Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Leopold Frobenius >

Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/frobeniu/afrika/afrika.xml
typefairy
authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
modified20140825
projectidb44bb671
Schließen

Navigation:

Die Koba

Felszeichnung

Sangara ist das Land der Traore und der Diara (Stämme der Malinke). Im Land waren zwölf Männer und eine Frau. Jeder Mann hatte ein Dorf. Alle zwölf Brüder mißhandelten die Schwester, obwohl sie vom gleichen Vater und der gleichen Mutter waren. So verwandelte sich denn die Schwester in eine Koba (Pferde-Antilope), wie man sie heute nicht mehr findet. Die Koba tötete jeden Tag in jedem Dorf einen Mann. Sie zeichnete sich aus durch einen Schwanz aus purem Gold. Ein Jäger machte sich auf den Weg und wollte die Koba töten. Er streifte umher. Er jagte elf Tage und vermochte die Koba nicht zu töten. Danach machten sich zwei andere Jäger auf mit Pfeil und Bogen. Die beiden sagten: »Der eine jagt das Tier, der andere kann es dann schießen.« Man kannte damals die Pferde noch nicht, sondern jagte nur zu Fuß. Man nannte die Pferde »Donwe«. Die zwei Jäger vermochten die Koba nicht zu erreichen.

Es machten sich also drei Jäger auf den Weg, um sie endlich zu vernichten. Je einer der Jäger stammte aus einem anderen Dorf. Als die drei Jäger nun auszogen, trafen sie auf die Koba. Sie griff aber jeden einzelnen an, so daß jeder einzeln in den Busch gedrängt wurde und nicht wieder heimkehrte.

Die Leute sagten: »Das ist keine gewöhnliche Koba. Das ist keine Buschkoba!« Der Dodugu (Landesherr) Niamorodiote sagte: »Wer die Koba tötet, der mag unter den Mädchen von zwölf Dörfern die schönste, oder welche ihm am meisten zusagt, auswählen und heiraten.« Es gab viele Menschen im Land. Der Landesherr Niamorodiote hatte aber eine Tochter, die zwar jung, deren Körper aber mit Beulen und Schwären bedeckt war. Dieses junge Mädchen hieß Sugulunkurmang. Die war abschreckend häßlich.

Damals waren Frauen sehr teuer oder schwer zu haben. Deshalb war das Angebot eines Mädchens, das man selbst auswählen konnte, sehr verlockend. So machten sich denn zwei Brüder, Damba Masaulomba (der ältere) und Damba Saulandi (der jüngere), die beiden Onkel der Traore, auf den Weg, um die Jagd zu unternehmen. Zunächst allerdings befragten sie das Kengebugurilala (das Sandorakel), auf welche Weise man die Koba wohl erwischen könne. Kengebugurilala antwortete: »Im Busch nebenan lebt eine alte Frau, die nie ein gutes Wort sagt, die alle beschimpft, die sich ihr nähern. Diese alte Frau ist die einzige, die Auskunft geben kann. Man darf ihren Schimpf nicht erwidern. Dann wird die Frau sagen, wie man die Koba töten kann. Nachher dürft ihr nicht das schönste Mädchen der zwölf Dörfer nehmen, sondern ihr müßt die Beulenbedeckte vorziehen.«

Die beiden Traore machten sich auf den Weg und suchten im Lande nach der alten Frau. Sie kamen in den Busch, in dem sie gerade weilte und Brennholz suchte. Die beiden Jäger sagten: »Guten Tag!« Die alte Frau sagte: »Macht, daß ihr wegkommt!« Die Jäger sagten: »Wir sind gekommen, dir Holz suchen zu helfen.« Die Alte sagte: »Gestern, als ich Holz suchte, wart ihr nicht da. Macht nun heute, daß ihr fortkommt.« Die beiden Jäger lasen unbekümmert das Holz auf und trugen es hinter ihr her. Die Alte sagte: »So, jetzt, wo ihr das Holz angefaßt habt, mag ich es nicht mehr; macht, daß ihr wegkommt! Macht, daß ihr wegkommt!« Die Jäger gingen unbekümmert hinter ihr her. Sie kamen zu einer Hütte im Wald und fragten: »Ist dies das Haus?« Die Alte antwortete nicht. Sie ging in das Haus hinein. Da legten die beiden Jäger das Holz auf den Boden und gingen.

