist's denn wahr, daß das Annele so eine böse Frau geworden ist?«

Lenz wurde flammrot im Gesichte, und Kathrine rief: »O lieber Gott, wie dumm bin ich! Nimm mir's nicht übel, ich bitt' dich tausendmal, ich habe dich gewiß nicht beleidigen wollen, und es ist gewiß auch nicht wahr; die Leute sagen viel, wenn der Tag lang ist, und wenn er kurz ist, nehmen sie die Nacht dazu. Ich bitt' dich tausendmal, laß dich dünken, daß ich's nicht gesagt habe. Schau, ich habe mich so gefreut, daß du einmal siehst, wo ich bin, und jetzt ist alle Freude weg, und ich habe wochenlang keine Ruhe mehr. Du hast recht gehabt, die Löwenwirtin hat's der Franzl gesagt: ich bin zu dumm. Ich bitt' dich, gib mir das einfältige Wort zurück.«

Sie streckte ihm die Hand dar, als könnte er ihr das Wort wieder drein legen.

Lenz faßte ihre Hand und beteuerte, daß er ihr nicht bös, im Gegenteil von Herzen dankbar und gut sei. Die Hände der beiden zitterten. Lenz wollte bald seines Weges weiter ziehen, aber Kathrine hielt ihn noch auf, sie wollte noch recht viel reden, damit das einfältige Wort zugedeckt wäre, und als Lenz endlich wegging, rief sie ihm noch nach: »Grüß mir dein Annele, und kommet einmal miteinander auf Besuch zu mir.«

Lenz ging mit dem fremden Hute fürbaß. Du trägst den Bettelhut, sagte er wehmütig lächelnd vor sich hin.

Die Reden der Kathrine gingen ihm nach. Wie hier, so bedauerte man ihn gewiß in vielen Häusern. Das wollte ihm das Herz weich machen, aber er wehrte sich dagegen; er sagte sich, daß er selber schuld sei, daß er nicht fester dastehe.

Der Stock fiel ihm hundertmal aus der Hand, und er meinte jedesmal, er müsse zusammenbrechen, wenn er sich bückte.

So geht's, wenn man in traurigen Gedanken verloren dahingeht. Wenn dir die Hand nicht angewachsen wäre, würdest du sie auch verlieren. Nimm dich zusammen!

Lenz richtete sich straff auf und schritt frisch seines Weges dahin. Die Sonne schien hell und warm, die Eiszapfen an den Felsenwänden glitzerten und tropften. Wandern! Wandern! Frohe Wanderlieder, die er so oft beim Liederkranz gesungen, gingen ihm durch den Sinn, er wehrte sie ab; das muß ein anderer Mensch gewesen sein, der einmal das aus dem Herzen gesungen hat.

Die Verwandten, bei denen er einsprach, waren beim Willkomm sehr erfreut, und er erzählte mehrmals sein Hutabenteuer, um diese Verwahrlosung zu erklären. Als er aber merkte, daß man sein Daherkommen mit einem abgetragenen Hut gar nicht bemerkte, erzählte er nichts mehr davon; und gerade da, wo er schwieg, dachte man innerlich: der ist schon weit heruntergekommen mit so einem Hut.

Man war bald höflich, bald grob: »Wie kannst du nur daran denken! Du hast ja eine so große Familie, so reiche Schwäger und einen steinreichen Ohm, die können dir eher helfen.«

Wo man gutmütiger thun wollte, da hieß es: »Ja, wir brauchen selber Geld, wir müssen bauen, haben einen neuen Acker gekauft.« Und wieder hieß es: »Wärst du nur acht Tage früher gekommen, da haben wir Geld gehabt, jetzt haben wir's auf Hypothek gegeben.«

Schwer in Sorgen zog Lenz weiter, und wenn er heimdachte, sprach es in ihm: O, wenn ich doch nimmer hinauf müßte die Morgenhalde! Da in dem Graben liegen, da in dem Wald, es sind so viele Plätze, da hinliegen und sterben, das wäre das Beste.

Eine unwiderstehliche Macht trieb ihn aber immer seinen Weg vorwärts.

Da ist Knuslingen, da wohnt die Franzl bei ihrem Bruder, es gibt doch noch einen Menschen, den dein Besuch glücklich macht.

