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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 85
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
modified20140825
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Die Entdeckung der Frauen

Felszeichnung

In alter, alter Zeit (Kallekallekalle) war einmal ein Mann, der hieß Nkolle. Er ging mit zwei Hunden in den Wald. Im Walde traf er eine Gulungwe (Antilope). Einer der Hunde setzte sogleich hinter ihr her. Nkolle kam zum Schuß. Nkolle tötete die Gulungwe. Die Gulungwe lag am Boden. Nkolle hatte vorn ein Fell und hinten ein Fell als Schurz. Über der Schulter hatte Nkolle einen Fellbeutel. Nkolle begann die Gulungwe zu zerschneiden. Er zerschnitt die Gulungwe.

Nkolle hatte die Antilope zerschnitten. Es kamen zwei Menschen aus dem Walde. Nkolle sah sehr wohl, daß es keine Männer waren. Sie waren ganz nackend. Sie hatten gar nichts an. Sie hatten vorn zwei Säcke (der Erzähler markiert mit einer Handbewegung die Frauenbrüste). Nkolle sah auch die andern Körperteile. Nkolle hatte seine Gulungwe zerschnitten. Er steckte alles Fleisch in den Sack. Er machte sich daran fortzugehen.

Die beiden Menschen waren Frauen. Sie sahen mit Erstaunen auf den Menschen, der hinten und vorn Felle hatte. Sie sahen den Fellsack. Sie sahen das Fleisch der Antilope und sagten: »Was hast du da?« Nkolle sagte: »Es ist Fleisch von der Gulungwe.« Die Frauen wollten es haben. Nkolle sagte: »Ich muß es zum Essen haben.« Die Frauen fragten: »Was machst du damit?« Nkolle sagte: »Ich esse es roh.« Die Frauen sagten: »Wenn du uns ein Stück Fleisch gibst, so geben wir dir das Feuer.« Er gab den Frauen ein Stück Fleisch. Die Frauen sagten: »Komm morgen wieder an diesen Platz, dann werden wir dir das Feuer geben.«

Nkolle ging am andern Tage wieder in den Wald zurück. Er traf nur eine Frau. Die Frau fragte: »Warum sind nicht mehr Männer gekommen! Gibt es denn nur einen von deiner Art?« Nkolle antwortete: »Es gibt deren viele.« Die Frau fragte: »Warum sind sie denn nicht mitgekommen?« Nkolle sagte: »Ich habe den andern Männern erzählt, daß ich Menschen mit zwei Bibumbi (= Säcke; damit sind die Frauenbrüste gemeint) gesehen habe.« Die Männer haben mir gesagt: »Du lügst!« Nkolle ging mit der Frau darauf ein wenig im Walde hin. Sie kamen an einen Platz, auf dem saßen lauter Menschen mit Bibumbi und alle waren nackt (Frauen). Es waren große, es waren kleine, es waren dicke, es waren dünne. In der Mitte war ein großes Feuer. Alle die Sackmenschen (die Frauen) sagten zu Nkolle: »Guten Tag!« Nkolle sah, daß alle Frauen ganz nackt waren. Er sah, daß ihre Haut ganz glatt und kein Haar auf der Haut war. Da dachte er: »Die sind ganz glatt und haben kein Haar auf der Haut; das kommt vom Feuer. Wir haben kein Feuer, wir haben Haare auf der Haut und frieren. Die haben es warm!«

Die Frau brachte einen Stuhl für Nkolle. Der Sitz war ganz aus Kräutern. Nkolle setzte sich auf die Kräuter. Er saß ganz nah am Feuer. Nkolle wurde ganz warm. Er sah in das Feuer. Da lag das Fleischstück, das er gestern der Frau gegeben hatte. Nkolle sagte: »Ich esse alle Tage mein Fleisch roh. Die Sackmenschen verstehen besser, es zuzubereiten. Das muß gut sein!« Er nahm alles Fleisch, das in seinem Schultersack war. Er gab es den Frauen, damit sie es zubereiteten. Die Frauen bereiteten es. Die Frau nahm den Sack von seiner Schulter, breitete ihn am Boden (wie eine Serviette) aus, legte das bereitete Fleisch darauf und sagte: »Iß und du wirst gut (!) werden!«

