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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Siebzehntes Kapitel. Freundeseinspruch.

»Gottlob, er ist daheim! Es ist Licht in seinem Zimmer, und er spielt Guitarre. O, du guter Pilgrim! O, du guter Pilgrim! Gott, erhalte mich nur gesund und laß mich nicht sterben vor Freude! O, wenn nur meine gute Mutter das noch erlebt hätte!«

Pilgrim spielte und sang laut. Er hörte den die Treppe Heraufkommenden nicht. Lenz öffnete die Thür und rief, die Arme ausbreitend: »Jauchze laut auf, Herzbruder! Ich bin glücklich!«

»Was ist?«

»Ich bin verlobt!«

»So? Mit wem?«

»Wie kannst du fragen?! Mit ihr, mit der besten Seele. Und so gescheit und klug wie der Tag. O, Annele!«

»Was? Annele? Das Löwen-Annele?«

»So? Du wunderst dich auch, daß sie mich nimmt! Ich weiß, ich bin's nicht wert, aber ich will's verdienen, Gott ist mein Zeuge, ich will's verdienen, ich will ihr die Hände unter die Füße legen, und sie soll . . .«

Lenz sah jetzt das Bild seiner Mutter und rief: »Gute Mutter! Herzliebe Mutter! Freue dich im siebenten Himmel, dein Sohn ist glückselig!«

Er konnte vor Weinen nicht weiter reden und sank in die Knie. Pilgrim ging auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Verzeih mir, lieber Pilgrim, verzeih mir!« bat Lenz aufstehend. »Ich möchte die ganze Welt um Verzeihung bitten. Ich hab' mir's fest vorgenommen, ich will jetzt ein starker, fester Mann sein! Ich krieg' jetzt eine Frau, die's verdient, daß sie einen starken Mann hat. Aber heute, heute noch übermannt mich's. Unterwegs habe ich mir immer nur gewünscht: Wenn nur jetzt jemand käm' und mir was Schweres auferlegte, ich weiß nicht was, aber etwas, etwas, wozu man sein ganzes Herz hergeben muß und was ganz schwer ist, ich will's thun. Ich will's verdienen, daß mir Gott das Glück geschenkt hat.«

»Ruhig, sei doch ruhig. Es haben andre Männlein auch schon Weiblein bekommen, und man braucht da nicht die Welt um und um zu reißen dafür.«

»O, wenn meine Mutter nur das noch erlebt hätte.«

»Wenn deine Mutter noch lebte, nähm' dich das Annele nicht, der bist du erst gut ohne Anhang, ohne Mutter.«

»Sag' das nicht. Wie ehrt sie meine Mutter!«

»Das hat sie jetzt leicht, weil sie nicht mehr auf der Welt ist. Und ich sag' dir, du bist für das Annele erst auf der Welt, seitdem du keine Mutter mehr hast.«

»Und du hast mir noch nicht einmal Glück gewünscht.«

»Ich wünsch' dir Glück! Ich wünsch' dir Glück!«

»Warum sagst du das zweimal? Warum zweimal?«

»Es ist mir nur so herausgefahren.«

»Nein, du hast was dabei.«

»Ja, das ist wahr. Ich will dir's morgen sagen, nicht heute.«

»Warum morgen? Nein, jetzt, du darfst mir nichts verschweigen.«

»Denk', du bist jetzt berauscht, wie kann man da nüchtern mit dir reden? – Nun gut, so sag' mir, wie ist denn das so schnell gekommen?«

»Ich weiß selbst nicht, es ist wie vom Himmel herunter auf mich gekommen, und jetzt ist mir's deutlich, daß ich schon lange nichts andres gedacht habe.«

»Ich hab's auch geglaubt, aber ich hab' auch geglaubt, du thust nichts ohne mich.«

»Nein, das thu ich auch nicht, du gehst morgen mit mir als Brautwerber. Ich muß beim Vater noch um sie anhalten.«

»So? Das ist mir lieb, dann hoff' ich, wird nichts aus der Sache.«

»Was! du willst mich verrückt machen?«

»Ist nicht nötig. – Lenz, jetzt ist sie noch nicht deine Braut, jetzt ist sie noch nicht deine Frau, jetzt darf ich noch frei reden. Lenz, es ist ein Unrecht, wenn du jetzt noch zurücktrittst, aber es ist nur ein Unrecht; und wenn du Annele heiratest, thust du tausendmal unrecht, dein Leben lang. Lenz, das ist keine Frau für dich, die am allerwenigsten.«

»Du kennst sie nicht. Ihr foppt immer einander. Ich hab' sie aber kennen gelernt, so aus der Seele heraus. So grundgut und so grundgescheit.«

