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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 96
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
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Im Totenreich

Felszeichnung

Kapompo und Kakutschi, zwei Männer, machten keine Feldarbeit. Wenn die andern Leute ihre Acker bestellten und nicht daheim waren, gingen sie hin und stahlen. Kapompo aß immer nur die eine Hälfte der gestohlenen Bohnen, des Mais, Maniok usw. auf und die andere Hälfte versteckte er in einem hohlen Baum, der im Walde stand. Dort hob er sie auf. Kakutschi aß aber alles Gestohlene stets sogleich auf. Kakutschi sagte: »Ach, es sind ja so viele Äcker. Wenn ein Acker abgegessen ist, kommt ein anderer an die Reihe.« Als die Regenzeit vorüber war, ernteten die Leute alles und füllten es in die Speicher und Heuböden. Kapompo aß nun von seinen Vorräten im Baumloch. Er hatte viele Früchte. Kakutschi hatte aber nichts mehr zu essen. Es stand nur auf einem Feld noch Mais. Kakutschi ging zu dem Feld um zu stehlen. Die Leute packten ihn. Kakutschi aber hatte eine Munjinga (Armring mit Zaubermittel aus Varanushaut). Er verwandelte sich in Kräuter, wartete bis seine Verfolger fort waren und ging dann nach Hause.

Die Leute der Maisfelder gingen zum Häuptling Ja Nkolle moana na Fidi Mukullu und sagten: »Wir haben Kakutschi beim Maisstehlen überrascht.« Der Häuptling sagte: »Wo ist er?« Die Leute sagten: »Er ist im Gras entflohen.« Der Häuptling sagte: »Das ist nicht wahr.« Ein anderes Mal stahl Kakutschi ein Huhn. Ein Junge sah es. Kakutschi versteckte dann das Huhn unter seinem Bett und deckte es mit Erde zu. Die Leute suchten das Huhn im ganzen Dorf, in allen Speichern, in allen Häusern. Sie fanden das Huhn nicht. Der Junge sagte: »Ich habe gesehen, wie Kakutschi das Huhn stahl.«

Die Leute wiesen Kakutschi aus dem Dorf.

Kakutschi ging in den Wald. Es rief jemand: »Komm!« Er lief zu der Stelle und sah nichts. Er sah niemand. Neben ihm sagte jemand: »Komm!« Er sah einen großen Baum, den er vordem dort nicht sah. Der Baum lag quer über den Weg. Die Stimme sagte: »Geh in dies Baumloch hier.« Kakutschi sagte: »Hier soll ich hineingehen?« Die Stimme sagte: »Ja.« Kakutschi ging hinein. Er sah da ein großes, großes Dorf. Es waren darin lauter Leute, die vor langer Zeit gestorben waren. Kakutschi sah seine Mutter, seinen Sohn, seinen Bruder. Alle waren ganz, ganz klein. Ihre Haare reichten bis auf die Schultern. Die Füße standen verkehrt, nämlich mit den Hacken nach vorn und mit den Zehen nach hinten.

Die Mutter sagte: »Ich muß dich verstecken, denn die Leute hier lieben die Lebenden nicht.« Die Mutter versteckte ihn. Sie brachte ihm Tschijangalla (Mistkäfer). Er aß nicht. Sie brachte ihm Regenwürmer. Er aß nicht. Die Mutter sagte: »Das ist alles, was man hier ißt. Etwas anderes essen die Leute hier nicht.« Die Nacht kam. Die Mutter versteckte Kakutschi auf der Erde unter der Matte. Der Vater Kakutschis kam. Kakutschi sah, daß sein Vater verkehrte Füße hatte, daß er ganz lange Haare hatte, daß er ganz klein war. Der Vater setzte sich auf die Matte, gerade auf Kakutschis Hals. Kakutschi starb fast. Der Vater stand nicht auf. Die Mutter sagte leise: »Schrei ja nicht, sonst töten sie dich.« – Nach einiger Zeit ging der Vater hinaus. Die Mutter setzte Kakutschi schnell in einen Korb auf den Zwischenboden. Sie sagte: »Weine ja nicht!«

Der Vater kam zurück. Er schürte das Feuer an. Der Rauch stieg Kakutschi in die Augen. Kakutschie hielt es endlich nicht mehr aus und jammerte: »Ach, ich halte es nicht mehr aus, ich sterbe! Ach, ich halte es nicht mehr aus, ich sterbe. Ach, ich halte es nicht mehr aus, ich sterbe!« Der Vater sagte zur Mutter: »Was hast du da versteckt?« Der Vater rief Leute herbei. Die Leute stiegen auf den Zwischenboden. Sie fanden Kakutschi. Kakutschi kam herunter. Der Vater sagte: »Wer hat dich da versteckt?« Kakutschi sagte: »Meine Mutter hat mich hier versteckt.« Der Vater rief alle Leute zusammen. Alle, alle Leute kamen. Alle waren ganz klein, alle hatten lange Haare, die bis auf die Schulter fielen. Allen standen die Füße verkehrt herum, nämlich mit den Zehen nach hinten und mit den Hacken nach vorn. Die Leute packten Kakutschi und töteten ihn. Dann sagten die Leute zur Mutter: »Geh, du gehörst nicht hier her.« Sie verjagten die Mutter. Die Mutter ging. Sie traf auf dem Weg in ihr altes Dorf zwei Frauen. Die Mutter fragte: »Habt ihr nicht mein Kind Kitenga gesehen?« Die Frauen liefen in großer Angst von dannen und riefen Kitenga. Sie sagten: »Am Wege sitzt eine alte kleine Frau mit verkehrten Füßen und langen Haaren und sagte, sie wäre deine Mutter.« Kitenga ging hin. Kitenga sah sie und hatte große Furcht. Kitenga sagte: »Das ist meine Mutter nicht.« Kitenga lief von dannen. Es kam ein großer, großer Regen, der spülte alles fort, Hütten, Bananen und Äcker. Und als die Mutter Kakutschis an die Stelle des Dorfes kam, war es verschwunden.

