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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 66
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
modified20140825
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Sieben Klöße für den Mann

Felszeichnung

Ein junger Mann hatte viel Geld. Er hatte sehr viel Geld. Er wollte aber vor allem nichts ausgeben für Essen. Der junge Mann heiratete ein junges Mädchen. Er ging in seinen kleinen Speicher (awen; bei den Haussa: rumbu; bei den Nupe: edo; bei den Yoruba: aka), er nahm ein klein wenig Guineakorn heraus. Das gab er seiner jungen Frau und sagte: »Bereite hiervon sieben Klöße Brei.« Dann ging der junge Mann auf seine Farm.

Die junge Frau kochte von dem Korn sieben Klöße. Abends kam ihr Mann von der Farm. Er sagte: »Bring mein Essen!« Die junge Frau brachte die sieben Klöße.

Der junge Mann setzte sich zum Essen nieder und aß alle sieben Klöße auf. Seiner jungen Frau gab er nichts davon. Die Haut der jungen Frau trocknete ein (das heißt sie hungerte, fiel ein; in der Tat ist es auffallend, wie verschieden die Hautspannung ein und desselben Schwarzen ist, je nachdem er einen Tag nichts oder eine große Portion des beliebten Breies gegessen hat), weil sie nichts zu essen bekam.

Der Mann gab ihr jeden Tag ein wenig Korn und sagte: »Mach hiervon sieben Klöße.« Und wenn er dann abends heim kam, aß er sie auf und gab der jungen Frau nichts ab. Vier Tage hintereinander erhielt die junge Frau nichts von den sieben Breiklößen, die sie jeden Tag für ihren Mann machen mußte.

Am fünften Tag ging der junge Mann wieder zu seinem Speicher und nahm ein wenig Korn heraus. Das gab er seiner Frau und sagte: »Bereite hiervon sieben Klöße Brei.« Dann ging der junge Mann auf seine Farm. Die junge Frau begann das Korn zu reiben. Es kam eine alte Frau aus dem Nachbargehöft, die wollte ein wenig Feuer holen. Die alte Frau sah die junge an und sagte: »Was ist das mit dir, daß deine Haut so trocken ist?« Die junge Frau sagte: »Mein Mann gibt mir nichts zu essen. Ich bekomme jeden Tag Korn für sieben Klöße. Die bereite ich. Abends ißt er sie dann auf und gibt mir nichts davon ab.« Die alte Frau sagte: »Wenn er dir nur soviel Korn gibt und nichts von der Speise übrig läßt, dann nimm einen der sieben Klöße beiseite. Dann wirst du ihn erkennen!« Die junge Frau sagte: »Es ist gut.« Die alte Frau nahm das Feuer und ging von dannen.

Die junge Frau machte die sieben Breiklöße. Sie nahm einen davon und legte ihn beiseite. Abends kam der Mann von der Farm. Er sagte: »Bringe mir mein Essen!« Die junge Frau brachte die sechs Breiklöße. Der junge Mann setzte sich zum Essen hin und zählte. Der junge Mann fand nur sechs Breiklöße. Der junge Mann rief seine junge Frau und sagte: »Wer nahm den einen Breikloß?« Die junge Frau sagte: »Es kam eine Ziege und stahl ihn.« Der junge Mann sagte: »Wenn ich den einen Breikloß nicht noch heute sehe, muß ich sterben.« Die junge Frau sagte: »Die Ziege wird ihn gefressen haben.« Der junge Mann sagte: »Wenn ich den einen Breikloß nicht noch heute sehe, muß ich sterben!« Der junge Mann, stand auf; er ging einige Schritte. Er fiel hin. Er stand auf; er ging einige Schritte; er fiel hin. Er stand auf; er ging einige Schritte; er fiel hin und blieb liegen. Er sagte: »Du siehst, ich sterbe! Bring den einen Breikloß!« Danach sagte er nichts mehr und bewegte sich auch nicht mehr.

