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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Dreiundzwanzigstes Kapitel. Der erste Nagel im Hause wird eingeschlagen. Friede auf der Höhe und der erste Sonntagsgast.

Am andern Tage war Annele doch wieder zufrieden mit Franzl. Sie wußte zu allem so gut Bescheid, und Annele sagte: »Ich habe dir noch nichts geschenkt, Franzl; willst du ein Kleid oder Geld?«

»Geld wäre mir lieber.«

»Da hast du zwei Kronenthaler.«

Lenz fügte mit fröhlicher Miene die gleiche Summe hinzu, als ihm Franzl die beiden Geldstücke zeigte. Das Annele denkt doch an alles und weiß besser, was der Brauch in der Welt ist, ich hätte es rein vergessen, daß man der Franzl auch noch eine besondere Freude machen muß. Und da spricht sie noch gestern vom Fortschicken. So dachte er, und laut sprach er: »Es ist ein närrisches, hitziges, gutes, liebes Kind,« und Franzl gab die Erklärung: »Sie ist wie die junge Bürgermeisterin bei uns daheim, von der hat einmal die Gewichtlesfrau gesagt: Sie hat immer sieben Besuche im Kopf, aber nur sechs Stühle, und da muß immer einer herumträppeln, derweil die andern sitzen.« Lenz lachte, und Franzl fuhr fort: »Ja, wir Knuslinger, wir sind nicht auf den Kopf gefallen. Aber schau, wie deine Frau schon alles in Ordnung gebracht hat; da hätte eine andre drei Tage dazu gebraucht und wäre siebenzehnmal gestolpert und hätte die Hälfte zerbrochen. Deine Frau hat gar keine linke Hand, die ist hüben und drüben rechts.«

Lenz erzählte Annele, daß Franzl ihr nachsage, sie habe zwei rechte Hände, und Annele war wohl zufrieden mit diesem Lobe. Jetzt zeigte Annele noch eine neue Geschicklichkeit. Lenz bat sie, über der Feile des Vaters einen Nagel einzuschlagen. Sie traf den Nagel gleich auf den Kopf, und an den ersten Nagel, den sie eingeschlagen hatte, mußte sie das Bild der Mutter hängen.

»So ist's recht,« bekräftigte Lenz. »Wenn's auch nicht ganz ihr Gesicht ist, es sind doch ihre Augen, und die sollen, will's Gott, auf ein schönes, gedeihliches, gutes Leben herniedersehen. Wir wollen's immer so halten, daß die Mutter immer zufrieden zusehen kann.«

Mach nur keine Heilige aus ihr, wollte Annele sagen, aber sie verschluckte es.

Die Woche – es war erst Mittwoch – wurde noch wie ein Halbfeiertag gehalten. Lenz arbeitete einige Stunden, aber fast nur, um sich zu erinnern, daß das sein Beruf sei; und er war auch fröhlicher, wenn er ein paar Stunden gearbeitet hatte. Die Hochzeitserinnerungen wurden natürlich noch einmal durchgekostet. Besonders lustig war's, wie Annele allen nachahmen und alle ausspotten konnte. Die Bärenwirtin und die Lammwirtin und die Adlerwirtin waren leibhaftig zu sehen und zu hören; und besonders den Faller konnte sie so meisterlich nachahmen, wie er seinen Schnurrbart immer mit der ganzen Hand exerzierte, und sie machte es so, daß man hätte glauben mögen, auf ihrer schalkhaften Lippe müsse ein struppiger Bart sitzen. Es war bei diesem Nachspiel nicht böse gemeint, sie hatte eben Freude am Fastnachtsspiel und war überaus glückselig, und am Morgen rief sie: »O, wie schön, wie wohl und gut ist es hier oben! O, lieber Himmel, wie gut still! Ich hab's gar nicht gewußt, daß es in der Welt so still sein kann. Wenn ich so dasitze und nichts von der Welt sehe und höre, niemand Antwort zu geben habe, mir ist's, wie wenn ich mit wachen Augen schlafe – und gut schlafe; da drunten ist es ja immer wie in einer Mühle, hier oben ist man wie auf einer andern Welt, ich meine, ich höre mein Herz schlagen; vierzehn Tage gehe ich nicht mehr ins Dorf hinunter, ich will mich davon abgewöhnen, und ich kann's gut; sie wissen drunten gar nicht, wie wohl es einem ist so aus der Welt draußen, aus dem Gescheuch und Gejag und Gehetz. O, Lenz, du weißt gar nicht, wie gut du es dein lebenlang gehabt hast.«

So in beständigen hundertfältigen Ausrufen der Wonne saß Annele am Morgen bei Lenz, und dieser erwiderte strahlenden Angesichts: »So ist's recht; ich hab's gewußt, daß dir's hier wohl sein wird, und glaub mir, ich bin dankbar gegen Gott und meine Eltern, daß ich mein Lehen da habe verbringen können. Aber, liebs Weible, vierzehn Tage bleiben wir nicht da oben abgeschieden, mindestens nächsten Sonntag müssen wir in die Kirche; ich meine aber, wir sollten noch heute ein bißchen zu den Eltern.«

