Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Leopold Frobenius >

Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 71
Quellenangabe
pfad/frobeniu/afrika/afrika.xml
typefairy
authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
modified20140825
projectidb44bb671
Schließen

Navigation:

Der entlaufene Junge

Felszeichnung

Ein Junge saß neben einem Stampfmörser. Ein Aasgeier (Kadjigo) kam herangeflogen, ließ sich daneben nieder und begann aus dem Abwurf Nahrung zusammenzupicken. Das Kind fragte den Aasgeier: »Warum hast du denn keine Haare auf dem Kopf?« (Meint damit die Federnlosigkeit.) Der Aasgeier sagte: »Weil ich ein armer Mann bin.« Das Kind fragte: »Was ist das: ein armer Mann? Was ist das: arm?« Der Aasgeier sagte: »Warte bis morgen, dann will ich es dir zeigen, was arm ist.« Dann erhob sich der Aasgeier und flog von dannen. Der Junge lief nach Haus. Er sagte nichts von der Unterhaltung.

Am anderen Morgen saß das Kind wieder neben dem Stampftrog. Nach einiger Zeit kam der Aasgeier angeflogen. Er ließ sich neben dem Jungen nieder und sagte: »Setz dich auf meine Schulter; ich will dich dahin bringen, wo du kennenlernen wirst, was arm ist.« Der Junge setzte sich auf die Schultern des Vogels, und der hob sich hoch und flog mit dem Jungen auf dem Rücken von dannen; er flog weit fort. Über einem Fluß ließ er sich wieder herab. In dem Flusse war eine felsige Insel, die ständig von Wasser umgeben war. Man konnte von der Insel nicht an die Ufer des Flusses gehen. Auf der Insel setzte der Aasgeier den Jungen ab. Er sagte: »Nun wirst du erfahren, was ein armer Mann ist.« Dann flog der Aasgeier von dannen.

Das Kind saß nun allein auf der Felseninsel. Alle Tage kam der Aasgeier über ihm vorbeigeflogen, ließ etwas Scheiße auf des Jungen Kopf herunterfallen und fragte: »Weißt du nun, was arm ist?« Das tat er so sieben Tage lang, einen wie den andern, und der Junge wußte nicht, wie er von der Felseninsel fortkommen sollte.

Eines Tages stritten sich dicht neben der Felseninsel zwei Krokodile (Upoanjaga, Plural: Iponjaga). Sie stritten sich um eine Frau. Erst merkten sie nicht, daß der Junge ihnen zusah. Der Stärkere nahm dann dem Schwächeren die Frau fort. Dann erblickten die Krokodile den Jungen. Die Krokodile fragten: »Hast du uns gesehen?« Der Junge sagte: »Nein, ich habe nichts gesehen.« Die beiden Krokodile schwammen fort. – Nach einiger Zeit kam aber das schwächere der beiden Krokodile wieder und fragten den Jungen: »Was hast du da über Schulter und Nacken hängen?« Der Junge sagte: »Das sind Bogen und Pfeile.« Das Krokodil fragte: »Was machst du damit?« Der Junge sagte: »Damit kann ich töten.« Das Krokodil fragte: »Kannst du damit auch das andere, stärkere Krokodil töten?« Der Junge sagte: »Gewiß kann ich das!« Das Krokodil sagte: »So tu es morgen, und ich werde es dir reichlich lohnen. Ich werde morgen mit ihm hierherkommen, damit du den Rechtsstreit entscheidest. Dabei werde ich vorangehen. Schieß also auf das zweite Krokodil.« Der Junge sagte: »Ich werde es tun.« Das Krokodil ging.

Am anderen Tag kamen die beiden Krokodile auf die Felseninsel gekrochen. Das schwächere war voran. Das stärkere kam hinterher. Als sie beide nahe genug waren, legte der Junge einen Pfeil auf den Bogen und schoß nach dem Krokodil. Er schoß es mitten durchs Herz. Das größere Krokodil schlug einmal mit dem Schweif um sich; dann lag es still. Das schwächere Krokodil sah von der Seite aus hin. Es sagte: »Ist der andere tot?« Der Junge sagte: »Geh hin und lege deine Hand darauf: du wirst sehen, es rührt sich nicht.« Das schwächere Krokodil ging hin. Es legte seine Hand auf den Körper des stärkeren Tieres. Das Tier rührte sich nicht. Das stärkere Krokodil war tot.

Das schwächere Krokodil kam von nun an jeden Tag und brachte dem Jungen frische Nahrung. Drei Jahre lang kam das Krokodil Tag für Tag. Die Haare des Jungen wuchsen. Niemand war da, sie mit einem Messer abzuschneiden. Sie wurden länger und länger. Einmal fragte das Krokodil den Jungen: »Wo bist du denn zu Hause?« Der Junge sagte: »Auf jener Seite dort drüben liegt mein Dorf.« Das Krokodil sagte: »Ich werde dich hinübertragen.« Das Krokodil nahm den Jungen auf den Rücken und schwamm mit ihm über das Wasser. Das Krokodil sagte: »Steig hier ans Land. Du wirst oben zwei Wege sehen, einen breiten und einen schmalen. Geh ja nicht den breiten Weg! Geh den schmalen Weg!«

Der Junge stieg am Ufer empor. Er sah da oben die beiden Wege. Er sagte: »Ich werde den schmalen Weg nicht gehen, auf dem würde ich mich verlaufen. Ich werde auf dem breiten Weg gehen, den kann ich nicht verfehlen.« Der Bursche ging auf dem breiten Wege. Nach einiger Zeit kam er dahin, wo die Hyäne (Usaquan), der Leopard (Ubuij) und der Löwe (Biginte) zu Hause waren. Er traf die Hyäne. Die Hyäne sagte: »Du bist fremd hier?« Der Bursche sagte: »Ja, ich bin fremd hier.« Die Hyäne sagte: »Komm mit mir. Ich werde dir zu essen geben.« Der Junge ging mit der Hyäne. Die Hyäne zeigte ihm den Weg. Die Hyäne, der Leopard und der Löwe nahmen den Burschen freundlich auf.