Ja, glücklicher konnte kein Mensch sein, als Franzl, da Lenz bei ihr eintrat. Sie saß am Fenster und spann grobes Werg, und als sie Lenz sah, tanzte die Kunkel in die Höhe. Zweimal wischte Franzl den Stuhl ab, auf den sich Lenz setzen mußte, und klagte nur immer, daß es so unordentlich aussähe; sie bemerkte jetzt erst, wie dumpf und räucherig die Stube war. Lenz sollte erzählen, und doch ließ ihn Franzl nicht zu Worte kommen, und sie sagte oft: »Anfangs habe ich es hier vor Kälte nicht aushalten können; ich war an unsere gute Sonne auf der Morgenhalde gewöhnt. Da gibt die Sonne ja keinen Strahl her, von dem man nicht auch was kriegt. O Lenz! Mag dir's gehen, wie es will, sei glücklich und dankbar, du hast so viel gute Sonne, die kann dir niemand nehmen.

»Aber hier. Sieben Wochen und fünf Tage fällt kein Sonnenstrahl ins Thal herein. Am zweiten Tage nach dem heiligen Dreikönigstag, da fällt der erste Sonnenstrahl mittags um elf dort auf den Birnbaum da an der Eck vom Berg, und von da an geht's gut in die Höhe mit der Sonn', und im Sommer haben wir rechtschaffen warm. Jetzt hab' ich mich schon wieder dreingefunden. Aber, Lenz, wie siehst du denn aus? Es ist was Fremdes in deinem Gesicht, das ich nicht kenne, und das gehört nicht hinein. So, so, wenn du so schmunzelst, da hast du wieder dein altes Gesicht, dein gutes. Du mußt es spüren, jeden Abend und jeden Morgen bete ich für dich und dein ganzes Haus. Dem Annele bin ich auch nicht mehr bös, gar nicht. Sie hat recht gehabt, ich gehöre unter das alte Eisen. Wie sehen denn deine Kinder aus? Wie heißen sie? Wenn ich den Frühling noch am Leben bin, und wenn ich auf den Händen kriechen muß, komme ich zu dir, ich muß sie sehen.« Und dann berichtete Franzl, daß sie drei eigene Hühner und zwei eigene Gänse habe und ein eigenes Kartoffelland. »Wir sind arm,« sagte sie, die Hände auf der Brust übereinander legend, »aber wir haben, gottlob! noch nie zusehen müssen, wie andre essen; wir haben noch immer selber etwas gehabt. Und wenn es Gottes Wille ist, schaffe ich mir nächstes Frühjahr eine Ziege an.« Sie lobte ihre Gänse, besonders aber ihre Hühner. Die Hühner, die in dem Gitter beim Ofen ihr Winterquartier hatten, glucksten, höflich dankend, und schauten, den Kamm bald rechts, bald links werfend, zu dem Manne herauf, dem ihre guten Eigenschaften verkündigt wurden. Ja, die goldgelbe Henne, Goldammer genannt, streckte die Flügel aus vor Behagen und schüttelte sich dann glückselig. Lenz kam nicht zu Worte, und Franzl glaubte, ihm einen Trost zu geben, wenn sie tapfer auf die Löwenwirtin loszog, und zwischenhinein erzählte sie von des Vogtsbauern Kathrine, wie viel Gutes die an ihr thue und an allen Armen in der Gegend. »Sie gibt mir Futter für meine Hühner, und meine Hühner geben mir wieder Futter.«

Franzl lachte selber über diesen Spaß. Endlich konnte Lenz wenigstens sagen, daß er wieder fort müsse. Annele hat recht, er läßt sich überall zu lang aufhalten, auch wenn ihm der Boden unter den Füßen brennt; er kann nicht abbrechen, wenn ihm einer noch was zu klagen und zu sagen hat. Er fühlte die Vorwürfe Anneles, jetzt, hier; sie stand in Gedanken hinter ihm und drängte weiter. Er schaute rückwärts, als ob sie wirklich da wäre. Er nahm rasch Hut und Stock. Da bat ihn Franzl, mit auf ihre Dachkammer zu kommen, sie habe ihm was zu sagen. Lenz bebte innerlich. Wird auch die Franzl über die Zwietracht im Hause sprechen? Sie sagte aber kein Wort davon. holte aus dem Strohsack im Bett einen schweren, vollgestopften und vielfach verknüpften Schuh hervor und sagte: »Du mußt mir die Liebe thun, ich schlafe nicht ruhig, ich bitt' dich, heb' du mir's auf und mach' mit, was du willst; es sind hundert Gulden und drei Kronenthaler. Gelt, du thust's und gibst mir meinen Schlaf wieder?«

