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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtzehntes Kapitel. Heimlich stille Liebe, Verspruch ohne Anhang und Einungskampf.

Als Lenz weggegangen war, saß Pilgrim lange allein, starrte in das Licht und zwirbelte heftig an seinem rötlichen Kinnbart. Er war ärgerlich, er hatte zwar alles gesagt, aber er hatte zu viel gesagt und seinen Zweck verfehlt; zurücknehmen konnte er nichts, es war ihm ja alles wahr, aber was half's? Er ging unruhig in seinem Zimmer umher, dann saß er wieder still und starrte in das Licht. Wie ist doch das Leben so seltsam! Wie weniger Menschen Schicksal kommt zu seinem geraden Ziele! Man will's nicht glauben, solang man jung ist; man schilt die Alten griesgrämig, und am Ende wird man selber so und findet sich in die Flickschneiderei. Nein, lustig ist's. Man muß nur nicht alles haben wollen.

Ein tief verborgenes Leben zog an Pilgrim vorüber. Es war vor zehn Jahren, als er mit dem Mute, die ganze Welt zu erobern, in die Fremde zog, und ein stilles Glück beseelte ihn. Er hatte nicht Wort, nicht Zeichen gegeben und erhalten, und doch war's sicher in ihm. Er liebte die schöne, schlanke Tochter des Doktors, Amanda, und sie, sie hatte sich zu ihm geneigt wie eine Prinzessin, wie eine Göttin, ja, sie hatte sich zu ihm geneigt; er half ihr in Feierstunden die Stäbe zu den fremden Pflanzen einsetzen, darauf er selbst aus einem Buche die Namen gar zierlich abgeschrieben hatte. Sie behandelte den armen, verlassenen Knaben wie ein milder Geist, und selbst, als er zum Jüngling heranwuchs, durfte er ihr noch manchmal beistehen; sie war immer gleich liebreich und jeder Blick wie gesegnet. Als er allein in die Fremde zog und noch einmal an dem Garten vorüberkam, da reichte sie ihm über den Gartenzaun nochmals die Hand und sagte: »Ich habe ein ganzes Stammbuch von dir; die Täfelchen, worauf du die fremden Namen geschrieben. Wenn du jetzt draußen in der Welt die fremden Pflanzen findest, da wo sie daheim sind, wirst du auch manchmal an unsern Garten gedenken und an das Haus, wo dir alle Menschen gut sind. Leb' wohl und komm' auch wieder!«

»Leb wohl und komm' auch wieder!« Das war ein Wort, das den Wandersmann über Berg und Thal, über Meere und durch fremde Länder begleitete, und manches Echo hat den Namen Amanda, der sich unwillkürlich jubelnd in die Welt hineinrief, zurückgegeben.

Pilgrim wollte reich werden, ein großer Künstler werden und sich Amanda erwerben. Er kam arm und zerfetzt wieder heim. Als viele ihn mit wohlfeilem Spott empfingen, sagte Amanda – sie war größer und stärker geworden, und ihr braunes Auge leuchtete –: »Pilgrim, seien Sie froh, daß Sie wenigstens gesund sind, und erhalten Sie sich Ihren heiteren Mut.«

Und er bewahrte sich seinen frohen Mut. Er gewöhnte sich daran, sie zu lieben, wie drüben die schöne Linde in Nachbars Garten, wie die Sterne am Himmel. Niemand hörte je ein Wort, sah je ein Zeichen seiner Liebe, selbst Amanda nicht. Und wie die Sage von Edelsteinen erzählt, die in der Nacht leuchten gleich der Sonne, so durchleuchtete die innige Neigung zu Amanda das Leben Pilgrims. Er sah sie oft wochenlang nicht, und wenn er sie sah, blieb sein Benehmen so ruhig, als wenn ihm ein Fremdes begegnete. Nur der Gedanke beschäftigte ihn oft, wer sie heimführen werde. Er wollte aus der Welt gehen, ohne daß sie je ahnte, was sie ihm war, aber sie sollte glücklich sein. Lenz war der einzige, der sie heimführen sollte, ihm gönnte er sie, sie waren einander wert, und er wollte ihre Kinder auf den Armen wiegen und sie erlustigen mit dem ganzen Vorrat seiner Lieder und Scherze. Jetzt war auch das anders geworden, und Lenz stand dazu noch an einem Abgrund, das glaubte Pilgrim fest.