Die junge Frau schrie: »Mein Mann stirbt wegen eines Breikloßes! Kommt und seht ihn! Mein Mann stirbt wegen eines Breikloßes! Kommt und seht ihn!« Die Familie der jungen Frau kam herbei. Die junge Frau sagte zu ihrer Familie: »Ihr seht, mein Mann ist gestorben; er lebt nicht mehr! Grabt also eine Grube, daß wir ihn begraben!« Sie legten den jungen Mann hin. Einige gingen hin, das Grab auszuheben. Sie wuschen den Körper des jungen Mannes. Die junge Frau sagte: »Erst bringt ein großes Tuch, damit wir ihn einwickeln!« Sie brachten das Tuch. Die junge Frau deckte das Tuch über den jungen Mann. Sie kroch selbst darunter und sprach leise zu ihm: »Sieh, die Leute sind gekommen, dich zu begraben. Willst du dich eines Breikloßes wegen begraben lassen!« Der Mann antwortete leise: »Hast du den Breikloß wieder zurückgebracht?« Die junge Frau kam unter dem Leichentuch hervor und sagte: »Mein Mann ist wirklich tot. Bringt ihn ins Grab.«

Darauf nahmen die Leute den jungen Mann auf und trugen ihn hinaus. Sie legten ihn an den Rand des Grabes. Die junge Frau sagte: »Nun tretet alle zurück!« Alle Leute traten zurück. Die junge Frau beugte sich über den jungen Mann und sagte ihm leise durch das Leichentuch ins Ohr: »Sieh, die Leute sind gekommen, dich jetzt in das Grab zu legen. Du liegst am Rande des Grabes. Willst du dich eines Breikloßes wegen begraben lassen?« Der Mann antwortete leise: »Hast du den Breikloß zurückgebracht? Wenn du den Breikloß zurückgebracht hast, bin ich nicht tot!« Die Frau trat zurück und sagte zu den Leuten: »Begrabt ihn jetzt! Laßt aber ein ganz kleines Loch!«

Der junge Mann wurde begraben. Die Leute ließen aber ein ganz kleines Loch, das in die Grabkammer hinabführte. Die Leute gingen. Die junge Frau trat an das Grab. Sie sprach durch das kleine Loch: »Nun bist du begraben; willst du nun auch wirklich eines einfachen Breikloßes wegen sterben?« Der junge Mann antwortete von unten: »Hast du meinen Breikloß zurückgebracht?«

Die junge Frau antwortete: »Ja, er ist wieder da!« Der Mann rief von unten: »Das muß ich sehen. Ruf die Leute, sie sollen schnell wieder kommen und das Grab öffnen, damit ich nach meinen Breiklößen sehen kann.« Die junge Frau rief die Leute. Die Leute öffneten das Grab. Der junge Mann kam heraus. Die junge Frau rief alle Leute von ihrer Familie und alle Leute von der Familie ihres Mannes zusammen. Sie sagte: »Kommt alle, denn ich will mit allen sprechen, so daß es alle hören.« Alle Leute kamen zusammen.

Die junge Frau sagte: »Dieser Mann heiratete mich. Er gab mir jeden Morgen das Korn heraus für das Essen, das er am Abend selbst verzehrte. Ich erhielt nichts zu essen. Meine Haut ist verwelkt. Darauf nahm ich einen Breikloß. Er zählte die Klöße und merkte es. Er sagte, er müsse sterben, wenn er den Breikloß nicht wiedererhalte. Er ließ sich begraben, weil er den Breikloß nicht wiedererhielt. Endlich ließ er sich wieder ausgraben, um zu sehen, ob der Breikloß wieder da wäre. Hier steht er. Er hat seinen Breikloß wieder bekommen. Hier ist der Breikloß. Es liegt ihm am Breikloß mehr als an seinem Leben. Es liegt ihm am Breikloß mehr als an mir. Dann muß er auch mit seinem Breikloß allein bleiben. Ich will jedenfalls mit dem Breikloßzähler nicht mehr zusammenleben.«

Die junge Frau ging. Ihre Familie nahm sie zurück. Der junge Mann bekam keine andere Frau. Von da an mußte er sich sein Essen stets selbst machen.

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