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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band. - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Achter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Elftes Kapitel. Das große Werk spielt seine Stücke, und neue Stücke werden gesetzt.

Es war ein Ereignis für das ganze Thal, als sich die Nachricht verbreitete, das schöne große Uhrwerk des Lenz von der Morgenhalde, die Zauberflöte, gehe in den nächsten Tagen an ihren Bestimmungsort nach Rußland. Eine wahre Wallfahrt zog nach dem Hause des Lenz; jeder wollte das schöne Werk noch bewundern, ehe es auf ewig verschwände. Die Franzl hatte viel zu thun, all den Leuten Willkomm zu sagen, die Hand zu reichen und immer vorher die Hände an der Schürze abzuwischen und ihnen das Geleite zu geben. Es waren gar nicht Stühle genug im Hause, um die vielen Leute auf einmal sich setzen zu heißen.

Selbst der Ohm Petrowitsch kam ins Hans und mit ihm nicht nur Büble – das versteht sich von selbst – auch Ibrahim, der Spielkamerad Petrowitschs, dem man nachsagte, er sei in seinen fünfzig Jahren Abwesenheit von der Heimat ein Türke geworden, kam mit ihm. Die beiden Alten sprachen wenig; Ibrahim saß still da und rauchte seine lange türkische Pfeife und zwinkte nur manchmal mit den Augbrauen; Petrowitsch war beweglich um ihn her, fast so beweglich, wie Büble um Petrowitsch; denn Ibrahim war eigentlich der einzige Mensch, der eine gewisse Macht über Petrowitsch besaß, und er besaß sie nur, weil er sie nicht übte. Er wies alle Menschen ab, die durch ihn etwas bei Petrowitsch erreichen wollten. Sie karteten ganze Abende miteinander und bezahlten gegenseitig bar aus, und eben die stetige, unbewegliche Ruhe Ibrahims machte Petrowitsch um so lebendiger und dienstwilliger, und hier in seinem elterlichen Hause schien Petrowitsch gewissermaßen den Wirt machen zu wollen.

Während ein großes Stück gespielt wurde, stand Petrowitsch an der Werkbank und betrachtete alles, was dalag und an Wand und Decke hing; endlich nahm er die wohlbekannte Feile mit dem eingedrückten Griff herunter. Als das Stück ausgespielt hatte, sagte er zu Lenz: »Nicht. wahr, das ist seine Feile gewesen?«

»Ja, meines Vaters selig.«

»Ich will sie dir abkaufen.«

»Ohm, das ist nicht Euer Ernst, das kann man ja nicht verkaufen.«

»Mir wohl.«

»Auch Euch nicht, nehmt mir's nicht übel.«

»Gut, so schenk mir's. Ich werde dir auch einmal was schenken.«

»Ohm, ich weiß nicht – ich weiß nicht, was ich da sagen soll. Aber ich mein, ich darf das nicht aus dem Haus geben.«

»Gut, so bleib da,« sagte Petrowitsch zu dem toten Handwerkszeug und steckte es an seine Stelle.

Er ging mit Ibrahim bald wieder thalwärts.

Auch von stundenweit und aus dem jenseitigen Thale kamen sie daher, um das Werk zu bewundern, und Franzl war besonders glücklich, als der erste Mann aus ihrem Dorfe, der Gewichtlesmann, kam und offen sagte: »So etwas ist in hundert Jahren nicht aus unsrer Gegend gekommen. Schade, daß das so stumm dahin führt und nicht spielt von hier bis Odessa und überall sagt: »Ich komm' vom Schwarzwald, da wohnen kunstfertige Menschen, die so was zuweg bringen.« Franzl lächelte glückselig. So sprechen die Knuslinger, so kann's doch niemand von anderswoher. Sie berichtete, wie lang und eifrig Lenz an dem Werk gearbeitet, und wie er oft in der Nacht aufgestanden sei, um etwas vorzurichten, was ihm in den Sinn gekommen: da seien Geheimnisse darin, die keiner auskunde; sie natürlich war in alles eingeweiht, und stärkeres Herzklopfen hat ein Mädchen nicht, das die erste Liebeserklärung hört, als Franzl empfand, da der erste Mann ihres Dorfes sagte: »Ja, Franzl, und ein Haus, aus dem so ein Werk hervorgeht, so accurat und so fein – so ein Haus muß ordentlich sein; du hast auch teil.«

