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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 74
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
modified20140825
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Die ungeliebte Frau

Felszeichnung

Ein Häuptling hatte viele Frauen. Die liebte er alle bis auf eine. Diese liebte er nicht und deshalb wurde sie von den andern verhöhnt. Die andern Frauen reinigten alle Tage ihre Hütten, und um die ungeliebte Frau zu verspotten, warfen sie den zusammengekehrten Unrat in deren Haus und vor deren Haus, so daß es schmutzig und häßlich aussah.

Der Häuptling hatte viele Frauen. Aber keine der Frauen hatte ein Kind. Keine der Frauen wurde schwanger. Der Häuptling war kinderlos. Als das eine lange Zeit so gegangen war, wandte er sich an einen Mohammedaner und erlangte von dem ein Mittel, das einen Kindersegen versprach. Als der Häuptling das Mittel hatte, ließ er alle Frauen zu sich kommen. Nur die ungeliebte Frau ließ er fern bleiben. Er nahm das Mittel und sagte: »Dieses Medikament hat die Wirkung, daß ihr Kinder bekommen werdet. Reibt das Medikament, teilt es und jede nehme ihr Teil ein.« Die Frauen nahmen das Medikament.

Die Frauen gingen zum Mahlstein. Sie rieben das Zaubermittel in Pulver; dann teilten sie es untereinander. Der Häuptling schlief bei allen diesen Frauen. Sie nahmen alle ihr Teil an dem Medikament und warteten nun darauf, schwanger zu werden. Die ungeliebte Frau hatte von den andern nichts von dem Medikament abbekommen. Sie ging aber nachts zu dem Mahlstein, auf dem die Frauen das Medikament des Mohammedaners zerrieben hatten. Die Frau goß Wasser auf den Mühlstein, wusch mit dem Wasser die Reibfläche des Mahlsteins ab und trank das Wasser. Darauf wurde die ungeliebte Frau alsbald schwanger.

Als die ungeliebte Frau sich schwanger fühlte, versteckte sie sich und zeigte sich niemand mehr. Niemand sah es, daß sie ein Kind gebar. Als das Kind aber geboren war, trug sie es heimlich in das Haus des Häuptlings und versteckte es da. Das Kindchen wurde gefunden. Der Häuptling ließ alle seine Leute zusammenkommen, verteilte Geschenke und sagte: »Eine meiner Frauen hat mir ein Kind geboren.« Die Leute fragten: »Welche von deinen Frauen ist es denn?« Der Häuptling ließ herumfragen, welche von seinen Frauen das Kind geboren habe. Es war aber nicht zu erfahren.

Darauf sagte ein (weiser) Mann (wohl ein Teu, das ist der Schamanenpriester bei den Tim; Plural Teoa) dem Häuptling: »Laß alle deine Frauen Essen kochen. Stell alle Näpfe mit dem Essen um das Kind herum. Das Kind wird das Essen seiner Mutter nehmen.« Der Häuptling sagte: »Es ist gut.« Er sandte seine Boten bei allen seinen Frauen herum und ließ sagen: »Jede soll eine Schüssel mit Essen machen und hierher senden, damit man sehe, wer die Mutter des Kindes sei.« Der Bote lief überall herum. Nur zu der ungeliebten Frau ging er nicht. Alle Frauen machten Essen. Sie trugen ihre Schüsseln zu dem Häuptling. Es war Essen von allen Frauen da. Nur von der ungeliebten Frau war kein Essen da. Man brachte das Kind herein, damit es sich unter den Schüsseln das Gericht seiner Mutter aussuche. Das Kind aber schrie und wollte nichts annehmen. Das Kind schrie und wollte fort. Die Leute sagten: »Unter allen diesen ist seine Mutter nicht.« Die Leute sagten: »Es ist noch die ungeliebte Frau da.« Der Häuptling sagte: »Die ist sicher nicht seine Mutter!« Der (weise) Mann sagte: »Laß auch die eine Schüssel mit Essen bereiten und herschicken!«

Der Häuptling sandte einen Boten zu der ungeliebten Frau und ließ sagen: »Bereite eine Schüssel mit Essen und sende sie hierher.« Die ungeliebte Frau bereitete sogleich Essen. Die Gerichte der anderen Frauen waren lecker bereitet, denn der Häuptling gab ihnen reichlich aus den Speichern. Das Gericht der ungeliebten Frau aber war unansehnlich, denn sie mußte sich mit dem Kümmerlichsten, das sie selbst verdient hatte, behelfen. Die Schüssel mit dem Essen der ungeliebten Frau wurde neben die Speisen der anderen Frauen hingestellt. Man brachte das Kind wieder herein. Da hörte das Kind sogleich mit Weinen auf, lief auf die Eßschüssel seiner Mutter zu und lachte. Es begann zu essen. Der (weise) Mann sagte: »Dieses Essen kommt von der Mutter des Kindes!« Die Leute sagten: »Die ungeliebte Frau ist die Mutter des Kindes!« Der Häuptling ließ die ungeliebte Frau sogleich rufen. Er fragte sie: »Ist dies dein Kind?« Die ungeliebte Frau sagte: »Ja, das ist das Kind, das ich von dir habe.« Darauf schenkte der Häuptling ihr Kleider.

Die andern Frauen machten sich sogleich daran, den Mist, den sie gegen das Haus der ungeliebten Frau geworfen hatten, wegzuräumen. Sie reinigten ihr Haus so gut sie es nur konnten. Von da ab zog der Häuptling diese Frau allen andern vor. Und die andern Frauen erwiesen ihr alle Ehrerbietung.

So soll man nicht sagen, daß eine Frau schlechter oder minderwertiger sei als eine andere, bloß weil man sie nicht so lieb hat.

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