Lenz nahm das Geld nicht. Franzl weinte, als er Abschied nehmen wollte; sie hielt ihn noch fest und sagte: »Wenn du deiner Mutter was Besonderes zu sagen hast, thu mir's zu wissen. Ich komme, will's Gott, bald zu ihr. Ich will dir alles getreulich ausrichten. Und wenn deine Mutter zu scheu ist und unserm Herrgott nicht alles sagen will, da gehe ich. Kannst dich drauf verlassen.«

Immer noch ließ Franzl die Hand des Lenz nicht los und sagte oftmals: »Ich habe dir noch was sagen wollen, es liegt mir auf der Zunge, aber ich weiß nicht mehr, was, und ich weiß gewiß, wenn du fort hist, fällt mir's ein. Ich muß dich noch an was erinnern; weißt du nicht, was ich meine?«

Lenz wußte es nicht und ging endlich fast unwillig seines Weges.

In einem Wirtshause am Wege kehrte Lenz ein, und: »Heisa lustig! Das ist prächtig, daß du auch da bist!« wurde Lenz entgegengerufen. Es war der Pröbler, der ihn so grüßte; er saß mit noch zwei Kameraden hinter dem Tische vor einer großen Maßflasche Wein. Der eine der Zechgenossen war der blinde Spielmann von Fuchsberg, dem Lenz alljährlich sein Orgelwerk neu herrichtete. Der blinde Spielmann verzerrte etwas das Gesicht in Verlegenheit, da er die Stimme des Lenz hörte, er half sich aber damit, daß er das Glas hoch hob und rief: »Komm her, mir mußt du Bescheid thun, aus meinem Glas mußt trinken.« Lenz dankte. Der Pröbler führte hier das große Wort, er wollte aufstehen und Lenz entgegengehen; aber seine Füße hielten es für besser, daß er sitzen blieb, und er rief nun laut: »Setz' dich her, Lenz; laß die Welt draußen verschneit und bankerott werden, sie ist nicht mehr wert. Hier sitzen wir bis zum jüngsten Gericht. Ich will nichts mehr, gar nichts mehr, und wenn ich nichts mehr hab', verkaufe ich meinen Rock und vertrinke ihn und lege mich hinaus in den Schnee und erspare euch die Begräbniskosten. Seht her, Kameraden! Da habt ihr das beste Beispiel, was das heute für eine Lumpenwelt ist. Wer was Besseres ist, den richten sie zu Grunde. Trink einmal, Lenz. So. Seht, das war euch der beste und der bravste Mensch von der Welt, und wie hat ihm die Welt mitgespielt! Wie er ledig gewesen ist und besonders damals nach dem Tode seiner Mutter, wo es geheißen hat: jetzt muß der Lenz von der Morgenhalde heiraten – die Spatzen, wenn ein Sack Korn aufgeht, können euch nicht toller sein, als damals die Mädchen waren.«

»Laßt das jetzt,« unterbrach Lenz.

»Nein, brauchst dich nicht zu schämen, es ist lauter Wahrheit,« beruhigte Pröbler, »des Doktors Töchter, des Papiermüllers einzige Tochter, die so schön und so reich ist und die der Baron Dingsda geheiratet hat, jede hätte ihn mit Freude genommen. Den Tag nach seiner Verlobung sagte mir der Papiermüller: dem Lenz von der Morgenhalde hätte ich meine Tochter gern gegeben. Und jetzt! Sei ruhig, Lenz, sei ruhig, ich sag' weiter nichts, aber das ist doch Gott bekannt oder dem Teufel, wer die Vorhand haben will. – Seht den Mann da! Sein eigener Schwäher hat ihn ausgeraubt, und er hat ihm die Haare vom Kopfe verkauft, und jetzt muß sein Haus mitten im Winter geschoren herumlaufen. O Lenz, ich bin auch einmal brav gewesen, aber ich thu' nicht mehr mit, ich hab's genug. Und du hast's jetzt auch erfahren. Geh nur in der Welt herum, wenn du was brauchst; geh zu den gutherzigen Menschen. Da schnupf! ihre Dose öffnen sie und bieten dir eine Prise, nichts als eine Prise. Da schnupf!« Der Pröbler drängte ihm seine Dose hin und lachte unbändig.