Die Frau fragte wieder: »Weshalb kommst du nicht mit den andern?« Nkolle sagte: »Gebt mir von dem zubereiteten Fleisch! Steckt es in meinen Schultersack. Ich will es mit in mein Dorf nehmen und es werden viele Männer kommen.« Nkolle nahm das Fleisch, steckte es in den Sack und ging in sein Dorf. Er rief alle Leute zusammen und sagte: »Ihr sagtet mir, daß ich gelogen habe; nun werde ich euch zeigen, ob ich gelogen habe!« Nkolle sagte: »Bringt mir euer Fleisch herbei!« Die Leute kamen mit ihrem Fleisch. Das Fleisch war roh, das Fleisch war schwarz (vom Blut), das Fleisch war alt und stank. Nkolle nahm das Fleisch, das die Frauen zubereitet hatten, aus dem Sack und sagte: »Seht meines.« Das Fleisch war braun und duftete sehr gut. Alle Männer kamen und rochen daran. Das Fleisch duftete sehr gut. Nkolle sagte: »Seht, das kommt von meinen Sackmenschen.« Es rief ein Mann: »Ich will auch hingehen!« Es rief ein anderer Mann: »Ich will auch hingehen!« Es rief ein dritter Mann: »Ich will auch hingehen!« Sie riefen alle: »Ich will auch hingehen!« Nkolle sagte: »Es ist gut, kommt mit mir. Ich gehe zu den Sackmenschen. Ich komme aber nie wieder zurück. Ich bleibe bei den Sackmenschen!« Die andern sagten: »Es ist gut!« Nkolle ging voran. Ein Mann nach dem andern kam hinter ihm her.

Alle Männer gingen mit. Sie kamen zu dem Feuer der Frauen. Die Männer sahen erstaunt auf die Frauen. Sie sahen die glatte Haut, sie sahen die Bibumbi, sie sahen, daß sie nackt waren; sie sahen alles. Die Frauen sahen auf die Männer; sie sahen die Fellschürze; sie sahen die Fellsäcke. Jede Frau trat vor einen Mann. Jede Frau kniete vor einem Mann nieder. Jede Frau setzte einem Mann einen Kräutersitz hin. Jeder Mann setzte sich ans Feuer. Jeder Mann gab sein Fleisch der Frau vor ihm. Jede Frau bereitete das Fleisch. Jede Frau breitete den Sack eines Mannes aus. Jeder Mann nahm das zubereitete Essen. Die Männer wagten erst nicht zu essen. Sie sahen, ob Nkolle äße. Nkolle aß. Die Männer aßen auch. Sie sagten: »Alle Tage war unser Fleisch blutig und schwarz. Alle Tage haben wir schlecht gegessen. Dies Essen ist gut.«

Nach dem Essen sagte Nkolle: »Ich bleibe hier!« Vier von den andern Männern sagten: »Wir bleiben hier!« Fünf Männer blieben im ganzen bei den Frauen. Alle andern Männer kehrten zurück. Nkolle ging in den Busch und schlug Stangen. Die Frauen schauten zu und sagten: »Was wird das?« Nkolle und die Männer sagten: »So machen wir es immer.« Nkolle ging hin und holte Koddi (Lianen). Nkolle baute ein Haus. Die Frauen starrten und sagten: »Was wird das?« Die Männer sagten: »So machen wir es immer.« Als die fünf Hütten fertig waren, nahmen die fünf Frauen der fünf Männer Brände und zündeten im Haus Feuer an. Die Frauen brachten Wasser hinein (der Berichterstatter betont, daß die Frauen nur Feuer, Holz und Wasser besessen hätten). Es regnete. Die Frauen sahen, daß die Hütten ein guter Schutz seien und staunten. Die Frauen sagten: »Das ist sehr gut.« Es war allen sehr wohl. – Denen aber, die in das Männerdorf zurückgekehrt waren, wurde nach einigen Tagen das Herz sehr schwer. Sie kamen ebenfalls wieder ins Frauendorf, bauten Hütten und blieben dort.