Es nehme mir's keiner übel, ich will niemand damit beleidigen, aber das muß man doch sagen, so gescheit wie bei uns daheim sind sie nirgends in der Welt. Der Mann ist doch der einzige, der alles richtig ausgelegt hat. Wie sind die andern da gestanden? Wie die Kuh vor einem neuen Scheunenthor. Muh! Muh! Ja, die Knuslinger! Gottlob, daß ich von Knuslingen bin! – So sagten die Mienen der Franzl, so sagte ihre Hand, die sie auf das klopfende Herz legte, so sagte ihr Blick, der dabei zum Himmel aufschaute.

Lenz mußte immer lachen, wenn sie ihm in jedes Essen einbrockte, wie berühmt er nun in Knuslingen sei, und Knuslingen ist ein kleiner Ort, es hat noch zwei Filiale: Fuchsberg und Knebringen.

»Morgen abend schlage ich den Deckel zu, morgen abend geht die Zauberflöte fort,« sagte Lenz.

»Schon?« klagte Franzl und sah den Kasten an, als wollte sie ihn bitten, doch noch länger zu bleiben: »er ist so gut daheim und bringt so viel Ehre.«

»Ich wundere mich nur,« fuhr Lenz fort, »warum des Doktors nicht kommen und . . . und . . . da des Löwenwirts haben mir's sogar versprochen.«

Franzl rieb sich die Stirn und zuckte die Achseln, ihre Unwissenheit bedauernd; sie konnte allerdings nicht wissen, was in den großen Häusern vorgeht.

Das Löwen-Annele hatte die Mutter schon lang ermahnt, aber diese wollte nicht ohne den Vater gehen, es fehlt die Majestät, wo er nicht dabei ist; aber die Majestät ging den Dingen nicht nach, wer beachtet sein wollte, mußte zu ihr kommen.

Jetzt aber, am letzten Tage, hatte Annele erfahren – sie hatte ihre guten Kundschafter – daß des Doktors zu Lenz gehen; nun mußte die Majestät sich erbitten lassen, und so ist's recht: heute, am letzten Tage kommen die Vornehmsten. Mutter und Tochter beschlossen, daß man erst auf die Morgenhalde gehe, wenn des Doktors vorausgegangen waren; der Majestät sagte man nichts von der Diplomatie, die dabei spielte, ihre Accuratesse und Würde vertrug das nicht.

»Der Duzlehrer kommt!« rief Franzl am frühen Morgen, als sie zu ihrem Küchenfenster hinausschaute. Im Dorfe bei den alten Leuten hieß nämlich der jugendlich frische Schullehrer der Duzlehrer, weil er sich mit der ganzen ledigen Mannschaft im Dorfe duzte, was man ihm teilweise sehr übel aufnahm, dafür hieß er aber auch bei seinen Kameraden Liedermeister, und diesen Titel liebte er sehr. Er war der eigentliche Gründer und der feste Mittelpunkt des Liederkranzes und noch dazu mit Lenz und Pilgrim und Faller das erlesenste Quartett. Lenz hieß ihn herzlich willkommen, und Franzl bat ihn zugleich, doch ein paar Stunden zu bleiben, um ihr zu helfen, die vielen Besuche, die heute noch kommen werden, zu empfangen.

