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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 38
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Bana Baïnde

Felszeichnung

Im Dorfe Korro lebte eine Frau, die war schon seit fünf Monaten schwanger, als ihr Mann starb. Das Kind war erst fünf Monate im Mutterleib, da starb sein Vater. Dann kam die Zeit, in der die Frau gebären sollte. Wenige Tage vorher ging sie nochmals mit andern Frauen in den Wald, um Holz aufzusuchen. Als sie im Wald waren, stürzte eine Räuberbande aus dem Busch, packte die Frauen und schleppte sie fort. Aber die schwangere Frau kam nicht weit mit. Die Räuber mußten sie liegen lassen. Denn die Wehen setzten ein. Die Frau schleppte sich noch bis zu einem Uo (das ist der Diallabaum der Mande). Dort fiel das Kind am Boden nieder.

Das neugeborene Kind war ein Mädchen. Es regnete. Es regnete auf die Mutter und auf das Kind. Die Mutter starb. Es regnete. Es regnete auf das Kind bis zum anderen Morgen. Das Kind blieb unter dem Baum liegen. Drei Jahre lag das Kind unter dem Baum, ohne daß jemand es wahrgenommen hätte. Danach aber stand das Kind auf.

Das Kind reckte sich unter dem Uobaum. Es erhob sich. Es begann zu singen: »Ich bin eine Frau, die jedermann liebt. Ich bin eine Frau, die der Teufel liebt. Ich bin eine Frau, die Gott liebt. Ich bin eine Frau, die alle Menschen lieben! Bana baïnde koboni dia. Mein Name ist Bana Baïnde!«

Das Mädchen stand unter dem Baum auf und suchte den Weg. Gonningkung (der Geier) zeigte dem kleinen Mädchen den Weg. Er sagte zu Bana Baïnde: »Gehe dorthin den Weg, dort wirst du eine Stadt finden!« Das Mädchen ging.

Das Mädchen ging den Weg immer weiter und kam an eine Stadt. Als sie in der Stadt war, begann sie zu singen. Die Leute hörten es. Andere Leute kamen dazu. Die Leute sagten: »Ah! Das ist herrlich!« Alle Leute der Stadt kamen zusammen, um Bana Baïnde singen zu hören. Alle Leute sagten: »So etwas haben wir noch nicht gehört.« Alle Menschen waren entzückt. Frauen, deren Stunde noch gar nicht gekommen war, legten sich hin und gebaren.

Die Frauen versammelten sich um Bana Baïnde. Sie schlugen die Kalebassen. Dann baten einige Frauen: »Das war sehr schön gesungen. Wir haben es aber noch nicht verstanden. Denn die Worte sind fremd für uns.« Andere Frauen aber sagten: »Laßt das! Wenn es schön ist, gehen uns die Worte nichts an.« In ihrer Begeisterung hoben die Frauen Bana Baïnde auf eine Rinderhaut. Sie hoben die gespannte Rinderhaut hoch in die Luft. Das Mädchen stand auf der Haut. Dann ließen sie die Haut wieder auf die Erde fallen. Es geschah aber, daß das Mädchen frei in der Luft stehen blieb, obwohl die Haut auf der Erde lag. Alle Leute sahen es.

Dann tanzte Bana Baïnde auf der ausgespannten Ochsenhaut. Bana Baïnde tanzte anders als andere Leute. Sie tanzte wunderbar schön. Alle Leute jubelten. Viele drängten sich heran, die ausgespannte Ochsenhaut hochzuhalten. Bana Baïnde tanzte lange; aber dann wurde Bana Baïnde müde. Sie winkte der Musik ab. Bana Baïnde stieg herab. Alle Leute brachten nun Bana Baïnde Geschenke. Alle Frauen trugen Gaben herbei. Bana Baïnde aber fragte nach den Armen und verteilte wieder unter die Armen. Es kamen Leute aus anderen Teilen der Stadt. Die baten: »Tanz auch bei uns!« Bana Baïnde ging in andere Teile der Stadt und tanzte auch dort. Als sie aber am Stadttor angekommen war, begann sie mit den Armen aneinander zu schlagen. Sie hob sich in die Luft und flog wie ein Vogel von dannen. (Die Bosso nennen Menschen, die fliegen können, Apirtiga. Ihrer Meinung nach kann man diese Kunst durch Zaubermittel gewinnen, die aus dem Kopf des Kumans, des Kronenkranichs, hergestellt werden.) Bana Baïnde flog so von einer Stadt zur andern, und bald waren alle Bossostädte voll des Rühmens. Alle Leute liebten Bana Baïndes Gesang mehr als jeden andern.

In einer Stadt lebte damals ein großer Sänger, ein Bosso, der hieß Tiamani. Tiamani war ein Sänger, verfügte aber auch über starke Zaubermittel. Als Tiamani immer mehr von dem schönen Gesang der Bana Baïnde hörte, wurde er böse. Er sagte: »Wenn ich das Mädchen doch auch einmal hörte! Wenn das Mädchen doch auch einmal in unsere Stadt käme!« Die Leute sagten ihm: »Warte nur, das Mädchen wird schon kommen! Du wirst das Mädchen schon auch noch in dieser Stadt singen hören.« Tiamani fragte immer: »Wo ist zur Zeit Bana Baïnde?« Mittlerweile stellte er ein starkes Zaubermittel her.

Eines Tages kam das Mädchen Bana Baïnde an die Stadt, in der Tiamani lebte. Das Mädchen sang vor dem Tor: »Bana Baïnde Koloni dia.« Aber niemand achtete darauf. Die Leute gingen gleichgültig aus und ein. Niemand sah das Mädchen an oder hörte zu ihm hin. Endlich kam eine alte Frau an Bana Baïnde vorüber. Das Mädchen sagte zu der Alten: »Das ist eine Sache Tiamanis. Wenn Tiamani nicht ein Zaubermittel bereitet hätte, würden die Leute mich schon längst eingeholt und in die Stadt gebracht haben!« Die alte Frau ging in die Stadt und sagte das, was sie eben von dem Mädchen gehört hatte, der Frau Tiamanis. Die Frau Tiamanis sagte zu ihrem Mann: »Tu es nicht so! Wenn du Bana Baïnde töten willst, so mach das in anderer Weise.« Tiamani aber war eifersüchtig auf den Ruf, den Bana Baïnde genoß. Er war selbst ein berühmter Sänger, aber sein Ruhm wurde durch den des Mädchens verdunkelt. Als seine Frau ihm das sagte, zog er das Zaubermittel, mit dem er die Begeisterung der Menge gebannt hatte, aus der Erde.

Kaum aber hatte Tiamani sein Zaubermittel zurückgezogen, so jubelten alle Leute Bana Baïnde entgegen. Bana Baïnde tanzte. So schön hatte Bana Baïnde noch nie getanzt. Die Leute umringten sie. Sie hoben das Mädchen hoch in die Luft. Sie überschütteten Bana Baïnde mit Geschenken. Nie hatte Bana Baïnde so schön gesungen, so schön getanzt. Es war so schön, daß die Bosso nicht vorher, nicht nachher so Schönes sahen. Dreimal noch tanzte Bana Baïnde in dieser Nacht. Dann schrie sie plötzlich auf und fiel tot zu Boden. Die Familien von Korro leiten von dieser Frau ihren Ursprung ab.

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