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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 60
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
modified20140825
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Serkin Rafin, der Gott der Flüsse

Felszeichnung

Ein Gott, der mehr an Beachtung und Verehrung bei den Borileuten gewonnen hat als irgendein anderer Alledjenu (Dämon), ist der Serkin (König) Rafin (der Flüsse). Hier nun das, was die Kanoleute über den Flußgott zu sagen haben. Es ist eine längere Tradition:

Eine Frau war mit einem Mann verheiratet. Die Frau war schon drei Jahre mit dem Mann verheiratet, aber die Frau hatte noch immer kein Kind. Die Frau wurde nicht schwanger. Die Frau sagte (eines Tages) zu ihrem Mann: »Ich will meinen Wassertopf nehmen und will hinab zum Fluß gehen und will Wasser heraufbringen.« Der Mann sagte zu seiner Frau: »Laß das! Warte damit! Die Sonne steht nun gerade in der Mitte (das heißt es war Mittag). Es soll niemand zum Wasserholen gehen, wenn die Sonne in der Mitte steht. Niemand tut das. Tu du dies auch nicht! Warte damit!« Die Frau sagte: »Was soll ich denn tun? Ich habe kein Wasser für meine Arbeit. Ich habe alles Wasser heute morgen verbraucht. Ich will meine Arbeit jetzt machen. Ich will nicht warten bis nachher.« Der Mann sagte: »Geh nicht!« Die Frau sagte: »Ich will gehen! Ich muß meine Arbeit tun!« Der Mann sagte: »Geh nicht!« Die Frau sagte: »Ich will gehen. Ich muß gehen. Ich will meine Arbeit tun!« Die Frau nahm ihren Wasserkrug. Die Frau ging zum Fluß hinab. Der Weg zum Fluß war ganz kurz. Der Mann wartete auf die Frau. Die Frau kam nicht wieder. Der Weg zum Fluß war ganz kurz. Der Mann wartete sehr lange. Die Frau kam nicht wieder. Die Sonne war schon bis dahin (etwa zwei Uhr) herabgekommen. Die Frau kam nicht wieder. Der Mann sagte: »Ich muß sehen, wo meine Frau bleibt. Ich habe meiner Frau gesagt, daß niemand mittags Wasser holen soll. Es ist etwas geschehen, ich will gehen und sehen, wo meine Frau ist.« Der Mann ging zum Fluß hinab.

Der Mann kam an den Fluß. Der Mann sah seine Frau. Seine Frau stand bis an die Hüften im Wasser. Die Frau konnte nicht mehr aus dem Wasser herauskommen. Die Frau wurde im Wasser festgehalten. Die Frau war im Wasser festgehalten und schrie. Die Frau schrie und schrie. Der Mann sah, wie seine Frau im Wasser festgehalten wurde und schrie. Der Mann lief fort. Der Mann lief in die Stadt zurück. Der Mann lief in die Stadt zu seinem Vater und sagte: »Mein Vater! Heute mittag wollte meine Frau im Fluß Wasser holen. Ich sagte zu meiner Frau: ›Laß das! Warte damit! Es soll niemand zum Wasserholen gehen, wenn die Sonne in der Mitte steht!‹ Meine Frau sagte: ›Ich will gehen! Ich will meine Arbeit tun!‹ Meine Frau ging. Ich wartete auf sie. Ich wartete lange. Ich bin soeben hinabgegangen, um nach ihr zu sehen. Ich habe meine Frau gesehen. Meine Frau steht bis an die Hüften im Wasser. Meine Frau kann nicht mehr aus dem Wasser herauskommen. Meine Frau steht im Wasser und schreit und schreit!« Der Vater des Mannes sagte: »Ich werde mit dir hinabgehen zum Fluß und diese Sache ansehen.«

Der Mann ging mit seinem Vater zum Fluß hinab. Der Vater sah, wie die Frau im Wasser stand. Die Frau stand bis an die Hüften im Wasser und konnte nicht fort. Die Frau schrie und schrie. Der Vater sagte: »Ich will deine Frau herausziehen.« Der Vater ergriff die Frau und wollte sie herausziehen. Die Frau schrie und schrie. Der Vater zog. Der Vater zog stark. Der Vater konnte die Frau nicht herausziehen. Die Frau wurde im Wasser festgehalten und konnte nicht herauskommen. Der Vater sagte: »Was soll ich da tun? Ich kann sie nicht herausziehen!« Die Frau schrie und schrie. Der Mann schrie. Der Vater sagte: »Was soll ich da tun?« Die Frau stand im Wasser. Der Mann stand am Ufer. Der Vater stand am Ufer.

Dann (nach langer Zeit) konnte die Frau aus dem Wasser kommen. Niemand hielt sie. Niemand half ihr.

Die Frau konnte herauskommen. Die Frau kam aus dem Wasser. Als die Frau aus dem Wasser kam, war sie ganz trocken. Das Kleid der Frau war trocken. Die Hüften der Frau waren trocken. Die Frau war nicht ein bißchen feucht. Die Frau ging mit dem Mann und dem Vater des Mannes nach Hause. Als die Frau nach Hause kam, legte sie sich hin.

