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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
modified20140825
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Die Fesselung der Gestirne

Felszeichnung

Kadifukke (ein Mann) hatte weder Vater noch Mutter. Er hatte sich selbst gemacht. Kadifukke traf eines Tages auf der Wanderschaft Tschauke. Tschauke sagte: »Wer bist du?« Kadifukke sagte: »Ich bin Kadifukke. Mich hat nicht Fidi Mukullu (Schöpfergott) gemacht. Mich hat keine Mutter geschaffen, ich bin aus mir selbst gekommen.« Tschauke sagte: »Ich bin Tschauke, die Tochter Fidi Mukullus.« Kadifukke sagte: »Ich würde dich gern heiraten.« Tschauke sagte: »Es ist gut.«

Sie gingen in das Dorf Kadifukkes. Tschauke sagte: »Kennst du den Weg zum Himmel?« Kadifukke sagte: »Gewiß, ich kenne ihn.« Tschauke sagte: »Ich gehe heute abend zu meinem Vater Fidi Mukullu. Komm morgen früh nach.« Tschauke ging. Kadifukke legte sich schlafen. Am andern Morgen machte Kadifukke ein Feuer aus trockenen Palmblättern. Es stieg Rauch zum Himmel. In dem Rauche ging er zum Himmel auf. Er kam im Himmel am Platz Tschaukes an. Tschauke sagte: »Wir wollen zu meinem Vater gehen.« Kadifukke sagte: »Heute will ich noch einmal zur Erde zurückkehren.« An dem Tag kehrte Kadifukke noch einmal zur Erde zurück. Am dritten Tag kam er wieder am Platz Tschaukes an. Er sagte zu Tschauke: »Nun wollen wir zu deinem Vater Fidi Mukullu gehen.« Sie gingen zu Fidi Mukullu. Fidi Mukullu machte Biddia (Brei). Er machte Tschingu (Fliegen) als Beigabe. Kadifukke aß ein wenig. Kadifukke betrachtete die Tschingu. Er sagte: »Ist das alles, was dein Vater als Zutat gibt?« Tschauke sagte: »Laß nur, laß nur, laß doch nur!« Kadifukke sagte: »Fidi Mukullu kann viel geben.« Kadifukke begann zu singen: »Weshalb tötet mir Fidi Mukullu nicht eine Ziege? Weshalb tötet mir Fidi Mukullu nicht ein Huhn?« Dann ging Kadifukke zur Ruhe.

In der Nacht bekam Kadifukke Magenweh. Er ging aus seiner Hütte ganz in die Nähe hin und entleerte sich. Dann ging er in das Haus zurück. Es begann auf allen Seiten die Tschonde (Holzpauke) zu ertönen. »Er hat auf die Erde gekackt. Er hat auf die Erde gekackt.« Tschauke sagte: »Weißt du, was das ist?« Kadifukke sagte: »Ja, das ist, weil ich auf die Erde gekackt habe.« Kadifukke ging hinaus. Er nahm Palmblätter und umwickelte seinen Unrat damit. Er steckte das Paket in seinen Sack. Dann ging er in sein Haus zurück. Die Leute Fidi Mukullus sangen nun: »Du hast gekackt, kack nicht noch einmal!« Darauf schliefen alle bis zum Morgen.

Am andern Tage sagte Fidi Mukullu zu Kadifukke: »Du willst Tschauke zur Frau haben?« Kadifukke sagte: »Ja, ich möchte Tschauke zur Frau haben. Was soll ich geben!« Fidi Mukullu sagte: »Pack mir Diba (Sonne), sie macht mir alle Tage Streit! Pack mir Gondo (Mond), er macht mir alle Tage Streit! Pack mir Tschidiminasaschi und Niama (Plejaden), Muntu und Mboa (Orion), denn sie machen mir alle Tage Streit! Pack mir Nguffu (Nilpferd), denn er macht mir alle Tage Streit! Pack mir Kaphumbu (Elefant), denn er macht mir alle Tage Streit! Nachher will ich dir meine Tochter zur Frau geben.« Kadifukke sagte: »Es ist gut.« Kadifukke ging zur Erde zurück.

