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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Neunzehntes Kapitel. Heimsuchungen unten und oben.

Der erste Glückwünschende, der zu Annele kam, war Faller. Sie sah zwar sehr von oben herab auf den armen Teufel, aber seine Unterwürfigkeit that ihr doch wohl, und Faller wußte gar nicht Entschuldigungen genug vorzubringen, daß er schon so früh komme, es habe ihm keine Ruhe gelassen, der Lenz sei ihm ans Herz gewachsen; für den ließe er sich alle Adern aufschneiden.

»Freut mich, daß mein Bräutigam so gute Freunde hat; es kann einem jeder helfen in der Welt, wer er sei.«

Faller verstand den letzten Stich nicht, oder wollte ihn nicht verstehen, und nun begann er mit begeisterten Worten zu schildern, welch ein heiliges Herz in Lenz sei. Die Thränen standen ihm in den Augen, als er schloß: »Annele, er hat ein Herz wie ein Engel, wie ein neugeborenes Kind; sei um Gottes willen nie herb gegen ihn, du thätest dich an Gott versündigen; denk' nur immer, du hast einen Menschen, dem jedes scharfe Wort wie ein Messer in den Leib fährt. Er ist nicht anfechtig (schnell zornig), aber er nimmt sich alles zu arg zu Herzen. Nimm mir's ja recht nicht übel, daß ich dir das sage, ich thu's ja zu eurem Guten; ich möchte was für ihn thun, und ich weiß nicht, was. Du bist auserwählt von Gott, daß du so einen Menschen haben sollst; das ist ein Mensch, der darf überall frei hinstehen und darf dreinreden, es kann ihm niemand auch nur das Geringste vorwerfen, der hat sein Lehen lang keinen Mißtritt gethan. Geh nur recht lind mit ihm um, recht lind und gut.«

»Bist du fertig?« fragte Annele – aus ihrem Auge zuckten Blitze – »oder hast du noch was zu sagen?«

»Nein.«

»So will ich dir was sagen. Du hast dich so keck benommen, daß ich dich gleich hinauswerfen lassen könnte. Was ist das? Was erlaubst du dir? Wer hat dich zum Fürsprech gemacht? Wie kannst du mir zumuten, daß ich herb sei? Aber gut, gut, daß ich das jetzt schon erfahre; ich sehe, was für Bettelvolk sich an meinen Lenz gehängt hat. Ich will schon den Kehrbesen nehmen und auskehren. Es ist vorbei, daß ihr ihn aussaugt mit Schönthun. So, den Schoppen, den du verzehrt hast, schenk' ich dir. Jetzt kannst du gehen. Ich will aber meinem Lenz sagen, was du dir erlaubt hast; das wird dir aufgekreidet! Adje.«

Faller konnte beschwören und beteuern, bitten und betteln, es nützte nichts. Annele wies ihm die Thür. Er ging endlich davon. Annele würdigte ihn nicht des Nachschauens.

Bald nach Faller kam Franzl strahlend von Glück. Die Mutter nahm sie schnell ins Stüble. Die Franzl pries sich glücklich, daß sie das fertig gebracht habe; sie beteuerte, nun ruhig sterben zu können. Aber es schlug ihr schlecht aus, daß sie sich mehr zuschrieb, als sie verdiente; nun bekam sie gar nichts. Die Löwenwirtin belehrte sie: »Franzl, was denkst? Du hast nichts gethan bei der Sache, und ich auch nicht. Ja, wir sind der jungen Welt nicht mehr gescheit genug! Wir reden da noch vor ein paar Tagen, wie es werden könnte, und derweil sind die schon lang hinter unserem Rücken fertig. Meinem Annele hätte ich so was zugetraut, aber dem Lenz nicht. Aber es ist besser so, das hat Gott gemacht, dem wollen wir danken.«

Franzl stand Mund und Augen auf, aber sie bekam nicht so viel in den Mund, als man im Auge leiden kann; sie mußte leer wieder heim, und Annele redete kaum ein Wort mit ihr; denn eben kam Pilgrim.

Ganz anders, als gegen Faller, mußte sich Annele gegen Pilgrim benehmen. Sie wußte, daß er ihr nicht hold war; aber noch ehe er ein Wort geredet hatte, dankte sie ihm für die herzliche Teilnahme, die er habe, und Pilgrim behandelte die ganze Sache äußerst scherzhaft und wohlgemut, wobei er jedoch einfließen ließ, daß niemand zu trauen sei, Lenz habe ihm kein Wort vorher gesagt. Damit hatte er sein Gewissen geborgen und doch nichts gestört, was einmal feststand.