So starrte er lang in das Licht und schüttelte bisweilen den Kopf, bis er das Licht löschte und sich sagte: »Ich habe mir selber nicht helfen können, ich kann auch andern nicht helfen.«

Unterdes war Lenz heimwärts gegangen. Er ging langsam. Er war so müde, daß er sich auf einen Steinhaufen am Wege setzen mußte. Als er ans Löwenwirtshaus kam, war alles dunkel, kein Stern blinkte mehr, der Himmel hatte sich mit Wolken überzogen. Lenz war stehen geblieben, und es war ihm, als müßte das ganze Wirtshaus auf ihn niederstürzen.

Er ging heim. Franzl schlief schon. Er weckte sie, er mußte einen Menschen haben, der sich mit ihm freute; Pilgrim hatte ihm alles wie mit Asche bestreut.

Franzl war glückselig über die Nachricht, die sie erhielt, und Lenz lächelte, da Franzl zum Beweis, daß sie auch wisse, was Liebe sei, ja, nur zu gut, zum hundertstenmale ihre »gefehlte Liebe«, wie sie es beständig nannte, erzählte. Sie begann stets mit Weinen und hörte mit Zanken auf, und sie hatte zu beidem recht.

»Wie schön war's damals daheim, drüben im Thal! Er war der Nachbarssohn und brav und fleißig und schön, so schön gibt's keinen mehr; das soll mir niemand übelnehmen, aber es ist so. Aber er – ich will seinen Namen nur nennen, es weiß doch jedermann, daß er Anton Striegler geheißen hat – er hat hoch hinaus gewollt und ist auch in die Fremde auf die Handelschaft, und dort am Bach hat er noch zum Abschied gesagt: Franzl, hat er gesagt, so lang der Bach da fließt, bin ich dir getreu im Herzen, und bleib du es auch. Er hat schön reden und auch im Schreiben die Worte schön setzen können, ja, so sind die falschen Menschen, ich hätt's nie geglaubt. – Durch vier Jahre lang habe ich siebzehn Briefe von ihm bekommen, aus Frankreich, aus England und aus Spanien. Der Brief auf England hat allemal einen Kronenthaler gekostet, denn der Napoleon hat damals keinen Kaffee und keinen Brief zu uns hereinlassen wollen, und da ist der Brief, wie unser Pfarrer gesagt hat, über Konstantinopel und durch Oesterreich hierher und hat allemal einen ganzen Kronenthaler gekostet. Nachher nichts mehr, ist lang keiner mehr gekommen. Vierzehn Jahre hab' ich gewartet, da höre ich, daß er sich in Spanien mit einer Schwarzen verheiratet hat. Ich habe nichts mehr wissen wollen von dem schlechten Menschen, schlechter gibt es doch keinen, und da habe ich die schönen Briefe, die Lügenbriefe, die er mir geschrieben hat, verbrannt; die Liebe ist in Rauch aufgegangen zum Schornstein hinaus.«

Mit diesen feststehenden Worten schloß Franzl immer. Heute hatte sie einen guten Zuhörer gehabt, den besten, er hatte nur den einzigen Fehler, daß er eigentlich gar nicht hörte, was sie sagte; er starrte sie nur immer an und dachte an Annele. Jetzt kam Franzl aus Dankbarkeit auch auf diese zu reden. »Ja, ich will's dem Annele sagen, wie du bist, ich kenne dich ja am besten. Du hast dein Leben lang kein Kind beleidigt, und wie gut bist du immer gegen mich gewesen! Mach' nur kein so finsteres Gesicht. Sei lustig! Ich weiß wohl, ach Gott, ich weiß ja, wenn man ein so großes Glück erfährt, meint man, man müsse darunter zusammenbrechen. Gottlob, ihr habt's gut, ihr bleibt ruhig bei einander daheim und könnt euch jeden Tag, den Gott gibt, guten Morgen und gute Nacht sagen. Jetzt sag' ich auch gut Nacht! Es ist spät.«

Mitternacht war vorüber, als Lenz endlich die Ruhe suchte, und mit einem »Gut Nacht, Annele! Gut Nacht, du gutes Herz!« schlief er ein.

