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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 30
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
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Wie die Rinder zu den Menschen kamen

Felszeichnung

Ein Massanke (d. h. ein König) hatte eine Frau, die war schwanger. Der ältere Bruder der Frau war auf der Jagd, als die Frau niederkam, und alle Freunde erschienen, um Speisen und Fleisch als Beisteuer für das bevorstehende Fest herbeizubringen. So stand schon viel Essen im Zimmer, als die Frau zum erstenmal wegging, sich zu baden, und das kleine Kindchen allein dalag. Als die Mutter hinausgegangen war, richtete es sich auf, stand von dem Lager auf, warf die Decken fort, ging hin und aß alles auf, was im Zimmer stand. Von einem Hammelbein blieb ihm noch ein Knochen zwischen den Zähnen sitzen. Darauf ging es zum Lager zurück, legte sich wieder hin, deckte sich zu.

Eine alte Frau kam herein, die sah nach dem Kind, sah, daß es den Knochen zwischen den Zähnen hatte, daß alles Essen im Zimmer verzehrt war, und lief wieder fort. Sie lief zum König und sagte: »Dein Kind ist sehr schlecht. Es ist eben erst geboren und hat schon alles Fleisch im Haus gegessen.« Da ging der König hin, ergriff das Kind am Fuß und schleuderte es gegen die Wand, um es zu töten. Das Kind sagte aber: »Nimm dich in acht, daß du die Mauer nicht zerbrichst.« Darauf stand das Kind auf, ging zum Bett zurück und legte sich hin, um zu schlafen.

Das Kind sagte am anderen Tag zum König: »Laß mir Bogen und Pfeile machen.« Der Vater ließ einen eisernen Bogen und eiserne Pfeile herstellen. Das Kind fragte: »Wo ist der ältere Bruder meiner Mutter?« (also der Onkel). Der König sagte: »Der ist auf der Jagd.« Da machte sich das Kind mit seinen Waffen auf den Weg und ging seinem Onkel nach. Es ging mit dem Onkel jagen. Einen Tag später sahen sie Bobofing (schwarze wilde Büffel). Der Onkel sagte: »Schieße nicht auf sie, denn wenn du einen tötest, wird es ganz schwarz werden.« Die schwarzen Büffel liefen vor den beiden Jägern über das Land und von einem Busch über eine Lichtung immer zum anderen. Als sie über die dritte Lichtung liefen, schoß der kleine Junge nach einem von ihnen, und der war sogleich tot. Sogleich wurde es aber auch für einen Augenblick um sie herum pechschwarze Nacht. Dabei toste ein gewaltiger Sturm über das Land. Der ergriff die beiden und trug sie weit fort, bis in die Stadt. Hier wurden sie aber vom Wind hinter einem Haus in eine Tuda (das sind die Löcher, die im Boden entstehen, wenn Erde für den Hausbau ausgehoben wird) geschleudert. Der Onkel stand auf und ging hinkend von dannen.

Der kleine Junge blieb zunächst liegen und sah sich die Sache an. Dann kam eine alte Frau, die Mitleid mit ihm hatte, um ihm herauszuhelfen. Da sie glaubte, er müsse getröstet werden, sagte sie: »Warte, mein Kindchen, ich will dir einen Kuchen zurechtmachen.« Der Junge sagte: »Ach, du weißt sicher nicht, wie man das Korn stampft!« Er nahm den Stampfer, beugte sich weit vor über den Mörser und sagte: »So mußt du es machen.« Die Frau wollte es darauf ebenso versuchen. Da packte der Junge sie von hinten und stopfte sie unversehens in den Mörser von oben hinein. Darauf ging er fort.

Er kam an einer Frau vorbei, die brach mit der Daba (Hacke) neben einem Mbang-(kleine Auberginen) Feld das Steppenland um. Der Bursche sagte: »Du bist eine alte Frau, ich aber bin jung und will dir die Arbeit abnehmen. Geh mittlerweile in das Dorf und sieh nach deiner sonstigen Arbeit. Wenn du zurückkommst, werde ich mit meiner Arbeit fertig sein.« Die Frau war damit sehr zufrieden und ging fort in die Stadt. Der Junge aber brach so schnell wie möglich das Feld mit dem guten Mbang um, ließ das Steppenland unberührt und lief eiligst von dannen.

