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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die Pendel schwingen eigensinnig, und es reißt zum Zerspringen an der Kette.

»Annele, komm her, ich will dir was zeigen.«

»Ich habe keine Zeit.«

»Schau nur, es wird dich freuen; schau, da lasse ich jetzt zwei Pendel schwingen an den beiden Uhren, den einen Pendel von rechts nach links, den andern umgekehrt. Gib einmal acht, in wenig Tagen werden sie beide gleich schwingen,. von rechts nach links, oder umgekehrt. Das ist die Anziehungskraft, die sie auf einander ausüben, allmählich geben sie beide nach.«

»Das glaub' ich nicht.«

»Du wirst es mit eigenen Augen sehen, und schau, so wird es auch uns gehen; bei uns ist es auch so, das eine fängt von rechts und das andre von links an. Es muß sich auch bei uns ausgleichen. Freilich, die Pendel ticken auch nie zusammen, daß es nur einen Ton gibt; das hat schon ein spanischer König zuweg bringen wollen und ist darüber närrisch geworden.«

»Mich gehen alle die Narreteien nichts an; du hast, wie es scheint, Zeit dazu, ich nicht.«

Die Pendel schwangen in wenig Tagen in gleicher Richtung, die Herzen der beiden Eheleute hielten eigensinnig den ersten gewohnten Anlauf fest. Manchmal war's, als ob das Wunder geschähe, das dort am Werk aus Menschenhand nicht möglich ist: der gleiche Schlag. Aber es war nur Täuschung, und dann war die Wahrnehmung, daß man sich getäuscht, um so trauriger.

Lenz glaubte, daß er nachgiebig sei, und er war es in Wirklichkeit nicht, er blieb bei seiner altgewohnten Weise. Annele wollte geradezu gar nicht nachgiebig sein. Sie wußte alles von Anfang an viel besser, sie war weltklug und weltgewandt; Menschen aus allen Gegenden, alte und junge, reiche und arme hatten ihr von Kindheit an in der Wirtsstube gesagt, sie sei gescheit wie der Tag.

Annele war, was man kurzweg, aber nicht ganz zutreffend eine oberflächliche Natur nennt, sie war aber auch leichtlebig, flink und behend. Sie plauderte gern und gern viel, wenn's aber vorüber war, dachte sie nichts mehr, weder an das, was sie gehört, noch was sie gesagt hatte.

Lenz war eine tiefgründige, aber auch schwerfällige, ja oft zaghafte Natur, als ob alles auf der Welt zerbrechlich wäre; er behandelte jegliches, auch das Gleichgültigste, mit der ganzen subtilen Genauigkeit seinem Handwerks, oder, wie er es lieber hörte, seiner Kunst.

Wenn Annele nichts erlebte, hatte sie nichts zu reden, und gerade, je stiller das Dasein war, um so mehr hatte Lenz zu berichten. Wenn Lenz sprach, hörte er dabei immer auf zu arbeiten; Annele sprach und vollführte dabei jede Arbeit, die eben zur Hand war.

Annele erzählte gern ihre Träume, und wunderbarerweise träumte sie immer, daß sie gefahren sei, in einem schönen Wagen mit schönen Pferden, in einer schönen Gegend, mit einer lustigen Gesellschaft, und, »ach Gott, wie viel haben wir da gelacht!« hieß es immer. Oder auch sie träumte, daß sie Wirtin sei, und Könige und Fürsten kommen vor dem Hause angefahren, und sie hat ihnen gute Antwort gegeben. Lenz hielt nichts auf Träume und hörte sie nicht einmal gern wieder erzählen.

