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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 35
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
modified20140825
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Auadia und seine Nachkommen

Felszeichnung

Der Ahnherr aller Sorokostämme hieß Auadia. Alle Soroko von Sansanding bis Gao oder Gavo bis weit den Niger hinab stammen von Auadia ab. Alle diese Stämme heißen Soroko, aber die Leute von Timbuktu und Djenne nennen sie Sorkoi oder Sonrhai, und die Bammana nennen sie teilweise Bosso. Sie sind nicht mit den Sommono (der Bammana) oder wie die Südsoroko sie nennen, den Kommio oder wie die Ostsoroko sagen, den Korongoi verwandt. Mit jenen sind sie nicht verwandt, denn sie stammen nicht von Auadia ab.

Auadia kam aus dem Osten. Er war so groß, daß eine Überschwemmung, die Menschen und Vieh fortriß, ihm nur bis an die Knie reichte. Wenn er essen wollte, nahm er einen Joromo, d. i. ein Kapitänfisch, oder ein Schobo (Nilpferd) aus dem Wasser und hielt die Beute ein wenig gegen die Sonne hin, daß die sie brate. Er war so groß, daß er die Beutestücke ganz dicht an die Sonne halten konnte. Auadia war mächtig und groß. Er bat und lieh nicht, sondern er nahm. Er aß so viel, daß um ihn Not entstand und die Menschen bald nichts mehr zu essen hatten. Es war da ein Mohammedaner mit Namen: Sirifi Moula. Der sagte zu den Leuten: »Wartet ab!«

Auadia kam eines Tages zu Sirifi Moula und sagte: »Gib mir ein Kleid!« Sirifi Moula sagte: »Geben kann ich dir kein Kleid; denn ich habe nur zwei, und die beiden sind für alle Welt. Aber ich kann dir eines leihen!« Auadia sagte: »So leihe mir ein solches Kleid!« Sirifi Moula tat es. Da machte sich Auadia einen Überhang daraus. Der reichte aber nur bis zum Nabel.

Bis dahin hatte Auadia nie geliehen, sondern nur genommen. Vor dem Leihen hatte er Angst gehabt. Nun kam einer nach dem andern. Der eine sagte: »Ich habe dir Korn geliehen, gib es mir wieder.« Der andere sagte: »Ich habe dir Reis geliehen, gib ihn mir wieder.« Alle Leute kamen nun und wollten Zahlung haben für das, was er genommen. Da floh Auadia weit von dannen. Er kam von Mekka bis nach Bammana Moudu, das liegt am Niger oberhalb von Gavo (oder Gao), nordöstlich von Bandjangara. Dann reiste er den Niger hinauf und kam bis nach Gura und bis hinauf nach Sansanding.

Auadia hinterließ zwei Söhne, den einen in Gura, dem entstammte Fono (oder Fuono), den andern in Bammana Moudu, dem entstammte Fara Maka. Die Grenze ihrer Gebiete lag bei Kabara (bei Timbuktu). Von Nachkommen Auadias stammen alle Soroko ab.

Fara Maka war groß und stark, aber er war häßlich. Er hatte eine Tochter, die hieß Nana Miriam, und er unterrichtete sie in allen Dingen. Oft lag er mit ihr auf der Sandbank und fragte sie: »Was schwimmt da und was schwimmt dort?« Dann antwortete Nana Miriam: »Ich denke, es ist diese oder jene Fischart.« Fara Maka sagte: »Das will ich nicht wissen. Ich will wissen, ob es ein Männchen oder Weibchen ist.« Nana Miriam sagte: »Ich weiß es nicht, mein Vater.« Fara Maka sagte dann: »Das ist ein Weibchen, das ist ein Weibchen, das ist ein Weibchen, das dort ist ein Männchen.« So unterrichtete Fara Maka seine Tochter in allem und seine Tochter Nana Miriam lernte alle magischen Künste ihres Vaters.