Es gab noch einen harten Ast zu sägen, das war Petrowitsch; die Hauptsäge, der Vater, mußte da herbei. Petrowitsch, der zum Mittagstisch sich einstellte, that, als ob er von nichts wüßte. Der Löwenwirt teilte ihm nun die Sache offiziell mit und sagte, Lenz werde gleich kommen, er komme zum Essen. Annele war überaus kindlich und unterwürfig gegen den Alten, es fehlte nicht viel, daß sie niederkniete und um seinen Segen bat. Er reichte ihr wohlwollend die Hand. Auch die Löwenwirtin wollte eine Hand haben, sie erhielt aber nur zwei Finger der Linken. Lenz war froh, als er kam und alles bereits in guter Ordnung fand. Nur that es ihm weh, daß Pilgrim, der so über alle gesprochen, mit am Tische saß. Aber Pilgrim war unbefangen, und so wurde es Lenz auch.

Der Himmel machte ein finsteres Gesicht zur Verlobung des Lenz. Es regnete mehrere Tage unaufhörlich. Es rieselte immer so fort, wie ein unleidlicher Schwätzer, der gar kein Punktum finden kann in seiner Rede. Lenz war natürlich viel im Löwenwirtshaus, und da ist's so geschickt, da ist man bald für sich wie in einem andern Hause, bald auf einem gewärmten »Marktplatz«, wie Lenz einmal gegen Annele die große Wirtsstube mit den sechzehn Tischen nannte.

»Du bist witzig,« sagte diese, »das muß ich meinem Vater sagen, der hat solche Worte gern.«

»Ist nicht nötig, es ist genug, wenn ich dir's gesagt habe; sag's nicht weiter.«

Lenz ging den langen, jetzt fast grundlosen Weg von der Morgenhalde auf und ab, als ging's von einer Stube in die andere. Auf dem Wege wurde ihm oft Glück gewünscht von Männern und Frauen, und viele sagten: »Du siehst aus, wie wenn du seit deiner Verlobung gewachsen wärest.«

In der That ging Lenz seit dieser Zeit stolz aufgerichtet wie noch nie; und dann lächelte er, wenn man ihm vorhielt: »Du stehst hoch im Preis, denn was einer für eine Frau kriegt, das ist der Preis, den er gilt. Ohne dir zu nahe treten zu wollen, ich hätte es nie geglaubt, daß das Annele im Dorf bleiben würde. Man hat ja immer gesagt, sie heiratet einen Wirt in Baden-Baden, oder den Techniker . . . Du kannst lachen, dir ist dein Brot in den Honig gefallen.«

Lenz war gar nicht beleidigt, daß man ihn für geringer hielt; im Gegenteil, er war stolz, daß Annele so bescheiden war und ihn auswählte. Wenn er bei Annele und der Mutter im Stüble saß und der Alte bisweilen kam und ein gewichtiges Wort brummte, da sagte Lenz: »O, lieber Gott! wie dank' ich dir, daß du mir wieder Eltern gegeben hast! Und was für Eltern! Ich bin zum zweitenmal auf die Welt gekommen. Ich kann mir's gar nicht glauben, daß ich da im Löwen daheim sein soll. Wenn ich bedenke, wie mir's als Kind gewesen ist, wie man da den obern Stock aufgesetzt hat und Spiegelglasscheiben in alle Fenster! In Karlsruhe ist gewiß das Schloß nicht schöner – haben wir Kinder zu einander gesagt. Und ich bin dabei gewesen, wie der goldene Löwe aufgehängt worden ist. Wenn ich mir damals hätte denken können, daß ich in dem Schloß einmal daheim sein könnte. Es ist doch hart, daß das meine Mutter nicht noch erlebt hat.«

Die beiden Frauen wurden gerührt von diesen Worten, wenngleich Annele dabei die Stiche an ihrer Stickerei zählte, denn sie hatte sofort begonnen, für Lenz ein Paar Pantoffeln zu flicken. Sie sprachen beide lange nichts, bis die Mutter sagte: »Ja. und was für eine schöne Familie kriegst du noch außerdem an den andern beiden Schwiegersöhnen! Ich hab' dir's schon gesagt, sie sind mir wert und lieb, aber ganz anders wie du; dich kenn' ich von Jugend auf, du bist mir, wie wenn ich dich unter dem Herzen getragen hätte. Aber du kennst sie ja, was das für feine, adlige Menschen sind. Und Geschäftsleute oben 'raus. Es wär' ein anderes froh, wenn es so viel Vermögen hätte, als die in einem Jahr verdienen.«