Annele war vom Erwachen bis zum Schlafengehen immer schmuck und sauber gekleidet. Annele freute sich, daß Lenz sie deshalb oft und oft lobte. Er konnte dieselbe Sache fast mit denselben Worten hundert und hundertmal sagen, und er hatte dabei immer die gleiche neue Empfindung, als ob er noch gar nie daran gedacht hätte. Er war in seinem Denken etwas wie draußen in der Natur, wo sich das Gleiche immer mit neuer Frische wiederholt, oder auch wie in seinem Handwerk, wo er das schon hundertmal Bereitete immer mit gleicher Lust und Genauigkeit neu fertigte. Annele fand das langweilig und einfältig. Sie wollte, daß Lenz sich auch schmucker halte, aber er verwendete seine ganze Aufmerksamkeit auf seine Arbeit, er hatte nichts übrig für sich selbst.

Lenz konnte des Morgens kaum ein Wort sprechen; sein Denken wachte erst allmählich auf, er träumte lange mit offenen Augen, ja noch bei der Arbeit. Erst nach und nach wurde es heller Tag in ihm. Annele dagegen war beim ersten Augenaufschlag wie ein Soldat auf dem Posten, gewaffnet und gerüstet; sie faßte den Tag mit Lebhaftigkeit an, und alles halbwache Duseln war ihr zuwider; sie war und blieb das schmucke, flinke Wirtstöchterlein, da finden die Gäste schon am frühesten Morgen alles zuweg und ein leichtes Geplauder obendrein.

Lenz sah bei dem lärmenden Gebaren oft zum Bilde der Mutter auf, wie wenn er ihr sagen wollte: laß dich nicht auch aus deiner Ruhe aufscheuchen, das Peitschenknallen ist einmal ihre Lust.

Wenn ihm Annele bei der Arbeit zusah, ging ihre Unruhe auf ihn über. Er betrachtete oft etwas, das er gefertigt oder erst fertigen wollte, lange hin und her; er glaubte dabei ihren ungeduldigen Blick zu spüren, ihre unwilligen Gedanken über seine Langsamkeit zu hören, und ward selber ungeduldig und unwillig. Das war ein böses Dabeisein.

Der kleine Wilhelm gedieh prächtig auf der Morgenhalde, und als nun noch ein kleines Schwesterchen dazu kam, war ein lautes Leben im Hause, als ob beständig das wilde Heer durchzöge. Wenn Lenz manchmal darüber klagte, erwiderte Annele trotzig: »Zum Ruhehaben muß man reich sein, da muß man ein Schloß haben, wo die Prinzen in einem andern Flügel wohnen.«

»Ich bin nicht reich,« erwiderte Lenz. Er lächelte über den Vorwurf, und doch that er ihm weh.

Nur in gleicher Atmosphäre oder eigentlich in gleicher Entfernung vom Mittelpunkt der Erde machen zwei Pendel in derselben Zeit die gleiche Anzahl Schwingungen.

Lenz war noch mehr still und in sich gekehrt, und wenn er mit seiner Frau sprach, sah er sie immer staunend an, daß sie über alles so viel Worte machen konnte. Sagte er des Morgens: »Heut ist ein starker Nebel,« so entgegnete sie behend: »Ja, und so früh im Herbst, es kann aber doch noch sein, daß es heiter Wetter gibt; man kann sich nie aufs Wetter verlassen bei uns in den Bergen; und wer weiß, der eine wünscht sich Regen, der andere heiter, eben je nachdem einer etwas vor hat. Wenn unser Herrgott jedem sein Wetter besonders kochen wollte, da hätte er viel zu thun. Wie ist es jenem Wettermacher gegangen?« Und nun erzählte sie eine Geschichte und hing noch andere daran.

Ueber alles und jedes gab es ein langes Gespräch, wie man eben einen Fuhrmann unterhält, solange die Pferde draußen an der fliegenden Krippe fressen, oder einen eiligen Fremden, der Essen bestellt hat und trotz schnell angelegten Tellers und Bestecks lange darauf warten muß.

Lenz zuckte die Achseln und schwieg nach solchen Reden, schwieg oft tagelang, und seine Frau sagte ihm erst gutmütig, dann aber scharf: »Du bist ein langweiliger, wortkarger Gesell.«

Er lächelte über den Vorwurf, und doch that er ihm weh.