Kadifukke ging zur Erde zurück. Kadifukke rief Kapullukussu (die kleine Fledermaus). Kadifukke aß Freundschaft mit Kapullukussu. Kadifukke sagte zu Kapullukussu: »Ich will Tschauke, die Tochter Fidi Mukullus heiraten.« Kapullukussu sagte: »Was will Fidi Mukullu?« Kadifukke sagte: »Ich soll Diba, Gondo, Tschidiminasaschi und Niama, Muntu und Mboa, Nguffu und Kaphumbu fangen. Dann will er mir Tschauke geben.« Kapullukussu sagte: »Das könnte ich sogleich machen.« Kadifukke sagte: »Ich will dir meine Schwester schenken.« Kapullukussu sagte: »Es ist recht.«

Kapullukussu machte eine Schnur. Die Schnur war nicht aus Ananasfaser, sie war nicht aus Rotang. Sie war aus Eisen. Sie war gedreht wie ein Strick und reichte weit, weit fort. Kapullukussu machte eine große, große Schlinge. Am Abend ging er fort. Der Regen hörte ein wenig auf. Der Regen ging ein wenig zur Seite. Kapullukussu legte seine Schlinge auf den Weg des Gondo. Gondo ging seinen Weg. Er ging in die Schlinge. Gondo war in der Schlinge. Kapullukussu rief: »Bantu, Bantu! alle Menschen müssen an der Schnur ziehen!« Alle Leute kamen herbei. Alle Leute zogen an dem eisernen Strick. Sie zogen den Mond ganz nahe heran und banden ihn an einen starken Baum. Kapullukussu machte eine (andere) Schnur. Die Schnur war nicht aus Ananasfaser, sie war nicht aus Rotang. Sie war aus Eisen und gedreht wie ein Strick. Sie war so stark wie ein Arm und reichte bis dahin, wo sich Erde und Himmel berühren. Kapullukussu machte eine große Schlinge in den eisernen Strick. Er trug die Schlinge dahin, wo die Sonne morgens einhergeht. Er ging hin und legte nachts seine Schlinge auf den Weg. Dann kam die Sonne und machte gewaltiges Feuer nach allen Seiten. Nach allen Seiten gingen gewaltige Flammen aus. Dann trat die Diba in die Schlinge. Kapullukussu rief: »Bantu! Bantu! Bantu! Alle Menschen müssen an der Schnur ziehen! Alle Menschen müssen stark ziehen!« Alle Leute kamen und alle Leute zogen an dem eisernen Strick, der so dick war wie ein Arm, und die Diba warf Feuer nach allen Seiten. Doch die Leute zogen. Sie zogen Diba heran, bis sie ganz dicht war und dann schlangen sie die Schnur aus Eisen um einen großen Stein. Diba war gebunden.

Kadifukke sagte zu Kapullukussu: »Für Tschidiminasaschi und Niama, Muntu und Mboa (Plejaden und Oriongruppe) brauchst du nicht eine so starke Schnur zu nehmen.« Kapullukussu sagte: »Nein, das mach ich so!« (Der Erzähler spuckt in die Hand und fährt dann erst langsam, dann schnell zupackend vor sich hin, genau wie wir etwa eine Fliege fangen.) Kapullukussu fing so Tschidiminasaschi und steckte ihn in seinen Sack. Kapullukussu sagte: »Den habe ich.« Kapullukussu spuckte wieder in die Hand, holte aus, fing Niama und steckte ihn in den Sack. Kapullukussu spuckte wieder in die Hand, holte aus, fing Muntu und steckte ihn in den Sack. Kapullukussu spuckte wieder in die Hand, holte aus, fing Mboa und steckte ihn in den Sack. Kapullukussu band den Sack fest zu. Er hielt ihn an Kadifukkes Ohr und fragte: »Hörst du?« Kadifukke hörte hin. Die Sterne machten: »Tué té! Tue té! Tue té!« (Der erste Ton dreieinhalb Ton höher als der zweite und das ganze gesprochen, wie wir das Uhrticken nachahmen.) Kadifukke nahm den Sack und hing ihn im Haus auf.

