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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Siebenundzwanzigstes Kapitel. Alles danieder.

Die Gant zerrte alles ans Tageslicht, und da kam zum Vorschein, was der Löwe im verborgenen beherbergt hatte.

Der Löwenwirt erschien als ein wahrer Greuel.

Er hatte, um Leute zu befriedigen, die ihm fremd und streng gegenüberstanden, gerade diejenigen betrogen, die ihm zugethan und von ihm abhängig waren. Selbst die eigenen Postillone waren um ihr bißchen Erspartes gekommen. Arme Uhrmacher gingen verzweifelnd im Dorfe hin und her und klagten: der Löwenwirt hat ihnen Monate und Jahre ihres Lebens gestohlen, und jeder hätte doch darauf geschworen, daß er der rechtschaffenste Mann landauf und landab sei. Die Löwenwirtin kam dabei nicht besser weg, obgleich sie so unschuldig that. Sie hatte immer einen solchen Glanz um ihr Haus verbreitet und immer großthuerisch geprahlt und jeden mit ihrer Huld begnadigt. Der Löwenwirt hatte doch nur mit Schweigen gelogen und sich's gefallen lassen, daß man ihn Ehrenmann rechts und Ehrenmann links nannte und den Accuraten noch obendrein.

Viele Gläubiger kamen zu Lenz auf die Morgenhalde; sie ließen sich den weiten Weg nicht verdrießen, sie waren einmal im Dorf und hatten ein Recht darauf, das ganze Elend zu sehen. Es war ein Gemisch von Mitleid und Aufrichten an noch größerem Elend, da sie alle Lenz beklagten, daß er so bös dreingefallen sei. Manche trösteten ihn indes, daß er vielleicht seinen Ohm beerbe, und sie beteuerten, daß sie nichts von ihm fordern wollten, wenn er reich sei, sie hätten ja kein Recht dazu. Und wo sich Lenz sehen ließ, wurde er bedauert und beklagt wegen der Schlechtigkeit des Schwiegervaters, der den eigenen Sohn ausgeraubt. Es gab nur einen einzigen Menschen, der dem Löwenwirt noch das Wort redete, und das war Pilgrim, und daß er das aus voller Seele that und im Hause des Lenz immer behauptete, der Löwenwirt habe sich nur verrechnet, er habe auf den unglücklichen brasilianischen Prozeß alles gestellt und sei nicht schlecht, das gewann ihm das Herz des Annele, denn den Vater hatte sie immer geliebt. Man sagte im Dorf, die Löwenwirtin suche noch alles, was sich beiseite schaffen ließe, zum Lenz hinaufzubringen. Ein armer Uhrmacher kam geradeswegs zu Lenz ins Haus und sagte: er wolle nichts verraten, man solle ihm nur so viel geben, was er zu fordern habe. Lenz rief seine Frau herbei und erklärte, er werde es ihr nie vergeben, wenn sie für einen Heller Werts ungetreues Gut ins Haus aufnehme. Annele schwor auf das Haupt ihres Kindes. daß das nie gewesen sei und nie sein werde. Lenz that ihre Hand vom Haupte des Kindes weg, denn er wollte kein Schwören. Annele hatte recht, das Haus auf der Morgenhalde beherbergte kein unrechtes Gut. Die Schwiegermutter war oft da. Lenz sprach wenig mit ihr, und jetzt war's geschickt, daß Franzl nicht mehr da war, denn die neue Magd – sie war eine nahe Verwandte des Löwen-Annele – ging in der Nacht mehrmals mit schweren Körben hin und her zwischen dem Löwen und dem benachbarten Dorfe, und die Krämer-Ernestine wußte aus allem Geld zu machen. Der einzige von den Vasallen des Löwenwirts, der nichts an ihm verlor, war der Mann der Krämer-Ernestine. Die Uhrmacher, die kein bar Geld bekamen, durften dafür allerlei Waren beim Krämer entnehmen, und der Löwenwirt bürgte dafür. Jetzt hatten die Armen keine Uhren, aber Schulden, und der Krämer beteuerte ihnen aufrichtig, daß sie zahlungsfähiger seien als ihr ehemaliger Bürge.