Die Befürchtungen, die man von der Fabrik hegte, waren nicht eingetroffen, der Betrieb des häuslichen Handwerks wurde im Gegenteil schwungvoller; denn die Fabrik beschränkte sich zunächst auf die Gießerei von Zinkgestellen und fand darin willige Abnahme. Lenz bildete sich viel darauf ein, daß er das vorausgesagt. Er fand manches Lob darüber, nur Annele fand nichts Rühmenswertes an dieser Voraussicht; das verstand sich von selbst, daß jeder weiß, wie es in seinem Geschäfte wird, und das blieb doch, daß der Sohn des Doktors und der Techniker reich wurden, während die Uhrmacher froh waren, in ihrem alten Schlendrian zu bleiben.

Annele lobte jetzt oft den Pröbler, der doch wenigstens neue Erfindungen zu machen versuche.

Lenz war indes glücklich in der Arbeit, und er sagte zu Annele: »Schau, wenn ich morgens aufstehe und denke: heut kannst du rechtschaffen arbeiten, und das Werk geht gut von statten und kommt zuweg, da ist mir's, wie wenn ich im Herzen eine Sonne hätte, die nie untergeht.«

»Du kannst gut predigen, du hättest sollen Pfarrer werden,« sagte Annele und ging aus der Stube und dachte für sich: da hast du deinen Trumpf; dir soll man zuhören, aber was ein anderes sagt, das ist nichts. Da hast du deinen Trumpf.

Es war nicht Rache, es war reine Vergeßlichkeit, daß Lenz manchmal, wenn Annele bei Tisch etwas erzählte, wie erwachend sagte: »Nimm mir's nicht übel, ich habe gar nicht gehört, was du gesagt hast. Mir geht die schöne Melodie im Kopf herum. Wenn ich's nur auch so geben könnte! Das ist prächtig, wie da Dur in Moll übergeht.«

Anna lächelte, aber sie vergaß ihm dieses Vergessen ihrer doch nicht.

Die Pendel gingen immer mehr jeder seine eigensinnige Richtung.

Sonst, wenn Lenz heimgekommen war von einem Gang zum Gelbgießer, zum Schlosser oder über Land, saß seine Mutter bei ihm, während er aß, und was er erzählte, war gut; das Glas Bier, das er dort getrunken, labte hier die Mutter; wer ihn freundlich begrüßt, dem dankte sie jetzt daheim noch einmal. Alles, was Lenz berichtete, war wichtig, Lenz hatte es ja erlebt. Jetzt, wenn er heim kam, hatte Annele keine Zeit, sich zu ihm zu setzen, und saß sie bei ihm und er gab Bericht, sagte sie: »Ach, was geht das mich an? Das geht mich gar nichts an. Die Menschen können meinetwegen leben, wie sie wollen; sie geben mir nichts von ihrem Glück, und von ihrem Unglück brauche ich nichts. Freilich, dir thun die Menschen schön, sie brauchen dich nur aufzuziehen, und da spielst du jedem vor, wie deine Spieluhr.«

Lenz lachte, denn Pilgrim hatte ihn einmal eine Achttaguhr genannt, weil er jedesmal am Sonntag frisch aufgezogen wurde. Die ganze Woche gab es für ihn keine Ruhe, dafür war aber auch der Sonntag um so festlicher, und wenn die Sonne hell schien, konnte er ausrufen: »Gottlob, heut freuen sich tausend und tausend Menschen mit diesem schönen Sonntag.«

»Du thust, wie wenn du der Herrgott wärest und immer an alle Welt zu denken hättest,« erwiderte Annele darauf. Er schwieg fortan mit solchen Gedanken und wurde dabei fast irre an sich. Wollte er aber jetzt des Sonntags mit Annele über Land gehen zu einem Stelldichein des Gesangvereins im Nachbardorf, oder auch nur mit Faller und dessen Frau, thalaufwärts, da hieß es: »Du kannst überall hingehen, einem Mann thut's nichts, in welcher Gesellschaft er sich herumtreibt, aber ich gehe nicht mit, ich bin mir zu gut dazu; der Faller und die Fallerin sind meine Gesellschaft nicht. Geh aber du nur, ich habe nichts dagegen.«

Natürlich blieb nun auch Lenz davon weg und war mehr, als sich's gebührte, mißlaunisch, im Löwen oder daheim.