Annele aber sagte nach geraumer Weile: »Wenn nur der dumme Regen einmal aufhören möchte! Weißt du, Lenz? Dann lassen wir gleich anspannen und fahren einmal miteinander hinaus.«

»Ja, ich freue mich auch darauf, mit dir einmal unter Gottes weiten Himmel zu kommen. Mir ist's für mein Glück fast zu eng hier im Haus.«

»Und nach der Stadt fahren wir.«

»Ja, wohin du willst.«

Und wieder sagte Lenz: »Ich bin nur froh, daß meine Zauberflöte so gut verpackt ist; es thät' mir im Herzen weh, wenn etwas dran geschähe.«

»Das ist übertrieben,« berichtigte die Mutter. »Die Sach' ist nun einmal verkauft. Es geht jetzt auf Gefahr des Käufers.«

»Mutter, nein, das ist nicht so. Ich verstehe meinen Lenz besser. Er hat recht, ihm ist's auf Herz gewachsen, was er gemacht hat, und er möcht' immer die Hand darüber halten. Denn wenn man monatelang Tag und Nacht auf eine Sache Obacht gehabt hat, da thut's einem weh, wenn's verdorben wird.«

»Ja, lieb Annele, du bist mein!« rief Lenz im Entzücken, wie tief und gut ihn das herrliche Mädchen verstand und ihm alles so gut und getreu auslegte!

Die Mutter schalt mit süßsaurer Freundlichkeit: »Mit euch Liebesleuten kann man nicht reden; wer nicht verliebt ist, der sagt euch nichts recht.« – Sie ging ab und zu, denn Lenz hatte gebeten, daß Annele wenigstens in der ersten Zeit von den Pflichten in der Wirtsstube enthoben werde. »Ich bin nicht eifersüchtig,« beteuerte er, »kein Gedanke, aber ich möchte jedem den Blick wegnehmen, den du auf ihn richtest; es gehört alles nur mir!«

Eines Mittags hörte es eine Stunde zu regnen auf. Lenz ließ nicht ab, bis Annele ihm willfahrte und mit ihm nach seinem Hause ging. »Es ist mir, wie wenn alles auf dich wartete. Alle Töpfe, alle Schränke und auch sonstige Sachen, über die du dich freuen wirst.«

Annele widerstrebte lang und sagte endlich: »Die Mutter muß aber mitgehen.«

Diese war wider Erwarten schnell bereit. Man ging durch das Dorf. Alles grüßte. Man war kaum hundert Schritte gegangen, da klagte Annele: »Lenz, das ist ein böser Weg, da versinkt man ja fast. Den Weg mußt du besser herrichten lassen, und weißt du was? Du mußt einen Fahrweg machen lassen, daß man auch bis vor unser Haus fahren kann. Meiner Babett ihr Mann hat sich auch eine eigene Straße durchs Feld brechen lassen bis vor sein Haus.«

»Das geht bei mir schwer,« erwiderte Lenz, »das kostet viel Geld, und ich müßte das Feld kaufen. Siehst du? Erst von dort an, von der Haselhecke an, ist die Matte mein eigen, und zu meinem Geschäft brauche ich keinen Fahrweg. Nicht wahr, Annele? du weißt, ich thät' dir gern alles zulieb, aber das kann ich nicht.«

Annele schwieg und ging voraus. Die Mutter aber flüsterte Lenz zu: »Was brauchst du so viel zu reden? Hättest du gesagt: Ja, liebs Annele, wollen sehen, oder so und so. Nachher kannst du ja immer noch thun, was du willst. Sie ist ein Kind, und ein Kind muß man mit schönen Reden abspeisen. Du kannst alles mit ihr machen, wenn du gescheit bist. Nur nicht viel von einer Sache wichtig machen und jedes Wort aufheben, kurzab bei einander, und dann laß es ein paar Tage ruhen und fang nicht gleich wieder davon an; mach's nicht auf einmal aus, wenn du glaubst, daß es noch nicht fertig ist, sie besinnt sich schon allein darüber, oder vergißt es, sie ist ein Kind.«

Lenz widersprach, die Mutter groß ansehend: »Annele ist kein Kind, mit der kann man alles reden, und sie versteht alles.«

»Wie du meinst,« schmollte die Mutter achselzuckend.

