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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 27
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
modified20140825
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Kallondji erweckt Tote

Felszeichnung

Kallondji (= Ndji der Lügner) und Tonjandji (= Ndji der Wahrhaftige, der immer die Wahrheit sagt) gingen zusammen auf Reisen. Tonjandji sagte: »Wer von uns beiden ist Silatigi?« (= Reiseleiter). Kallondji sagte: »Ich will Silatigi sein!« Tonjandji sagte: »Nein, ich will Silatigi sein.« Kallondji sagte: »Nein, ich will Silatigi sein!« Tonjandji sagte: »Du kannst drei Tage vor mir abmarschieren, und ich werde dich in einer Stunde einholen. Deshalb ist es besser, wenn ich Silatigi bin.« Da sagte Kallondji: »So sei du Silatigi; wir wollen es versuchen.«

Die beiden wanderten ab. Sie kamen am Abend des ersten Tages an ein Dorf, dessen Häuptling begrüßte sie und fragte: »Wo kommt ihr her?« Tonjandji sagte: »Wir kommen aus Tonjadugu« (aus dem Lande der Wahrhaftigen). Darauf sagte der Dorfchef nichts, aber die zwei Wanderer erhielten nichts zu essen. Sie kamen am anderen Tag in ein Dorf. Es war die gleiche Sache. Sie bekamen wieder nichts zu essen. So ging es während drei Tagen, und als sie dann gar zu großen Hunger hatten, sagte Kallondji: »So geht es nicht weiter.« Tonjandji sagte: »Nein, so geht es nicht weiter, jetzt kannst du einmal Silatigi sein.« Kallondji sagte: »Gut!«

Sie kamen wieder in ein Dorf. In diesem Dorf war gerade der Sohn des Häuptlings gestorben. Es war ein wunderschöner Bursche, und keiner kam ihm im ganzen Lande gleich. Als die beiden in das Dorf kamen, klagten alle Weiber, heulten alle Alten. Kallondji kümmerte sich nicht darum, sondern sagte (brüsk): »Guten Tag, ich will trinken, gebt mir Wasser!« Tonjandji sagte: »Gib acht, daß du die Leute nicht reizt; sieh, alle klagen!« Kallondji sagte: »Ach was! Was gibt es denn?« Die Leute sagten: »Der Sohn unseres Häuptlings ist gestorben, und das war der schönste Bursche im ganzen Land!« Kallondji sagte: »Was? Das ist alles? Könnt ihr ihn denn nicht wiedererwecken?« Die Leute sagten: »Nein, kannst du es denn?« Kallondji sagte: »Nichts einfacher als das. Wenn ihr es wollt, kann ich das ja morgen früh tun. Zunächst gebt mir aber einmal Wasser zum Trinken, denn ich habe Durst.« Die Leute sagten: »Wer so etwas kann, darf nicht Wasser trinken, dem soll man Milch bringen.« Man brachte eine große Schale mit Milch. Alle Leute bemühten sich um Kallondji und Tonjandji. Der Dorfhäuptling kam auch herbei und sagte: »Du kannst meinen Sohn erwecken?« Kallondji sagte: »Nichts ist einfacher. Wenn du es zahlst, will ich es morgen früh ausführen.« Der Dorfchef sagte: »Ich will dir zwei männliche und zwei weibliche Sklaven, zwei Kühe und zwei Pferde geben.« Kallondji sagte: »Gut, also morgen früh!« Darauf kam nun jeder, der einen teuren Verstorbenen hatte, und setzte sich zu Kallondji. Der eine sagte: »Wenn du mir meinen im vorigen Jahre verstorbenen Vater erwecken willst, werde ich dir eine Kuh schenken.« Ein zweiter sagte: »Wenn du mir meine vor zwei Jahren verstorbene Frau erwecken willst, sollst du von mir einen Sklaven erhalten.« Kallondji sagte: »Gut, ich werde euch alle eure Toten morgen früh erwecken und ihr bezahlt mir das dann.« Die Leute brachten Kallondji und Tonjandji sehr viel gute Speise. Abends sagte Tonjandji: »Wollen wir nun nachts fliehen?« Kallondji sagte: »Warum denn? Morgen werde ich gut verdienen und wir werden ausgezeichnet essen.« In der Nacht machte sich Kallondji eine kleine Kalebasse zurecht zu einem Baranikurrukurru. (Dies Instrument wird auch Talimbrani genannt und besteht aus einer Blasekugel, über deren Löcher Membranen von Spinngeweben gezogen sind.) Am anderen Morgen fragte Kallondji: »Habt ihr schon das Grab gegraben?« Die Leute sagten: »Ja, das ist geschehen.« Kallondji sagte: »So bringt den Toten dahin und laßt dort alles Volk zusammenkommen.« Er ging selbst hin, stieg in die Grube und höhlte mit den Händen noch sorgfältig den Seitengraben aus. Dann sagte er: »Legt den Toten hinein und deckt ihn mit einem Tuch zu.« Die Leute taten es. Kallondji kroch unter das Loch. Kallondji wandte nun erst den Kopf nach oben und rief laut durch das Tuch in der Richtung auf das versammelte Volk: »Nakunu« (d. h. »ich erwecken«, soll heißen: »ich will dich wiedererwecken«). Dann beugte er sich vor und herab und sprach gegen den Boden in die Blasekugel: »Nilakunu inam be kunu« (d. h. »Wenn erwecken, mach alle erwecken«, soll heißen: »Wenn du einen erweckst, dann erwecke uns andere Toten auch«). Das wiederholte er dreimal. Dann fuhr er plötzlich auf: »Ach, das ist dumm!« Der Dorfhäuptling fragte: »Was ist dumm?« Kallondji sagte: »Es ist nichts Besonderes. Es ist da nur dein älterer Bruder, der vor dir das Dorf regiert hat, der will durchaus als erster und vor deinem Sohn erweckt werden. Wir werden ihm als dem ältesten Mitglied deiner Familie willfahren müssen. Warte also einen Augenblick, er ist sogleich am Leben.« Der König sagte: »Nein, das will ich nicht. Das will ich auf keinen Fall, das will ich nicht.«

Er sagte das, weil sein verstorbener älterer Bruder ein sehr beliebter Dorfchef gewesen war. Kallondji sagte: »Das geht aber nicht anders. Entweder alle oder keinen, denn man kann nicht so unhöflich sein, einem so angesehenen Mann wie deinem älteren Bruder den Vortritt vor einem so jungen Bengel wie deinem gestern verstorbenen Sohn zu verweigern.« Der Häuptling sagte: »So will ich, daß keiner erweckt wird.« Kollondji sagte: »Und wer bezahlt mich dann?« Der Häuptling sagte: »Ich habe die Sache angeregt und werde dir deswegen zahlen, was ich versprochen habe.« Kallondji sagte: »Gut denn!« Er stieg aus der Grube. Er erhielt die Bezahlung vom Häuptling und kehrte als wohlhabender Mann heim.

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