Lenz hatte in seinem ganzen Leben weder eine Spielkarte noch eine Kegelkugel in die Hand genommen, andere vertreiben sich damit die Zeit und die Mißlaune. »Ich wollte, ich hätte auch Freude am Karteln und Kegeln,« sagte er; er war aber nicht gefaßt auf die Antwort, die Annele gab: »Ein Mann darf schon spielen, wenn er nur nachher wieder frisch an seinem Geschäft ist, und es ist sogar besser, als mit dem Geschäft spielen.«

Die Pendel gingen immer mehr jeder seine eigensinnige Richtung.

Lenz verkaufte den größten Teil seines Vorrates zu guten Preisen, nur mit dem großen Werke, das er eigentlich für den Schwiegervater unternommen hatte, ging es nicht recht vorwärts, und wenn Lenz nicht umhin konnte, Annele zu klagen, daß ihm dies und jenes nicht gelinge, suchte sie ihm zu beweisen, daß er nicht genug ans Geldverdienen denke. »Die Leute wollen ihre Arbeit haben und viel und schnell, du thust aber immer so heilig damit. Du bist ein Träumer, aber ein Träumer am hellen Tag. Wach' doch einmal auf, um Gottes willen, wach' auf!«

»O lieber Gott, ich lebe ja in einer Unruhe; mein Schlaf ist kein Schlaf mehr! ich liege wie in Nesseln gebettet. O, wenn ich nur einmal eine einzige Nacht wieder so recht von Herzen gut schlafen könnte! Ich bin so aufgescheucht, ich meine, ich wache ohne Aufhören, mir ist, als käme ich gar nicht mehr aus den Kleidern, Tag und Nacht.«

Statt Mitgefühl und neues Selbstvertrauen bei Mißlingendem zu geben, suchte Annele im Gegenteil Lenz zu beweisen, daß er sich selber nicht zu helfen wisse, daß aber sie ihm helfen könne. Gelang ihm etwas, und er konnte sich nicht enthalten, ihr zuzurufen: »Horch, wie glockenrein!« da konnte sie erwidern: »Ich will dir nur ehrlich sagen, ich mag eigentlich die Orgelei nicht. Ich habe das Stück in Baden-Baden gehört, das klingt ganz anders.«

Lenz hatte doch das vor sich selber und zu Pilgrim schon bekannt, aber wie es jetzt Annele sagte, that es ihm weh; sie zerstörte ihm damit seine ganze Lebensthätigkeit.

Und dabei hatte Annele für sich einen festen klugen Plan und hielt sich vollberechtigt dazu. Sie fühlte ihre beste Kraft brach liegen und konnte sie in dem kleinen Hausstand nicht zur Anwendung bringen. Sie wollte etwas gewerben, und ein Wirtshaus war das Geeignetste für sie.

Sie hatte ehedem gesucht, Lenz und Pilgrim auseinander zu bringen, jetzt machte sie Pilgrim zu ihrem Verbündeten; er hatte ja gesagt, es sei schade, daß sie nicht Wirtin sei, sie könnte den Löwen in neuen Aufschwung bringen, das sagten alle Leute. Nun sollte Pilgrim helfen, den Lenz zu bestimmen, daß er das Löwenwirtshaus übernehme, er könne seine Kunst – in guten Stunden nannte sie es Kunst, in bösen immer Handwerk – daneben betreiben, entweder im Löwen oder auf der Morgenhalde, ja, da noch besser, da sei es ruhiger, und mancher habe ja seine Fabrik viel entfernter von seiner Wohnung, als die Morgenhalde vom Löwen war.