Im Gavoland war damals ein Nilpferd, das fraß alle Reisfelder, so daß große Not entstand. Das Nilpferd hatte das Vermögen, sich in allerhand Verwandlungen zu zeigen und sich so allen Verfolgungen zu entziehen. Fara Maka machte sich auf, das Land von dem Nilpferd zu befreien. Er nahm seine Lanzen mit. Das Nilpferd hatte aber um seinen Nacken und auf seinem Rücken viele Öfen und brennende Feuer. Als Fara Maka auf das Tier stieß, schleuderte er eine Lanze nach der anderen auf das Tier, und jede einzelne fiel in einen Feuertopf, schmolz darin und wurde von dem Nilpferd verschlungen. Unverrichteter Sache kehrte Fara Maka heim. Es war im Gavoland ein Jäger mit Namen Kara-digi. Der hatte eine Meute ganz wunderbarer Hunde, von denen jeder einzelne größer war als ein Pferd. Das Leittier unter diesen Hunden hieß Kunjima Mbana. Kunjima Mbana war ganz schwarz.

Fara Maka sagte: »Wenn Kara-digi mit seinen hundertundzwanzig Hunden das Nilpferd nicht vernichten kann, weiß ich nicht, was weiter geschehen soll.« Fara Maka ließ den Jäger mit seinen hundertundzwanzig Hunden kommen. Er ließ viele gute Speise, große Mengen der besten Speise zubereiten, damit die Hunde viel Kraft und Mut hätten. Alle Hunde waren jeder einzelne an einer Kette festgelegt. Die Hunde fraßen alle die Speise, die zubereitet war, auf. Es blieb von der Reisspeise bis zum andern Tag nichts übrig. Am andern Morgen führte Karadigi Mao Fosi-Fasi die hundertundzwanzig Hunde in die Gegend, wo das Nilpferd war. Als sie in seiner Nähe waren, löste er einen Hund nach dem anderen aus seiner Kette. Einer der großen Hunde nach dem andern sprang gegen das Nilpferd. Das Nilpferd zerriß einen nach dem andern und verschlang ihn. Es vernichtete alle hundertundzwanzig Hunde und fraß sie auf. Dann schritt das Nilpferd weiter und graste das Reisfeld ab. Es ging nicht in den Fluß. Da sah Fara Maka, daß er dem Nilpferd nichts anhaben konnte.

Fara Maka ging nach Hause und legte sich im Schatten nieder. Nana Miriam lag neben ihm und sagte: »Sag, Vater, du kannst dem Nilpferd nichts anhaben?« Fara Maka sagte: »Ja, ich kann dem Nilpferd nichts anhaben.« Nana Miriam sagte: »Ich will ein wenig fortgehen, ich will mir Gavo ansehen.« Fara Maka sagte: »Es ist gut!« Nana Miriam machte sich auf den Weg und ging dahin, wo das Flußpferd war.

Das Nilpferd sagte: »Guten Tag, Nana Miriam.« Nana Miriam sagte: »Guten Tag.« Nana Miriam gürtete sich die Kleider fest um die Lenden. Das Nilpferd sagte: »Ich weiß, du bist gekommen, um mich zu töten. Aber kein Mensch kann mich mit Waffen töten. Ich habe Fara Makas Lanzen gefressen, ich habe die hundertundzwanzig Hunde Kara-digis gefressen. Niemand kann mich töten.« Nana Miriam sagte: »Ich bin nur eine Frau, aber wir wollen sehen, was heute geschieht. Wir wollen abwarten.« Das Nilpferd sagte: »Wir werden sehen.« Nana Miriam sagte: »Bereite dich vor, entweder tötest du heute mich, oder ich töte dich heute.«