»Ich kenne sie nicht? sagst du. Und hab' doch einen Scheffel Salz mit den Leuten gegessen. Ich will dir sagen, was an denen allen ist. Das Annele und die Mutter sind sich eigentlich gleich, und eben deswegen können sie einander nicht leiden, wenn sie vor der Welt auch noch so schön miteinander thun. Alles, was sie reden, ist nichts als Schwätzmusik. Man ißt und trinkt besser, wenn man dabei Tafelmusik macht. Es kommt ihnen gar nichts aus der Seele, sie sind gemütlos. Ich hätte nie geglaubt, daß es solche Menschen gibt, aber es ist so; sie reden dir von Güte, von Liebe, von Mitleid, ja, wenn's dazu kommt, auch von Religion, sogar von Vaterland, und alles das sind bloße Worte, sie denken nichts dabei, wollen nichts davon und glauben fest, alle Menschen haben's so ausgemacht, solche Worte miteinander auszuwechseln, aber was an der Sache ist, da will niemand was davon. Das Annele hat nicht einen Funken Herz, und ich bleibe dabei: wer kein Herz hat, hat auch keinen Verstand; er versteht nie, wie es einem andern zu Mute ist, und weiß nicht einzuteilen noch nachzugeben. Das Annele kann, wie seine Mutter, andern abhorchen, was sie sagen, und das sagt's dann geschickt nach, und eine besondere Kunst versteht es darin, es kann einen tadeln, ja sogar auszanken, aber in einer Art, daß man nicht klug daraus wird, ist das eine Liebes- oder eine Kriegserklärung. Vater, Mutter und Tochter machen miteinander gute Schwätzmusik: das Annele spielt die erste Geige, die Alte die zweite, und der Löwenwirt den Brummbaß. Das muß ich sagen, er ist der einzige Ehrliche im Haus. Es ist und bleibt wahr, nur die weiblichen Bienen können stechen, und wie! Der Löwenwirt spricht von jedem nur Gutes und kann's nicht leiden, daß die Weibsleute ein andres ausmachen. Denn das ist ihnen ein besonders gutes Gericht, wenn sie den guten Namen von einem Mädchen oder einer Frau ins Haus metzgen können. Die Frau thut's noch mit einem gewissen scheinheiligen Mitleid, das Annele aber spielt gern mit der Welt, wie die Katze mit der Maus. Und das Ende vom Lied soll immer sein: Du bist die Schönste, die Gesündeste und die Gescheiteste und – wenn das ein Lob ist – auch die Bravste. Ich habe mich lang in der Welt besonnen, worin die eigentliche tiefste Roheit besteht, und die ist gerade oft recht manierlich. Die eigentliche Roheit ist – die Schadenfreude. O Lenz, du kennst die Tonart nicht, da hilft dir alle deine Musik nichts, du kennst die Tonart nicht, aus die dieses Haus gestimmt ist. Da ist nichts als Spott und Lüge. Diese Menschen werden dich und was du willst und was dir Freude macht, nie verstehen. Ich sag's auch. Nur wer aus der Wahrheit ist, kann die Wahrheit fassen und lieben. Du wirst da ewig fremd sein.«

»Pilgrim, was bist du für ein Mensch! Bei den Leuten, von denen du so redest, gehst du jetzt acht Jahre täglich aus und ein, issest mit ihnen am selben Tisch und bist heiter und gut mit ihnen. Was soll ich von dir denken?«

»Daß ich ins Wirtshaus gehe und esse und trinke und bar bezahle. Ich zahle täglich und bin täglich mit ihnen fertig.«

»Ich versteh' das nicht, wie man so sein kann.«

»Glaub' dir's. Hab's auch schwer bezahlen müssen; wäre mir auch lieber, ich könnte so sein wie du. Es macht nicht froh, die Menschen zu kennen, wie sie sind. Heißt das, es gibt noch immer einige . . .«

»Und du meinst, einer von den guten bist du?«

»Ich halte mich nicht ganz dafür. Hab' mir's aber gedacht, daß du gegen mich losfahren wirst. Ich muß es tragen. Schimpf' auf mich, mach' mit mir, was du willst, hack' mir da die Hand ab, ich will betteln gehen und will dabei wissen, ich hab' einen Menschen gerettet, wie du. Laß vom Annele! Ich bitt' dich! Du hast beim Löwenwirt noch nicht angehalten, du hast noch keine Verpflichtung.«

»Das sind deine weltklugen Hinterthüren. Ich hin nicht so gescheit wie du, ich war nicht in der Fremde, wie du, aber ich weiß, was recht ist. Ich hab' mich mit dem Annele verlobt vor ihrer Mutter, und ich halte mein Wort. Gott gebe nur, daß ich's vom Vater auch kriege. Und jetzt sag' ich dir zum letztenmale: Ich hab' dich nicht um Rat gefragt, und ich weiß selber, was ich thue.«

»In Gottes Namen, es soll mich freuen, wenn ich im Irrtum gewesen bin. Nein! Schau, Lenz, um Gottes willen, laß dich anrufen, es ist noch Zeit. Du kannst nicht sagen, daß ich dir je abgeraten habe, zu heiraten.«

»Nein.«

»Du bist der geborene Ehemann, aber ich bin ein Narr gewesen, daß ich dir's nicht stärker gesagt habe; von des Doktors Töchtern mußt du eine heiraten.«

»Und du meinst, ich wäre hingegangen und hätte gesagt: einen schönen Gruß von meinem Vormund, dem Pilgrim, er läßt euch sagen, es soll mich eine von euch heiraten, und die Amanda besonders. Nein, die sind mir zu vornehm.«