Wenn Pilgrim kam, sagte ihm Annele zuvorkommend: »Ich bitte dich, zünde dir deine Pfeife an, ich riech's gar gern; es wird mir ganz heimisch, wenn geraucht wird.«

Ja, du bist hier oben in fremder Luft, dachte Pilgrim, aber er sagte es nicht. Kam dann Annele von den verschiedensten Seiten her auf ihren Plan, so lehnte Pilgrim jede Mitwirkung ab, und Lenz war hartnäckig und unzugänglich gegen Schmeicheleien und gegen Zornesausbrüche, wie man es gar nicht von ihm vermutet hätte. »Zuerst hast du mich zu einem Uhrenhändler und dann zu einem Fabrikanten machen wollen,« sagte er, »und jetzt soll ich Löwenwirt werden; ja, wenn ich ein ganz anderer Mann werden soll, was hast du denn an mir geheiratet?«

Annele gab keine gerade Antwort, sie sagte nur: »Gegen die ganze Welt bist du butterweich und gegen mich hart wie Kieselstein . . .«

Lenz hielt sich für einen gemachten Mann, und Annele wollte erst einen aus ihm machen. Daß sie sich für die Erwerbsfähigere hielt, gestand sie nicht, sie weinte und klagte nur, daß sie zu gar nichts nutz sein solle, und hatte tiefes Mitleid mit sich selber, sie wollte ja nur das Beste. Was will sie denn? Arbeiten will sie, erwerben, aber er will sie nicht aufkommen lassen.

Lenz sagte ihr, daß man früher viel aus dem Garten gezogen, sie sollte im Garten arbeiten. Sie hatte aber keine Freude an der Gärtnerei. Da wächst jedes Pflänzchen, wie es ihm gesetzt ist, sachte und still, und läßt sich nicht drängen und treiben: mach' hurtig! Das dauert viel zu lang, bis da was wächst und herauskommt. Dreimal in die Küche und dreimal in den Keller, und ich habe verdient, was so ein Garten den ganzen Sommer bringt. Und zum Gärtnern ist eine Tagelöhnerin gut genug.

Nun aber hörte das Zerren und Klagen und Jammern, wie karg man leben müsse im Hause, nicht auf. Lenz wollte oft verzweifeln, und manchmal wurde er so toll, daß man glauben konnte, er sei ein ganz anderer Mensch geworden. Dann aber kam wieder tiefe Reue über ihn, er kleidete sie indes anders ein und sagte, er schäme sich vor dem Gesellen und Lehrjungen, und wenn Annele nicht Ruhe gebe, schicke er beide fort.

Annele lachte ihn aus über diese Drohung; er sei doch nicht im stande, sie auszuführen. Er bewies ihr, daß er ernst mache, und schickte in der That den Gesellen und Lehrjungen aus dem Hause. Solange die stille, stetige Natur des Lenz vorgehalten hatte, besaß er gewissermaßen eine Uebermacht über Annele; jetzt, in lautem Auftrumpfen, das aber eigentlich nur Jammer über sein Verkommen war, ward Annele Herr über ihn und hielt ihm täglich vor, daß er der Garnichts sei, er habe die Gesellen aus Faulheit fortgeschickt, und seine Gutmütigkeit sei auch nichts als Faulenzerei.

Statt über solch einen unbegreiflichen Vorwurf zu lachen, konnte Lenz tagelang bei der einsamen Arbeit solch ein Wort aussinnen, und da hing sich ein Gedanke an den andern und wurde ein ganzes Uhrwerk daraus, während Annele längst nichts mehr davon wußte, was sie gesagt hatte. Ihr kam eben das ganz vereinsamte Leben hier so vor, wie ein verregneter Sommersonntag: man hat mit Recht darauf gerechnet, sich zu erheitern, sich mit andern Menschen zu vergnügen, man ist sonntäglich angethan, aber die Wege sind grundlos, und das Daheimbleiben ist wie eine Gefangenschaft. Das darf nicht so bleiben! Das muß anders werden! sagte sich Annele innerlich immer vor, und sie war ärgerlich und leicht erzürnt bei allerlei unscheinbaren Anlässen, während sie weder sich noch Lenz erklärte, woher diese Zornmütigkeit stammte.