Da zündete das Nilpferd rund um sich mächtige Feuer an, so daß kein Mensch imstande gewesen wäre hindurchzukommen. Nana Miriam aber ergriff ihre Medikamente, murmelte Zaubersprüche und streute die Pulver auf der Erde aus. Darauf verwandelte sich alles Feuer in Wasser. Nun aber schuf das Nilpferd um sich eine hohe Eisenmauer, so daß es wieder gegen alle Angriffe der Menschen geschützt war. Nana Miriam verwandelte sich aber in einen Schmied, ergriff Blasebalg, Hammer und Amboß und zerhämmerte sehr bald den ganzen Eisenkreis. Nun überkam das Nilpferd große Angst. Es wollte zum Wasser laufen; es verwandelte sich in einen Wasserarm, der zur Hauptstraße hin entrann; Nana Miriam warf aber wiederum Pulver in das Wasser, so daß der Wasserlauf austrocknete. Nun mußte das Nilpferd zu Fuß laufen. Nana Miriam lief hinter ihm her. Als es nahe dem Niger war, ließ Nana Miriam eine mächtige Mauer entstehen, die lief am Nigerufer entlang und war so angelegt, daß das Nilpferd nicht zum Strom durchbrechen konnte. Nun rannte das geängstigte Tier an der Mauer hin und in der Richtung auf Fara Maka zu. Nana Miriam sah es kommen, daß ihr Vater es nun abfinge. So sprang sie schnell hinzu und ergriff das mächtige Tier am Hinterfuß. Sie schwang es in die Luft und schleuderte es fort. Das Tier flog so weit, daß man zehn Jahre lang täglich seinen Tagesmarsch machen müßte, um die Entfernung zurückzulegen, die das von Nana Miriam geschleuderte Tier bei diesem Schwung im Nu durchflog.

Fara Maka sah das. Er sagte: »Was habe ich für eine herrliche Tochter! Nana Miriam, ich danke dir.« Dann rief Fara Maka alle Kie (Sänger). Er ersann ein schönes Lied und lehrte das die Kie singen und spielen. Alle Leute im Lande, alle Sänger, alle Fischer und Bauern, alle Soroko sangen das Lied von Nana Miriam.

Darauf sandte Nana Miriam in alle Dörfer der Soroko und ließ allen, allen Soroko sagen: »Laßt alle Waffen und alles Jagdgerät daheim liegen. Achtet aber wohl auf alles, was im großen Strom vorgeht, und bringt alle gute Beute schnell beiseite, damit sie nicht verlorengehe! Denn ihr sollt Fleisch in Fülle und solchen Mengen erhalten, daß ihr nicht wissen sollt, wie ihr das aufessen könnt.« Darauf ließ Nana Miriam sich von ihrem Vater Fara Maka ein Ei geben. Sie zerbrach es und schleuderte es gleichzeitig unter Zaubersprüchen in den Niger. Auf einmal war der ganze Niger von Gavo bis Sandanding derart mit getöteten Nilpferden angefüllt, daß die Soroko nicht wußten, wie sie das Fleisch in aller Eile beiseite bringen und aufbewahren könnten. Überall, wo ein Dorf der Soroko stand, gab es tote Nilpferde in Menge.

Es waren nun alle Nilpferde getötet bis auf eins; das befand sich weit im Inland und war ein trächtiges Weibchen. Nana Miriam wußte das recht gut. Nana Miriam ging zu ihrem Vater und sagte: »Gib mir noch ein Ei.« Fara Maka fragte: »Was willst du mit dem Ei?« Nana Miriam sagte: »Es ist noch ein Nilpferd übriggeblieben. Das will ich auch töten, dann sind alle vernichtet.« Fara Maka sagte: »Verzeih mir, Nana Miriam, meine Tochter! Du hast Herrliches getan. Aber wenn du dieses letzte trächtige Nilpferd auch noch tötest, dann werden die Soroko in Zukunft kein Nilpferdfleisch mehr essen können.« Nana Miriam sagte: »Wie du denkst! Du hast recht, mein Vater.«

Nana Miriam tat dem Nilpferd nichts. Das Nilpferd hörte, daß Nana Miriam es hatte töten wollen, daß sie aber sein Leben geschont hatte, weil es trächtig und zur Zeit das letzte Tier des Nilpferdgeschlechtes war. Dies Nilpferd machte sich auf den Weg und reiste zu Nana Miriam. Es erwies Nana Miriam seine Ehrfurcht und Dankbarkeit. Es sagte: »Nana Miriam, ich danke dir. Du hast mir das Leben geschenkt. Nun bitte ich dich, laß es mir auch ferner.« Nana Miriam sagte: »Geh nur, dein Leben ist dir sicher.« Das trächtige Nilpferd ging von dannen. Dies Nilpferd wurde die Ahnfrau aller heutigen Nilpferde.