»Ja, bleib da,« bat Lenz, »du kannst dir nicht vorstellen, wie bang mir ist, da das Werk fortgeht. So muß es einem sein, wenn ein Bruder, ein Kind aus dem Hause in die Fremde zieht.«

»Du gehst zu weit,« ermahnte der Lehrer, »du hängst an alles ein Stück Herz. Wo nimmst du nur immer wieder frisches her? Du weißt, ich mag eigentlich das Georgel nicht . . .« Franzl machte ein böses Gesicht, aber der Duzlehrer fuhr fort: »Das Georgel ist für Kinder und kindische Völker. Ich mag schon das Klavier nicht, weil die Töne darin fertig sind; eine Musik auf dem Klaviere ist nicht viel mehr, als wenn man ein gesungenes Lied pfeift, und eure Orgelwerke haben Zungen und Lungen, aber kein Herz.«

Franzl verließ unwillig das Zimmer. Gottlob, daß noch Knuslinger auf der Welt sind, die alles besser verstehen. Sie hörte jetzt drin in der Stube singen das rührsame Lied: »Morgen muß ich fort von hier.« Lenz sang einen hellen, wenn auch eben nicht volltönenden Tenor, und der Schulmeister durfte nicht die Vollkraft seines Basses drauf setzen, um ihn nicht zu verdecken. Franzl unterbrach den Gesang, indem sie durch die geöffnete Thür rief: »Des Doktors kommen.«

Der Schulmeister ging ihnen als Zeremonienmeister bis vor das Haus entgegen.

Der Doktor kam mit Frau und drei Töchtern und sagte alsbald in seiner behaglichen Weise, die nichts Befehlerisches hatte und gegen die es doch kein Ausweichen gab, daß Lenz durch Plaudern sich keine Arbeitszeit rauben solle, er möge nur das Werk in Gang setzen.

Das geschah, und alle waren voll sichtbarer Freude. Als das erste Stück geendet, schlug Lenz die Augen nieder, da er soviel Lob hören mußte, und alles war so gesagt, daß man keinen Höflichkeitsrabatt abzuziehen hatte.

»Die Großmutter läßt Ihnen gratulieren,« sagte die älteste Tochter, und Bertha rief: »O wie viel Stimmen hat so ein Schrank!«

»Möchtest wohl auch soviel haben?« neckte der Vater.

Die älteste sagte aber wieder zu Lenz, und ihr braunes Auge war dabei voll Glanz: »Sie haben einen sehr feinen Musiksinn.«

»Ja,« sagte Lenz, »wenn mir nur mein Vater selig in meiner Kindheit ein kleines Geigle gekauft hätt', daß ich drauf spielen könnt', ich glaub', ich hätt's in der Musik zu was gebracht.«

»Du hast' s zu was gebracht,« sagte der dicke Doktor und legte dabei seine breite dicke Hand auf die Schulter des Lenz.

Der Duzlehrer, der seine besondere Freude daran hatte, den inneren Bau des Werkes zu verstehen, überhob Lenz der Mühe, solches den Frauen zu erklären, und Lenz hätte es auch nicht so sagen können, wie hier namentlich die Feinheiten beim Crescendo und Decrescendo angebracht waren, und welch ein feiner Sinn dazu gehört, unbeschadet der Zartheit die Kraft hervorzubringen, die geschleiften und die gestoßenen Töne gehörig abzuschatten. Er erklärte wiederholt, wie Musiksinn und mechanische Fertigkeit sich bei solchem Werke vereinigen müssen, und wie besonders die schwermütigen Partien so wohltuend gelungen seien; und die Seele eines Musikstückes herausbringen, während man nach dem Metronom arbeite, das sei doppelt schwer; denn der frei spielende Musiker spiele nie nach dem Metronom und sei dadurch unbehinderter im Ausdrucke der Empfindung. Er war eben daran, das massive Laufwerk, die Hauptstimmen und Beistimmen und besonders die Beschaffenheit der Walzen zu erklären, wie sie fest zusammengefügt werden müssen, daß sie nicht schwinden, äußerlich das weiche Erlenholz liege, während innerlich verschiedene Hölzer, deren Fasern verschieden gelegt sind, – da wurde seine Erklärung unterbrochen, denn man hörte draußen die Franzl besonders freundlich und herzlich Willkomm sagen. Lenz ging hinaus. Da war der Löwenwirt mit seiner Frau und Annele. Der Löwenwirt gab ihm die Hand und nickte dabei mit dem Bewußtsein, daß es darüber hinaus nichts mehr gebe, wenn ein anerkannter stolzer Ehrenmann einem jungen Mann die Ehre anthue, ein Werk, an das er jahrelangen Fleiß gewendet hat, auch eine Viertelstunde zu mustern.

