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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 45
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
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Der Teufelsjunge

Felszeichnung

Eine Frau schlief die Nacht bei ihrem Mann. Am anderen Tage war sie schwanger. Am gleichen Tage gebar sie. Als der Junge aber eben geboren war, sagte er: »Ich will mit meinem Vater auf die Farm gehen!« Der Vater antwortete: »Was? Du bist eben erst geboren und willst am gleichen Tage schon auf die Farm gehen? Nein, das tu ich nicht. Ich nehme dich gewiß nicht mit auf die Farm.« Das Kind sagte: »Ich will aber heute mit dir gehen!« Der Vater sagte: »Ich werde dich doch nicht mitnehmen.« Der Junge sagte: »So gebt mir Oko (Hacke) und Ada (Grasmesser). Ich werde dann allein gehen!« Der Vater gab dem eben geborenen Kind Oko und Ada.

Der Vater ging fort. Das Kind ging weg. Der Vater stieg auf einen Palmbaum, um die Krone zu kappen. Das Kind ging eben dahin. Als der Vater oben war, sagte das Kind: »Schneide die Spitze nur ab und wirf sie herunter; ich bin stark genug, sie aufzufangen (was kein erwachsener Mann kann)!« Der Vater stieg von der Palme herab und sagte: »Wie kannst du eben geborenes Kind solche Dinge reden!« Das Kind sagte: »Nun, so werde ich hinaufsteigen und etwas herunterwerfen, was du auffangen kannst.« Der Vater sagte: »Das soll mir recht sein.«

Das Kind stieg hinauf. Der Vater stand unten. Als das Kind oben auf dem Baume angelangt war, begann es die Krone abzuschlagen. Die Krone brach endlich. Der Vater stand unten, bereit, sie aufzufangen. Die Krone stürzte hinunter und dem Vater gerade in die Arme. Der Vater wollte sie auffangen. Die Krone aber schlug ihn tot. Als das eben geborene Kind sah, daß sein Vater totgeschlagen war, kam es von dem Palmbaum herab.

Das eben geborene Kind ging mit dem Ada zu dem totgeschlagenen Vater. Das Kind schob die Palmspitze beiseite und begann den Vater mit dem Ada zu zerhacken. Es zerhackte den Vater in ganz kleine Stücke. Das Kind nahm die Augen aus dem Kopf und die Leber aus dem Bauch. Alle anderen Stücke streute das Kind weithin aus. Dann nahm es die Augen und die Leber und ging damit heim.

Daheim ging das Kind mit den Augen des Vaters zu der ersten Frau und sagte: »Dies ist ganz besonders gut. Der Vater sendet es und läßt dir sagen, du sollst es essen.« Die Frau nahm die Augen. Dann ging das Kind mit der Leber des Vaters zu der zweiten Frau und sagte: »Der Vater sendet dir dies. Es ist ganz besonders gut, du sollst es essen.« Die erste Frau bereitete die Augen des Vaters und aß sie. Die zweite Frau bereitete die Leber des Vaters und aß sie. Als beide gegessen hatten, schrie das kleine Kind durch die Tür hinein: »Die erste Frau meines Vaters hat seine Augen gegessen. Die zweite Frau meines Vaters hat seine Leber gegessen!« Als die beiden Frauen das hörten, schrien sie laut auf. Sie stürzten auf das Kind zu. Sie riefen andere Leute.

Das Kind lief fort. Andere Leute kamen. Die Leute liefen hinter dem Kind her. Sie wollten es fangen. Das Kind lief in den Busch und dann immer weiter. Endlich kam das Kind zu Edsu (Bringer-Gott). Das Kind sagte zu Edsu: »Ich bin aus der Stadt wegen nichts weggelaufen. Laß mich bei dir bleiben. Ich will für dich arbeiten.« Edsu sagte: »Es ist gut! Bleibe da!« Das Kind blieb. Am andern Morgen sagte Edsu zu dem Kind: »Bring mir meinen Eko!« (Eko ist gleich dem Kaffa Togos, ist bereitet aus Sorghummehl, das aufgebrüht ist wie Kakao.) Das Kind ging hin, um den Eko zu bereiten. Es nahm aber nicht nur Sorghum, sondern vor allem Adi (Adi ist das letzte schwarze Öl, das nach dem Brennen der Palmkerne noch aus ihnen gewonnen wird). Das Adi machte das Kind in dem Eko für Edsu zu unterst. Das Kind wollte sehen, ob Edsu daran sterben würde, denn Adi ist das Ewuo (das Speiseverbot) des Edsu. Diesen Eko setzte er dann dem Edsu vor und der trank es bis zur Neige aus. Das Kind sah ihm eine Zeitlang zu und sagte dann: »Ich bin ein Edsu-oma und habe immer gehört, daß Adi das Ewuo des Edsu ist. Wenn Edsu ein Gericht mit Adi ißt, soll er sterben. Ich habe dir deinen Eko mit Adi zubereitet, aber du bist noch ganz gesund. Wirst du nicht daran sterben?« Edsu nahm einen dicken Knüppel, um auf das Kind zu schlagen. Edsu wollte das Kind töten. Das Kind aber lief fort.