Als es (am gleichen Tage) dunkel wurde, sprang die Frau von ihrem Bett auf. Die Frau schrie. Die Frau weinte und schrie: »Ich muß zu meinem Ehemann an den Fluß! Ich muß zu meinem Ehemann an den Fluß!« Die Leute sagten: »Was willst du?! Dein Ehemann ist doch nicht am Fluß. Dein Ehemann ist doch hier im Haus!« Die Frau weinte und schrie: »Ich muß zu meinem Ehemann an den Fluß! Ich habe am Fluß einen Ehemann, der diesen hier weit übertrifft!« Die Frau weinte und schrie. Die Frau lief hinaus. Die Frau lief zum Fluß hinab. Die Frau kam an den Fluß. Die Frau weinte am Fluß und sagte: »Serkin Rafin! Ich bitte dich! Serkin Rafin! Ich bitte dich! Hilf mir, daß ich bald ein Kind bekomme. Ich bin schon drei Jahre verheiratet und habe kein Kind.« Serkin Rafin sagte: »Geh in dein Haus. Sage zu deinem Mann, daß ich zu euch kommen will, wenn er mir das geben will, was ich brauche. Wenn dein Mann mir das gibt, will ich zu euch ins Haus kommen. Dann soll dein Mann noch einmal bei dir schlafen und du wirst schwanger werden. Ich will immer bei euch bleiben, aber ihr müßt mir immer das meine geben.« Die Frau sagte: »Ich will sogleich nach Hause laufen und will das meinem Mann sagen.«

Die Frau lief nach Hause. Die Frau kam zu ihrem Mann. Die Frau sagte zu ihrem Mann: »Mein Mann! Serkin Rafin will zu uns ins Haus kommen, wenn du ihm das gibst, was er braucht. Du sollst dann noch einmal mit mir schlafen, und dann soll ich schwanger werden.« Der Mann sagte: »Es ist gut. Ich will gern dem Serkin Rafin das geben, was er nötig hat. Warte aber. Ich will erst mit meinem Vater reden.« Der Mann ging zu seinem Vater und sagte: »Serkin Rafin will zu uns ins Haus kommen, wenn ich ihm das gebe, was er braucht. Ich soll noch einmal mit meiner Frau schlafen, und dann soll sie schwanger werden.« Der Vater sagte: »Weshalb soll es nicht so werden? Weshalb soll Serkin Rafin nicht kommen? Ich bin ein reicher Mann und kann dir alles geben, was Serkin Rafin braucht.« Der Mann ging zu seiner Frau und sagte: »Geh hin und sag dem Serkin Rafin, er solle kommen; ich könne ihm alles geben, was er braucht.«

Die Frau lief zum Fluß. Die Frau sagte zu Serkin Rafin: »Komm mit mir. Mein Mann wird dir alles geben, was du haben willst. Komm mit in unser Haus und wohne mit uns!« Serkin Rafin sagte: »Es ist gut. Ich werde meinen Boten mit dir senden. Mein Bote soll mit deinem Mann sprechen.« Die Frau ging mit dem Boten. Nur die Frau konnte Serkin Rafin und seinen Boten sehen. Niemand außer ihr konnte den Serkin Rafin und seinen Boten sehen. Der Bote kam mit der Frau in das Haus. Der Bote sagte zum Mann: »Serkin Rafin braucht weißen Stoff, weiße Kauri, weißen Widder und weiße Tiere. Aber wenn du Serkin Rafin weiße Tiere opfern willst, mußt du immer ein männliches und ein weibliches (also ein Paar weißer Tiere) opfern.« Der Mann sagte: »Das will ich tun!«

Der Bote ging zu Serkin Rafin zurück. Der Bote sagte zu Serkin Rafin: »Du wirst erhalten, was du brauchst.« Serkin Rafin kam. Serkin Rafin kam in das Haus. Nur die Frau konnte ihn sehen. Der Mann opferte Serkin Rafin weißen Stoff, weiße Kauri, weißen Widder und männliche und weibliche weiße Tiere. Nachts schlief dann der Mann bei seiner Frau. Serkin Rafin machte ein Magani (Medikament) für die Frau. Er machte in einer Topfschale Feuer. Auf das Feuer schüttete er Pulver. Es stieg Rauch auf. Die Frau setzte sich über den Topf, aus dem der Qualm aufstieg. Die Frau schlug ihr Kleid um sich und den Topf. Aller Qualm stieg ihr in den Mund. Sie saß und atmete den Qualm ein.

Serkin Rafin sagte: »Ich werde nun wieder gehen. Nach drei Monaten wird dein Leib aber so stark sein, daß alle Welt es sieht.« Serkin Rafin ging. Serkin Rafin ging wieder in das Wasser zurück. Nach einigen Monaten war die Frau hochschwanger. Serkin Rafin kam aus dem Wasser zurück (also befiel die Frau wieder). Die Frau schrie laut auf. Die Frau schrie: »Holt eine Goye (Geige), ich will tanzen! Holt eine Goye, ich will tanzen!« Die Leute sagten: »Das ist nicht gut. Warte, bis du dein Kind geboren hast. Dann kannst du wieder tanzen. Wenn du heute tanzt, gibt es ein Unglück!« Die Frau schrie: »Holt eine Goye. Ich will tanzen! Holt eine Goye! Ich will tanzen!« Die Leute holten eine Goye. Sie spielten die Goye. Die Frau tanzte zur Goye. Es schadete der Frau nichts. Sie blieb gesund. Sie gebar ein Kind. Das Kind war gesund. Seitdem spielt man die Goye, wenn ein Mann oder eine Frau von Serkin Rafin befallen wird.

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