»Kommst doch auch endlich noch?« begrüßte Lenz das Annele.

»Warum endlich?« fragte diese.

»So? Hast's denn vergessen, daß du mir schon vor sechs Wochen gesagt hast, du kämst?«

»Wann denn? Ich kann mich nicht erinnern.«

»Am Tage nach dem Tode meiner Mutter hast du gesagt, du kämst bald.«

»Ja, ja, es wird so sein, ja, ja, es ist so. Es ist mir immer gewesen, wie wenn mir was auf dem Herzen läge, ich habe nicht gewußt, was – jetzt das ist's, ja wohl. Aber, lieber Gott, in unserm Haus, du kannst es gar nicht glauben. was einem da alles durch den Kopf geht,« so sagte Annele, und Lenz spürte etwas wie einen Stich durch's Herz.

Er hatte aber eigentlich nicht Zeit, sich zu besinnen, was ihn dran verdroß oder erfreute, denn nun ging es an ein Bewillkommen von seiten des Löwenwirts und des Doktors. Es fehlte nicht viel, daß Annele nach der Stadtmode die Töchter des Doktors geküßt hätte, die Freundinnen, die sie doch tief haßte, denn sie thaten immer etwas zurückhaltend gegen Annele.

Amanda, die Kräutlesmamsell, hatte ihren breiten Hut abgenommen, wie wenn sie daheim wäre; nun that's Annele auch, und sie hatte ein reicheres Haar als alle die drei miteinander, sie konnte auf ihr langes Haar sitzen, so lang und voll war's; sie richtete ihre Krone von dreifachen schweren Flechten auf und schaute wohlgemut drein.

Lenz setzte nun eine frische Walze ein und ließ die lustige Weise aus der Zauberflöte spielen, die noch besonders gesetzt war, das Lied des Mohren: »Das klinget so herrlich, das klinget so schön.«

Der Löwenwirt brummte: hm! hm! Das war eine große Rede, denn er nickte dabei und schlürfte mit der Unterlippe, wie wenn er einen guten Wein kostete.

»Ganz ordentlich,« entschied er endlich und öffnete dabei beide Hände, wie wenn er das Lob buchstäblich mit vollen Händen austeilte, »recht ordentlich.« Das sind in der That gewichtige Worte, wenn das der Löwenwirt sagt.

Die Löwenwirtin faltete die Hände auf der Brust und sah mit einer Andacht ohnegleichen auf Lenz: »Nein, daß ein Mensch so was machen kann, und so ein junger Mann! Und er thut so, wie wenn er wär', wie die andern alle. Bleib du nur so, das ist der schönste Schmuck für einen großen Künstler, wenn er bescheiden ist; fahr nur so fort, mach' nur mehr so, du bist gut dran, das sag' ich.«

Nach dieser Anrede sah sie vergnügt auf die Doktorin, innerlich frohlockend: so kann die leibarme Person, die Hopfenstange, doch nicht reden. Und wenn sie auch redet, was ist's? Es ist etwas ganz andres, wenn ich was sage.

Auch Annele faßte sich und sagte: »Ja, Lenz das schöne Werk hast du noch gemacht, wie deine gute Mutter gelebt hat, da liegt ihr Segen drauf. Ich kann mir denken, wie hart es dir sein muß, daß es jetzt so fortgeht in die weite Welt. Weißt du was? Du mußt mir das Stück bringen, ich will mir's einlernen auf dem Klavier.«

»Ich kann dir das Stück leihen,« sagte die älteste Tochter des Doktors. Sie hatte die letzten Worte der Annele gehört.