Am Morgen war's ihm seltsam zu Mute. Er erinnerte sich, daß er geträumt hatte: er stand hoch oben auf dem Bergeskamm hinter seinem Hause dort auf hohem Felsen, und er hatte immer einen Fuß gehoben und wollte hinaufsteigen in die Luft – – – –

Das fehlte noch, daß ich mich noch von Träumen ängstigen lasse, sagte er und wischte den Traum von der Seele weg und betrachtete die Denkmünze. Noch mehr aber erlustigte er sich an den kleinen Schuhen und an dem ersten Kleidchen Anneles, bis er diese Heiligtümer zu der Hinterlassenschaft seiner Mutter einschloß.

Es kam ein Bote von der Löwenwirtin: Lenz solle um elf Uhr kommen. Lenz zog sich sonntäglich an und eilte zum Ohm Petrowitsch.

Nachdem er mehreremale an der Klingel gezogen und endlich eingelassen wurde, kam ihm der Ohm etwas unwirsch entgegen: »Was gibt's denn schon so früh?«

»Ohm, Ihr seid meines Vaters Bruder –«

»Ja, und wie ich in die Fremde gegangen bin, habe ich deinem Vater alles gelassen. Alles, was ich habe, habe ich mir selber erworben.«

»Ich will kein Geld von Euch, Ihr sollt nur Vaterstelle bei mir vertreten.«

»Was? Wie?«

»Ohm, des Löwenwirts Annele und ich, wir haben einander gern, rechtschaffen gern, und die Mutter des Annele weiß es und hat eingewilligt, und jetzt in dieser Stunde soll ich beim Vater anhalten, wie's der Brauch ist, und da sollt Ihr mit mir gehen, weil Ihr meines Vaters Bruder seid.«

»So?« sagte Petrowitsch, nachdem er ein Stück weißen Zucker in den Mund gesteckt, die teppichbelegte Stube auf- und abgehend.

»So?« sagte er bei der Wendung noch einmal. »Eine alerte Frau kriegst du, und ich muß sagen, du hast Courage. Ich hätte dir's nicht zugetraut, daß du die Courage hättest, solch eine Frau zu nehmen.«

»Warum Courage? Was ist denn dabei?«

»Nichts Schlechtes, aber ich hätt's nur nicht geglaubt, daß du so hoffärtig bist, so eine Frau zu nehmen.«

»Hoffärtig? Was ist da für Hoffart dabei?«

Petrowitsch lächelte und gab keine Antwort. Lenz fuhr fort: »Ohm, Ihr kennt sie ja, sie ist ordentlich und genügsam und kommt aus einem braven Haus.«

»Ich mein's nicht so. Es ist Hoffart von dir, daß du dir einbildest, einem Mädchen, das in einem Wirtshaus zweiundzwanzig Jahre alt geworden ist, auf der einsamen Morgenhalde eine ganze Wirtsstube voll schmeichelnder Gäste ersetzen zu können. Es ist Hoffart von dir, daß du eine Frau, die einem großen Wirtshaus vorstehen kann, für dich allein haben willst. Ein ganzer Mann nimmt keine Frau, die ihm das halbe Leben auffrißt, wenn er ihr zu Gefallen leben will. Und so eine Frau zu regieren, ist keine Kleinigkeit; das ist schwerer, als vom Bock herunter vier Steppenpferde zu regieren.«

»Ich will sie nicht regieren.«

»Glaub's. Aber eines muß sein: regieren oder regiert werden. Das muß ich sagen, gutmütig ist sie. Freilich nur gegen den, der sie lobt oder ihr unterthänig ist; sie ist die einzige Gute im Haus. Die beiden Alten, da ist jedes auf seine Art scheinheilig; die Frau mit vielem Schwätzen, der Mann mit wenig Schwätzen. Wenn er ein Wort sagt, gibt er dabei zu verstehen: Bei mir wiegt jedes Wort ein Pfund, kannst's nachwägen, es wird richtig sein, wird kein Quentchen fehlen. Und wie er einen Fuß setzt, heißt jeder Schritt: Da kommt der Ehrenmann; wie er die Gabel in die Hand nimmt: So ißt der Ehrenmann; und wenn er zum Fenster hinausschaut, soll ihm Gott vom Himmel herunter sagen: Guten Morgen, Ehrenmann! Und ich wette meinen Kopf, er ist die Gabel in der Hand und die knacksenden Stiefel am Fuße schuldig.«

»Ohm, das hab' ich nicht hören wollen.«

»Glaub's.«

»Ich hab' Euch nur in allem Respekt fragen wollen, ob Ihr an Vaterstatt mit mir gehen wollet zur Brautwerbung.«