Man war erst halben Wegs auf der Matte, da rief Annele von neuem: »O, lieber Gott, das ist ja so weit! Ich hab' mir's nicht so weit vorgestellt. Das dauert ja eine Ewigkeit, bis man da herauf kommt.«

»Ich kann den Weg nicht kürzer machen,« sagte Lenz barsch und trotzig. Annele drehte sich um und sah ihn durchdringend an. Er setzte stotternd hinzu: »Ich weiß, du wirst dich noch freuen, daß der Weg so weit ist. Denk', dafür haben wir ja auch eine so große Matte. Ich könnte drei Kühe halten, wenn mir's nicht zu viel Ueberlast wäre.«

Annele lachte gezwungen. Man war endlich am Hause angekommen. Annele atmete tief auf und klagte, daß ihr so heiß geworden sei.

»In Gottes Namen willkommen daheim!« sagte Lenz und faßte auf der Schwelle ihre Hand. Sie betrachtete ihn, als spräche er eine fremde Sprache, aber plötzlich sagte sie: »Du bist doch ein lieber, guter Mensch. Du machst aus allem so was Gutes.«

Lenz war zufrieden, und welch eine Freude hatte erst Franzl! Die Mutter gab ihr zuerst eine Hand, dann aber auch Annele. Und beide lobten, wie sauber und nett Hausgang, Küche und Wohnstube sei.

»Ich werde mir Mühe geben müssen, mich an die niederen Stuben zu gewöhnen,« sagte Annele und reichte mit der Hand fast an die Decke.

»Ich kann die Stuben nicht höher machen, und sie halten auch so besser warm.«

»Jawohl. Weißt, Lenz, wenn man eben aus einem so großen Haus kommt wie das unsere, da wird es einem schwer, die Decke liegt einem auf dem Kopf. Aber ich trag's gern. Brauchst nicht zu sorgen, daß mich das anficht.«

Lenz drehte die Geschirrhange, die, mit allerlei Handwerkszeug besteckt, wie ein Kronleuchter von der Decke herabhing. Er erklärte Annele die verschiedenen Handwerkszeuge; den Drillbohrer, auch Melker genannt, den Hohlbohrer, auch Neuberle genannt, und den Versenker, der auch Fresser oder Ausräumer heißt. Bald aber sagte er: »Du wirst schon bekannt mit allem werden, mit dem ich mein Leben verbringe. Das sind meine stillen Helfer. Jetzt will ich dir unser Haus zeigen.«

Die Mutter blieb bei Franzl in der Stube sitzen, Lenz führte Annele durch das ganze Haus und zeigte ihr die sieben aufgerichteten Betten und noch zwei große Federsäcke, aus denen man noch mehr füllen konnte. Er öffnete Kisten und Kasten, worin reich aufgeschichtete Linnen wohl geordnet standen, und sagte: »Nun, Annele, was sagst du dazu? Nicht wahr, du bist ganz erstaunt? Ist das nicht das Prächtigste, was man sehen kann?«

»Ja, es ist brav und ordentlich. Aber, lieber Gott:! Ich will von meiner Schwester Theres gar nicht reden; natürlich, wenn man oft sechzig Badgäste im Hause hat, braucht man viel Weißzeug, das gehört zum Geschäft; aber da solltest du nur die Kisten von der Schwiegermutter meiner Babett sehen. Was will das dagegen heißen!«

Lenz wurde leichenblaß und konnte kaum die Worte hervorstottern: »Annele, thu das nicht, sag das nicht, mach jetzt keinen Spaß.«

»Ich mache keinen Spaß, das ist mein Ernst; ich bin gar nicht verwundert, das hab' ich feiner und besser und mehr gesehen. Sei doch gescheit! Will doch nicht, daß ich mich über etwas auf den Kopf stellen soll, was ordentlich ist, aber weiter nichts. Ich habe schon mehr gesehen in der Welt, du kennst die Welt noch nicht genug.«

»Kann sein, ist wohl so,« sagte Lenz mit blasser Lippe. Annele fuhr ihm mit der Hand über das Gesicht und scherzte: »Du guter Kerl! was geht denn das dich an, ob ich drüber staune oder nicht? Deine Mutter hat's brav gemacht, in ihrem Stand ganz brav, das kann niemand anders sagen; aber, guter Lenz, wegen deinem Vermögen habe ich dich nicht geheiratet, du hast mir gefallen, du, das ist die Hauptsache!«

Diese Zurede war bitter und süß zugleich; Lenz schmeckte doch nur eigentlich das Bittere, wie ihm der Mund plötzlich gallenbitter war.

Man kehrte wieder in die Stube zurück; dort stand eine reiche Aufwartung, wie sie eben die Franzl zusammen gestellt hatte.

Annele behauptete, sie habe zu gar nichts Appetit; aber als Lenz sagte: »Das geht nicht, du mußt doch etwas genießen, wenn du zum erstenmal ins Haus kommst,« willigte sie ein, brach ein Brotränftchen ab und kaute es mühsam.