»Aber wir haben's nur vierhändig,« sagte die zweite Tochter.

»Und ich bin nur zweihändig,« sagte Annele schnippisch. Die Mädchen hätten noch lange geplaudert, wenn der Doktor ihnen nicht mit ernster Miene gewinkt hätte: sie sollten doch still sein, denn eine neue Walze war eingesetzt, und das zweite Stück begann.

Als dieses zu Ende gespielt war und man in die andre Stube ging – Franzl hatte Wein, Butterbrot und Käse aufgestellt – da sagte der Löwenwirt: »Lenz, mir kannst du's ehrlich sagen, du kannst's, ich will keinen Vorteil daraus ziehen; wie viel bekommst du für das Musikwerk?«

»Rund und grad zweiundzwanzighundert Gulden. Ich verdiene nicht viel dabei. Ich hab' mich lang dabei aufgehalten und hab' große Ausgaben gehabt. Aber wenn ich wieder eins mache, weiß ich den Vorteil besser.«

»Machst du wieder eins?«

»Nein, es ist keins bestellt.«

»Ich kann keins bestellen, ich handle eigentlich nicht mit Spieluhren. Wie gesagt, ich bestelle nicht, aber wenn du wieder eins machst, ich glaube, daß ich dir's abkaufe: ich hab' eine Spur, wo ich's anbringe.«

»Wenn ich das weiß, gehe ich wieder frisch an ein neues, und es soll noch besser werden. Jetzt wird mir's fast leicht, daß das da fortgeht und die Jahre mitnimmt, die ich dran gearbeitet habe.«

»Wie gesagt, ich sag' kein Wort mehr und kein Wort weniger. Bei mir geht alles accurat und sauber. Ich bestelle nicht, aber – es ist möglich.«

»Das ist mir schon genug, das macht mich ganz glücklich. Das Annele hat mir vorhin dasselbe Wort gesagt, was ich gestern dem Pilgrim sagte: Mir thut's so weh, ich sollt's eigentlich nicht sagen, mir thut's so weh, daß ich das Werk hergeben muß, an dem meine Mutter auch so große Freude gehabt hat.«

Annele schaute bescheiden zu Boden. »Und ich werd' Freude dran haben, gerade so wie deine Mutter,« sagte die Löwenwirtin. Die Doktorin und ihre Töchter schauten bei diesen Worten betroffen auf die Löwenwirtin. Der Löwenwirt zog die Brauen tief ein und schaute strafend nach seiner Frau; aber eben durch diese Pause, die jetzt entstand, wurde das Wort der Löwenwirtin noch verfänglicher. Franzl war indes eine gute Aushilfe; sie nötigte jedes, zu essen und zu trinken, und sie war ganz glücklich, da Annele sagte, sie könne stolz sein, daß sie das Haus so nett halte, daß man die Hausfrau gar nicht vermisse.

Franzl wischte sich mit ihrer neugewaschenen Schürze die Augen ab.

Die Löwenwirtin fand indes bald eine geschickte Frage: »Lenz, ist dein Ohm nicht auch da gewesen, und freut er sich nicht auch über das schöne Werk?«

»Er war da, hat aber weiter nichts gesagt, als ich hätte zu billig verkauft und verstünde meinen Vorteil nicht genug.«