Der Junge traf alsbald eine Frau; die trug ein kleines Kind auf dem Rücken, wollte aber zur Arbeit gehen. Der Junge sagte: »Höre, das Kind stört dich. Ich habe aber nichts Besseres zu tun. Gib mir das Kind, ich will ihm eine Maus fangen und es dann mit der Maus spielen lassen. Derweilen kannst du deine Arbeit erledigen.« Die Frau war sehr froh über diesen freundlichen Vorschlag. Sie gab dem Jungen das Kind und ging fort zur Arbeit.

Der Bursche hatte auch bald eine kleine Ratte gefangen. Er machte ein Feuer, warf sie hinein und röstete sie. Dann hielt er sie dem Kind hin. Das Kind weinte und schrie und fürchtete sich vor der toten Ratte. Der Junge sagte: »Das Kind kann nicht mit der Ratte spielen; nun will ich sehen, ob die Ratte mit dem Kind spielen kann.« Er nahm das Kind, warf es in das Feuer und röstete es. Darauf hielt er das tote, geröstete Kind der Ratte hin. Die Ratte war auch tot und konnte also nichts machen. Der Junge sagte: »Die Ratte kann zwar auch nicht mit dem Kind spielen, aber sie schreit wenigstens nicht.« Darauf setzte er sich hin und wartete, bis die Mutter des Kindes zurückkam. Als sie kam, sagte er: »Ich habe gefunden, daß das Kind nicht mit der kleinen Ratte und die kleine Ratte nicht mit dem Kind spielen konnte.« Dann lief er so schnell als möglich von dannen.

Er sah am Wege drei Säcke liegen. Er sah den ersten und sagte: »Aha, du bist mein Sidibodoni« (= der mir nachher Vergnügen macht). Der Sack sagte: »Nein, ich bin der Mako-labo« (= Auspacken des Notwendigen). Damit schüttete der Sack viele Stricke aus seinem Innern, band den Jungen erst und packte dann die Stricke wieder in sich hinein. Der Junge sagte: »Na, dich werde ich sehr gut gebrauchen können« und nahm ihn mit. Er ging weiter und kam zu dem zweiten Sack. Er sagte zum Sack das gleiche. Der Sack antwortete auch dasselbe, packte aber aus seinem Innern eine Buschang (Peitsche) aus und fuchtelte damit mächtig herum. Der Junge sagte: »Na, dich werde ich sehr gut brauchen können« und nahm den Sack mit. Er ging weiter und kam zu dem dritten Sack. Er begrüßte den Sack in derselben Weise. Der Sack packte aus seinem Innern einen Muru (Säbel) aus. Mit dem schwang er so mächtig umher, daß der Junge meinte, er wäre in viele Stücke zerschnitten. Dann packte er den Säbel wieder ein. Der Junge sagte: »Na, dich werde ich sehr gut gebrauchen können.« Er ergriff auch den dritten Sack und nahm ihn mit.

Der Junge ging weiter und traf den Soli (Leoparden), der sagte zu ihm: »Djerra, Surukku und ich haben eine große Viehherde. Du kannst uns helfen, sie zu hüten.« Der Junge sagte: »Es ist gut. Ich will mir das ansehen.« Er ging mit Soli und kam zu Djerra. Djerra sagte zum Jungen: »Es ist gut, du kannst morgen mit Soli hüten gehen.« Dann nahm er Soli beiseite und sagte zu ihm: »Du kannst den Burschen morgen früh totbeißen, dann haben wir morgen abend etwas Ordentliches zu essen.« Soli sagte: »So wollen wir es machen.«