Die Leute hatten Lenz bedauert, weil der Fall des Schwähers auch ihn mit niederreißen werde. Er hatte zuversichtlich darauf geantwortet, daß er fest stehe; nun aber, das war ein ewiges Kommen und Warten! Wo Lenz nur einen Kreuzer schuldig war, wurde es ihm abgefordert, man traute ihm eben nicht mehr. Lenz wußte sich nicht zu helfen, und die Hauptsache durfte er Annele gar nicht bekennen, sie hatte ihn ja davor gewarnt. Denn mitten in der Wirrnis kündigte der Gläubiger des Faller diesem die Hauptschuld; die Bürgschaft des Lenz war jetzt keine Stütze mehr. Faller war außer sich vor Wehmut, da er Lenz das mitteilen mußte und ihm klagte, daß er mit seinem Doppelgespann kein Unterkommen wisse.

Lenz versprach ihm zuversichtlich Hilfe, sein alter guter Name und der seiner Eltern wird doch noch vorhalten. So schlecht kann doch die Welt nicht sein, daß altbewährte Ehrlichkeit nichts mehr gelten soll. –

Annele wußte nur von den kleinen Schulden, und sie sagte: »Geh doch zum Ohm, er muß dir helfen.«

Ja, zum Ohm! Petrowitsch ging regelmäßig aus dem Dorfe, wenn ein Leichenbegängnis darin war. Nicht aus Mitleid, denn er hatte den Anblick nicht gern. Und am andern Tag nach dem Falle des Löwenwirts war Petrowitsch abgereist. Das Gerede von dem gefallenen Mann war ihm auch zuwider, und er überließ diesmal sogar dem Wegknecht die Einerntung der unreifen Kirschen von den Bäumen an der Straße. Erst als es bereits winterte und ein neuer Wirt im Löwen war und die beiden Alten nach der Stadt in ein Nebenhaus des Schwiegersohn-Holzhändlers gezogen waren, war er wieder sichtbar im Dorfe.

Der Löwenwirt hatte sein Schicksal mit fast bewundernswertem Gleichmut getragen. Nur einmal, als der Techniker mit der Kalesche und den beiden Fuchsen draußen vor dem Dorfe an ihm vorüberfuhr, da verlor der Löwenwirt sein Gleichgewicht, aber es sah niemand, wie er stolperte und in den Graben fiel und dort lange lag, bis er sich endlich aufrichtete.

Petrowitsch hatte jetzt einen andern Spaziergang. Er ging nicht mehr am Hause des Lenz vorbei und nicht mehr in den Wald, der bereits fast ganz niedergeschlagen war.

Lenz saß bis in die Nacht hinein und rechnete; es läßt sich noch helfen, und bald bot sich ihm eine Summe, aber sie war heiß, als käme sie frisch aus des Teufels Münzstätte.

Der Mann der Krämer-Ernestine kam mit einem Fremden auf die Morgenhalde und sagte: »Lenz, der Mann will dein Haus kaufen.«

»Was? mein Haus?«

»Ja, du hast's selbst gesagt; es ist jetzt viel weniger wert, als früher, seitdem der Wald geschlagen ist, es steht gefährlich, aber es werden sich schon Vorkehrungen treffen lassen.«

»Wer hat denn gesagt, daß ich mein Haus verkaufen will?«

»Deine Frau.«

»So? meine Frau? Annele, komm herein. Hast du gesagt, daß ich mein Haus verkaufen will?«

»So nicht; ich hab' der Ernestine nur gesagt, wenn ihr Mann ein gutes Wirtshaus in einer guten Gegend weiß, wollen wir eins kaufen und verkaufen dann unser Haus.«

»Und da ist es doch gescheiter,« fügte der Krämer bei, »ihr verkaufet zuerst euer Haus; mit bar Geld in der Hand krieget ihr leicht ein schickliches Wirtshaus.«

Lenz war blaß geworden und sagte endlich: »Ich verkaufe mein Haus gar nicht.«

Der Krämer ging mit dem Fremden, schimpfend und spottend über die verwahrlosten Menschen, bei denen kein Wort mehr gelte und die einem unnötige Mühe machen.