Die beiden Traore gingen zu dem Dodugu Niamorodiote. Sie sagten: »Wir haben deine Botschaft gehört und sind gekommen, um den Versuch zu machen, die Koba zu töten.« Niamorodiote sagte: »Gut, so mögt ihr denn hier schlafen. Allerdings habt ihr wenig Aussicht auf Gelingen des Unternehmens. Es kamen schon viele Jäger, aber keiner vermochte die Koba zu erlegen. Diese Koba ist eine andere als irgendwelche Koba, die je ein Mensch gesehen hat. Sie hat einen Schwanz von Gold. Es ist ein Jäger ausgezogen, sie zu erlegen. Dann sind zwei Jäger ausgezogen, sie zu töten. Dann sind drei Jäger ausgezogen, sie zu töten, aber alle drei mußten nach verschiedenen Richtungen fliehen und sind im Busch verlorengegangen. Ihr seid nun die beiden einzigen eurer Familie; sterbt ihr, so zerbricht euer Haus. Ich warne euch, damit nicht das Haus eurer Mutter zerbricht. Denn ihr werdet das nicht können.«

Zur Nacht machte man eine gute Kalebasse mit Reis und Fleisch für die beiden Traore. Damba Masaulomba sagte: »Wir wollen der Frau etwas von unserem Essen bringen.« Damba Saulandi sagte: »Mein älterer Bruder, sie wird es nicht nehmen.« Der andere entgegnete: »Nun, so kann man ihr wenigstens die Speise und den guten Willen zeigen. Nimmt sie es nicht, so nimmt sie es nicht. Wir wollen es aber versuchen.« Der Jüngere sagte: »Es ist recht.« Sie machten sich also mit Reis und Fleisch auf den Weg und gingen in den Busch zu der Alten. Sie klopften gegen die Tür und riefen: »Guten Abend, Mutter!« Die Alte antwortete: »Was willst du da draußen?« Damba Masaulomba antwortete: »Dodugu Niamorodiote hat uns Reis und Fleisch als Zukost gegeben. Nun sind wir gekommen, dir ein wenig zu geben, wenn du es annehmen willst.« Die Alte entgegnete: »Kanibukenkenkan Ntafe (muß ein sehr schmutziges Schimpfwort sein, denn niemand will es übersetzen)! Ich will nicht. Für mich gibt es kein Fleisch in diesem Land. Alles, was ich wie Fleisch esse, sind Pilze.« Damba Masaulomba entgegnete: »Ich weiß es, aber wir wollen dir ein Geschenk bringen, weil du eine alte Frau bist.« Die Alte sagte: »Legt das Essen draußen auf das Brennholz und schert euch weg!« Die Brüder taten es und gingen.

Die Traore erhielten darauf Milch. Der ältere Bruder sagte: »Wir wollen der Alten etwas von unserer Milch bringen.« Damba Saulandi sagte: »Sie wird es nicht annehmen und uns wieder beschimpfen.« Damba Masaulomba sagte: »Wir wollen es versuchen. Das Kengebugurilala hat gesagt: Man darf ihren Schimpf nicht erwidern; dann wird die Frau sagen, wie man die Koba töten kann. Also müssen wir es versuchen.« Der Jüngere sagte: »Es ist recht.« Die Brüder brachten der Alten die Milch. Am dritten Tag rief die alte Frau die beiden Traorejäger und sagte: »Kommt einmal her!« Die beiden gingen hin. Die Alte sagte: »Ich will euch mein Leben geben!« Die Traore sagten: »Wir sind nicht gekommen, um nach deinem Leben zu jagen.« Die Alte sagte: »Nun, was wollt ihr denn anders?« Die Jäger sagten: »Wir sind gekommen, um dich zu bitten, uns bei der Jagd auf die Koba zu helfen.« Da lachte die Alte und sagte: »Ich bin ja selbst die Koba. Nun habt ihr mir Geschenke gebracht, und ich habe euch beschimpft. Ihr habt nicht in gleicher Weise geantwortet, sondern habt mir weiter Gutes getan. Wenn jemand einem Gutes erweist, so soll man es erwidern. Ihr habt mir viele Geschenke gemacht, und ich will euch jetzt bei der Jagd auf die Koba helfen. Ich habe mich jeden Morgen in die Koba verwandelt, weil mich meine zwölf Brüder stets schlecht behandelt haben. Meine Brüder haben alles Gute, Dörfer, Sklaven, Reichtümer, mir gaben sie nicht einen Sklaven, daß er mir Wasser bringe und Feuerholz sammle. Und deshalb habe ich mich jeden Morgen in eine Koba verwandelt und in jedem Dorf meiner zwölf Brüder einen Mann getötet. Abends bin ich dann zurückgekommen in meinen Busch und wieder Mensch geworden. Wenn ihr die Koba jetzt töten wollt, so merkt, daß kein Eisen ihre Häute durchdringen kann, wenn nicht am Pfeilschaft ein Baumwollfaden befestigt ist. Besorgt euch also einen Knäuel Baumwollfaden und bindet Baumwollfäden an eure Pfeile. Nicht wahr, das wußtet ihr nicht?« Die Traorebrüder sagten: »Nein, das wußten wir nicht.« Die Alte sagte weiter: »Wenn ihr nun nach der Koba schießt und sie auch trefft, so könnt ihr ihrem letzten Zorn doch nicht schnell genug entfliehen. Darum nehmt drei Steine mit, die als Herd unter einem Kochtopf dienten. Wenn die Koba euch folgt, so werft die Steine hinter euch. Es wird ein Berg entstehen, den die Koba überklettern muß. Die Koba wird euch wieder erreichen. Nehmt ein Ei und werft es hinter euch. Es wird ein Schlammland entstehen, das die Koba nur langsam zu durchwaten vermag. Nun bin ich müde. Meine Arbeit ist fertig. Ich will schlafen. Morgen müßt ihr früh aufstehen und zu dem Busch gehen. Dort werdet ihr die Koba treffen.« Die Brüder gingen zurück.