Am anderen Morgen gingen Soli und der Junge in die Steppe, um die große Viehherde zu hüten. Soli kletterte auf einen Baum und rief: »Hao! Treibe das Vieh zusammen!« Der Junge tat es. Nach einiger Zeit rief Soli wieder: »Hao, treibe das Vieh zusammen!« Der Junge tat es. Soli blieb auf seinem Ast und ließ den Jungen springen. Einige Male führte der den Befehl aus, dann sagte er: »Ach, wenn du denkst, daß ich nur zum Springen gut bin, dann irrst du dich! Ich tue es nicht mehr.« Soli sagte: »Dann werde ich dich totbeißen!« Damit setzte er zum Sprung an, um sich auf den Jungen zu stürzen. Der aber zog seinen ersten Sack heraus und rief: »Mako-labo«. Darauf sprangen die Stricke heraus und umfingen den Soli so fest und stark, daß er sich nicht rühren konnte. Soli rief: »Ach, laß mich frei, ich will dir ja nichts tun!« Der Junge sagte: »Nein, ich lasse dich nicht; nachher erzählst du es den anderen und das könnte mir unangenehm sein!« Soli sagte: »Nein, ich verspreche dir, daß ich dir nichts tun werde und auch den anderen nichts von alledem sagen werde.« Da ließ der Junge ihn frei, und Soli trieb nun den ganzen Tag das Rindvieh, während der Junge sich auf den Baum setzte, zusah und von Zeit zu Zeit rief: »Hao! Treibe das Vieh zusammen!« Abends gingen sie dann gemeinsam zurück.

Djerra sah sie kommen, nahm Soli beiseite und fragte ihn: »Warum hast du den Burschen nicht totgebissen, damit wir ein gutes Abendessen haben?« Soli sagte: »Es gab wirklich keine Möglichkeit.« Djerra sagte: »Du bist ungeschickt. Morgen soll Surukku mit dem Burschen das Vieh auf die Weide treiben und ihn totbeißen, damit wir abends ein gutes Essen haben.« Djerra nahm Surukku beiseite und sagte ihm das gleiche. Am anderen Tage gingen also Surukku und der Junge in die Steppe, um das Vieh zu hüten. Surukku legte sich unter einen Baum und ließ den Knaben das Vieh hüten. Von Zeit zu Zeit rief er ihm zu: »Wau! Treibe das Vieh zusammen!« Der Junge tat es. Nach einiger Zeit rief Surukku wieder: »Wau! Treibe das Vieh zusammen!« Der Junge tat es. Surukku blieb unter seinem Baume liegen und ließ den Jungen springen. Einige Male führte der den Befehl aus; dann sagte er: »Ach, wenn du denkst, daß ich nur zum Springen gut bin, dann irrst du dich! Ich tue es nicht mehr.« Surukku sagte: »Dann werde ich dich totbeißen.« Damit setzte Surukku zum Sprung an, um den Jungen anzufallen. Der aber zog seinen ersten Sack heraus und rief: »Mako-labo!« Darauf sprangen die Stricke heraus und umfingen Surukku so fest und stark, daß er sich nicht rühren konnte. Surukku rief: »Ach, laß mich frei, ich will dir ja nichts tun.« Der Junge sagte: »Nein, ich lasse dich nicht frei. Nachher erzählst du es den anderen und das könnte mir unangenehm sein!« Surukku sagte: »Nein, ich verspreche dir, daß ich dir nichts tun und von alledem auch den anderen nichts sagen werde.« Da ließ der Junge ihn frei, und Surukku trieb nun den ganzen Tag das Rindvieh, während der Junge sich auf den Baum setzte, zusah und von Zeit zu Zeit rief: »Wau! Treibe das Vieh zusammen!« Abends gingen sie dann gemeinsam zurück.