»Fällt mir nicht ein. Du bist volljährig, du hast mich ja nicht vorher gefragt!«

»Nehmt mir's nicht übel, daß ich Euch jetzt gefragt habe.«

»Gar nicht. – Halt!« rief Petrowitsch, als Lenz eben weggehen wollte, »noch ein Wort, nur noch ein einziges Wort.«

Lenz kehrte um, und Petrowitsch legte zum erstenmal in seinem Leben die Hand auf die Schulter des Neffen, und diesen durchzuckte es wunderbar von der Berührung, noch mehr aber von den Worten, da Petrowitsch mit bewegter Stimme sagte: »Ich möchte doch nicht umsonst gelebt haben für die Meinigen. Ich will dir was geben, viele Menschen gäben ihr Leben drum, wenn sie's zur Zeit bekommen hätten. Lenz! Wenn ein Mensch in Hitze und Jast ist, darf er nicht trinken; er kann sich den Tod hineintrinken, und der thut ihm gut, der ihm das Glas aus der Hand schlägt. Man kann aber auch anders erhitzt sein, und da darf man nichts trinken, will sagen, nichts thun, was fürs ganze Leben gilt, man kann sich auch den Tod mit anthun, ein langsames Siechtum. Du darfst jetzt zu keiner Heirat dich entschließen, auch wenn es eine andre wäre als das Annele; du bist erhitzt, schnaufe zuerst ruhig aus, und in einem halben Jahre frage wieder bei dir an. Laß mir's, ich will bei dem Löwenwirt für dich aufkündigen; laß sie dann auf mich schimpfen, schadet mir nichts. Willst du mir folgen und absetzen? Du trinkst ein Siechtum in dich hinein, daß kein Doktor dir mehr helfen kann.«

»Ich bin verlobt, da hilft kein Reden mehr,« erwiderte Lenz.

Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn, als er das Haus des Ohms verließ.

Aber so sind die alten Junggesellen! Das Herz verhärtet ihnen. Der Pilgrim und der Ohm, es ist eigentlich kein Unterschied. Und prächtig ist's. Der Pilgrim hält den Alten allein für brav und der Ohm das Annele allein für brav; jetzt wird noch ein dritter kommen, der wird die Alte allein für brav halten. Geht mir alle miteinander! Wir brauchen keinen Zeugen, ich bin Manns genug für mich. Das muß aufhören, daß es sich jeder herausnimmt in meine Sachen dreinzureden. Und jetzt in einer Stunde werde ich fest in einer stammhaften Familie.

Es dauerte keine Stunde, und Lenz war fest darin. Die Einreden Pilgrims und des Ohms hatten keinen Einfluß auf ihn; das aber hatten sie doch bewirkt: wie er so unbeirrt um Annele beim Vater warb, so stolz und fest, sprach etwas in ihm: Sie wird es einsehen und mir danken, daß ich mich an keine Einreden gekehrt habe.

Das war bös.

Annele hielt mit der einen Hand die Schürze vor die Augen, mit der andern hielt sie die des Lenz fest, als die Handreichung gethan war; der Löwenwirt ging im Stüble auf und ab, seine neuen Stiefel knarrten laut, die Löwenwirtin weinte, sie weinte wirkliche Thränen und rief: »O, lieber Gott, so das letzte Kind aus dem Haus geben! Wenn ich mich niederleg' und wenn ich aufsteh', werd' ich mir nicht zu helfen wissen: wo ist mein Annele? Aber das sag' ich: vor einem Jahr leid' ich die Hochzeit nicht. Daß du uns lieb bist, Lenz, brauchen wir dir das zu sagen, wenn man einem sein letztes Kind gibt? O Gott! Wenn das deine Mutter nur noch erlebt hätte! Aber sie wird sich im Himmel oben freuen und an Gottes Thron für euch stehen.« – Beim Anschlag dieses Tones mußte Lenz laut aufweinen. – Hatten schon bei den Reden der Frau die Stiefel des Löwenwirts unwillig geknarrt, so knarrten sie jetzt noch viel rascher. Endlich schwiegen die Stiefel des Löwenwirts, und sein Mund begann: »Jetzt genug, wir sind da Männer. Lenz! Schau ruhig auf; so, so ist's recht. Jetzt sag', wie hast du' s mit dem Weibergut?«

»Ich habe ja nicht nach der Ehesteuer gefragt; es ist Euer Kind, und Ihr werdet es nicht verkürzen.«

»Da hast du recht. Bei uns gilt der alte Spruch: So viel Mund, so viel Pfund,« schaltete der Löwenwirt ein, dann schwieg er; er hat nicht nötig, viel Worte zu machen.