Lenz erzitterte ins Herz hinein, da er als glänzendstes Beispiel der Verkommenheit aufgestellt wurde; solchen Ruhm hatte er nie zu erwerben gedacht. Er suchte nun dem Pröbler vorzuhalten, daß das nichts ist, sich selber zu Grunde richten und dann ausrufen: Da schau, Welt, was du gethan hast! Reut es dich nicht? – Und indem er dem Pröbler vorhielt, daß man nicht von der Welt erwarten dürfe, was man selber zu leisten habe, man müsse sich aufrecht erhalten, wurde der Gedanke immer lebendiger in ihm, aber der Gedanke verfing beim Pröbler nicht; er nahm sein Messer aus der Tasche, er nahm das Messer auf dem Tische und drängte beide Lenz in die Hand und schrie: »So, da hast du die Messer, ich kann dir nichts thun, ich thu' dir nichts; sag's gradaus, ob ich ein Lump bin, oder ob ich der erste Mensch von der Welt wäre, wenn mir die Welt geholfen hätte; dein Schwäher, den muß der Teufel lotweise auswägen, der hat mit meinem Mark seine knacksenden Stiefel geschmiert, das gibt gute Wichse. Sag' ehrlich, bin ich ein Lump, oder was bin ich?«

Lenz mußte natürlich bekennen, daß der Pröbler einer der ersten Meister wäre, wenn er auf dem geraden Wege bliebe. Der Pröbler schlug auf den Tisch und jauchzte hoch auf; Lenz hatte sich nur zu wehren, daß er ihn nicht umarmte und küßte.

»Ich will keine andere Leichenpredigt, der Lenz hat sie gehalten, und jetzt ist's genug, jetzt trink aus, aus, ganz aus!«

Lenz mußte austrinken, und der Pröbler schenkte schnell wieder frisch ein und rief jauchzend: »Der Doktor will mich in die Kur nehmen, in seine Fabrik. Es ist zu spät. Es ist ausgedoktert und ausgefabrikelt. Seht, das ist der Lenz von der Morgenhalde, alles hat Respekt vor ihm, heut noch, morgen noch, wie lang noch? Bin auch einmal so gewesen, und jetzt, wenn ich durchs Dorf gehe, deuten sie mit Fingern auf mich, zucken die Achseln: pah, das ist ja der Niemand, das ist ja der Pröbler. Folge mir, Lenz, werd' nicht so alt, mach' früher den Kehraus. Schau, Lenz! Bruder! Ich sag' dir was Gutes. Weißt noch, wie wir die Normaluhren zusammengerichtet haben? Weißt, was wir damals gewesen sind? Ein ganzes Paar Normalnarren. Hast Einung machen wollen aus den Uhrmächerlein? Möcht' auch eine machen, um sie in einem Klubbert dem Teufel in die Hand zu geben. Horch, Bruder! Reiß dich nicht los, bleib, bleib; ich hab' dir was Gutes zu sagen. Dir vermach' ich alles. Schau, man kann noch auf der Welt Fröhlichkeit kaufen und Vergessen und Jauchzen. Ich weiß, dein Herz ist dir schwer. Ich weiß, wo die Katz' im Stroh liegt; ich weiß alles, der Pröbler weiß mehr, als andere Menschen. Schütte Wein drauf, Wein oder Branntwein, wenn es dir im Herzen nagt; was da löscht, ist gut; da gibt's keine Uhren und keine Stunden und keinen Tag und keine Nacht und keine Zeit mehr, da drin ist die ganze Ewigkeit.«

Der Pröbler raste wild durcheinander, bald blitzten helle Gedanken auf, bald verfiel er in Unsinn. Man konnte nicht klug daraus werden, war's Wahrheit, oder redete er sich's nur ein, daß er seinen Sparpfennig für Tage der Not beim Löwenwirt verloren habe, oder war es der Verkauf seines geheimnisvollen Werkes, was ihn so zur Verzweiflung brachte; und immer wieder rief der Pröbler Lenz zu: »Sauf dir in den jungen Jahren den Hals ab, eh du so lang dran würgen mußt wie ich.«

Lenz wurde es schwül in dem wüsten Gelärm, und die Haare sträubten sich ihm empor, da ihm lebendig vor Augen stand, wohin ein Mensch kommen kann, der sich selbst verliert – und dem nichts mehr bleibt, als sich selbst vergessen.

