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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 75
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
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Jäger und Schlange

Felszeichnung

Eines Tages ging ein Jäger in den Busch, um zu jagen. Am gleichen Tage ging Löwe in den Busch, um zu jagen. Am gleichen Tag ging Dom (Schlange) in den Busch, um zu jagen. Jeder ging seinen Weg. Keiner wußte vom anderen. Sie kamen an einen Platz, auf dem stand eine Kuhantilope. Der Jäger nahm seinen Bogen und wollte einen Pfeil auflegen. Da sah er, wie Dom aufschnellte und die Antilope totbiß.

Löwe sah auch, wie Dom auf die Antilope sprang und sie totbiß. Löwe kam aus dem Busch heraus und sagte zu Dom: »Ich verfolgte diese Antilope. Gib sie mir heraus. Sie kommt mir zu. Ich habe sie gehetzt.« Dom sagte: »Die Antilope kommt mir zu, denn ich habe sie erlegt.« Löwe sagte: »Wir wollen einen andern fragen, was er meint.« Dom sagte: »Es ist mir recht. Wir wollen einen andern fragen, was er meint.«

Der Jäger dachte: »Wenn ich der Schlange recht geben würde, würde mich Löwe beißen.« Dom hatte die Fähigkeit, alles zu verstehen, was ein anderer denkt. Dom sagte: »Wir wollen den Jäger fragen, der hinter dem Baum steht.« Dom sagte zu dem Jäger: »Komm nur hervor und sage deine Meinung. Wir werden dir nichts tun.« Löwe sagte: »Nein, wir werden dir nichts tun, wenn du deine Meinung sagst.« Darauf kam der Jäger hinter seinem Baum hervor.

Der Jäger sagte: »Löwe hat mit seiner Forderung nicht recht. Denn Schlange und nicht Löwe hat das Wild getötet. Wenn mehrere Jäger ein Wild verfolgen und erlegen, so teilen sich der, der es zuerst verwundete, und der, der es endlich tötete, die Beute. Also gehört die Antilope zuerst Dom. Ich denke aber, man kann sich hier ohne Schwierigkeiten einigen. Wir wollen die Antilope teilen.«

Dom sagte: »Ich bin damit einverstanden. Wir wollen die Antilope in drei Teile zerlegen, einen für den Jäger (als Richter), einen für den Löwen, einen für mich!« Löwe sagte: »Gut, so bin ich zufrieden.« Danach zerlegten sie die Antilope. Sie teilten das Fleisch und häuften es in drei Teilen auf. Löwe nahm seinen Anteil und ging von dannen.

Dom sagte zum Jäger: »Nimm meinen Teil auch auf. Begleite mich und trage meinen Teil mit in mein Haus.« Der Jäger dachte bei sich: »Diese Schlange wird mich in ihrem Hause töten wollen.« Dom wußte sogleich, was der Jäger gedacht hatte, und sagte: »Du hast meine Angelegenheit mit dem habgierigen Löwen gut geregelt. Hab also keine Angst. Ich werde dir sicherlich nichts Böses tun.«

Sie gingen weiter. Nachdem sie weit gegangen waren, kamen sie an einen großen Fluß. Dom sagte: »In dem Fluß liegt meine Stadt. Komm mit in den Fluß.« Der Jäger sagte: »Ich werde im Wasser ertrinken.« Dom sagte: »Du wirst nicht ertrinken. Komm nur!« Sie gingen in das Wasser. Sie kamen unter das Wasser. Unter dem Wasser war eine große Stadt. In der Stadt lag auch das Gehöft Doms. Sie kamen in das Gehöft Doms. Der Jäger legte sein Fleisch ab. Die Frau und die zwei Kinder Doms nahmen es und trugen es zur Seite. Das eine der beiden Kinder Doms war ein sehr schönes Mädchen. Als der Jäger das Mädchen sah, dachte er bei sich: »Ich möchte einmal mit diesem Mädchen schlafen. Nachher will ich dann gern sterben.« Dom (der immer alle Gedanken sogleich liest) sagte: »Dies Mädchen ist meine Tochter. Schlaf mit ihr nach Herzenslust. Du brauchst deswegen nicht zu sterben.«

Der Jäger dachte (bei sich): »Woher weiß nur Dom alles, was ich denke!« Dom sagte: »Gott sagt es mir! Gott sagt mir alles.« Dom gab dem Jäger ein großes Haus. Dom rief dann seine Tochter. Der Name der Tochter war: »Wenn du den Mann gut bedienst, wird Gott dich nicht strafen.« Die Tochter Doms kam. Dom sagte zu seiner Tochter: »Mach das Haus für den Jäger rein!« Das Mädchen tat es. Am Abend bereiteten die Frauen gutes Essen. Das Mädchen brachte dem Jäger eine Schüssel mit guter Speise in das Haus. Der Jäger aß. Das Mädchen blieb bei ihm. Er schlief mit dem Mädchen. Der Jäger blieb sechs Tage in dem Hause Doms.

Der Jäger ging dann zu Dom und sagte: »Nun muß ich nach Hause gehen. Ich möchte dich bitten, mir von der Medizin zu geben, die dir die Eigenschaft gibt, die Gedanken anderer Leute lesen zu können.« Dom sagte: »Ich werde dir von der Medizin geben und ich werde dir auch meine Tochter als Frau mitgeben.« Dom ging und brachte die Medizin herbei. Dom sagte: »Nimm diese Medizin und tu sie daheim auf das Essen. Aber jage die Ziegen nicht weg, wenn sie mit davon essen wollen!« Der Jäger sagte: »Es ist gut!«

Der Jäger nahm seine Medizin, die Tochter Doms und ging von dannen. Er ging mit seiner Frau aus dem Flusse und dann dem Dorf zu, in dem er wohnte. Als er daheim angekommen war, beschloß er, die Medizin sogleich zu versuchen. Als er die Medizin hervorsuchen und eben auf sein Essen tun und dies zum Munde führen wollte, drängten sich die Ziegen heran. Der Jäger schlug darauf nach den Ziegen. Dabei fiel aber die Medizin herab, und zwar gerade auf den Schwanz des Jägers.

So kam es, daß die Eigenschaft, die Gedanken anderer lesen zu können, nicht auf den Kopf des Jägers, sondern auf seinen Schwanz überging. Und seitdem weiß es der Schwanz sogleich, wenn eine Frau verliebt an den Mann denkt. Und seitdem geht der Schwanz in die Höhe.

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