Lenz fuhr fort: »Reich bin ich nicht, meine Kunst ist mein Hauptvermögen, aber ich danke meinen Eltern, daß sie für alle Not gesorgt haben. Da fehlt's nicht. Wir haben unser ehrlich Brot und auch noch ein bißle Butter dazu.«

»Das ist gut gesagt, accurat, so hab ich's gern. Jetzt aber wegen dem Ehevertrag, wie meinst du da?«

»Da habe ich keine Meinung, dafür sind die Landesgesetze da.«

»Ja, man darf aber einen besonderen Vertrag machen. Schau, du weißt, eine Witfrau ist nur noch das Halbe wert, da muß Geld nachhelfen. Jetzt, wenn du ohne eheleibliche Erben vor der Frau stirbst –«

»Vater!« schrie Annele, »wenn Ihr so was reden wollet, da lasset mich fort; ich kann's nicht hören.«

Auch Lenz war erblaßt. Der Löwenwirt aber fuhr gleichmäßig fort: »Thu nicht so zimpfer. So seid ihr Frauenzimmer! Nur nicht von Geld reden! Pfui! Aeh! Bäh! Es schüttelt euch, wie wenn euch ein Frosch an den Füßen krabbelte; wenn aber kein Geld da ist, da könnt ihr schön aufbegehren. Du hast es, gottlob! dein Lebtag nicht erfahren und sollst es auch dein Lebtag nicht, drum wegen Leben und Sterben –«

»Ich will nichts davon hören! Ist das die Freude beim Verspruch, daß man von so was redet?« widerstritt Annele.

»Der Vater hat recht,« beschwichtigte die Mutter. »Sei gescheit, es ist bald vorbei, nachher kann man noch lustiger sein.«

»Mein Annele hat recht,« sagte Lenz mit starkem ungewohntem Tone. »Wir heiraten nach Landesgesetz, und damit Punktum, und weiter kein Wort mehr. Komm, Annele. Was! Leben und Sterben! Es gibt jetzt nur Leben! Nichts für ungut, Vater und Mutter, wir sind ja einig; jetzt ist jede Minute eine Million wert. Weißt, Annele, wie's im Lied heißt?

Großer Reichtum bringt mir kein' Ehr',
Große Armut keine Schand',
Und so wollt' ich, daß ich tausend Thaler reicher wär'
Und hätt' mein Schätzlein an der Hand.«

So wollte er singend mit Annele zur Stube hinaustanzen, aber der Löwenwirt legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit gewichtiger Stimme:

»Halt! Noch ein Wort.«

Lenz stand, wie verwirrt, ihm war's, als hätte sich ein Dolch zwischen die Lippen gelegt, die sich eben küssen wollten. »Wir haben uns das Wort gegeben, es braucht jetzt nichts mehr,« rief Annele trotzig.

»Wir Männer haben noch miteinander zu reden,« entgegnete der Löwenwirt mit starker Stimme, und Lenz bestätigte: »Ja, laß deinen Vater reden.« Der Löwenwirt zog sein schwarzes Sammetkäppchen ab, schaute hinein, setzte es wieder auf und begann: »Du hast es ehrlich und getreu gemeint, und wenn dich die Leute hinterrücks verspotten. kann dir das gleich sein, und wenn du darüber zu Grunde gingest, du hast dich vor niemand zu verantworten, du bist bis daher allein für dich gewesen.«

Der Löwenwirt machte hier eine längere Pause, Lenz sah ihn wie irrsinnig an und fragte endlich: »Was habe ich denn gethan, und was will ich denn so Schreckliches?«