Sobald der Bursche sich niedergelassen hatte, setzten die drei ihm eine gut zubereitete Antilope vor. Am nächsten Tag wurde ihm wieder reichlich Antilopenfleisch angeboten, und alle drei waren freundlich zu ihm. Drei Tage lang waren sie freundlich und gaben ihm reichlich zu essen. Am vierten Tag sagten aber die drei zu ihm: »Wir sind drei und haben dir drei Tage lang reichlich zu essen gegeben. Heute ist es nun an dir, eine Antilope zu erlegen, sonst müssen wir uns an dich halten und dich aufessen.« Der Bursche sagte: »Ich bin gern bereit dazu.« Der Bursche machte sich auf den Weg. Er schoß nach einer kleinen Antilope. Sie fiel. Er ging mit den Beil hin, gab ihr den Gnadenschlag. Er zog den Pfeil heraus. Er ging weiter. Er schoß nach einer zweiten kleinen Antilope. Sie fiel. Er ging mit dem Beil hin, gab ihr den Gnadenschlag. Er zog den Pfeil heraus. Er ging heim. Er brachte den Tieren die zwei Antilopen.

Am anderen Tage sagten die Hyäne, der Leopard und der Löwe zu dem Burschen: »Heute mußt du uns wieder eine Antilope bringen, sonst müssen wir dich töten und als Nahrung verzehren.« Der Bursche sagte: »Ich bin gern bereit dazu.« Der Bursche machte sich auf den Weg. Er erlegte zwei große Antilopen. Er brachte sie heim. Am andern Tage sagten die drei Tiere wieder: »Heute mußt du uns wieder eine Antilope bringen, sonst müssen wir dich töten und als Nahrung verzehren.« Der Bursche sagte: »Ich will es gern tun.« Er ging fort, erlegte einige große Antilopen und brachte sie nach Hause.

Hyäne, Leopard und Löwe sagten: »Wir möchten wissen, wie der Bursche es anfängt, die Tiere so zu töten!« Der Affe (Ulantann) sagte: »Ich bin bereit, den Burschen einmal zu beobachten.« Die Tiere sagten: »Es ist gut; wenn du es siehst und uns dann berichtest, wollen wir dir etwas schenken.« Am nächsten Tag sagten die Tiere wieder zu dem Burschen: »Du mußt heute wieder hingehen und sehen, wie du eine Antilope zur Stelle schaffst. Gelingt es dir nicht, so müssen wir dich töten und dich als Nahrung verzehren.« Der Bursche sagte: »Ich will es gern tun.« Der Bursche ging fort. Der Affe folgte ihm. Nach einiger Zeit sah der Bursche eine große Antilope. Er griff mit der Hand an den Nacken (die Bassari legen die Köcher direkt an den Hals, so daß mit einem Griff unter das Ohr die Hand die Pfeile erreicht), zog einen Pfeil aus dem Köcher, legte ihn auf den Bogen, schoß. Die Antilope fiel tot zur Erde.

Der Affe sah es. So schnell er konnte, lief er fort und zurück in das Haus der Hyäne, des Leoparden und Löwen. Er sagte: »Ich habe gesehen, wie der Bursche die Tiere tötet. Der Bursche zieht den Tod aus dem eigenen Nacken. Wenn er den rechten Arm hebt, zieht er jedesmal mit der rechten Hand einen Tod aus dem Nacken.« Hyäne, Leopard und Löwe sagten: »Nun wissen wir, wie er zu der vielen Beute kommt.«

Nach einiger Zeit kam der Bursche heim. Er brachte zwei große Antilopen mit. Als er bei den Tieren eintraf, lief gerade eine Eidechse an ihm vorbei. Er hob die rechte Hand, um sie noch schneller zu verscheuchen. Die Hyäne, der Leopard und der Löwe riefen: »Jetzt zieht er einen Tod aus dem Nacken.« Dann liefen sie schnell zur Türe hinaus und stürzten Hals über Kopf in den Busch.

Der Bursche nahm Bogen und Pfeil und ging seinen Weg weiter. Als er eine Weile gegangen war, traf er eine Katze (Tonto), die trug ein gestohlenes Huhn im Maul. Der Bursche griff sie. Er sagte ihr: »Zeig mir den Weg in das Gehöft meines Vaters oder ich töte dich.« Die Katze sagte: »Ich will dir den Weg zeigen.« Die Katze ging voran. So kam der Bursche heim. Vor dem Gehöft stand der Vater des Burschen. Der Bursche sagte: »Guten Tag, Vater.« Der Vater sagte: »Wer bist du, ich kenne dich nicht. Ich habe noch nie einen Menschen mit so langen Haaren gesehen.« Der Bursche erzählte (der Erzähler wiederholt die ganze Geschichte). Darauf erkannte der Vater seinen Sohn und nahm ihn mit zu sich hinein. Der Vater sagte: »Warum hast du mich damals nicht gefragt? Ich hätte dir gesagt, was ein armer Mann ist, und du hättest dann nicht so lange herumzulaufen brauchen.«

Seitdem sagen die Jungen immer alles ihren Eltern und laufen nicht mehr so im Busch herum.

 << Kapitel 70  Kapitel 72 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.