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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 72
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
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Spinne und Häuptlingstochter

Felszeichnung

Ein Obote (Häuptling) hatte eine kleine Tochter, die hieß Anima. Als Anima herangewachsen war, war sie ein sehr hübsches Mädchen. Viele wollten Anima heiraten. Der Häuptling rief alle Leute zusammen und sagte zu ihnen: »Meine Tochter Anima ist reif zum Heiraten. Ich werde sie dem zum Manne geben, der mir das Krokodil (Upoanja) lebendig fängt und hierher bringt.« Viele Leute gaben darauf den Gedanken an Anima auf. Einige sannen darüber nach, wie das zu machen sei. Keiner aber wagte die Sache zu versuchen.

Auch Spinne (Nati) hatte davon gehört und beschloß den Versuch, das Krokodil zu fangen. Spinne nahm einen Sack, ging an das Flußufer hinunter, dahin, wo das Krokodil lag, und sagte: »Der Häuptling hat gesagt, wir sollten miteinander spielen.« Das Krokodil sagte: »Es ist gut. Wir wollen miteinander spielen. Aber was wollen wir denn miteinander spielen?« Spinne sagte: »Hier habe ich einen Sack mitgebracht. Einmal kriecht der eine hinein und der andere macht zu; dann kriecht er wieder heraus und die Reihe hineinzukriechen kommt an den andern. Gefällt dir das?« Das Krokodil sagte: »Ja, das sagt mir zu. Wer soll zuerst hineinkriechen?« Spinne sagte: »Mach du den Anfang.« Das Krokodil sagte: »Gut!«

Spinne hielt den Sack auf. Das Krokodil kroch hinein. Spinne machte den Sack zu. Nach einiger Zeit machte Spinne den Sack auf, das Krokodil schlüpfte heraus und Spinne hinein. Nachher wurde Spinne wieder herausgelassen und das Krokodil kam hinein. Diesmal band Spinne den Sack ganz fest zu, machte auch nicht wieder auf, sondern nahm ihn samt seinem Inhalt auf den Kopf und trug ihn von dannen.

Als Spinne den Sack mit dem Krokodil ein Stück weit getragen hatte, kam er an einer Stelle vorbei, da lag ein Mann auf den Knien und tastete mit den Händen umher. Der Mann war blind und suchte auf dem Boden. Spinne fragte: »Was machst du denn da?« Der blinde Mann antwortete: »Der Obote hat gesagt, er wolle seine Tochter Anima dem zum Mann geben, der ihm ein lebendes Krokodil bringe. Nun suche ich hier ein Krokodil!« Spinne hatte den Sack auf die Erde gelegt. Spinne sagte zu dem blinden Manne: »Du suchst vergebens; ich habe schon ein Krokodil.« Als Spinne das gesagt hatte, stürzte der blinde Mann unversehens auf den Sack, in dem das Krokodil war, und riß ihn an sich. Spinne sagte: »Was willst du? Das ist mein Krokodil!« Der blinde Mann sagte: »Das ist mir gleich, was du sagst. Jetzt ist es mein Krokodil.« Spinne sagte: »Ich habe das Krokodil gefangen. Deshalb will ich jetzt Anima dafür haben.« Der blinde Mann sagte: »Will nur, was du willst. Ich werde mir jetzt Anima holen.«

Der blinde Mann nahm den Sack, in dem das Krokodil war, ging zu dem Obote und sagte: »Du wolltest deine Tochter Anima dem zur Frau geben, der dir ein lebendiges Krokodil bringt. Hier ist es.« Darauf erhielt der blinde Mann Anima zur Frau.

Spinne überlegte, wie er sich an dem Häuptling dafür rächen könne, daß er ihm nicht seine Tochter Anima zur Frau gegeben hatte. Endlich ging Spinne in den Wald und holte dort flüssigen Gummi (Tekanquinn). Den goß Spinne auf den Stuhl des Häuptlings.

Als der Häuptling nun darauf Platz nahm, drang der Saft in seinen Hintern und verschloß dessen Öffnung. Sie war verklebt, und der Häuptling wurde krank. Er konnte essen, so viel er wollte, er vermochte sich nicht zu entleeren. Er aß und aß, wurde dicker und dicker und zuletzt über alle Maßen elend.

In seiner Not rief der Obote alle Leute zusammen und sagte: »Ich bin sehr krank! Wer von euch kann mir helfen?« Von allen Seiten kamen die Leute an und ließen sich die Krankheit erklären. Sie versuchten dies und jenes Medikament. Aber nichts half; keiner konnte helfen. Jeder ging unverrichteter Sache wieder von dannen. Endlich sagte einer: »Wenn da einer helfen kann, so ist es Spinne.«

Der Obote ließ zu Spinne senden; der Bote kam zu Spinne und sagte: »Der Obote ist krank. Er läßt dich fragen, ob du helfen kannst?« Spinne sagte: »Was fehlt denn dem Obote?« Der Bote sagte: »Er ißt, aber er kann nicht scheißen. Alles bleibt in ihm.« Spinne sagte: »Ich werde kommen.« Spinne ging zu Obote. Er betrachtete den Obote. Der Obote sagte: »Kannst du mir helfen?« Spinne sagte: »Ja, ich kann dir helfen; es ist eine sehr einfache Sache. Nur brauche ich die Zunge jenes Blinden dazu. Gebt mir die Zunge jenes Blinden, dem Obote seine Tochter Anima zur Frau gegeben hat, und ich werde den Obote sogleich heilen.«

Die Leute sagten zu dem Blinden: »Spinne braucht deine Zunge, um die Krankheit des Obote zu heilen.« Der Blinde sagte: »Brauchst du sie trocken oder naß?« Spinne sagte: »Ich brauche sie naß.« Dann schnitten die Leute dem Blinden die Zunge heraus. Spinne nahm die Zunge, spießte sie auf ein spitzes, längeres Stäbchen und bohrte dann die Spitze dieses Stäbchens dem Obote in sein Arschloch. Durch diesen Stoß wurde der Gummi beiseite gedrückt. Die Folge war, daß Obote wieder scheißen konnte. Darauf nahm der Obote dem Blinden seine Tochter Anima fort und gab sie Spinne zur Frau. Seitdem läßt man die Spinnen im Haus und tötet sie nicht, denn sie bringen gute Medizin.

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