Lenz wollte auffahren, aber er hatte noch Kraft genug, sich zu bezwingen. Als er mit Annele allein war – sie schwieg, obgleich er sie mehrmals ansah – sagte er endlich: »Warum hast du mir das gethan?«

»Dir? Ich habe dir nichts gethan, aber die Sache muß sein. Es gibt keine Ruhe, bis wir von hier fort sind. Ich will nicht mehr hier sein, und ein Wirtshaus will ich haben, und du wirst sehen, ich verdiene im Jahre dreimal so viel, als du mit deiner Stiftlessucherei.«

»Und du meinst, du kannst mich dazu zwingen?«

»Du wirst mir's danken, wenn ich dich dazu gezwungen habe; du kommst schwer aus dem alten Trab heraus.«

»Ich bin heraus, ich komme heraus,« sagte Lenz dumpf, zog mit Hast seinen Rock an und verließ das Haus.

Annele lief ihm eine Strecke nach.

»Wohin gehst du, Lenz?«

Ergab keine Antwort und ging immer weiter den Berg hinan.

Oben auf dem Kamm des Berges schaute er noch einmal um; da lag sein elterliches Haus; es war jetzt nicht mehr verdeckt von den Bäumen, es war nackt, und ihm selber war's, als wäre er nackt, sein ganzes Lehen ist in die Welt hinausgestellt. Er wandte sich ab und rannte weiter. In die Fremde, in die Fremde ziehst du, und wenn du wiederkehrst, bist du anders und die Welt anders . . .

Er rannte weiter, immer weiter, und doch zog's ihn mit unbändiger Gewalt zurück. Endlich setzte er sich auf einen Baumstumpf und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. Es war ein stiller, milder Spätherbstmittag, die Sonne meinte es noch gut mit der Erde und besonders mit der Morgenhalde; sie beschien noch mit warmem Blicke die gefällten Bäume, die sie so lange erquickt hatte. Die Elstern schnatterten redselig drunten auf dem Kastanienbaume, und der Nußhäher redete manchmal ein Wort drein. In Lenz war alles Nacht und Tod. Da rief ein Kind: »Mann, helfet mir auf.«

Lenz erhob sich und half dem ältesten Töchterchen Fallers, das hier Späne gesammelt hatte, die Traglast auf den Rücken nehmen. Das Kind erschrak, da es Lenz erkannte, er sah so wild aus, wie ein Mörder, wie ein Gespenst. Das Kind ging eilig den Berg hinab. Lenz sah ihm lange nach.

Es war schon Nacht, als er heimkehrte. Er sprach kein Wort und saß wohl eine Stunde lang starr vor sich niederschauend auf dem Stuhle. Dann betrachtete er das Handwerkszeug, das an der Wand hing, und die Geschirrhangen an der Decke wie mit staunenden, prüfenden Blicken, als müßte er sich besinnen, was denn das alles sei, wozu denn das alles dienen solle.

Das Kind in der Kammer schrie, Annele ging hinein, sie konnte es nicht anders beschwichtigen, sie mußte singen.

Die Mutter singt um des Kindes willen, wenn ihr das Wehe auch das Herz bricht. Da richtete sich Lenz auf. Er ging hinein in die Kammer und sagte: »Annele, ich bin in der Fremde gewesen, ich habe auf und davon gehen wollen. Ja, lach' nur, ich hab's gewußt, daß du lachen wirst.«

»Ich lache nicht, ich habe auch schon daran gedacht, vielleicht wär' es gut, wenn du das noch nachholtest und auf ein Jahr in die Fremde gingst. Du kämst vielleicht gewitzigter wieder, und alles wäre ruhiger.«

Lenz schnitt es in die Seele, daß ihn Annele könnte ziehen lassen, und er sagte nur: »Ich habe nicht fortgekonnt, solang mir's gut gegangen ist, jetzt mit dem Elend im Herzen kann ich's noch weniger. Ich bin nichts, ich bin zu gar nichts nutz, wenn ich nicht ein glückliches Gedenken in der Seele habe.«

»Jetzt muß ich lachen,« sagte Annele, »im Glück hast du nicht in die Fremde gekonnt und im Unglück auch nicht?«

»Ich versteh' dich nicht, ich hab' dich nie verstanden und du mich auch nicht.«

»Das ist das Aergste, daß in dem Elend draußen noch ein Elend in uns ist.«

»So thu's ab und sei gut.«

»Sprich nicht so laut, du weckst das Kind noch einmal,« entgegnen Annele.