»Wie du meinst; und das ist gut, die glückselige Ruhe, die wir da oben haben, tragen wir nicht mit fort, und wenn wir wieder heimkommen, wartet sie auf uns.«

»Und da meine Mutter,« unterbrach Lenz, »das ist unser Ruhegeist und schaut uns an mit den getreuen Augen und sagt: Gottlob, Kinder, daß ihr so seid und bleibet nur so euer lebenlang.«

Lenz schaute zum Bilde seiner Mutter auf, und Annele fuhr fort: »Ich begreife es gar nicht, daß ich erst so kurz da bin; ich meine, ich wäre schon von uralters her da oben; ja, an solchen stillen Stunden hat man eben so viel, wie sonst in Jahren.«

»Du legst alles gut aus, du bist gescheit. Halt das nur fest, wenn dir's doch einmal zu einödig da oben wird. Die Leute, die es nicht geglaubt haben, daß du in der Einsamkeit glücklich sein kannst, werden staunen.«

»Wer hat das nicht geglaubt? Gewiß dein Pilgrim, der große Künstler, ja, der, der ist der Rechte: geraten ihm die Engel nicht, macht er Teufel daraus; aber das sage ich dir, er darf mir nicht über die Schwelle.«

»Der Pilgrim hat das nicht gesagt. Warum willst du jetzt einen Menschen, den du hassen kannst? Meine Mutter hat's hundertmal gesagt: es gibt keine Ruhe im Gemüt, keine andre, als gut an die Menschen denken. Ich wollte, sie hätte nur noch ein Jahr gelebt, daß du alles von ihr hättest behalten können. Ist das nicht ein gutes Wort? Du verstehst doch alles? Wenn man einen Menschen haßt, oder wenn man weiß, daß man einen Feind hat – ich habe das auch einmal erfahren, nur ein einzigmal, aber schwer, o grausam schwer – da ist's einem, wie wenn überall, wo man geht und steht, ein Pistol auf einen gerichtet wäre, das man nicht sieht. Mein größtes Glück ist, daß kein Mensch auf der Welt ist, den ich hasse, und keiner, von dem ich weiß, daß er mir feind ist.«

Annele hatte dem allem halb zugehört; sie fragte jetzt nur: »Wer hat dir's denn gesagt, wenn nicht der Pilgrim?«

»Eigentlich niemand, und ich hab' mir's nur selber manchmal so gedacht.«

»Das glaube ich dir nicht, es hat dir's jemand gesagt; aber gescheit war's nicht von dir, daß du mir's wieder berichtest. Ich könnte dir auch sagen, was die Leute mir über dich berichtet haben, Leute, von denen du es gar nicht denkst; du hast auch deine Feinde, so gut wie einer, aber ich werde mich wohl hüten, dich zu verhetzen und das dumme Geschwätz nachzureden.«

»Das sagst du jetzt nur, um mir heimzubezahlen. Gut, ich hab's verdient, jetzt sind wir wett, und jetzt laß uns lustig sein. Die ganze Welt geht uns jetzt nichts an; du und ich, wir sind die ganze Welt.«

In der That waren die beiden wieder voll Glückseligkeit, und Franzl in der Küche bewegte oft die Lippen, wie sie's in der Gewohnheit hatte, wenn sie in sich hinein dachte, und sie dachte jetzt oft: Gottlob, gottlob, so muß es sein, und so hätte ich auch mit meinem Anton gelebt, wenn er nicht so falsch gewesen wäre und eine Schwarze geheiratet hätte! –

Am Sonntagmorgen sagte Lenz: »Ich hab's ganz vergessen; ich hab' dir auf heute mittag einen Gast eingeladen, du hast doch nichts dagegen?«

»Nein, wen denn?«

»Meinen guten Pilgrim.«

»Du solltest aber den Ohm auch einladen, das gehört sich.«

»Ja, ich habe auch schon daran gedacht, aber das darf man nicht, ich kenne ihn.«

Die Glocken im Thale begannen zum erstenmal zu läuten, und Lenz sagte: »Ist das nicht schön? Meine Mutter hat tausendmal gesagt, wir hören die Glocken selber nicht, wir hören nur den Widerhall vom Walde hinter unserm Haus, und das ist, wie wenn's vom Himmel herunter läutete.«

»Jawohl, wir wollen uns aber auf den Weg machen,« schloß Annele. Unterwegs begann sie: »Lenz, es ist nicht aus Neugierde, warum ich frage, ich bin deine Frau, mir darfst du's sagen, und ich schwör' dir da beim Glockengeläute, es bleibt bei mir.«

»Brauchst nicht zu schwören, nie, ich habe einen Widerwillen gegen das Schwören. Sag, was willst du?«

»Lenz, du und dein Ohm, ihr habt so einverständlich gethan an unsrer Hochzeit; was habt ihr denn miteinander ausgemacht von wegen der Erbschaft?«

»Gar nichts; wir haben noch nie ein Wort darüber geredet.«

»Und du hast doch so gethan, als wenn alles mit sieben Siegeln verbrieft wär'.«

»Ich hab nichts gethan, als ich habe gesagt, ich bin mit meinem Ohm einverstanden, und das sind wir auch. Wir reden nichts von solchen Sachen, er hat seinen freien Willen.«