 

Tschibamba lag im Sterben. Da gab er seinem jüngeren Bruder Kassongo sein Messer und sagte: »Das soll dein sein.« Tschibamba starb. Kassongo begrub ihn. Er ließ (aus Versehen) sein Messer in die Grube fallen. Im Dorfe sagte er zu seinen Leuten: »Wo ist mein Messer? Wer hat mein Messer gestohlen?« Die Leute sagten: »Wir haben dein Messer nicht gestohlen. Es wird in die Grube gefallen sein.« Kassongo sagte: »Gut, dann gehe ich hin und grabe das Messer wieder aus.« Kassongo ging hin und begann zu graben. Er grub aber (aus Versehen) nicht die Erde des Grabes Tschibambas auf, sondern die Erde daneben. Er kam auf einen großen Weg.

Er stieg hinab und ging den Weg entlang. Er kam zu Tata Mukullu (ein Mann, »der längst verstorben ist«). Tata Mukullu sagte: »Bist du Kassongo?« Kassongo sagte: »Ich bin Kassongo!« Tata Mukullu sagte: »Dein Bruder Tschibamba ist vor kurzem diesen Weg hier gekommen. Er hat mir dies Messer für dich gegeben.« Tata Mukullu gab Kassongo das Messer. Kassongo nahm das Messer und sagte: »Ich bin jetzt auf diesem Weg; ich will jetzt hier weiter gehen und sehen, wohin er führt.« Kassongo ging an Tata Mukullu vorüber den Gang weiter. Kassongo kam endlich zu Mwille. Mwille sagte: »Was willst du?« Kassongo sagte: »Ich hatte das Messer, das mir mein Bruder Tschibamba gegeben hatte, in dessen Grab fallen lassen und bin herabgestiegen, um es zu holen. Tata Mukullu hat mir das Messer gegeben.« Mwille sagte: »Geh zurück, ich habe dich nicht gerufen. Nimm diese Lupembe (weiße Farbe) und iß Lupembe in Zukunft. Sowie du eine andere Speise ißt, oder sowie du sagst, wo du warst, mußt du sterben.« Kassongo ging zurück. Im Dorf aß er Lupembe. Seine Frau fragte: »Weshalb ißt du nicht die Speisen, die ich dir mache?« Kassongo sagte nichts. Eines Tages war die Lupembe ganz verzehrt. Kassongo aß die Speise seiner Frau. Er starb.

 

Eine Frau gebar fünf Knaben. Drei Knaben starben. Es waren noch zwei am Leben. Sie wurden größer. Sie liebten einander sehr. Es starb noch einer. Der letzte Jüngling sagte: »Alle meine Geschwister sind gestorben, ich bleibe nun nicht allein. Mein liebster Bruder ist gestorben. Ich bleibe nun nicht allein. Ich will mit begraben werden.« Er wurde mit dem Verstorbenen am Ende eines langen Ganges (die früher geübte Bestattungsform) begraben. Der Jüngling schlief.

Nach einiger Zeit wachte der Jüngling auf. Er sah einen langen Gang vor sich. Er ging in dem Gang unter der Erde hin. Er sah an der Wand eine Nkolle (Schnecke). Er wollte an der Nkolle vorbeigehen. Da sagte die Nkolle: »Komm!« Der Jüngling ging hin. Da sagte die Nkolle: »Putz mir die Augen aus. Wenn du mir die Augen ausputzt, will ich dir sagen, wo der Weg gut und wo er schlecht ist.« Der Jüngling putzte der Nkolle die Augen aus. Nkolle sagte: »Geh hier den Weg unter der Erde hin. Du kommst in eine Versammlung. Vorn sitzt ein Großer, dahinter ein Kleiner. Wende dich nicht an den Großen, wende dich an den Kleinen. Iß nicht, was man dir vorsetzt.« Der Jüngling ging.

Der Jüngling kam zu der Versammlung. Es war ein großes Dorf. Es saß da ein Großer und dahinter ein Kleiner. Er sagte: »Alle meine Brüder sind gestorben. Ich will nicht allein auf der Erde bleiben. Ich habe mich mit begraben lassen, und so bin ich hierher gekommen.«

Der Kleine sagte: »Gebt ihm ein Haus.« Der Jüngling wurde in ein Haus geführt. Man brachte ihm eine Schüssel mit Speise. Der Jüngling ging mit der Speise zu Nkolle und fragte: »Kann ich das essen!« Nkolle sagte: »Iß das nicht.« Nkolle sagte: »Iß das nicht, es ist Menschenfleisch. Du wirst aber im Dorf deinen Vater und deine Brüder sehen. Umarme sie, so werden sie mit dir zurückkehren.« Der Jüngling ging in das Dorf zurück. Er aß die Speise nicht. Er sah seinen Vater; er umarmte ihn. Er sah seine kleinen drei Brüder; er umarmte sie. Er sah seinen großen Bruder; er umarmte ihn. Sie gingen mit ihm. Sie gingen den Gang entlang zurück. Sie kamen zur Erde. Der Jüngling wurde ein großer Häuptling.

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