Der Name Nana Miriam war aber seitdem unter allen Soroko hoch geehrt. Wenn irgendjemand ein Jagdamulett für Nilpferdpirsch bereitet oder anwendet, so murmelt er darüber Nana Miriams Namen.

 

Fono, der Nachkomme Auadia Bunanais, der im Guragebiet (am Lac Debo) heimisch war, hörte von dem mächtigen Fara Maka. Fono war tapfer und schön. Fono hatte nie Furcht. Fono legte all sein Fischergerät und seine Waffen in sein Boot und machte sich auf, stromab nach Gavo und Bammana Moudu zu fahren. Er fuhr zu seinem Bruder (eigentlich Vetter) Fara Maka und sagte: »Guten Tag, mein Bruder.« Fara Maka antwortete nicht. Fara Maka sah ihn nicht. Fara Maka bekümmerte sich nicht um seinen Bruder Fono. Fono ging. In Gavo lebte ein Nachkomme des Marabut Sirifi Moula, der hieß Sinti. Fono fahr zu Sinti und sagte: »Guten Tag!« Sinti sagte: »Guten Tag.« Er empfing Fono freundlich und bot ihm Nahrung und Lager. Fono sagte zu Sinti: »Mein Bruder, Fara Maka, hat mich sehr schlecht empfangen. Ich werde jetzt nach Hause zurückkehren. Ich werde meine Waffen und mein Fischereigerät daheimlassen; dann werde ich aber wiederkommen, denn ich möchte Nana Miriam, die Tochter Fara Makas, zur Frau haben.« Fono fuhr nach Hause, nach Gura.

Fono unternahm dann eine zweite Reise von Gura nach Gavo. Er nahm diesmal weder Waffen noch Fischereigerät mit. Er traf den Marabut Sinti. Er sagte zu Sinti: »Guten Tag! Ich will jetzt hingehen und meinen Bruder um seine Tochter bitten.« Sinti sagte: »Ich bin gut Freund mit Fara Maka. Ich bin gut Freund mit dir. Ich will sehen, ob ich die Sache in Ordnung bekomme. Ich werde selbst hingehen.« Fono blieb in Sintis Haus.

Sinti ging zur Wohnung Fara Makas. Fara Maka sah schon aus der Ferne den Marabut kommen. Er wußte sogleich, um was es sich handelte. Er schloß sogleich seine Tür. Es war eine feste Eisentür. Sinti kam an das Haus. Sinti rief: »Fara Maka.« Fara Maka antwortete nicht. Sinti rief: »Fara Maka!« Fara Maka antwortete nicht. Sinti rief: »Fara Maka!« Fara Maka antwortete nicht. Da ergrimmte Sinti und trat mit dem Fuß gegen die eiserne Tür, so daß sie zerschellte. Sinti trat hinein. Sinti fragte Fara Maka: »Weshalb antwortest du mir nicht!« Fara Maka sagte: »Ich weiß alles. Ich weiß, daß mein Bruder (eigentlich Vetter) Fono gekommen ist, weil er meine Tochter Nana Miriam heiraten will. Ich weiß, daß du ihm Gastfreundschaft geboten hast und gekommen bist, für ihn zu werben. Ich weiß das alles und ich weiß, daß, wenn Fono meine Tochter Nana Miriam heiratet, es ein großes Unglück geben wird, das alle Bosso trifft. Deshalb habe ich dir nicht aufgemacht und deshalb sage ich dir jetzt: »Geh von mir, denn ich will Fono meine Tochter nicht geben.« Darauf wandte sich Sinti ab und ging zu Fono zurück. Er sagte zu Fono: »Ich hätte gern etwas für dich getan, aber es war unmöglich; denn dein Bruder Fara Maka will von alledem nichts wissen.«

Fono sagte: »Gut, so werde ich ihn mir jetzt selbst ansehen.« Fono legte seine schönen Kleider an und ging zum Hause Fara Makas. Fara Maka saß mit Nana Miriam vor seiner Haustür und Nana Miriam suchte ihrem Vater gerade die Flöhe ab. Als Nana Miriam den Fremden kommen hörte, sah sie auf. Sie sah Fono. Sie sah Fono und liebte ihn. Fono sagte: »Guten Tag!« Fono sagte: »Ich werde sogleich wieder nach meiner Heimat, nach Gura zurückkehren.« Fono nahm Abschied, bestieg sein Boot und fuhr von dannen.