»Und du hast ihn aus der Klemme gelassen? Damals hätt' er nicht nebenaus können. So eine Zeit kommt nicht wieder. Er hätte uns, heißt das dir, viel vermachen müssen.«

»Ich kann aber nicht leiden, daß sich Fremde da drein mengen. Und ich bin ja nicht in der Klemme, und wenn er mir nichts vererbt, ich kann mir selber verdienen, was ich brauche.«

Annele schwieg; aber in ihrer Seele war es nicht wie Glockengeläute, das eben draußen in hellen Klängen über Thal und Berg hinschwebte. Sie gingen still miteinander zur Kirche, und nach derselben, ehe man heimwärts ging, machte man noch einen Besuch bei den Eltern.

Nicht weit von der freien Wiese rief Pilgrim hinter ihnen: »Nehmt eine arme Seele mit in euern Himmel!« Beide lachten und wendeten sich um. Pilgrim war munter auf dem Wege und noch munterer bei Tisch; zuletzt trank er ein volles Glas auf das Wohl des Burschen, bei dem er Gevatter stehen werde.

Annele mußte mit anstoßen, und sie war überaus freundlich gegen Pilgrim. Anfangs war es ihr dabei unheimlich, denn sie begegnete einmal dem Blick ihres Mannes, der da sagte: Wie? So schön kannst du lügen? Sie sah nicht mehr auf ihn, aber sie glaubte hinter ihrem Rücken sein Kopfschütteln zu spüren, und sie war bös auf ihn. Als sie aber jetzt nach ihm umschaute und sein freudeglänzendes Gesicht sah, darauf geschrieben stand, wie gern und getreu er an ihre Güte glaubte, war diese zur Wahrheit in ihr, und sie sagte Pilgrim geradezu: »Von heut an bin ich dir wirklich gut. Ihr habt's doch gut auf der Welt, daß ihr so Freunde zu einander seid.«

Als Pilgrim wegging, begleitete ihn Lenz eine Strecke, und Pilgrim lobte jetzt Annele überaus. Beim Wiedereintritt in die Stube rief Lenz freudig: »Mir hat's noch nie in meinem Leben besser geschmeckt, als heute. Was gibt's Besseres auf der Welt, als mit ehrlicher Arbeit gehörig zu essen und zu trinken haben und eine liebe Frau dabei und einen guten Freund?«

»Ja, der Pilgrim ist ein unterhaltsamer Mensch,« bestätigte Annele.

»Und das freut mich noch,« setzte Lenz hinzu, »du hast ihn bekehrt. Er ist gar nicht so gut gegen dich gewesen, aber du hast ihn bekehrt, du bist eine Hexe, du kannst aus jedem machen, was du willst.«

Annele schwieg, und Lenz bereute, daß er ihr das mitgeteilt, es war doch nicht nötig; aber Ehrlichkeit schadet nichts. Er wiederholte nochmals: daß es Annele besondere Freude machen müsse, einen Widersacher so gründlich verwandelt zu haben. Annele schwieg noch immer und redete nichts drein, wenn später und oft der Name Pilgrims genannt wurde.

Lenz war nur zu bekehren, wenn er auch über andre Menschen anders denken lernte. Sie feierte mit der Zeit manchen Triumph, denn sie zeigte Lenz bei allen Gelegenheiten, wie schlecht, wie verdorben, hinterlistig und falsch alle Menschen sind.

»Ich hab's gar nicht gewußt, daß die Welt so ist; ich hab' doch gelebt wie ein Kind,« sagte Lenz, und Annele fuhr fort:

»Ja, Lenz, ich bin für dich in der Fremde gewesen, habe tausend und tausend Menschen kennen gelernt in Handel und Wandel, habe gesehen und gehört, wie sie reden, wenn einer den Rücken wendet, mit dem sie schön thun, und wie sie ihn auslachen, weil er an treuherzige Mienen und Redensarten glaubt. Es geht den meisten Menschen kein wahres Wort aus dem Maul heraus. Ich kann dir mehr berichten, als wenn du zehn Jahre auf der Wanderschaft gewesen wärest.«

»Nützt das was?« fragte Lenz. »Ich sehe nicht, daß es etwas nützt. Wenn man seinen geraden Weg geht, kann die Welt um uns herum schlecht sein, sie kann doch nichts machen; und es gibt auch viele ehrliche Menschen. Aber du hast recht, so ein Kind im Wirtshaus ist daheim in der Fremde. Du hast das auch gespürt, an jenem Abend hast du mir's gesagt. Es muß dir lieb sein, daß du jetzt erst recht daheim bist, da kann nicht jeder hereinkommen und sich für seinen Schoppen hinflötzen, wie er will, und sich und andre schlecht machen.«

»Freilich,« erwiderte Annele, aber schon nicht mehr so entzückt, denn es verdroß sie wieder, daß Lenz ihre Vergangenheit nicht hoch pries. Er kann sich was drauf einbilden, daß er sie erst ins Glück gesetzt.

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