»Freilich, die sind vornehm, und das Annele thut nur vornehm. Weil du zu des Doktors Töchtern Sie sagst, hast du nicht gewußt, wie du zum Du kommen sollst. Beim Annele ist dir's leichter geworden. Du hast in den Löwen gehen können, und es hat dich niemand gefragt: Warum kommst du daher? O, ich sehe alles vor mir. Das Annele hat mit dir über deine Trauer geschwatzt, es kann über alles schwatzen, und das hat dir das Herz weich gemacht. Das Annele hat eine Ledertasche in jedem Rock, und sein Herz ist auch nichts als eine Ledertasche, und da wie dort hat es immer klein Geld und kann jedem Gast wechseln und herausgeben.«

»Pilgrim, du versündigst dich, du versündigst dich schwer!« sagte Lenz, seine Lippe bebte vor Zorn und Wehmut, und er erzählte, um Pilgrim zu zeigen, wie innig und herzgetreu Annele war, was sie ihm nach dem Tode der Mutter, was sie ihm nach dem Abgang des großen Werkes gesagt; er hatte jedes Wort behalten wie eine Offenbarung.

»Meine Groschen! Meine Pfennige!« schrie Pilgrim darauf. »Meine armen Groschen! Sie hat einen Bettelmann ausgeraubt, da hat man Pfennige. O, ich einfältiger, verdammter Narr! Alles, was sie da gesagt hat, ja, jedes Wort hat sie von mir aufgeschnappt. Sie hat Redensarten an sich wie Pfropfenzieher, sie kann alles herauskriegen. Ich bin so einfältig gewesen und habe ihr damals und damals das gesagt. Geschieht mir recht! Habe ich aber ahnen können, daß sie dich mit meinen Worten fangen wird? O meine Bettelgroschen!«

Die beiden Freunde saßen lange still; Pilgrim biß sich die Lippen wund, und Lenz schüttelte den Kopf ungläubig; da fuhr Pilgrim wieder auf: »Und weißt du, warum das Annele dich hauptsächlich nimmt? Nicht wegen deiner langen Gestalt, nicht wegen deinem guten Herz, auch nicht wegen deinem Vermögen! Nein, das ist alles Nebensache. Es freut sich hauptsächlich, daß dich des Doktors Tochter nicht kriegt. Etsch! Gelt, du kriegst ihn nicht; aber ich! Glaub' mir, das Annele ist ein Wesen, das du gar nicht beurteilen kannst; du glaubst nicht, daß es Menschen gibt, die keine Freude, kein Glück kennen, als wenn sie darin einem andern wehe thun oder über ein andres bös werden können und sich ausdenken, wie ein andres sich darüber ärgert, weil sie so schön, so reich, so lustig sind. Ich hab's auch nicht geglaubt, daß es solche Menschen gibt, bis ich das Annele kennen gelernt hab'. Bruder, lern' du es nicht weiter kennen, es ist dein Unglück! Was siehst mich so an und bist so stumm? Fahr los; thu, was du willst, thu mit mir, was du willst, nur laß vom Annele, das ist Gift! Ich bitt' dich, laß vom Annele. Und ja, die Hauptsache habe ich vergessen, denk' daran, Gott gebe nur, daß du nicht zu spät daran denkst, ich will kein böser Prophet sein – denk' daran, das Annele kann nicht alt werden.«

»Ha, ha! Jetzt: soll sie auch noch krank sein, und sie ist kerngesund. Sie hat ja ein Gesicht wie Milch und Blut.«

»Ich mein's ja nicht so, ich mein's ja ganz anders. Schau deine Mutter; hat's eine Frau gegeben, bei der es einem wohler gewesen ist? Und warum? Weil ihr das gute Herz aus dem Gesicht gesehen hat, die Freundlichkeit für alle Menschen, die Freude und die Sorge, daß es ihnen gut geht; das macht ein altes Gesicht schön, das macht einen fromm, wenn man da hineinsieht. Und das Annele? Wenn es seine Haare nicht mehr in eine Krone flechten kann, wenn es keine roten Backen mehr hat, wenn es beim Lachen nicht mehr seine weißen Zähne zeigen kann, was bleibt? Es hat nichts zum Altwerden, es hat keine Seele im Leib, es hat nur Redensarten, es hat kein gutes Herz, es hat keinen braven Verstand, es kann nur spötteln; wenn es alt wird, da ist es nichts als des Teufels Großmutter!«

Lenz preßte die Lippen scharf zwischen die Zähne, endlich sagte er: »Jetzt ist's genug, übergenug! Kein Wort mehr! Aber eins kann ich von dir verlangen, so darfst du nur zu mir reden, und auch zu mir heut so zum letztenmal und zu niemand anders, zu niemand! Ich hab' mein Annele lieb und . . . und . . . dich auch; kannst machen, was du willst, in deiner Eifersucht. Ich verlange nicht mehr, daß du mit mir zur Brautwerbung gehst. Nur die vier Wände hier haben das von dir gehört. Gut Nacht, Pilgrim!«

»Gut Nacht, Lenz!«

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