Einige Tage, nachdem Fono von dannen gefahren war, sagte Nana Miriam zu ihrem Vater: »Laß mich gehen, ich will den großen Marabut in Gavo besuchen.« Fara Maka sagte: »Nana Miriam, glaubst du, daß du mir etwas vorlügen kannst? Ich weiß, daß du Fono liebst. Ich will aber nicht, daß ihr euch heiratet. Ich werde es nicht zugeben.« Nana Miriam sagte: »Ich will den großen Marabut in Gavo besuchen.« Fara Maka erlaubte es. Nana Miriam bestieg ihr Boot. Sie fuhr hinab bis nach Gura. Sie traf Fono. Sie sagte: »Guten Tag, Fono!« Fono begrüßte sie. Nana Miriam blieb einen Tag lang in Gura; dann kehrte sie nach Gavo zurück. Sie suchte den Marabut Sinti auf. Sie sagte zu ihm: »Ich will auf jeden Fall diesen Fono heiraten. Richte die Sache ein, so gut du kannst. Sprich mit meinem Vater. Aber ich will diesen Fono heiraten, ob mein Vater nun will oder nicht.« Sinti ging nach Bammana Moudu und suchte Fara Maka auf. Er sagte zu Fara Maka: »Deine Tochter Nana Miriam will diesen Fono heiraten; gib sie ihm zur Frau. Denn sie wird ihn heiraten wollen, ob du willst oder ob du nicht willst.«

Fara Maka sagte: »Ich habe nur ein Mädchen. Es ist mein einziges Kind. Dieses Kind habe ich alles gelehrt, was ich weiß. Alle meine magischen Kräfte habe ich ihr offenbart. Wenn sie nun einen anderen Mann heiratet, so wird sie dem all mein Wesen und alles, was ich kann, offenbaren. Sie wird ihm eines Tages alle meine magischen Geheimnisse verraten, und ich werde meine ganze Kraft verlieren. So wird es denn eine schlimme Sache unter den Soroko geben, wie sich vordem keine ereignet hat.« Sinti sagte: »Was willst du tun? Dieser Fono ist ein vorzüglicher Mann. Wenn du es hindern willst, wird Nana Miriam gegen deinen Willen diesen Fono heiraten. Und das ist noch schlimmer.« Fara Maka sagte: »Sinti, du hast recht. Es wird geschehen. Wenn Nana Miriam sagt, sie wolle Fono nichts verraten, will ich meine Zustimmung geben. Aber du wirst sehen, das große Unglück unter den Soroko wird damit seinen Anfang nehmen.« Sinti sagte: »Es ist gut so.« Sinti rief Nana Miriam. Sinti fragte sie: »Willst du, wenn dein Vater dich Fono zur Frau gibt, Fono die magischen Kräfte deines Vaters verraten?« Nana Miriam sagte: »Solange mein Vater meinen Mann nicht kränkt, werde ich Fono nichts sagen.« Da gab Fono Maka die Ehe zu. Fono erlegte die Unkosten und dann heiratete Fono Nana Miriam in Bammana Moudu, dem Ort Fara Makas.

 

Fono sagte: »Ich will dem Vater meiner Frau Nana Miriam, ich will Fara Maka ein Geschenk darbringen.« Er machte sich mit seinen Booten und mit seinen hundertundzwanzig Ruderknechten auf den Weg und brachte eine große Menge von Sobo (Nilpferden), Joronong (Kapitänfischen) und Schuong (Kaimanen) zur Strecke. Es war eine reiche Beute. Fono war reich an magischen Kräften und wußte seinen Fang zu sichern. Fono brachte seinem Schwiegervater die Beute dar und sagte: »Nimm das und sieh, daß du keinen unwürdigen Schwiegersohn hast.« Fono brachte auch dem Marabut Sinti Gaben dar. Fara Maka ärgerte sich darüber, daß Fono auch so gut zu fischen verstand. Fara Maka sagte eines Tages zu Fono: »Kommst du mit mir fischen?« Fono sagte: »Gern begleite ich dich.« Fara Maka bereitete seine Zaubermittel.