Am anderen Morgen machten sie sich ganz früh auf den Weg. Sie nahmen drei Steine mit, die um das Feuer eines Herdes gelegen hatten, und ein Ei. Sie banden an ihre Pfeile Baumwollfäden. Sie gingen damit zu dem Busch, den ihnen die Alte bezeichnet hatte.

Damba Saulandi sah die Koba zuerst; er hielt den Bruder am Arm fest und sagte: »Da, da ist die Koba!« Der Ältere sagte: »Richtig, da ist sie!« Sie krochen nun auf den Knien langsam und behutsam auf die Koba zu. Sie kamen ganz dicht heran. Damba Masaulomba legte einen der mit Baumwollfäden geschmückten Pfeile auf den Bogen und schoß. Er traf die Koba. Die Koba sprang auf. Beide Brüder flüchteten in den Busch. Die Koba umkreiste, mit den Nüstern die Fährten aufwirbelnd, das Gehölz, dann folgte sie der Spur der Brüder.

Die Traore flüchteten, aber die Koba kam ihnen immer näher. Da warfen die Brüder die drei Steine, und es entstand ein mächtiger Berg zwischen ihnen und der Koba. Sie flohen von dannen. Die Koba rannte den Berg hinauf und dann, auf die Brüder zukommend, wieder hinab. Sie war wieder ganz nahe. Damba Saulandi rief: »Wirf das Ei«, und der ältere Bruder warf das Ei hinter sich. Es entstand ein mächtiges Schlammfeld zwischen den Jägern und der Koba. Die Brüder flohen. Die Koba konnte in dem Schlamm nur langsam weiter laufen. Der Jüngere sah zurück und rief: »Mein älterer Bruder, die Koba ist gefallen!« Sie blieben stehen, und der ältere Traore sagte: »Es ist richtig! Sie ist gefallen. Wir wollen aber nicht gleich hingehen; denn die Koba könnte noch nicht ganz tot sein.« Sie warteten eine Weile. Dann gingen sie hin und schnitten der Koba den goldenen Schwanz ab. Der ältere Bruder steckte ihn in seinen Schultersack, und sie gingen zurück zur Stadt.

Die Traore gingen zu dem Dodugu Niamorodiote. Damba Masaulomba sagte: »Wir haben im Busch etwas getötet. Versammle alle Leute der Dörfer. Wir wollen es zeigen und fragen, ob das nicht die Koba ist, die jahrelang so schlechte Sachen gemacht hat.« Dodugu Niamorodiote sagte: »Wegen nichts rufe ich nicht die Leute, die auf den Feldern sind, von der Arbeit weg. Wahrscheinlich habt ihr irgendein falsches Tier getötet. Denn die Koba war viel zu schlau, als daß ihr sie hättet erlegen können.« Die Jäger sagten: »Wir verlangen, daß du die Leute zusammenrufst, sonst zeigen wir die Koba nicht. Wenn wir nicht die richtige Koba erlegt haben, so reisen wir eben ohne Lohn wieder ab.«

Darauf ließ der Dodugu alle Leute aus den zwölf Dörfern zusammenrufen, und als alle beisammen waren, sagte Damba Saulandi: »Mein älterer Bruder, alle Leute sind gekommen. Erhebe dich.« Damba Masaulomba stand auf und sagte: »Reich mir den Beutel.« Der jüngere Bruder gab ihm den Schultersack. Der ältere Traore riß den goldenen Schwanz heraus, hielt ihn hoch in die Luft und rief: »Was ist das?« Da schrien alle Leute: »Das ist die ganz große Sache. Das ist die Koba! Wir sind befreit, wir haben wieder Ruhe. Wir brauchen keine Furcht mehr zu haben, daß die Koba uns alle Tage die Leute aus den Dörfern holt. Diese zwei Brüder haben das Unglück von unserem Land genommen. Das ist die große Sache!«

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.