Lenz suchte Beruhigung außer dem Hause, und daß er wegging, machte sie minder unwillig und ungeduldig, als die Art, wie er es that. Er druckste so lange umher, bis er das Haus verließ, und dann kam er noch oft vor der Thür zwei-, dreimal zurück, wie wenn er etwas vergessen hätte. Er konnte es nicht sagen, wie schwer es ihm wurde, mit einer Seele fortzugehen, die ihn fast zu einem fremden Menschen machte. Er meinte, Annele müßte ihn zurückhalten, oder ihm doch noch ein gutes Wort sagen, damit er der alte sei. Vor Zeiten, wenn er über Land gegangen war, hatte ihm die Mutter immer noch ein Stück Brot aus der Tischlade mitgegeben, das schützt vor vielem, und besonders daß es einem nicht schadet, wenn man über Hungerkraut geht, und noch schützender als das Brot war ein gutes Wort aus ihrem Herzen. Jetzt ging er fort, wie wenn das ganze Haus nicht sein eigen wäre und er selbst nicht sein eigen. Darum vertrödelte er immer so viel Zeit und konnte doch nicht sagen, was er wünsche. Das Geforderte und Verlangte verliert die Heilkraft, es muß von selbst geschehen, denn es ist kein Aberglaube: der wahre Segen liegt auf dem, was unberufen gegeben und gefunden wird.

Lange vor Feierabend saß Lenz oft schon bei Pilgrim und Annele bei den Eltern. Das ganze Haus schien aus den Fugen zu gehen; Lenz sprach bei Pilgrim kein Wort von dem, was innerlich an ihm zehrte, und wenn Annele ihren Eltern klagte, wollten diese nichts davon wissen, sie hatten, wie es schien, anderes im Kopfe.

Auch bei Faller saß Lenz oft, und da war ihm wohl, fast noch wohler als bei Pilgrim; hier war Freude und Ehrerbietung, wenn er kam, hier wurde noch der Lenz von vergangenen Tagen geehrt; daheim galt er nichts mehr.

Faller und seine Frau lebten einträchtiglich miteinander, sie waren gegenseitig voneinander überzeugt, daß sie die vorzüglichsten Menschen von der Welt seien; wenn sie nur schuldenfrei wären und dann noch ein übriges Geld hätten, da sollte die Welt aufschauen. Sie sparten und arbeiteten und waren allzeit guter Dinge. Faller war kein besonders geschickter Arbeiter, er hielt sich mehr an die Großuhren – denn je größer das Werk, desto leichter ist es genau herzustellen – und dabei erlustigte er sich und seine Frau im Erzählen von Theaterstücken, in denen er während seines Garnisonslebens in verschiedenen Verkleidungen mitgespielt hatte. Frau Fallerin war ein stets dankbares Publikum, und die Königsmäntel, Kronen und Diamanten, von denen Faller sprach, hatte er für seine Frau alle an.

Wie ganz anders erschien Lenz dagegen sein eigenes Leben! Immer dunkler, immer nächtiger wurde es in seiner Seele. Alles, was er erlebte, verwandelte sich in Bitterkeit und Trauer.