»Deine Mutter hat ein großes Wort gehabt,« sagte der Pröbler wieder. »Habe ich's euch denn schon gesagt, daß das der Lenz von der Morgenhalde ist? Ja, deine Mutter! Es ist besser barfuß gehen als in zerrissenen Stiefeln, hat sie immer gesagt. Versteht ihr, was das heißt? Ich habe aber auch ein Wort: wenn man den Gaul zum Schinder bringt, reißt man ihm vorher die Eisen ab. Wirtshaus! Da ist noch ein Hufeisen. Wein her!« So schrie der Pröbler und warf einen Thaler auf den Tisch. –

Die Erinnerung an seine Mutter und daß sie auch hier, wenn auch noch so verkehrt, erwähnt wurde, gemahnte Lenz, wie wenn plötzlich ihr Auge streng auf ihn gerichtet wäre.

Er erhob sich, so sehr sich auch der Pröbler an ihn hängte. Er wollte den Pröbler mit heim nehmen, aber der war nicht vom Fleck zu bringen, und Lenz empfahl nur noch dem Wirt, den alten Mann heute nicht mehr aus dem Hause zu lassen und ihm nichts mehr zu trinken zu geben.

Als Lenz die Thür hinter sich schloß, warf der Pröbler seine birkenrindene Dose nach und schrie: »Jetzt habe ich ausgeschnupft.«

Hoch aufatmend, wie wenn er aus einer heißen, dumpfen Hölle entronnen wäre, wanderte Lenz wieder hinaus ins Freie. Es begann zu dämmern, der Eisvogel sang drunten am zugefrornen Bach, die Raben flogen waldeinwärts, jetzt kam ein Rehbock aus dem Wald, stand am Rande desselben lange still, schaute Lenz unverrückt an, bis er ganz nahe war, dann sprang er rasch wieder ins Dickicht, man konnte seine Spur lange verfolgen an dem Schnee, der von den Zweigen der jungen Tannen fiel.

Lenz stand mehrmals still, denn er glaubte hinter sich seinen Namen rufen zu hören; vielleicht kommt ihm der Pröbler doch noch nach; er antwortete mit lauter Stimme, das Echo hallte wider, er kehrte eine gute Strecke zurück, aber er sah und hörte nichts: nun schritt er fürbaß, die Bäume, die Berge kamen ihm entgegen und tanzten, und dort kommt eine Frauengestalt, sie sieht aus wie seine Mutter. Wenn die ihn jetzt so sähe. Die alte Frau, die ihm begegnet, grüßt freundlich, er dankt, und sie sagt, er solle sich dazu halten, daß er vor Nacht aus dem Thal komme, es zeigten sich schwarze Rinnen im Schnee, es gingen überall Lawinen ab, und man sei verweht, man wisse nicht, wie.

Die Stimme der Frau klang wunderbar, es war doch, als wenn es die seiner Mutter wäre. Und die gutherzige Warnung!

Tief im Herzen that Lenz ein heiliges Gelübde. – –

Er wollte aber auch nicht mit leeren Händen heimkommen. Er ging nach der Stadt zum Schwager Holzhändler und war so glücklich, ihn daheim zu treffen.

Es ward Lenz schwer, sein Anliegen vorzubringen, denn der »Herr Schwager« that bös oder war bös. Er machte Lenz Vorwürfe, daß er den Schwäher nicht beherrscht, ihm nicht das Geschäft aus der Hand genommen. Lenz war an dem Unglück schuld. War der Schwager bös, oder that er nur so, jedenfalls ist das die beste Manier, Hilfe zu versagen; Lenz bat mit aufgehobenen Händen, ihn zu retten, er sei verloren. Der Schwager zuckte die Achseln und sagte, Lenz solle sich an seinen reichen Ohm Petrowitsch wenden.

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