Fara Maka hatte auch hundertundzwanzig Ruderknechte. Jeder rüstete sein Boot. Beide gingen zum Fischlager herab. Beide stiegen in ihre Boote und fuhren auf das Wasser hinaus. Fara Maka hatte sich mit allen seinen Zaubermitteln ausgerüstet; er hatte auf die Pa (Lanze) Fonos Zaubermittel geworfen. Fara Maka warf einmal um das andere. Fono warf einmal um das andere. Fara Maka hatte viele und schwere Beute. Fono aber hatte gar nichts zur Strecke gebracht. Fara Maka hatte alles. Fono hatte nichts. Sie fuhren beide zurück.

Sie kamen in das Fischerlager zurück. Sie fuhren an den Strand. Sie stiegen aus. Fara Maka lachte und sagte: »Nun, mein Fono, wirst du wohl nicht mehr so stolz auf deine Kräfte und Fischereikünste sein. Du siehst, ich habe alle Beute, du aber hast nichts. Nun ist es wohl nichts mehr mit deinem Stolz?« Fono war zornig. Er sagte nichts. Er ging heim. Er aß nicht. Er sprach nicht mit Nana Miriam. Nachts fragte Nana Miriam: »Was hast du, Fono?« Fono antwortete: »Ich habe nichts!« Nana Miriam wartete. Sie sagte nach einiger Zeit: »Was hast du, Fono?« Fono antwortete: »Ich habe nichts.« Nana Miriam wartete. Sie fragte nach einiger Zeit: »Was hast du, Fono?« Fono antwortete: »Ich habe nichts!« Nana Miriam fragte nicht mehr. Nana Miriam ging am anderen Morgen zu dem Marabut Sinti und fragte: »Wenn eine Frau verheiratet ist, hat sie dann ihrem Mann zu folgen oder ihrem Vater? Wenn eine Frau verheiratet ist, hat sie dann für ihren Vater zu sorgen oder für ihren Mann?« Der Marabut Sinti sagte: »Die verheiratete Frau hat nur ihrem Mann zu folgen. Sie hat nur für ihren Mann zu sorgen.« Darauf ging Nana Miriam wieder heim. Nana Miriam sagte: »Lache, denn morgen wirst du alle Jagdbeute haben, und mein Vater Fara Maka wird nichts heimbringen.« Nana Miriam nahm die Pa (Harpunenlanze) Fonos. Sie löste das letzte Stück der Schnur am Eisen ab und band dafür ein neues ein, das sie mit Zaubermitteln und -sprüchen gefeit hatte. Sie löste den alten Verbandfaden und wickelte einen neuen darum. Sie rieb die Pa mit Medikamenten ein. Nana Miriam sagte zu Fono: »Laß deine Ruderknechte frische Zweige schneiden und in das Boot legen. Wenn du mit meinem Vater wieder ausfährst zur Jagd, so nimm diese Pa und die frischen Zweige mit. Wenn mein Vater einmal seine Pa wirft, so schleudere einen Zweig in das Wasser und erlege dann die Beute.« Fono sagte: »Es ist gut!«

Am anderen Morgen sagte Fara Maka zu Fono: »Komm mit zur Jagd. Wir wollen sehen, wie es heute mit dem Erfolg steht.« Fono sagte: »Es ist gut.« Er nahm seine Pa. Sie gingen zum Fischerlager hinunter. Sie bestiegen ihre Boote. Im Boot Fonos lagen die frischen Zweige. Jeder fuhr mit seinen hundertundzwanzig Ruderknechten hinaus. Sie fuhren nebeneinander. Fara Maka schleuderte seine Pa nach einem großen Fisch. Fono warf einen Zweig hinterher, und die Pa traf ihr Ziel nicht. Der unverwundete Fisch schwamm auf Fono zu, und Fono erlegte ihn. Und so ging es weiter. So ging es mit Fischen, Krokodilen und Nilpferden. Alle Tiere, auf die es Fara Maka abgesehen hatte, wurden von der Pa verfehlt. Fono warf einen Zweig nach dem andern ins Wasser und erlegte ein Tier nach dem andern. Zuletzt war das Boot Fonos mit Beute beladen, während das Fara Makas noch leer war.