Lenz mußte die Franzl mehrmals schweigen heißen, denn sie konnte ihn gar nicht genug loben.

»Du mußt was Gutes auf der Welt gethan haben, daß du so einen Mann kriegst,« sagte sie zu Annele.

»Und er muß auch was gethan haben,« sagte die Mutter und schaute dabei auf Annele, die ihr mit einem Zornesblicke erwiderte; denn sie glaubte, daß die Mutter damit gesagt habe: Der muß auch was gethan haben, daß er die kriegt!

»Komm her, Annele, setz' dich zu mir,« bat Lenz. »Du hast schon oft gesagt, du möchtest einmal sehen, wie ich so ein Musikstück setze; das habe ich mir nun aufbewahrt, bis du zum erstenmal bei mir bist, das setze ich jetzt, und es spielt sich dann allein fort. Es ist ein wunderschönes Stück von Spohr, ich kann dir's singen, aber es ist viel, viel schöner, als ich's singen kann.«

Er sang die Arie aus Faust: »Liebe ist die zarte Blüte,« dann setzte sich Annele zu ihm, und er begann nun nach dem vorgelegten Notenblatte auf den Punkten, die er bereits mit der Hackenklaviatur vorbezeichnet hatte, die Stifte in die Walze einzurammen, und jeder Stift saß beim ersten Schlage vollkommen fest.

Annele war voll Bewunderung, und Lenz arbeitete frohmutig weiter; er bat sie indes, nicht zu sprechen, denn er müsse auf das Metronom achten, das er in Gang gebracht hatte.

Die Mutter wußte, daß Stillsitzen und müßig Zuschauen für Annele eine schwere Arbeit war; sie sagte daher, glückselig lächelnd: »Das weiß jeder, daß du ein ganz geschickter Mensch bist; aber wir müssen heim, es ist schon Mittag, und wir haben Fremde; es ist genug, daß du das angefangen hast, während wir da sind.«

Annele erhob sich, und Lenz ließ von der Arbeit ab.

Franzl schaute immer auf die Hände Anneles und der Löwenwirtin, und wenn eines in die Tasche fuhr, erzitterte sie und verbarg schnell im voraus die Hände hinter dem Rücken, um zu zeigen, daß sie nichts will; sie läßt sich nur zwingen, etwas anzunehmen. Jetzt kommt's gewiß, jetzt kommt die goldene Kette oder ein brillantener Ring oder hundert neue Thaler, solche Leute geben gleich groß.

Aber sie gaben weder groß noch klein, kaum die Hand zum Abschied, und Franzl ging in die Küche, nahm einen ihrer größten und ältesten Töpfe, hielt ihn hoch, sie wollte ihn den schlechten, undankbaren Menschen nachwerfen; der Topf dauerte sie aber. Hat man je so was gehört? Nicht einmal eine Schürze einem bringen! Armer, armer Lenz! Du bist bös hineingefallen. Gottlob, daß ich nichts dazu gethan habe. Das ist recht, sie haben's ja selber gesagt, daß ich nichts dazu gethan habe. Gottlob, von dieser Sache will ich keinen Lohn, jeder Heller thät' mir auf der Seele brennen. –

Lenz gab der Schwiegermutter und der Braut das Geleit bis über seine Matte hinaus, dann kehrte er wieder heim, denn es war ausgemacht, wenn den andern Tag schön Wetter ist, fährt man über Land zur Schwester Babett.

Lenz hatte noch mancherlei vorzubereiten und dem Gesellen und Lehrjungen Anweisungen zu geben.

Es war ihm seltsam zu Mute, wie er wieder so allein war, und kaum nach zwei Stunden wollte er wieder hinab zu Annele. Ihm war so bang, er wußte nicht warum. Sie sollte und konnte die Bangigkeit lösen. Er blieb aber doch daheim; und als er noch vor Schlafengehen die offen gebliebenen Kisten und Kasten verschloß, war's ihm, als müßte er etwas hören, er wußte nicht was; da lag das Gespinst der Mutter, das sie mit ihrem Munde genetzt und mit ihrer Hand gesponnen hatte. Es ist seltsam, es ist, wie wenn ein Geist immer hinter ihm drein ginge und aus Kisten und Kasten heraus jammerte – –

In ihrer Kammer aber saß Franzl noch aufrecht in ihrem Bett; sie murmelte allerlei Verwünschungen gegen die Löwenwirtin und Annele, bat aber Gott sogleich wieder, er möge ihr die Worte zurückgeben, sie sollten nicht gesprochen sein, denn alles Böse, was nun das Annele betraf, traf ja auch den Lenz.

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