Sobald sie an den Punkt der Einlenkung zur Güte kam, war nicht mehr mit ihr zu reden.

Lenz ging wieder in die Stube, und als auch Annele hereinkam und die Kammerthüre leise anlehnte, sagte er: »Jetzt in dem Elend, jetzt sollten wir einander recht lieb haben und herzen; das wär' das einzige, was wir noch haben, und du willst nicht. Warum willst du nicht?«

»Das läßt sich nicht zwingen.«

»So gehe ich noch einmal fort.«

»Und ich bleibe daheim,« sagte Annele tonlos, »ich bleibe bei meinen Kindern.«

»Es sind meine so gut wie deine.«

»Freilich,« sagte Annele wieder mit harter Stimme.

»Und jetzt fängt die Uhr an zu spielen.« schrie Lenz jammernd. »O Gott, und den lustigen Walzer! Ich mag gar keinen Ton mehr hören, gar nichts. Wenn mir nur einer das Hirn einschlüge, das wäre das Beste; ich kriege keinen Gedanken und nichts mehr heraus! Kannst du denn nicht ein gutes Wort sagen, Annele?«

»Ich weiß keins.«

»So will ich eins sagen: Wir wollen Frieden haben, und alles ist gut.«

»Ist mir auch recht.«

»Kannst du mich jetzt nicht um den Hals nehmen und dich freuen, daß ich wieder da bin?«

»Nein, aber morgen vielleicht.«

»Und wenn ich heute nacht sterbe?«

»So bin ich eine Witfrau.«

»Und heiratest dann einen andern?«

»Wenn mich einer mag.«

»Du willst mich verrückt machen!«

»Ist nicht mehr viel nötig dazu.«

»Annele!!!«

»Ja, so heiß' ich.«

»Was soll denn aus alledem werden?«

»Das weiß Gott.«

»Annele! Ist denn alles nicht gewesen, daß wir einmal so herzensfroh miteinander waren?«

»Ja, es muß einmal gewesen sein.«

»Und kann's nicht wieder sein?«

»Ich weiß nicht.«

»Warum gibst du mir solche Antworten?«

»Weil du mich so fragst.«

Lenz bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen, und so saß er fast die ganze Nacht.

Er wollte ausdenken, was denn war, und warum denn neben dem andern Unglück auch noch das und so entsetzlich!

Er fand es nicht, er dachte sich alles durch vom ersten Tag bis heute, er fand es nicht. Ich find' es nicht! Ich find' es nicht! – – rief er. Wenn nur eine Stimme vom Himmel käme und mir's sagte!

Es kam keine Stimme vom Himmel, es blieb still und lautlos. Nur die Uhren gingen im Takte fort. Lenz sah lange zum Fenster hinaus.

Es war eine stille Nacht, nichts regte sich, Schneewolken jagten am Himmel eilig dahin. Dort auf dem fernen Berge beim Kettenschmied brannte ein Licht, es brannte die ganze Nacht, der Kettenschmied ist heute gestorben. Warum hat der sterben können und nicht du? Und du wärst so gern . . .

Leben und Tod jagten im wirren Durcheinander durch die Seele des Lenz, die Lebenden lebten nicht, die Toten waren nicht tot, das ganze Leben ist nichts als eine einzige Unbarmherzigkeit, nie hat ein Vogel gesungen, nie ein Mensch ein Lied angestimmt. Die ganze Welt ist wieder öde und wüst wie vor der Schöpfung, alles schwimmt durcheinander . . .

Die Stirn des Lenz fiel auf den Fenstersims, er schrak aus entsetzlichen, wachen Träumen auf. Er suchte Ruhe und Vergessen im Schlafe.

Annele schlief schon lange; er betrachtete sie: Wenn er nur in ihre Träume sehen könnte. Wenn er nur helfen könnte, ihr und sich.

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