Fara Maka sagte (bei sich): »Nun ist die Sache so gekommen, wie ich es mir gedacht habe. Ich habe immer gesagt, wenn ich meine Tochter einem Mann zur Frau gebe, so wird sie meine Geheimnisse verraten, und mit den Soroko muß es ein böses Ende nehmen. Mit dieser Ehe ist nun die Sache abgemacht. Jetzt wird es dem Ende entgegengehen. Ich habe doch recht gehabt.« Fara Maka sagte (laut) zu Fono: »Wir wollen nun heimkehren.« Fono sagte: »Es ist gut!« Sie fuhren beide heimwärts, aber Fono fischte noch weiter und kam mit dem schwer beladenen Boot nicht so schnell vorwärts wie Fara Maka mit dem leeren und leichten Kahn. Fono blieb zurück.

Fara Maka fuhr so schnell wie möglich heim. Fara Maka eilte in das Dorf. Fara Maka ging in das Haus seiner Tochter Nana Miriam. Er sagte zu Nana Miriam: »Ich habe dir gesagt, du solltest nie ein Wort über meine Geheimnisse deinem Mann sagen. Ich habe dir gesagt, es würde das größte Unglück werden unter den Soroko. Ach, weshalb habe ich dich mit einem Soroko verheiratet?« Und damit tötete er Nana Miriam. Darauf zog er Nana Miriam aus dem Hause. Er nahm aber eine Sklavin, die Nana Miriam an Figur ähnlich war, legte ihr die Kleider Nana Miriams an und sagte ihr: »Nun kannst du sein, was deine Herrin war.«

Fara Maka dachte, Fono würde sich täuschen lassen.

Fono kam inzwischen heim. Er kam an das Haus Nana Miriams. Er rief: »Nana Miriam!« Eine Stimme sagte: »Ja, Fono.« Fono sagte: »Das ist nicht Nana Miriam!« Er rief: »Nana Miriam!« Die Stimme antwortete: »Ja, Fono!« Fono sagte: »Das ist nicht die Stimme meiner Frau Nana Miriam!« Er rief: »Nana Miriam!« Die Stimme rief: »Ja, Fono!« Fono sagte: »Das ist nicht die Stimme meiner Frau Nana Miriam! Es muß ein Unglück geschehen sein.« Er ging hinein. Er sah die angekleidete Sklavin. Er sagte zu sich: »Mein Bruder Fara Maka hat meine Frau Nana Miriam getötet. Er muß eine böse Sache gemacht haben. Ich werde aber das gleiche tun. Wenn Fara Maka zum Fischen ausfährt, werde ich seine Lieblingsbeischläferin Aminata töten.«

Fono ging zu Fara Maka und sagte: »Wir wollen zusammen ausfahren zum Fischen und sehen, wer diesmal die Beute haben wird.« Fara Maka sagte: »Ja, wir wollen das tun.« Fara Maka sagte (zu sich): »Er will meine Beischläferin Aminata töten, weil ich seine Frau, meine Tochter Nana Miriam, getötet habe. Ich werde aber Aminata mit mir nehmen, um sie zu schützen.« Sie gingen zum Boot hinab. Fara Maka nahm Aminata mit in sein Boot, das hieß Kalankona. Über Aminata hatte er im Boot eine Hütte, ein Schutzdach gebaut.

Sie fuhren auf das Wasser hinaus. Fono sagte zu Fara Maka: »Über das, was heute zwischen uns passiert, wird man noch lange nach uns sprechen, solange, wie es überhaupt Soroko gibt.« Fara Maka hörte es. Fono fragte Fara Maka: »Bist du gut vorbereitet?« Fara Maka sagte: »Ja, ich bin es. Ich habe dir großes Unglück zugefügt, nun willst du dich an mir rächen. Du bist im Recht.« Fono sagte: »Es ist gut!« Er ergriff seine Pa. Er warf seine Pa empor zum Himmel. Sie flog empor zu den Wolken. Fara Maka schaute hinter ihr her. Die Pa durchbrach die Wolken. Sie wendete in den Wolken und schoß mit furchtbarer Wucht herab. Sie kam auf das Boot Kalankona zugesaust. Sie durchbrach das Schutzdach, das Fara Maka über seinem Boot hatte errichten lassen; sie traf Aminata im Scheitel. Sie durchstach Aminata von oben bis unten. Sie fuhr wie ein Blitz durch Aminata, spaltete das Boot, sauste unten in das Wasser und spießte noch ein Krokodil, das unten im Flußbett lag, am Boden fest.