Wenn er es nicht umgehen konnte, sich bei den Uebungen und Proben des Liederkranzes einzufinden, und er da die Lieder der Liebe, der Sehnsucht, des seligen Entzückens sang, weinte die Seele in ihm: »Ist denn das wahr? Ist denn das möglich? Hat es Menschen gegeben, die so wonnig und glückselig waren? Und doch war's einmal in dir . . .«

Er verlangte oft Lieder der Schwermut, und die Kameraden staunten über einen herzergreifenden Ton in seiner Stimme, der wie tiefste Klage klang; aber während er sonst nicht genug bekommen konnte im Singen, hörte er jetzt immer bald auf und war müde und ärgerlich über das geringste unebene Wort, und dann war er wieder ebenso schnell bei der Hand, jeden um Verzeihung zu bitten, wo gar nichts zu verzeihen war.

Lenz faßte sich wieder und sagte sich, daß seine Grämlichkeit davon komme, weil er nicht fleißig genug sei. Er arbeitete nun emsig, aber es war kein Segen in seiner Arbeit; er mußte oft am andern Tage ausreißen und wegwerfen, was er bis tief in die Nacht hinein gearbeitet hatte. Seine Hand zitterte oft, wenn er die Feile führte; ja, selbst die wieder gespitzte Feile des Vaters, die immer Ruhe gegeben hatte, half nichts mehr. Er löste oft eine Arbeit wieder auf, zerstörte damit sein ganzes Tagwerk; er war überzeugt, daß er alles falsch zusammengesetzt hatte. Da fand sich denn aber, daß er regelrechte gute Arbeit gemacht, nur sein Sinn war irr, und da glaubte er auch, daß alles irr und verkehrt sein müsse.

Er faßte sich oft an dem Kopf, wie wenn er etwas vergessen hätte, wie wenn ihm etwas entfallen wäre. Er wußte nicht was. Wenn man so sagen kann, das Gewissen seiner Arbeit war ihm entschwunden, vermöge dessen sich manches wie von selbst ohne jegliches Besinnen thut. Mit einem wahren Zorn auf sich selbst zwang er sich nun zur Ruhe und Bedachtsamkeit bei der Arbeit. Wenn du auch das noch verlierst, dann ist alles verloren; du warst einmal glücklich mit deiner Kunst allein, jetzt mußt du wieder damit allein glücklich sein. Wie man ein Musikstück hören kann, während ein Geräusch ist, das nicht dazu gehört, du kannst es lostrennen – so mußt du auch wieder deine Sache haben und dich nicht um das Geräusch kümmern, das dazwischen läuft. Wenn du es nicht hören willst, so hörst du's nicht. Sei stark im Willen.

Es gelang Lenz, wieder ruhig und geordnet zu arbeiten, es fehlte nur ein einziges, nur ein kleines Wort, das Annele hätte sagen können: Gottlob, daß du jetzt wieder so auf dem Fleck bist! Er hatte geglaubt, das Wort entbehren zu können, und konnte es doch nicht. Annele hatte das Wort oft auf den Lippen, aber sie brachte es nicht hervor, denn an der Kehrumthüre sagte ihr Stolz wieder: was sollst du ihn loben, wenn er seine Schuldigkeit thut? Und jetzt wär's gerade gut, wenn wir ein Wirtshaus hätten; er arbeitet am besten, wenn er allein ist, wenn man sich gar nicht nach ihm umsieht, und da wär' ich derweil in der Wirtsstube und er in seiner Werkstatt, und alles wäre gut.

Die Arbeit kostete Lenz jetzt doppelte Anstrengung; er war am Abend so müde, wie sonst noch nie im Leben; er hatte ehedem gar nicht gewußt, daß Arbeit so müde macht; er gönnte sich dennoch keine Erholung, er fürchtete, alles zu verlieren, keinen Heimweg mehr zu finden, wenn er Haus und Werkstätte verließ.

Wochenlang kam er nicht ins Dorf, und Annele war viel bei den Eltern.