»Wie gesagt, du meinst es ehrlich und getreu, das habe ich immer behauptet,« ließ sich der Löwenwirt vernehmen, die Frauen sahen ihn staunend an, »du hast mit dem Pröbler eine Normaluhr, heißt man's nicht so? Ich kümmere mich eigentlich um die Sache nicht – so ein Werk für alle aufgestellt. Mit dem Pröbler kannst du natürlich jetzt keine Gemeinschaft mehr haben, der Name von meinem Schwiegersohn und von dem Pröbler können nicht miteinander genannt werden. Das ist jetzt Punktum aus und vorbei. Aber das andre – das ist noch die Hauptsache. Du willst da eine Einung stiften, heißt es nicht so? heiß' es, wie es wolle, das muß auch Punktum aus und vorbei sein.« Die Löwenwirtin wollte hier dreinreden, aber der Löwenwirt stieß heftig mit dem Fuße auf und rief: »Laß mich ausreden, Frau! Ich sage dir, Lenz, diese Sache darf dir nicht mehr in den Sinn kommen. Du wirst nicht glauben, daß ich so rede, weil es gegen meinen Vorteil sein könnte; ich fürchte mich vor keiner Einung, und wenn's auch wäre, mein Vorteil ist jetzt auch dein Vorteil. Aber dabei kommt nichts heraus als Spott und Undank. Ich kenne die Menschen besser. Wenn's ja zur Ausführung käme, du brockst dein Vermögen ein und wirst ein Bettelmann. Also – da gibst mir die Hand: Von dieser Stunde an denkst du nicht mehr an die Sache und willst nichts mehr von der Einung.«

Lenz stand zögernd und schaute zur Erde, und die Löwenwirtin rief: »Ja, gib ihm die Hand, er meint's gut, er meint's recht, er meint's wie ein Vater, er ist dein Vater,« und sie nickte lobpreisend ihrem Manne zu.

Lenz richtete sich auf, sein Gesicht war flammrot. und mit scharfer Entschiedenheit rief er:

»Ich gebe die Hand nicht! Eh soll sie mir erlahmen, daß ich mein Leben lang kein Werkzeug mehr fassen kann.«

»Schwör' nicht, du hast gesagt, man soll nicht schwören,« warf Annele dazwischen, sie faßte seine Hand und wollte sie dem Vater reichen, er aber wehrte ab und sagte mit scharfem Tone: »Laß sein. Laß das. Ich schwöre meinen Glauben nicht ab, und wenn ich das versprechen müßte, hätte ich meinen Glauben abgeschworen. Und wenn Ihr mich da hinausjagt, da, wo ich daheim hab' sein wollen, ich thu's nicht, Löwenwirt! Ich glaub's Euch, Ihr meint's gut, aber es meint's ein jeder, wie er's versteht. Meine Gemeinschaft mit dem Pröbler ist gar keine, und wenn sie auch wäre, ich bin der Lenz, ich kann umgehen, mit wem ich will, ich bleib', wer ich bin. Ich sag's nicht gern, aber ich muß es sagen: Ich verunehre mich mit nichts, im Gegenteil, ich bringe andern Ehre, und ich danke Gott, daß ich so stehe. Was aber die Einung betrifft: – ja, Einung heißt's, Ihr habt das Wort richtig behalten – so habe ich Tag und Nacht seit Jahren darüber nachgesonnen und muß besser wissen, was daran ist. Weiß wohl, da habt Ihr recht, es gibt Schelme und Einfältige genug, die mich darüber ausspotten; aber wer hat, solang die Welt steht, was Gutes für die Welt gewollt und hat sich nicht dafür ausspotten lassen müssen? Das ficht mich nicht an. Daß Ihr fürchtet, ich möchte mein Vermögen dabei einbrocken; es ist recht, und ich erkenne die Gutheit an, daß Ihr daran denket. Aber es sind jetzt volle zehn Jahre, daß ich ganz allein unser Geschäft und unser Haus in der Hand habe: ich will Euch mein Buch aufschlagen, sehet nach, ob ich was verunschickt, und es ist nicht so, daß man selber dabei zu Grunde gehen muß, wenn man etwas ins Werk setzen will, das allen zu gute kommt. Und kurzum, morgen am Tage, wenn ich die Einung zu stande bringen kann, thue ich von dem Meinigen dazu, was ich vor mir verantworten kann. Ich sage Euch das gerade heraus, wie Ihr gerade heraus zu mir gesprochen habt. Ich gebe meine Hand nicht, ich nehme guten Rat an, aber ich muß selber auch wissen, was ich zu thun habe. Auf das, was Ihr von mir wollt, gebe ich meine Hand nicht, und wenn jetzt mein höchstes Glück darüber zu Boden fällt.«

Lenz spürte, wie das Herz sich in ihm zusammenpreßte, und erzitterte, während er sprach, aber er sprach scharf und fest, und jetzt hielt er inne.