Fara Maka ergrimmte. Er ergriff seine Pa und rief Fono zu: »Bereite dich vor!« Dann schleuderte er seine Lanze. Die Lanze schlug an den Rand von Fonos Boot. Pang! Aber sie vermochte die Bootswand nicht zu durchbohren. Fono rief: »Bereite dich vor!« Dann schleuderte er seine Lanze. Die Lanze schlug an den Rand von Fara Makas Boot: Pang! Aber sie vermochte die Bootswand nicht zu durchbohren. Beide Helden (Gara, entsprechend den Gana der Mande) hatten starke, magische Schutzmittel. Einer nach dem andern warf seine Speere, einer nach dem andern warf. Keiner vermochte den andern zu treffen oder auch nur zu verwunden.

Endlich fühlte Fono, daß Fara Maka ihm doch überlegen war und daß er auf die Dauer ihm nicht im Speerkampf würde Widerstand bieten können. Da begann er zu entfliehen. Das Boot flog über das Wasser hin. Fara Maka folgte. Fono sah, daß Fara Maka ihm immer näher kam. Fono ließ sein Boot auflaufen und sprang ans Land. Er lief landeinwärts. Fara Maka ließ sein Boot auflaufen und sprang hinaus. Er lief landein. Das Land, in dem die beiden Boote aufs Ufer gezogen wurden, heißt Farimaka.

Als Fono Fara Maka hinter sich herlaufen hörte, befiel ihn die Angst. Er verwandelte sich in ein Hirsekorn. Fara Maka lief vorbei, fand ihn nicht und sagte bei sich: »Ich lief an einem Hirsekorn vorbei, ich will das aufpicken.« Dann rannte er zurück, verwandelte sich in einen Hahn und wollte das Korn aufpicken. Fono aber verwandelte sich wieder in einen Mann und lief von dannen. Fara Maka verwandelte sich auch wieder in einen Mann und lief ihm nach. Da verwandelte sich Fono in einen Fingerring und ließ sich zu Boden fallen. Fara Maka lief eine Weile in der Richtung weiter, fand Fono nicht und sagte: »Halt, ich sah einen Fingerring am Boden. Ich will zurücklaufen und ihn aufnehmen.« Er kehrte um und kam an die Stelle. Als Fara Maka angestürmt kam, verwandelte sich Fono wieder in einen Mann und lief von dannen. Fara Maka hatte ihn aber bald wieder eingeholt. Da verwandelte sich Fono in einen Fluß und rann dem Inland zu. Fara Maka aber verwandelte sich in einen Elefanten und begann sogleich den Fluß aufzusaugen. Da verwandelte sich Fono wieder in einen Mann. Fara Maka verwandelte sich auch in einen Mann und rannte hinter Fono her. Als Fono Fara Maka dicht hinter sich hörte, kletterte er auf einen Karande (Tamarindenbaum).

Fono war auf dem Tamarindenbaum. Fara Maka stand unten und rief: »Fono!« Als Fono sich beim Namen rufen hörte, wandte er sich um. Kaum aber hatte er Fara Maka ins Angesicht gesehen, als er in einen Kolewala (eine Affenart) verwandelt war. Fara Maka ging nun von dannen. Er fuhr bis Gavo. Der Affe, in den Fono verwandelt war, folgte ihm immer am Ufer. Bei Gavo rief Fono: »Fara Maka!« Da wandte sich der um. Kaum aber hatte er Fono ins Gesicht gesehen, da war er zu Tode getroffen und starb sogleich.

Die Felsen, in die alle Besitztümer Fara Makas verwandelt sind, werden heute noch am Niger gezeigt.

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