Djerra sah sie kommen, nahm Surukku beiseite und fragte ihn: »Warum hast du den Burschen nicht totgebissen, damit wir ein gutes Abendessen haben?« Surukku sagte: »Es gab wirklich keine Möglichkeit!« Djerra sagte: »Du bist auch ungeschickt. Ihr seid alle ungeschickt. Morgen werde ich selbst mit dem Jungen das Vieh hüten. Dann werde ich ihn totbeißen. Aber dann sollt ihr auch nicht eine Faser davon erhalten. Ich werde den Burschen gleich selbst auf dem Feld essen!« Am anderen Morgen trieben Djerra und der Junge das Vieh auf die Weide. Als sie draußen angekommen waren, sagte der Junge zu Djerra: »Nun fang nur nicht erst wie die anderen mit »Hao« und »Wau« an, sondern hüte dein Vieh hübsch selbst!« Djerra wurde sehr zornig und schrie: »Ich werde dich fressen.« Er wollte sich auf den Burschen stürzen, doch der rief seinem ersten Sack zu: »Mako-labo!« Da sprangen die Schnüre heraus und banden Djerra. Dann nahm er den zweiten Sack und rief ihm auch zu: »Mako-labo!« Da sprang die Peitsche heraus und schlug auf Djerra ein, so daß er jämmerlich zu schreien und zu klagen begann und rief: »Laß ab! Laß ab! Ich will dir auch nichts tun! Ich will dir sicher nichts tun!« Der Junge aber sagte: »Ach, das tut dir sehr gut!« Djerra rief: »Ach, laß ab! Laß ab! Ich will dir auch zehn Kühe schenken und verspreche, dir nichts zu tun!« Darauf rief der Junge die Säcke zurück. Die Schnüre kehrten in ihren Sack zurück, die Peitsche kehrte in ihren Sack zurück. Djerra hütete aber den ganzen Tag die Herde und trieb sie abends mit dem Jungen gemeinsam heim.

Djerra nahm Soli und Surukku zur Seite und sagte zu ihnen: »Wir wollen mit unserem Vieh heimlich in der Nacht, wenn der Junge schläft, fortziehen, denn dieser Bursche ist fürchterlich!« Soli sagte: »So ist es richtig!« Surukku sagte: »So wollen wir es machen!«. Die Tiere hatten eine große Mbarra (Kalebassenkoffer aus zwei gegeneinander gesetzten Kalebassen) für ihre Sachen bei sich. Abends tat der Junge heimlich alles heraus und legte sich zum Schlafen hinein. Djerra, Soli und Surukku, die den Burschen nicht mehr sahen und annahmen, daß er irgendwo unter einem Baum im Busch liege, trieben möglichst leise das Vieh fort und liefen damit so weit sie konnten, weit, weit fort. Als sie weit weg waren, sagte Djerra: »Wir haben die Mbarra mit unseren Sachen liegenlassen. Surukku kann zurückgehen und die Mbarra holen.« Surukku sagte: »Ich kann nicht so leise gehen wie Soli. Ist es nicht besser, wenn Soli geht?« Soli sagte: »Ja, ich will hingehen und die Mbarra holen.«

Soli machte sich auf den Weg und schlich sich leise zurück. Er fand die Mbarra, nahm sie auf und lief, so schnell er konnte, zu den Kameraden zurück. Die anderen fragten: »Hat der Bursche nichts gemerkt?« Soli log und sagte: »Er lag unter einem Baum und schnarchte ganz laut.« Djerra und Surukku lachten ganz laut, davon wachte der Bursche auf, hob den oberen Deckel der Mbarra auf und sagte: »Hier bin ich. Wo habt ihr mich hingetragen?« Erschreckt riefen Djerra, Soli und Surukku: »Wir haben ihm nicht entfliehen können. Er ist wieder da!« Der Junge sagte: »Ja, er ist da, hat seine Säcke bei sich und noch einen mehr, aus dem kommt ein scharfer Säbel!«

Da befiel Djerra, Soli und Surukku Angst. Sie liefen davon und ließen die Viehherde im Stich. Der Junge trieb darauf die Kühe und Ochsen heim in sein Dorf. So sind die Herden zu den Menschen gekommen. Früher hatten nur Djerra, Soli und Surukku Ochsen und Kühe.

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