Nun gibt es nichts Geschickteres, als eine abwesende Person vorzunehmen und gar eine solche, die soviel zu sprechen gibt, wie Petrowitsch. Es kam nur darauf an, welche Tonart man anschlug. Annele und die Löwenwirtin hatten schon den Mund gewetzt, sie mußten aber unter dem brennenden Blicke des Löwenwirts still halten, und der Schultheiß-Doktor begann den Petrowitsch zu loben: er thue nur so rauh, weil er sich vor seinem weichen Herzen fürchte; gegen den Schullehrer und Lenz gewandt sagte er: »Der Petrowitsch ist wie Steinkohle, das sind Bäume, die einst bei der sogenannten Sintflut verkohlt sind, sie haben aber reichen Wärmestoff in sich; so auch der Petrowitsch.« Der Schulmeister lächelte einverständlich, Lenz sah verdutzt drein, und der Löwenwirt brummte. Die älteste Tochter des Doktors sagte: Petrowitsch habe Freude an der Musik, und wer Freude an der Musik finde, habe auch ein gutes Herz. Lenz nickte einverständlich, und Annele lächelte holdselig. Die Löwenwirtin durfte sich's nicht nehmen lassen; sie hatte das Gespräch auf einen so ergiebigen Gegenstand gebracht, es durften nicht andre sich seiner bemächtigen; sie lobte die Gescheitheit des Petrowitsch und gab zu verstehen, daß sie dessen innigste Vertraute sei; wobei nicht undeutlich durchschimmerte, daß sie auch gescheit sei und einen solchen Weisen richtig zu würdigen verstehe, was natürlich nicht jedermanns Sache ist. Auch Annele hatte etwas Gutes anzubringen, sie lobte die Säuberlichkeit des Petrowitsch, und wie er immer so feine Wäsche trage und so unterhaltsame Späße machen könne; ja, selbst für den Büble fiel ein guter Bissen ab von der reichen Lobestafel. Annele schilderte Petrowitsch als den vollkommensten Hausfreund, ja, er wurde zuletzt heilig, es fehlten ihm weiter nichts als ein Paar Flügel, um ein reiner Engel zu sein. Endlich ging der Besuch: der Schulmeister begleitete die Familie des Doktors. Als der Doktor hinterdrein ging, gab ihm Lenz das Geleite und sagte: »Herr Doktor, ich habe eine Bitte, aber Sie müssen mich nicht fragen, warum ich frage.«

»Was ist's denn?«

»Ich möchte nur wissen, was ist das für eine Pflanze: Edelweiß?«

»Weißt du es nicht, Amanda?« fragte der Doktor.

Errötend erwiderte Amanda: »Das ist: doch die Alpenpflanze, die nahe an der Schneegrenze, ja sogar unterm Schnee wachsen soll; ich habe sie aber nie lebendig gesehen.«

»Das glaube ich, Kind,« erwiderte der Doktor lächelnd; »nur kecke Alpenjäger und Alpenhirten wagen es, die eigensinnige Pflanze an ihrem Standorte zu pflücken, und es gilt als Zeichen glücklichen Mutes, wer sie gewinnt. Es ist eine eigentümliche, fein und zart gebaute Pflanze, wenig saftig und darum leicht lang aufzubewahren, wie unsre heimische Immortelle; die Blüte ist mit weißsamtenen Blättern eingerändert, und auch der Stengel ist mit wolligem Flaum bedeckt. Wenn du einmal zu mir kommst, Lenz, kann ich dir das Pflänzchen zeigen. Der lateinische Name der Pflanze ist: Leontopodium alpinum, was zu deutsch Löwenfuß von den Alpen hieße; woher der deutsche Name kommt, weiß ich nicht, wenn ich's nicht in einem Buche finde; aber schöner ist er jedenfalls als der lateinische.«

Lenz dankte.

Der Doktor und die Seinigen gingen den Berg hinab.