Das Kind lief weit, weit fort, bis der Edsu es nicht mehr erreichen konnte. Es kam zu einer alten Frau, die war krank und lag auf einer alten Matte. Die alte Frau schlief. Das Kind weckte die alte Frau und sagte: »Hilf mir, ich bitte dich! Das Unglück ist hinter mir! Laß mich bei dir bleiben; ich will für dich arbeiten.« Die alte Frau sagte: »Bleibe bei mir! Ich habe es kalt! Mach mir Feuer!« Das Kind sagte: »Das will ich schnell tun!« Die alte Frau drehte sich um und schlief schnell wieder ein. Das Kind sagte (bei sich): »Es ist kein Feuerholz hier. Es ist sehr lästig, noch herumzulaufen und Holz zu suchen. Werde ich denn nichts anderes finden, womit ich Feuer machen kann?« Die alte Frau ernährte sich durch Spinnen. Die Leute brachten ihr Baumwolle. Sie spann Fäden. Die alte Frau hatte viel Baumwolle und ganze Bündel Garn daliegen. Das Kind sagte: »Dies wird besser brennen als Holz!« Das Kind nahm die Baumwolle und zündete sie an. Das Kind warf alle Garnknäuel hinein und machte ein großes Feuer damit.

Am anderen Morgen ganz früh erwachte die alte Frau. Sie erhob sich und wollte an ihre Arbeit gehen. Sie sah nach ihrer Baumwolle und fand sie nicht. Sie sah nach ihrem Garn und fand es nicht. Sie fragte das Kind: »Wo ist meine Baumwolle? Wo ist mein Garn?« Das Kind sagte: »Ich habe damit Feuer gemacht. Es war ein sehr gutes Feuer und du hattest Wärme davon.« Als die Frau das hörte, schrie sie auf. Das Kind lief fort, so schnell es konnte.

Das Kind lief, bis es endlich zu Orisa (Familiengottheit) kam. Das Kind sagte zu Orisa: »Das Unglück ist hinter mir. Hilf mir! Ich will für dich arbeiten! Laß mich bei dir bleiben.« Orisa sagte: »Es ist gut. Du kannst bei mir bleiben.« Das Kind blieb da. Am andern Morgen sagte Orisa zu dem Kinde: »Geh hin und kaufe mir meinen Eko!« Das Kind sagte: »Ich werde sogleich gehen!« Das Kind ging hin. Das Kind kaufte Emu (Palmwein; Palmwein ist aber das Ewuo, das Speiseverbot Orisas); dann mischte es den Emu in den Eko und brachte die Schüssel zu Orisa. Orisa versuchte und trank dann. Orisa sagte: »Das ist ja ausgezeichneter Eko! So guten Eko habe ich noch nicht getrunken.« Orisa trank den Eko aus und sagte: »So guten Eko habe ich noch nicht gehabt. Wo hast du ihn denn herbekommen?« Das Kind sagte: »Das kommt nur, weil ich ihn von ganz unten her genommen habe.« (Der Art des Getränkes entsprechend ist in der Tiefe des Kübels die dicke, gute Masse, während die dünnere oben schwimmt.)

Einige Zeit aber, nachdem Orisa den Eko getrunken hatte, begann es ihn um den Mund her zu jucken. Er kratzte sich. Das Jucken wurde immer schlimmer. Es zog über das ganze Gesicht hin. Orisa sagte: »Sollte mein Eko heute so gut gewesen sein, weil dieser Teufelsjunge mir von meinem Ewuo hineingetan hat?« Orisa wurde sehr zornig. Er ergriff einen Knüppel und schlug auf das Kind. Er rief: »Weg mit dir!« Das Kind aber sprang auf und lief so schnell es konnte davon. Orisa konnte es nicht einholen.

Das Kind lief durch den Busch und kam zu einem Ode, einem Jäger. Der Ode stieß gerade in einem Mörser Inia (Jams). Das Kind kam heran und sagte: »Laß mich ein wenig bei dir. Ich will für dich arbeiten.« Der Jäger sagte: »Es ist gut. Nimm hier die Mörserkeule und stampfe mir zunächst einmal den Jams!« Das Kind nahm die Keule. Das Kind begann die Arbeit. Der Jäger ging abseits. Das Kind schaute umher. Neben dem Jamsmörser hing das Jagdgerät des Jägers in den Zweigen. Das Kind griff nach dem Behälter, in dem das Gift für die Pfeile aufbewahrt war und mischte es in den Brei. Dann stampfte das Kind den Jams fertig und bereitete das Essen.

Der Jäger kam inzwischen zurück. Er sagte: »Wir wollen essen.« Er sagte zu dem Kind: »Komm, iß mit mir!« Das Kind sagte: »Ich kann jetzt nicht essen.« Der Jäger aß alles allein auf. Als er fertig gegessen hatte, wurde ihm sehr übel und er mußte sich übergeben. Da merkte er, daß er an einer schlechten Sache beinahe gestorben wäre. Er nahm sein Gewehr. Das Kind lief fort. Das Kind rannte in den Busch. Der Jäger sprang hinterher. Das Kind rannte weit weg, aber der Jäger legte das Gewehr an, schoß und tötete es. Darauf nahm er sein Jagdmesser heraus und teilte das Kind auf. Von dem Fleisch gab er einen Teil der alten Spinnerin, einen Teil Orisa, einen Teil der ersten und einen Teil der zweiten Frau des toten Vaters.

Man soll sehen, daß die Kinder nicht zu schnell aufwachsen.

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