Ein Verhängnis riß ihn aus dem Hause. Pilgrim ward schwer krank; nächtelang saß Lenz bei ihm, und er konnte nicht sagen, wie schwer ihm das wurde, denn Annele hatte ihm auch diese Freundesthat vergiftet, sie hatte ihm einst gesagt: »Deine Gutthaten an dem Pilgrim sind nichts als ein Deckmantel für deine Faulenzerei, für dein lahmes, lotteriges Wesen. Du redest dir ein, du hättest was damit gethan in der Welt, weil du sonst nichts thust und es zu nichts bringst. Du bist der Garnichts.« Sein Atem ging schneller, wie er das hörte; es war ihm, als falle ihm ein Stein ins Herz, und der Stein wich nicht mehr und haftete fest.

»Nun gibt's nichts mehr, was du mir noch sagen könntest, nur noch das, daß ich meine Mutter schlecht behandelt habe.«

»Ja, das hast du auch, das hast du auch. Der Högertoni, dein Vetter, der in Amerika ist, hat's tausendmal bei uns erzählt: einen Scheinheiligeren, als du bist, gäbe es nicht auf der Welt, und er habe tausendmal Frieden stiften müssen zwischen dir und deiner Mutter.«

»Das sagst du nur, weil du gern sehen möchtest, wie ich wieder toll werde, aber ich werde es nicht, das rührt mich nicht an. Warum hast du einen Zeugen, der in Amerika ist? Warum nicht jemand von hier? Aber du willst mich nur aufstacheln. Gute Nacht!«

Er ging zu Pilgrim, der wieder in der Genesung war, und blieb bei ihm die ganze Nacht. Pilgrim war in der Genesung natürlich heiter, und Lenz wollte ihm diese Heiterkeit nicht verscheuchen, er hörte vielmehr geduldig zu, wie Pilgrim berichte: »In meiner Krankheit habe ich verstehen gelernt, wie so ein Vogel sein Leben lang nur ein paar Töne zwitschern kann. Es ist ein Leben im Halbschlaf, und da ist ein einziger Ton genug.

»Durch vier Wochen lang hat sich mir in der Seele nichts als die paar Worte gespielt: der Mensch hat keine Flügel, aber seine beiden Lungenflügel. und ich kann mit einem Lungenflügel auch 77 Jahre Kartoffeln essen. Und wenn ich ein Vogel gewesen wäre, ich hätte auch immer gepfiffen: ein Lungenflügel, zwei Lungenflügel, zwei Lungenflügel, ein Lungenflügel. Just wie eine Grasmücke.«

Es waren auch nur wenig Worte, die sich durch die Seele des Lenz spielten, aber sie waren traurig, niemand soll sie hören.

»Mir hat die Bibel wieder geholfen,« fuhr Pilgrim in guter Laune fort, »daß ich fest entschlossen bin, ledig und allein zu bleiben. Da steht's ja ganz klar: der Mann war zuerst allein auf der Welt, das Weibsen war nie allein auf der Welt, und daher kommt's, daß der Mann allein sein kann.«

Lenz lächelt, aber auch das traf ihn.

Am Morgen ging Lenz schwer, übernächtig und leichenblaß heim an seine Arbeit. Und als er die Kinder sah, sagte er: »Ich habe gar nicht mehr gewußt, daß ich Kinder habe.«

»Jawohl, das vergissest du,« sagte Annele. Lenz fühlte wieder einen Stich durchs Herz, aber es that kaum mehr weh. Und als er das Bild der Mutter erblickte, rief er: »Mutter! Liebe Mutter. Dich hat sie auch beschimpft. Kannst du denn nichts sagen? Straf sie nicht, bitt vor Gott, daß er sie nicht dafür straft; wenn er sie straft, straft er ja mich und meine armen Kinder mit. Hilf mir, liebe Mutter, gib Zeugnis, daß sie aufhört, mir das Herz aus dem Leibe zu reißen. Hilf mir, liebe Mutter! du kennst mich.«

»Da steht ein gesunder Mann und bettelt! Ich will nichts von deinen Possen hören,« sagte Annele und ging mit den beiden Kindern in die Küche.

Es riß zum Zerspringen an der Kette.

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