Nkolle hatte seine Hütte vollendet. Die Frau hatte Feuer, Holz, Wasser hineingetragen. Es wurde Abend. Nkolle nahm sein hinteres Fell ab und breitete es nahe dem Feuer aus. Das sollte das Lager für die Frau sein. Er nahm das vordere Fell ab und breitete es zwischen dem Lager der Frau und der Wand aus. (Der Mann schlief also weiter vom Feuer ab; bei den Bassonge schläft die Frau immer am Feuer, der Mann mehr der Außenwand zu.) Nkolle legte sich nieder und schlief ein. Die Frau legte sich nieder und schlief ein. Morgens krähte der Hahn. Da schwoll das Glied Nkolles, wie dies bei Männern gewöhnlich so ist. Die Frau war erwacht. Sie sah das Glied Nkolles steigen und wußte nun, was das sei. Nkolle aber schlief und wußte es nicht. Die Frau näherte sich nun dem Mann. Der Mann lag schräg auf der Seite. Die Frau tat ihre Beine auseinander und stieg über ihn. (Toller Jubel bei den Zuhörern.) Die Frau führte den Penis ein und begann den Beischlaf. (Es ist bei den Bassonge auch heute noch beliebte Sitte, daß die Frauen sich neben die Männer drängen und die eigentliche Bewegung ausführen.) Als der erste Beischlaf vollzogen war, stand die Frau auf, ging hinaus und wusch sich. Nkolle fühlte sich aber wie zerschlagen und schlief wieder ein. Die Frau trat wieder herein und fragte: »Nkolle, weshalb schläfst du?« Nkolle sagte: »Ach, ich bin so schlaff.« Am Tage darauf gingen alle Männer zur Jagd. Nkolle war zu erschöpft um mitzugehen. Die Männer kamen mit Beute von der Jagd zurück. Man bereitete Essen. Sie aßen. Die Frau sagte zu Nkolle: »Wenn die Sonne untergeht und die Hühner ins Haus gehen, dann wollen wir zu Bett gehen, und während der Nacht wollen wir zweimal machen, was wir vorige Nacht einmal gemacht haben.« So sagte die Frau. Sie taten es. Die Frau war sehr hübsch. Die Frau war sehr schön! Aber nur Nkolle und seine Frau machten es so. Die andern schliefen tschernana. (Tschernana bedeutet soviel wie ledig und wird nicht nur auf Junggesellen, sondern auch auf jede andere Besitz- oder Tatenlosigkeit angewendet.)

Die Frau Nkolles wurde stärker. Die Brüste der Frau Nkolles wuchsen. Die Männer sagten: »Was wird das werden?« Die Frauen sagten: »Was wird das werden?« Nkolle rief alle Männer in seiner Hütte zusammen und sagte: »Wir Männer sind anders als diese Beutelmenschen.« Die Männer sagten: »So ist es!« Nkolle sagte: »Nähert euch nur abends der Frau und führt euren Schwanz ein. Das andere macht dann die Frau. Ihr werdet sehen, darauf kommt dann ein anderer Mensch aus eurer Frau. Es wird ein anderer Mensch aus eurer Frau kommen!« – Einer der Leute, die Nkolle in seine Hütte gerufen hatte, um sie zu unterrichten, lief hin zu seiner Frau und führte den Beischlaf aus. Er kam in die Hütte Nkolles zurück: Es waren noch alle Leute beisammen. Der Mann rief: »Bibua bikalabale!« (Es war ausgezeichnet. – Die Gebärde des Wohlbehagens, mit der der Erzähler diese Stelle begleitet, ist von gradezu urkomischer Echtheit.)

Nkolle hatte die Männer unterrichtet. Die Männer gingen zu den Frauen. Die Männer sagten zu den Frauen: »Warum habt ihr uns das nicht schon lange gesagt?« Die Frauen sagten: »Ja, seid ihr keine Männer?« – Wer nun Schamgefühl hatte, der führte den Beischlaf mit seiner Frau in der Nacht aus. Wer kein Schamgefühl hatte, der tat es bei Tage. Nach einem Monat waren viele schwanger. Nkolles Frau war nur einen Monat schwanger. Dann brachte sie einen Knaben zur Welt. – Das Dorf war in sehr gutem Zustand. Die Frauen waren gesund. Man hatte viel Essen. Die Gesundheit war gut.

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