»Mach' deine Faust auf. Mir gibst du doch die Hand? Du bist ein ganzer Mann, du bist mein guter Mann, mein stolzer Mann!« So rief Annele und warf sich an den Hals des Lenz und weinte und lachte durcheinander in krampfhaften Zuckungen.

»Ich hab' dir's sagen müssen, jetzt geht's mich weiter nichts an,« beruhigte der Löwenwirt etwas kleinlaut, und die Löwenwirtin sagte, während sie sich sehr stark schneuzte: »Mann, das hast du ganz gut gemacht, ganz gut. Wir haben jetzt erst recht gesehen, was unser Lenz für ein fester Mann ist. Ich muß sagen, ich hätte das nie geglaubt, aber es freut mich jetzt doppelt.«

Lenz hatte viel zu thun, Annele zu beruhigen, sie lag wie hingegossen an ihn und richtete sich erst wieder straff auf, als er ihr Wein zu trinken gab.

»Jetzt gehet miteinander in den Garten, ich stelle euch den Wein in die Laube,« schloß die Löwenwirtin, ging mit Flasche und Gläser voraus, die Brautleute fest umschlungen hintendrein.

»Ein seltsamer Mensch!« sagte der Löwenwirt vor sich hin, als Lenz die Stube verlassen, »aber so ist's, alle Musikanten haben einen Spritzer; da heult er, sobald man seine Mutter nennt, wie ein Kind, nachher will er singen wie eine Lerche, und zuletzt predigt er wie ein alter Wiedertäufer. Aber eine gute Haut ist er, und wenn ich meinen brasilianischen Prozeß gewinne oder das große Los, ich schwör's, er kriegt zuerst seine Ehesteuer, und in Gold zahle ich sie ihm auf den Tisch. Das wird oben abgeschöpft, vorher kriegt niemand was.«

Mit diesem beruhigenden Vorsatz ging der Löwenwirt in die Wirtsstube, erholte sich dort von dem ungewohnten vielen Reden und nahm mit Würde die Glückwünsche von Fremden und Angehörigen in Empfang. Er redete wenig und gab nur zu verstehen, daß es sich für ihn wohl thun lasse, nicht auf großen Reichtum zu sehen. Wenn der Mensch nur gesund und ehrlich ist – lautete sein Hauptspruch, und jedes nickte; da steckt in wenig Worten alle Weisheit. –

Lenz und Annele saßen indes bei einander voll Wonne im Garten, und aus der innigsten Umarmung heraus sagte Lenz: »Ich meine, ich wäre gar nicht mehr in unserem Heimatsort, ich meine, ich wäre in der Fremde und käme von einer langen Reise.«

»Du bist daheim und bleibst daheim,« entgegnete Annele; »du hast dich nur stark verausgabt mit meinem Vater. Ich kann dir nicht sagen, wie mich's freut, daß ich dich so habe reden hören, ich wünschte nur, die ganze Welt hätte es gehört, dann müßten sie auch alle Respekt vor dir haben, aber glaub' mir, es war eigentlich unnötig, daß du dich wegen meinem Vater so ins Geschirr gelegt hast.«

»Wie meinst du das?«

»Glaub' mir, ich weiß es ganz gewiß, es ist meinem Vater gar nicht so ernst gewesen mit seinen Anweisungen und Ermahnungen. Er spielt nur gern den Grundgescheiten, der durch sieben Bretter sieht. Wenn's ihm ja ernst gewesen wäre, hätte er die Sache vor dem Verspruch vorgebracht und nicht erst nachher. Er hat nur den Gescheiten vor dir machen wollen, aber du bist noch gescheiter gewesen, und das freut mich.«

Lenz schaute bei diesen Worten um und um, als suche er etwas; und wie ein Volk Tauben jetzt in raschem Fluge über die beiden Liebenden dahinschwebte und schnellschwindende Schatten auf den Boden warf, so kam jetzt ein Schwarm von Gedanken, die Pilgrim ausgesprochen, noch schneller daher und warf Schatten, die aber noch schneller schwanden.

»Mögen meinetwegen andere gescheiter, weltkluger und respektierter sein,« schloß Lenz, »lieb haben, seine Frau lieb haben soll kein Mann auf der Welt mehr und getreuer können, als ich.«

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