Kapullukussu sagte: »Schenk mir noch etwas.« Kadifukke sagte: »Es ist gut.« Er nahm seinen Bruder und gab ihn Kapullukussu. Kapullukussu nahm die Schwester und den Bruder Kadifukkes und stellte sie nebeneinander. Dann klopfte Kapullukussu leicht auf ihre Schultern. Darauf flatterten beide wie Kapullukussu und beide wurden wie Kapullukussu.

Kapullukussu ging hin und machte einen Dobbo (Angelhaken). Der Dobbo war so stark, wie eine große Zehe. An dem Dobbo befestigte er junges, schönes Gras, wie es Nguffu gern ißt. Den Dobbo mit dem jungen Gras warf Kapullukussu ins Wasser; dahin, wo Nguffu jeden Abend essen kam. Der Dobbo war an einem Tau befestigt. Das Ende des Taues hielten die Leute im Dorf. Der Mond ging auf. Die Leute im Dorfe fühlten, wie es stark am Tau zog. Kapullukussu rief: »Zieht! zieht!« Sie zogen und zogen Nguffu heraus. Sie banden Nguffu die Beine zusammen. Kapullukussu ging hin und machte einen Dobbo so stark wie einen Arm. An dem Dobbo befestigte er Zweige mit jungen Blättern, wie sie Kaphumbu gern ißt. Den Dobbo mit den jungen Zweigen warf Kapullukussu in die Krone der Bäume. Der Dobbo war an einem Tau befestigt. Das Ende des Taues hielten die Leute im Dorf. Der Mond ging auf. Die Leute im Dorf fühlten, wie es stark am Tau zog. Kapullukussu rief: »Zieht, zieht.« Alle Leute zogen und zogen Kaphumbu aus dem Wald. Sie banden Kaphumbu die Beine zusammen.

Kadifukke ging nun hinauf in Fidi Mukullus Dorf. Er sagte: »Ich habe Diba, die dir immer Streit macht, sie ist an ein Seil gebunden. Wenn deine Leute aber die Sonne heraufholen, so sollen sie fest zupacken, denn die Diba ist stark und viel Feuer geht von ihr aus.« Fidi Mukullu sagte: »Habe ich nicht genug Leute? Alle meine Leute werden die Sonne halten.« Die Leute Fidi Mukullus kamen alle heran Sie hielten den Eisenstrick. Sie führten die Sonne herauf. Diba warf viel Feuer nach rechts und links. Sie warf nach allen Seiten Feuer. Diba konnte nicht fort. Fidi Mukullu sagte: »Bindet Diba hier an. Diba soll am Himmel bleiben. Diba soll hier gehen nach meinem Willen. Diba soll mit ihrem Feuer nichts verbrennen.« Fidi Mukullu rief Kadifukke: »Hast du Gondo, Tschidiminasaschi, Niama, Muntu, Mboa?« Kadifukke sagte: »Ich habe sie. Gondo ist stark.« Fidi Mukullu sagte zu seinen Leuten: »Bringt Gondo herauf. Alle Leute sollen Gondo heraufbringen. Bindet Gondo hier an, und er soll nicht häufiger umgehen, als ich es will. Es soll ein großer Zeitraum sein, wenn Gondo umgeht. Tschidiminasaschi, Niama, Muntu und Mboa sollen am Himmel angebunden werden. Wenn der Regen kommt, sollen sie hier gehen, und wenn der trockene Wind kommt, dort.«

Fidi Mukullu gab Kadifukke Tschauke zur Frau. Kadifukke und Tschauke kehrten zur Erde zurück.

(Der Erzähler ist am Ende sichtlich ermüdet. Kadifukke heißt nach seiner Erklärung: »Der sich selbst macht.«)

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