Als alle schon weggegangen waren, hielt sich die Löwenwirtin noch bei Franzl in der Küche auf und wußte nicht genug zu loben, wie sauber und fein da alles sei. »Du bist aber auch wie die Mutter im Haus,« sagte sie und hatte dabei ihr Elsterngelächter, wie es Pilgrim nannte, »du verdienst, daß er dich in Ehren hält und dir Kisten und Kasten anvertraut und kein Geheimnis vor dir hat.«

»Das hat er auch nicht, nur ein einziges.«

»So? Doch? Darf man's wissen?«

»Ich weiß es ja selber nicht. Wie er vom Begräbnis heimgekommen ist, da hat er in der Kammer in dem Schränkchen gekramt, zu dem die Meisterin nie einem den Schlüssel gegeben hat, und wie ich ihn rufe, drückt er die Kammerthür zu und kramt lang und schließt wieder alles fest zu, und wenn er aus dem Haus geht, drückt er noch jedesmal an dem Schränkchen, ob es auch gut verschlossen ist. Er ist aber sonst nicht mißtreu.«

Die Löwenwirtin schluckte behaglich und stieß nur ein kurzes Elsterngelächter aus. Das ist gut, die Alte hat gewiß einen Strumpf voll Gold gespart wer weiß, wie viel! – »Besuch' mich auch einmal,« sagte die Löwenwirtin herablassend, »komm du nur, wann du willst, und wenn du 'was brauchst, ich verzeih dir's mein Lebtag nicht, wenn du in ein ander Haus gehst, als in meines. Dein Bruder kommt oft zu uns mit seinem Schindelnfuhrwerk. Soll ich ihm nichts ausrichten?«

»Ja, er könnte sich doch auch einmal nach mir umsehen!«

»Kannst dich drauf verlassen, daß ich ihm das ausrichte, und wenn er nicht Zeit hat, schicke ich nach dir. Es kommen viel Knuslinger zu uns, sie sind gescheit, wenigstens ich einmal unterhalte mich am liebsten mit ihnen. Wenn die Knuslinger reich wären, sie wären die Berühmtesten landaus und landein. Es ist auch oft die Rede von dir, und die Knuslinger hören's gern, wenn man ihnen sagt, wie du in Ehren stehst und was du bist.«

Die Löwenwirtin holte Atem, die Franzl schaute sie voll dienstbeflissener Glückseligkeit an, sie hätte ihr gern mit ihrem Atem ausgeholfen, aber sie hatte selbst keinen mehr; sie legte die Hand aufs Herz, um das zu beteuern, reden konnte sie nicht. Wie ist es denn auf einmal in der Küche? Da ist es ja, wie wenn auf allen Töpfen lauter fröhliche Knuslinger Gesichter lachen, und die schönen, blanken, kupfernen Kessel und Pfannen werden zu Pauken und spielen auf, und die blechernen Trichter blasen, und die schöne weiße Kaffeekanne stemmt den Arm in die Seite und tanzt just wie die alte Bürgermeisterin, die Pate der Franzl; o weh, sie stürzt! Franzl faßte noch glücklich die übermütige Kaffeekanne. Die Löwenwirtin erhob sich und schloß: »Jetzt behüt' dich Gott, Franzl! Es thut einem doch wohl, wenn man wieder einmal mit einer alten guten Freundin spricht. Es ist mir da bei dir viel wohler, als drin in der Stube bei dem Doktor mit seinen verdorbenen Fräulein, die nichts können, als Klavier spielen und Mäulchen machen. Behüt dich Gott, Franzl!«

Das Musikwerk drin in der Stube spielte nicht mehr und nicht schönere Melodien, als sich jetzt in dem Herzen der Franzl spielten; sie hätte tanzen und singen mögen vor Freude, sie lachte ins Feuer hinein, und dann schaute sie wieder durch das Küchenfenster der Löwenwirtin nach. Was ist doch das für eine prächtige Frau, und sie ist doch die erste in der Gegend, und sie hat's ja selber gesagt, sie ist deine gute alte Freundin! Als Franzl in der Stube den Tisch deckte, schaute sie einmal rasch in den Spiegel, wie ein Mädchen, das vom Tanz heimkommt: so sieht die Franzl aus, die die beste Freundin der Löwenwirtin ist. Sie konnte keinen Bissen über den Mund bringen von dem guten Essen, das sie bereitet hatte, sie war satt, übersatt.

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